Zu hässlich für Instagram?

Mit aufgespritzten Lippen, viel Make-up oder sogar chirurgischen Eingriffen versuchen immer mehr zu den Personen zu werden, die auf den retuschierten Bildern ihrer Instagram-Profile zu sehen sind. Wie die Filter das Gefühl für Schönheit verändert haben – und für sich selbst.

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Anfang des Jahres lief ich die Kastanienallee hinunter und passierte ein junges Paar, das in der Schlange stand, die sich vor einem Eisladen gebildet hatte. Es war einer der ersten schönen Frühlingstage und die Schlange deshalb sehr lang. Die beiden wären mir wahrscheinlich gar nicht aufgefallen, wenn mich nicht ein Gesprächsfetzen ihrer Unterhaltung erreicht hätte, der so bemerkenswert war, dass er mich unwillkürlich meine Schritte verlangsamen ließ.

„Ganz ehrlich“, sagte eine männliche Stimme, „Geschminkt siehst du schon besser aus.“

Wie bitte?, dachte ich fassungslos und wandte mich um, um das Gesicht zu sehen, zu dem dieser Satz gehörte.

Solche Sätze können zu einem Trennungsgrund werden. Er hätte seiner Freundin auch sagen können, dass es nicht als Untreue gilt, wenn man mit einer anderen Frau ausschließlich Analverkehr hat. Die Wirkung wäre dieselbe. Doch anstatt ihrem Begleiter unvermittelt ins Gesicht zu schlagen, nickte die junge Frau bestätigend und überprüfte ihr Make-up mit der Selfie-Kamera ihres Smartphones.

Sie trug viel Make-up. Ich kenne einen Mann in meinem Alter, der von der Gesichtserkennung seines iPhones nicht erkannt wird, wenn er es morgens erwacht.

„Morgens muss ich immer den Code eingeben“, sagt er verzweifelt. „Aber nach dem ersten Kaffee des Tages geht’s.“

Vielleicht ist das ja ein Indiz dafür, dass man alt wird. Wie groß die Herausforderung ist, vor die die Technik vom verquollenen Gesicht am Morgen gestellt wird. Vielleicht ist es eine Altersfrage. Vorsichtshalber habe ich überprüft, wie groß die Herausforderung ist, die mein morgendliches Gesicht vor die Technik meines Smartphones stellt. Ich habe das mehrere Male überprüft, um sicherzugehen. Noch erkennt sie mich.

Wenn ich allerdings sehe, wie viel Make-up manche Frauen tragen, deren Alter weit unter meinem liegt, frage ich mich schon, ob die Gesichtserkennung ihres Telefons sie ungeschminkt überhaupt erkennen würde. Eine Frage, die ich mir auch stellte, während ich das Paar in der Kastanienallee beobachtete.

Aber dann fiel mir etwas auf.

Die junge Frau erinnerte mich an jemanden, ich konnte nur nicht sagen, an wen. Ihre Züge waren mir auf eine vage Art vertraut. Ich brauchte einige Sekunden, bevor ich verstand, wem ihr Gesicht glich und warum ich ihr keinen Namen zuordnen konnte. Ich empfand ihr Gesicht als unbestimmtes Déjà-vu, weil ich es nicht nur einer Person zuordnete, sondern vielen.

Das Gesicht der jungen Frau erinnerte mich an Portrait-Fotos, die mit einem Instagram-Filter bearbeitet worden sind. Als hätte sie diese Filter in der Wirklichkeit angewandt. Wenn man so wollte, hatte sie ihr Gesicht für Instagram optimiert. Ich habe nicht selten den Eindruck, dass vor allem viele jüngere Frauen ihr Make-up an ihren perfekt nachbearbeiteten Fotos ausrichten, die sie online posten. Jede neue Falte entfernt uns weiter von dem durch Instagram vorgegebenen Idealbild unserer selbst. Vielleicht gibt es ja inzwischen schon Kurse, in denen gelehrt wird, wie man sich auf Instagram-Filter schminkt. Es ist zu befürchten.

Instagram-Persönlichkeiten

Ich habe den Eindruck, nicht wenige wollen zu den Personen werden, die auf den retuschierten Bildern ihrer Instagram-Profile zu sehen sind. Wenn mein Blick über meinen Instagram-Feed hetzt, der mit den Fotos schöner Menschen mit identischen Gesichtsausdrücken geflutet wird, frage ich mich allerdings, wie wohl ein Mensch wäre, dessen Persönlichkeit sich aus seinen Instagram-Fotos zusammenfügen würde.

Als ich mit meinem Freund Sebastian auf der Berlinale-Party der Produktionsfirma war, die eins meiner Bücher verfilmt hat, fielen mir unter den vielen attraktiven Menschen einige auf, deren Schönheit beinahe surreal wirkte. Außerdem waren sie sehr jung.

„Was machen denn diese ganzen Achtzehnjährigen auf dieser Party?“, fragte ich irritiert. „Was sind das für Leute?“

„Das sind Influencer“, sagte Sebastian. „Die werden ja inzwischen wegen ihrer Reichweiten überall eingeladen.“

„Aha“, sagte ich.

Nichts macht mir klarer als die Attraktivität einer perfekt geschminkten Influencerin, dass Schönheit so viel mehr als das Aussehen ist. Vielleicht liegt es daran, dass mich ihre Schönheit nicht berührt. Ich verbinde sie zu sehr mit der eindimensionalen Attraktivität, die auf sozialen Netzwerken kultiviert wird. Der Reiz einer Person ergibt sich ja vor allem aus ihrer Vielschichtigkeit.

Nur noch Masken

Vor einigen Monaten habe ich eine Reportage gesehen, in der verschiedene YouTube- und Instagram-Influencer porträtiert wurden. Ausnahmslos wunderschöne Frauen, die kaum zu unterscheiden waren. Erstaunlich war auch, dass sie sich nicht nur äußerlich ähnelten, auch die Dinge, die sie erzählten, glichen sich auf eine erschreckende Art. Alle Influencer erzählten, dass es ihnen vor allem darum ginge, authentisch und individuell zu sein. Die beiden Begriffe fielen so oft, dass sie an das Mantra einer Sekte erinnerten. Seltsam war aber, dass trotz dieser Werte jeder Satz und jede Geste gekünstelt und affektiert waren. Tragisch war, dass es ihnen selbst gar nicht auffiel.

Das waren keine Persönlichkeiten, das waren nur noch Masken. Die wirklich interessante Frage ist jedoch, was die glatten, perfekt polierten Fassaden verbergen. Vor allem, wenn man berücksichtigt, dass wir in einer Gesellschaft leben, die so viele psychische Krankheiten produziert wie keine zuvor.

So wirkten also Personen, die in sozialen Netzwerken entworfen werden, im wirklichen Leben, dachte ich bitter. Es ist nicht wirklich erstrebenswert. Aber es sind Menschen, an denen sich viele orientieren. Vorbilder, die ihre Follower zu perfekt angepassten Konsumenten machen.

Die vielen schönen Menschen auf den Fotos scheinen die Werbeagenturen ihrer selbst zu sein. Wie Werbern ist ihnen die Wirkung wichtiger als die Wahrheit, weil das der einfache Weg ist. Ich bin mir nur nicht sicher, ob ihnen das so klar ist. Sie kultivieren ihre Marke, die sie für ihr Ich halten, obwohl sie dieser Weg immer weiter von sich selbst entfernt.

Die Art, wie sie dachte, war schön

Natürlich verliebt man sich niemals nur in das Aussehen. Schönheit ist ein vielschichtiges Gesamtkonzept. Es gibt schließlich kaum etwas Attraktiveres als eine Persönlichkeit, zu der man sich hingezogen fühlt, oder einen Menschen, der einem etwas gibt, weil man sich etwas zu sagen hat.

Ein hinreißendes Zitat über wirkliche Schönheit ist diese Textstelle aus F. Scott Fitzgeralds Roman „Die Schönen und die Verdammten“:

„Sie war schön“, schreibt er dort. „Aber nicht wie die Frauen in den Zeitschriften. Die Art, wie sie dachte, war schön. Sie war schön wegen des Glitzerns in ihren Augen, wenn sie über etwas sprach, das sie liebte. Sie war schön, weil sie fähig war, andere zum Lächeln zu bringen, selbst wenn sie traurig war. Nein, sie war nicht schön aufgrund von vergänglichen Zuständen, wie die ihres Aussehens. Sie war schön bis auf den Grund ihrer Seele.“

Vielleicht reichen schon diese Sätze, um vielen die Augen zu öffnen. Denn dafür scheint es höchste Zeit zu sein.

Dies ist ein Auszug aus dem Buch:

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