Die perfekte Frau ist nicht perfekt

Es gibt einen Denkfehler, aus dem ich nicht lerne. Ich warte auf die perfekte Frau, die mich umgehend glücklich macht. Von der trügerischen Gewissheit, dass mein Glück nur von Außen an mich herangetragen werden kann.

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Es kommt immer mal wieder vor, dass ich mich ganz unerwartet in einem perfekten Moment wiederfinde. Solche Momente sind immer mit einem ganz speziellen Gefühl verknüpft, das von einem feinjustierten Zusammenspiel spezieller Lichtstimmungen, Gerüche und Geräusche erzeugt wird. Es sind Momente, die man nicht planen kann, sie passieren einfach. Zum Beispiel an einem sonnenbeschienenen Spätsommer-Nachmittag, der meine Wohnung in unwirkliches Licht taucht, verbunden mit dem Geruch der Seiten eines Buches, in dem ich gerade lese. Aus diesen Bestandteilen bildet sich ein Gefühl, das der Erinnerung an etwas sehr Kostbares gleicht.

In einem dieser Momente wird sich mein Leben ändern. Davon bin ich überzeugt. Und zwar umgehend. Ich warte auf den vollendeten Augenblick. In dem sich das Gute, das Schlechte, die Verletzungen und Erfolge, die glücklichen und unglücklichen Lieben zu einem plausiblen Ganzen zusammenfügen. Ich würde klar sehen, dass jede dieser Erfahrungen notwendig war, um mich letztlich zu diesem Moment zu führen.

Und der Grund für dessen Perfektion würde eine Frau sein. Die perfekte Frau. Sobald wir zusammenkämen, würde sich mein Leben allen Möglichkeiten öffnen. Ich war bereit für dieses neue Leben. Es fehlte nur noch dieses letzte Detail, um es beginnen zu können. Diese Frau wäre das letzte entscheidende Puzzlestück, das das Gesamtbild vervollständigt, an dem ich seit Jahren arbeite.

Ein perfektes Beinahe-Leben

Ich bereite mich seit Jahren auf ein erfülltes Leben vor, das ich mir in Gedanken detailliert zusammengestellt habe. Wenn man so will, empfinde ich meinen Alltag als eine Art Beinahe-Leben. Ich habe mich im Fast eingerichtet. Ich stelle mir seit Jahren die Infrastruktur zusammen, in der mein Glück gedeihen kann. Ich kaufte Möbel, Kleidungsstücke und technische Geräte, die in dieses neue Leben passten. Ich sah mir YouTube-Videos von Fitness-Influencern an, nach deren Anweisungen ich trainierte, um in unzähligen Trainingsstunden den Körper zu modellieren, der zu diesem Leben passte. Ein italienischer Koch lehrte mich, wie ich Tortellini selbst herstellte, weil diese Fähigkeit zu diesem Leben passte.

Ich warte auf den Moment, der aus einem Beinahe-Leben ein Leben macht. Darum nutze ich drei Dating-Apps, um die Frau zu entdecken, die in dieses Leben passt. Wenn ich ausgehe, schwingt immer die Idee mit, heute Abend genau die Frau kennenzulernen, die mein Leben verändern wird. Ich will die Chancen nicht verpassen, die das Schicksal für mich bereithält. Die Eventualitäten zerren mich in die Großstadtnächte. Vielleicht verpasse ich ja gerade heute meine Seelenverwandte, wenn ich meine Wohnung nicht verlasse. Ich betrete jede Bar mit einem Single-Blick, der den Raum nach dieser Frau scannt. Sobald ich ihr begegne, würde ich umgehend meinen Alltag neu arrangieren, um meinem Privatleben endlich mehr Raum zu geben.

Obwohl mein Verstand weiß, wie unrealistisch es ist, diesem Prinzip zu folgen, nehmen meine Gefühle an, mein weiteres Leben wäre dann perfekt. Wie bei den meisten Dingen im Leben ist der Verstand schon weiter. Er muss meine Gefühle überzeugen. Wer schon einmal unglücklich verliebt war, weiß, wie aussichtslos es ist, eine geliebte Person davon zu überzeugen, dass sie sich verliebt. So funktioniert das nicht. Gefühle ändern sich nicht durch logische Argumentationen. Sie müssen empfunden und nicht diskutiert werden. Ich gebe zu, dass auch meine Gefühle noch nicht überzeugt sind. Sie wägen noch ab. Wir sind noch im Prozess.

Mein Programmierfehler

Aber es gab einen entscheidenden Moment, der ihre Überzeugung zu einem Abwägen gemacht hat. Ich habe nämlich kürzlich von einem befreundeten Psychologen erfahren, warum meine Gefühle so überzeugt davon sind, dass sich mein Leben durch die perfekte Frau grundlegend ändern wird.

Wir trafen uns in Schöneberg, wo mein Freund seine Praxis hat. In einer kleinen Pizzeria am Savignyplatz erzählte mir Holger, dass der Grund für diese tiefe Überzeugung mein Programmierfehler sei. Ich gebe zu, ich habe nicht wenige. Wahrscheinlich mehr als ich mir selbst eingestehe, aber ich habe gelernt, sie zu kaschieren. Mal gelingt es mir mehr, mal weniger. Holger sprach allerdings von einem Programmierfehler, der nicht nur mich betrifft. Er meinte den, der in den Code von uns allen geschrieben worden ist. Das klingt nach einer drastischen Verallgemeinerung, aber sie trifft zu.

Dieser Programmierfehler entsteht aus der ersten Erfahrung, die sich nach unserer Geburt in unser Bewusstsein prägt. Es ist die Prägung, die aus der Hilflosigkeit eines Neugeborenen entsteht. Wenn ein Kleinkind schreit, weil es ängstlich oder hungrig ist, wenn es sich einsam oder überfordert fühlt, lösen seine Eltern diese Probleme, sagte mein Freund. Sie nehmen es in den Arm oder füttern es. Sie geben ihm Liebe, Zuneigung und Wärme. Sie bringen es zum Lachen. Von ihrem Verhalten hängt es ab, ob das Leiden verschwindet.

„Eine der tiefsten Erfahrungen, die uns nach unserer Geburt prägt, ist also die Gewissheit, dass unser Glück von anderen abhängig ist“, sagte Holger.

Die prägendsten Erfahrungen machen wir in unserer Kindheit. Sie strahlen in unser Leben. Wenn man so will, spielen wir als Erwachsene die Dramen unserer Kindheit nach. Auch wenn wir es besser wissen, fallen wir oft in diese alten Muster zurück. Und darum erwartet auch etwas tief in uns, dass die Lösung unserer Probleme von außen an uns herangetragen werden muss. Dass unser Glück von Personen oder Umständen abhängig ist.

Darum suchen wir so oft nach Schuldigen, dachte ich. Darum trennt man sich mit der Überzeugung, dass es nur am Partner liegen kann. Und darum glauben viele, dass man nur dieser einen Person begegnen muss, die alles ändern kann.

Wie ich.

Wie die meisten habe ich nie gelernt, wie ich diesen Programmierfehler aus meinem Bewusstseinscode entferne. Ein Debugging gewissermaßen, um diese erste tiefgreifende Prägung auszuwaschen. Und mit ihr umgehen zu können.

Bereits auf dem Bahnsteig des S-Bahnhofs Savignyplatz spürte ich den Effekt unseres Gesprächs. Wie ein fehlendes Detail, das eine Geschichte vollkommen ändern kann. Es verschob den Blick auf meine zurückliegenden Jahre. Ich begann, meine Gewissheiten zu prüfen. Und das ist immer ein gutes Zeichen.

Ich warte ab, ich handele nicht

Ich habe lange angenommen, die bedeutenden Momente meines Lebens aus der Ferne zu erkennen. Dass sie aus dem Alltäglichen ragen und nicht zu übersehen sind. Vielleicht, weil ich sie in großen symbolischen Gesten erwarte. Aber das ist ein Irrtum. Die großen Momente sieht man erst später, sie bilden sich aus ihren Folgen. Sie entstehen daraus, wie ich mit Ereignissen umgehe – das macht einen Moment perfekt.

Ich übersah das Offensichtliche: Dass das Leben ein Prozess ist. Ich wollte ankommen. Aber das Leben ist ein vorläufiger Zustand. Immer. Es gibt nicht diese eine erlösende Person, die alles ändert. Es gibt kein fehlendes Puzzleteil. Wenn ich unglücklich bin, wird mich eine andere Person nicht glücklich machen.

Es ist ein Missverständnis, durch das ich ein passives Leben führe. Ich handele nicht. Ich warte darauf, dass andere Personen, Umstände oder Konstellationen meine Entscheidungen treffen. Ich machte mich abhängig von ihnen. Ohne es zu registrieren, hatte ich mich in der perfekten Opferrolle eingerichtet. Ich bin zu einem Opfer geworden, das kein Mitleid erzeugt.

Ich habe immer gewartet. Auf die richtige Frau, die richtige Wohnung in der richtige Lage, auf die richtigen Freunde – auf ein richtiges Leben. Ich verstand nicht, dass es darum geht, aus dem Abwarten ein Handeln zu machen. Dass meine Probleme in mir liegen, genauso wie ihre Lösungen. Dass es meine Entscheidungen waren, die mich in das Leben geführt haben, in dem ich mich gerade bewege. Oder meine Nicht-Entscheidungen. Sich nicht zu entscheiden, ist schließlich auch eine Entscheidung.

Die perfekten Momente entstehen in mir, aus meinem Denken, meinen Gefühlen und meinen Handlungen. Momente sind Möglichkeiten. Denn erst, indem man ihn nutzt, macht man einen Moment perfekt.

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