McDonald’s für den Verstand

Konzentrationsschwäche, immer kürzere Aufmerksamkeitsspannen und psychische Erkrankungen sind nur die offensichtlichen Langzeitfolgen von Sozial-Media-Nutzung. Wie Instagram, TikTok & Co. unseren Verstand beschädigen.

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Es ist schon einige Jahre her, da versuchte mich ein mir unbekannter junger Mann an einem Sonntagmorgen gegen 8 Uhr davon zu überzeugen, dass es immer noch Freitag wäre. Wir befanden uns in der „Bar 25“ und weil ich erst Samstagnacht eingetroffen war, war ich mir ziemlich sicher, dass er falsch lag.

Er war seit Donnerstag hier, erzählte er.

Donnerstag?, dachte ich. Das waren zweieinhalb Tage. Irgendetwas schien sein Zeitgefühl beschädigt zu haben. Vermutlich aus genau demselben Grund, der auch seine verstörend weit aufgerissenen Augen erklärte.

Während der junge Mann auf mich einredete und mich durch seine ketaminverzerrtes Selbstverständnis führte, fragte ich mich, wovon er sich seit seiner Ankunft ernährt hatte. Mir fiel ein, dass der Schriftsteller Bret Easton Ellis einmal wegen der Mangelernährung, mit der sein Drogenkonsum verbunden war, einen Schneidezahn verlor. Während einer Lesung. Der Zahn löste sich einfach, während er vorlas. Live. Vor Publikum. Eine entsetzliche Vorstellung. Sowas träumt man eigentlich, wenn einem sein Unterbewusstsein etwas mitteilen will. Ein Rat, den man dem Unterbewusstsein des jungen Mannes wohl ebenfalls geben sollte.

Aber ganz abgesehen davon verstand ich den jungen Mann. Die „Bar 25“ war wie auch das „Berghain“ ein Ort, an dem man schnell das Gefühl für die Zeit verlieren konnte. Man befand sich irgendwie außerhalb von ihr. Das habe ich auch einige Male erlebt. Inzwischen gehe ich nicht mehr in solche Clubs – einen ähnlichen Effekt gibt es in meinem Leben allerdings immer noch.

Wie ich mich täglich in Instagram verliere

Jeden Montagmorgen leuchtet auf dem Display meines iPhones eine App auf, die mir zeigt, wie viel Zeit ich in der vergangenen Woche damit verbracht habe, auf das Display meines Smartphones zu blicken. In Statistiken schlüsselt diese App detailliert auf, welche Programme ich genutzt und wie oft ich sie verwendet habe. Sie zeigt mir mein digitales Leben in Zahlen.

Um es gleich vorwegzunehmen, die App muss einen Funktionsfehler haben. Die Zahlen überraschen mich jede Woche erneut. Gerade habe ich die Statistik meiner letzten sieben Tage gesehen und weiß jetzt, dass ich vier Stunden an meinem Smartphone verbracht habe. Täglich. Vier Stunden! Ich kann mich beim besten Willen nicht daran erinnern, so viel Zeit am Smartphone verbracht zu haben. Ich kann es mir nicht einmal vorstellen. Meine Zeit am Handy erscheint mir seltsam unscharf. Wie damals in der „Bar 25.“

Dann fällt mir allerdings meine tägliche Morgenroutine ein und das Bild wird langsam klarer. Sobald ich das Bett verlassen habe, öffne ich erst einmal alle Fenster meiner Wohnung, um sie 15 Minuten lang stoßzulüften, während ich in der Küche Wasser aufkoche, um mir eine Kanne Ingwertee und einen Kaffee zu machen. Während der Ingwertee durchzieht, überprüfe ich kurz die Neuigkeiten, die sich auf meinem Smartphone angesammelt haben, bevor ich meinen iMac einschalte. Während er hochfährt, hole ich die Getränke aus der Küche. Ich setze mich, um nach dem ersten Schluck Ingwertee etwas Überraschendes festzustellen. Der gerade noch dampfende Inhalt der 1,5-Liter-Kanne ist unerklärlicherweise nicht mehr heiß. Die Temperatur liegt eher bei einem beinahelauwarm.

Nach einem Blick auf die Uhr fällt mir auf, dass ich offenbar 45 Minuten lang jegliches Zeitgefühl verloren hatte. Ein schwarzes Loch, das keine Erinnerungen hinterließ. Ich wurde panisch. Offenbar hatte ich Phasen ernstzunehmender Ausfallerscheinungen, dachte ich. Oder eine seltene Art früher Demenz. Meine Selbstdiagnosen überschlugen sich. Den Fehler, nach Krankheitssymptomen zu googeln, hatte ich inzwischen offenbar so tief verinnerlicht, dass ich dasselbe hoffnungslose Gefühl in mir auslösen konnte, ohne Google überhaupt einzusetzen. Ich musste mich jetzt zusammenreißen.

McDonald’s für den Verstand

In Gedanken ging ich die Tätigkeiten des Morgens noch einmal durch, und jetzt fiel mir auf, wo mir die Zeit abhandengekommen war. Es war die Zeit, in der ich Instagram geöffnet hatte, um es kurz darauf wieder zu schließen. Mein „nur mal kurz“ hatte eine Dreiviertelstunde gedauert. Jetzt erklärte sich auch der Funktionsfehler meiner Wochenrückblick-App. Sie hatte keinen. Offensichtlich hatte ich eine Fehlfunktion.

Ich versuchte mich daran zu erinnern, was mich auf Instagram so gefesselt hatte, aber da waren nur vage, ungeordnete Fragmente. Den Statistiken in der Wochenrückblick-App meines iPhones nach zu urteilen, ist mein Alltag fortwährend mit schwarzen Löchern durchsetzt. Ich habe sie mit Informationen gefüllt, die sich meiner Erinnerung bereits entzogen haben. Leere Informationen, die schnell versiegen. Nichts, was bleibt.

Ich dachte noch einmal an den sich lösenden Schneidezahn des mangelernährten Bret Easton Ellis und fragte mich, inwieweit leere Informationen ähnliche Effekte auf meinen Verstand haben, wie es leere Kohlenhydrate auf den Körper haben. Ich entdeckte Parallelen.

Ich meine, niemand käme auf die fatale Idee, sich täglich von McDonald’s zu ernähren. Es ist ja allgemein bekannt, was diese Ernährungsweise mit dem Körper anrichten kann. Die Langzeitschäden sind verheerend. Dasselbe gilt allerdings auch für den Verstand. Die tägliche Reizüberflutung aus unzähligen 15-Sekunden-Filmen ist ebenfalls Fast Food – digitales Fast Food. McDonald’s für den Verstand.

Ich bin da ein sehr gutes Beispiel.

Wie ferngesteuert

Einen ähnlichen, allerdings viel abgeschwächteren Effekt spüre ich schon, wenn ich gedankenlos in eins dieser Scripted-Reality-Formate schalte. Sobald ich sehe, wie sich die Protagonisten solcher Sendungen in ihrer Welt bewegen, fühle ich mich nicht mehr dazu in der Lage, den Sender zu wechseln. Etwas hält mich fest. Eine Faszination, die meinen Verstand umklammert hält. Gemischt aus Bestürzung, Fremdscham und Voyeurismus. Die Fernbedienung liegt in Reichweite, aber ein innerer Widerstand hindert meine Hand daran, sich in ihre Richtung zu bewegen.

Und dann spüre ich den Effekt. Mein Verstand wird träge, irgendwie zähflüssig. Das ist der Moment der Überdosis, in dem es mir gerade noch gelingt, die Fernbedienung zu greifen, um den Sender zu wechseln. Ein rettender Impuls, der vermutlich aus dem Überlebensinstinkt meines Verstandes entsteht. Ich frage mich, was es mit Menschen macht, die sich täglich solche Sendungen ansehen. Ohne abzuschalten. Wenn der Überlebensinstinkt so abgestumpft ist, dass er die Gefahr nicht mehr identifiziert.

Aber eigentlich weiß ich es schon, denn dieser Effekt wird noch verstärkt, wenn ich mir TikTok-Videos oder Instagram-Reels ansehe. Ich bin dann wie ferngesteuert, ein Sklave meiner Instinkte. Mein Verstand versucht verzweifelt, meinen Dopamin-Pegel zu halten. Ein befreundeter Psychologe hat mir erzählt, dass Dopamin nicht ausgeschüttet wird, wenn sich ein Erfolgserlebnis einstellt. Es ist das aufregende Gefühl kurz davor, wenn der Erfolg in Reichweite erscheint. Ich wische weiter, wenn der Scherz eines Comedy-Videos nicht gut ist. Ich wische weiter, wenn die Choreografie nicht aufsehenerregend genug ist. Ich wische weiter, wenn ein Film meine Erwartungen nicht erfüllt. Allerdings skippe ich auch im umgekehrten Fall weiter: Wenn der Scherz gut war oder die Choreografie. Ich will das nächste erlösende Erlebnis.

Ich habe die Kontrolle abgegeben. Ich muss mich zwingen, das Smartphone wegzulegen, es funktioniert erst nach mehreren inneren Anläufen, aber sobald es geschieht, ist es mit einem befreienden Gefühl verbunden. Wenn ich mir vorstelle, dass die Menschen in U-Bahnen, Parkbänken, Cafés oder Küchentischen im selben Strudel gefangen sind, erinnert das an eine Welt, die sich Franz Kafka ausgedacht haben könnte.

Gesunde Menschen pflegen auch ihren Verstand

Ich kenne Leute, die zwanghaft auf ihre körperliche Gesundheit achten. Sie ernähren sich bewusst, joggen, wiegen Nudeln ab, bevor sie Gerichte zubereiten. Sie fahren Rad, nehmen täglich Collagen-Pulver oder stemmen Gewichte. Aber wenn es um ihre innere Gesundheit geht, werden sie zu einer anderen Person. Sie sind smartphoneabhängig und füllen eine Großteil ihrer Zeit mit schwarzen Löchern, indem sie sich stundenlang 15-Sekunden-Videos ansehen.

Die schädlichen Folgen leerer Kohlenhydrate sind Fettleibigkeit und Herz-Kreislauf-Erkrankungen, die Langzeitschäden leerer Informationen sind noch weitestgehend unerforscht. Wir befinden uns praktisch in der Feldstudie. Live. Wenn die unmittelbaren Schäden allerdings große Teile meines Kurzzeitgedächtnisses löschen, finde ich das schon besorgniserregend genug.

Gesundheit ist ein Gesamtkonzept: Gesunde Menschen pflegen auch ihren Verstand.

Jenseits aller Analysen gibt es jedoch einen Gedanken, der mir zeigt, womit ich da eigentlich einen Großteil meiner Zeit verbringe. Es ist ein unscheinbar klingender Gedanke, aber er verschiebt meinen Blick auf die Dinge: Ich erinnere mich nur an Dinge, die mir wichtig sind.

Gemessen an diesem Satz bin ich einen Großteil des Tages damit beschäftigt, mich im Bedeutungslosen zu verlieren. Er erinnert mich daran, dass mir Dinge von Bedeutung im echten Leben passieren. Immer. Dort entstehen Erinnerungen, die ich ein Leben lang abrufen kann, weil mich jede von ihnen ein Stück weit verändert hat. Erinnerungen, die mich berührt oder bewegt haben. Die einen Eindruck hinterlassen und zu einer bewahrenswerten Erinnerung geworden sind. Zu einer Erinnerung, die mir wichtig ist.

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