Wenn der Alltag die Liebe abnutzt

Als Single kultivieren viele die beste Version ihrer selbst, aber sobald sie in einer Beziehung sind, lassen sie sich schnell gehen. Wie der Blick von Singles den meisten Paaren wertvolle Impulse für ihre Beziehung geben kann.

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In Beziehungen nimmt man oft zu. Das kann verschiedene Gründe haben. Ich kenne zum Beispiel eine Frau, die jegliche Abnehmversuche ihres Freundes Alexander sabotiert. Sie macht das, damit er für andere Frauen uninteressant bleibt. Sie gibt das ganz offen zu. Auch vor anderen. Auch in seiner Anwesenheit. Unser Freundeskreis beobachtet seit Jahren, wie sein Körper die Form verliert, damit sich keine Frauen mehr nach ihm umdrehen.

Alexander geht ungezwungen damit um, wie sein Körper sich verändert. Es ist ein Phänomen, das ich seit Jahren versuche nachzuvollziehen, und zwar nicht nur bei ihm. Wann steht man vor dem Spiegel und entscheidet, dass es nicht mehr darauf ankommt? Es ist keine bewusste Entscheidung, sie wird von etwas in einem getroffen.

Der Plan seiner Freundin ist nicht nur aufgegangen, sie hat ihn übererfüllt. Die Frau konnte stolz auf sich sein.

Als mir 500-Gramm-Packungen Ben&Jerry’s lieber als Menschen waren

Die meisten nehmen in Beziehungen aus anderen Gründen zu. Oft sind es allerdings Gründe, die weniger berechnend sind. Meine letzte Gewichtszunahme hing ebenfalls mit einer Frau zusammen. Ich nahm allerdings nicht in unserer Beziehung zu, sondern in der Zeit nach der Trennung. Drei Monate später empfand ich mein Singledasein immer noch als offiziellen Status. Es fühlte sich noch nicht so an. Ich befand mich in einer Art Zwischenzustand, in der sich die Familienstände mischten. Der Single hatte sich tief in mich zurückgezogen. Er war noch vorhanden, aber er war nicht mehr wahrnehmbar.

Obwohl die Trennung von mir ausgegangen war, musste etwas in mir meine Gefühle korrigieren. Sie den geänderten Umständen anpassen. Das beanspruchte mehr Zeit als ich erwartet hatte. Ich war noch nicht bereit. Die gelegentlichen 500-Gramm-Packungen Ben&Jerry’s waren mir lieber als Menschen. Sie waren liebevoll, ausgeglichen und nachsichtig. Sie kannten keine Launen, falsche Erwartungen oder Missverständnisse. Und es gab sie in originellen Geschmacksrichtungen. Ich gab mich ihnen hin.

Wenn die Ausnahmen zur Regel werden

Neun Kilo! Ich versuchte zu rekonstruieren, wann ich die Waage zum letzten Mal benutzt hatte. Das war doch noch gar nicht so lange her. Aber dann fielen mir die Ausnahmen ein. Vor allem was die 500-Gramm-Packungen Ben&Jerry’s betraf. Ich verzehrte sie weniger gelegentlich – eher täglich. Jede kaufte ich in der tiefsten Überzeugung, sie essen zu dürfen, weil ich mich ab dem nächsten Tag wieder konsequent bewusst ernähren würde. Verbunden mit dem intensiven Sportprogramm, das ich im Internet recherchieren und unverzüglich umsetzen würde, würde es diese letzte Sünde rechtfertigen. Die letzten Sünden breiteten sich unbemerkt in meinem Alltag aus und sie bestanden nicht nur aus Ben&Jerry’s-Großpackungen. Ich setzte mein „Ausnahmsweise“ universell ein: Pizzabestellungen, Weinabende, Barbesuche – aber es fiel mir nicht auf.

Erst meine Personenwaage zwang mich, eine Wahrheit zu sehen, die ich in den letzten Monaten erfolgreich übersehen hatte. Mein Alltag war von Ausnahmen durchsetzt. Wie oft muss man eine Ausnahme von der Regel machen, bis sie selbst zur Regel geworden ist? Das ist eine gute Frage. Die Antwort leuchtete als blau schimmernder Code auf dem Display meiner Personenwaage.

Der Single kehrt zurück

Rückblickend kann ich sagen, dass es der Single war, der aus dem Exil zurückkehrte. Er wagte sich zaghaft in mein Bewusstsein. Er verpackte seine Rückkehr in den beiläufigen Gedanken, doch mal wieder meine Waage zu benutzen. Er wollte überprüfen, welche Folgen die vergangenen Monate gehabt hatten. Was sie aus mir gemacht hatten. Ob ich mich zu sehr gehen ließ. Er war mein Tyler Durden – ein Tyler Nast gewissermaßen – und er wollte herausfinden, ob ich ihn brauchte. Als das Display meiner Waage aufleuchtete, um die zurückliegende Entwicklung in zwei Ziffern zusammenzufassen, war dem Single in mir klar, dass ich ihn brauchte.

Ich ging erstmal duschen.

Es war eine Schocktherapie. Und sie wirkte. Denn als ich nach dem Duschen mit freiem Oberkörper vor dem Spiegel stand, hatte sich die Wirklichkeit verschoben. Ich begann, mich mit einem Single-Blick zu sehen. Der Single-Blick ändert den Blick auf sich selbst, er ist schärfer, kritischer, unnachgiebiger und kompromissloser. Und er lässt keine Rechtfertigungen zu.

Mit diesem Blick glich mir die Person, die da gerade in meinem Wohnzimmerspiegel zu sehen war, nur in Ansätzen. Der Mann im Spiegel wirkte verzerrt. Ein schwammiger Doppelgänger. Ich hielt mich kurz an dem Gedanken fest, meine Brust zu rasieren. Vielleicht lag es ja nur daran, dass meine Brustbehaarung die Definition kaschierte. Sie gab meiner Muskulatur keine Chance, sich überhaupt abzuzeichnen. Ich verwarf den Gedanken schnell. Er passte auch eher zu dem gestrigen Michael Nast. Den Michael Nast, den es nicht mehr gab, obwohl der Mann im Spiegelbild noch so aussah. Der Single in mir wurde immer selbstbewusster. Er begann, meinen Verstand zu übernehmen. Er fand, dass dieser nachlässig behandelte Körper nicht zumutbar war. Mein Körper musste angepasst werden. An das Selbstverständnis meiner neuen Version. Der des Singles.

Plötzlich verstand ich, warum Alexander so ungezwungen damit umging, wie sein Körper sich veränderte. Er übersah es. Er betrachtete sein Spiegelbild mit dem falschen Blick.

Der Alltag kann die Liebe schnell abnutzen

Wenn ich jetzt so darüber nachdenke, kenne ich nicht wenige Paare, denen der Single-Blick einige wertvolle Impulse für ihre Beziehung geben könnte.

„Der Alltag kann die Liebe schnell abnutzen.“ Mit diesem Satz hat mir mal ein Freund das Ende seiner vierjährigen Beziehung erklärt. Es ist ein Satz, den ich mir gemerkt habe. Er lässt sich gut zitieren. Trotzdem halte ich ihn für falsch. Ich glaube, der Alltag hat nichts damit zu tun. Das Problem scheint mir eher zu sein, wie manche Paare mit ihrem Alltag umgehen. Wenn Liebe sich erst in der Zeit entfaltet, entsteht sie erst in einem gemeinsamen Alltag. Es ist nicht der Alltag, der die Liebe abnutzt, es sind die Nachlässigkeiten.

Wenn man sich auf dem Singlemarkt bewegt, achtet man auf seinen Körper, man achtet darauf, wie man sich gibt. Man wird zur liebenswertesten Version seiner selbst. Sobald man in einer Beziehung ist, ändert sich das. Man wird bequemer. Man macht Ausnahmen, bis sie irgendwann zur Regel werden.

Ich halte das umgekehrte Prinzip für schlüssiger. Als Single gibt man sich so viel Mühe, um einen hypothetischen Partner davon überzeugen zu können, aber sobald man dann eine reale Person gefunden hat, lassen sich viele schnell gehen. Doch wenn man mit jemandem zusammen ist, müsste man sich doch gerade Mühe geben. Für sich. Für den anderen. Für die Beziehung. Das nennt sich Wertschätzung. Sich in einer Beziehung gehen zu lassen, ist fehlende Wertschätzung für seinen Partner. Wie man miteinander spricht, wie man miteinander umgeht und wie man mit sich selbst umgeht.

Warum der Single-Blick eigentlich gar kein Single-Blick ist

Einmal erzählte mir eine Frau, sie halte es für ihre größte Leistung in der Beziehung zu ihrem Freund, dass er die Badezimmertür offen lässt, wenn er auf der Toilette ist.

„Aber die unschönen Geräusche“, wandte ich ein.

„Das sind ganz normale Körperfunktionen“, entgegnete sie.

Oh, dachte ich. So konnte man das natürlich auch sehen. Trotzdem bin ich mir nicht sicher, ob ich es für ein erstrebenswertes Ziel in einer Beziehung halten möchte, jegliche Schamgrenzen zu überschreiten. Es gibt ein Maß von Vertrautheit, das ich in einer Beziehung nicht erreichen muss. Auch das halte ich für ein Zeichen von Wertschätzung.

Ich halte es für eine wertvolle Idee, den Single-Blick gelegentlich auf sich selbst anzuwenden, auch wenn man in einer Beziehung ist. Das kann sehr augenöffnend sein, denn eigentlich ist der Begriff ein Missverständnis. Der Single-Blick ist eigentlich gar kein Single-Blick. Es ist ein Filter, der sichtbar macht, worauf man achten sollte, damit der Alltag nicht von den Gleichgültigkeiten übernommen wird.

Der zweite Single kehrt zurück

Die Dramaturgie von Beziehungen folgt oft dem Prinzip, dass die Anfänge als beste Abschnitte wahrgenommen werden. Eigentlich müsste es umgekehrt sein. Wenn man zusammen wächst, müsste es immer besser werden. So gesehen scheinen die meisten nicht miteinander zu wachsen.

Vergangene Woche ist etwas passiert. Der Single in Alexander hat Kontakt zu ihm aufgenommen. Das hat mich offen gestanden überrascht. Irgendwie hatte ich angenommen, er wäre nicht mehr vorhanden. Gestorben sozusagen. Aber ich habe mich getäuscht.

Es fiel mir auf, weil sich die Gesprächsthemen änderten. Alexander sprach überraschenderweise nicht ausschließlich über seine Arbeit, er fragte mich, welche Gewichte ich empfehlen könne.

„Ich muss wieder Sport machen“, sagte er. „Ich brauche Langhanteln, Kurzhanteln und eine hochwertige Klimmzugstange. Preis ist egal.“

Wenn Preise egal werden, war tatsächlich etwas passiert. Der Single in Alexander wollte es offenbar wissen, was schlüssig war, er war ja soeben aus einem mehrjährigen Winterschlaf erwacht. Er muss ziemlich schockiert gewesen sein, als er sein Spiegelbild sah. Als ich Alexander riet, sein Training mit Ausdauereinheiten zu kombinieren, sah ich dem Single in ihm plötzlich direkt in die Augen. Es war ein dankbarer Blick.

Alexanders Freundin rät ihm panisch, sein Gewicht zu halten, weil es seine Falten kaschiere. „Du darfst nicht abnehmen“, sagt sie entschieden. „In deinem Alter. Im Gesicht nimmt man doch zuerst ab. Das ist wie ein natürliches Lifting. “

Sie bäumt sich auf, aber der Single in meinem Freund kämpfte sich ins Freie. Gegen ihn hat die Frau keine Chance.

Zumindest hoffe ich das.

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