Moderne Liebe: Welcher Fehler die meisten Beziehungen verhindert

Das Verständnis von Liebe fügt sich inzwischen immer stärker aus Selbstinszenierung, Perfektion und Unabhängigkeit zusammen. Eine gefährliche Mischung, die viele Beziehungen bereits in ihren Anfängen sabotiert. Wie auch ich mich in der Illusion einer perfekten Liebe verfangen habe.

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Manchmal frage ich mich, wie mein Leben aussehen würde, wenn ich ihm an bestimmten Punkten eine andere Richtung gegeben hätte. Wenn ich andere Entscheidungen getroffen hätte und welche Folgen daraus entstanden wären. Ich folge Gedanken, die mich durch eine andere Version meines Lebens führen, und stelle mir den Menschen vor, den diese Version aus mir gemacht hätte. Anfang vorletzten Jahres erreichte mich eine Nachricht aus einem dieser hypothetischen Leben.

Die Absenderin war Sarah, eine Ex-Freundin, mit der ich vor Jahren zusammen gewesen war. Jahre, in denen wir uns weder gesehen noch gesprochen hatten. Einige Tage nach ihrer Nachricht telefonierten wir und sprachen sechs Stunden lang darüber, was die vergangenen Jahre aus uns gemacht hatten. Sarah lebt inzwischen in München, sie ist verheiratet und Mutter dreier Kinder. Wenn man so wollte, breiteten wir zwei entgegengesetzte Leben voreinander aus. Sarahs Familienleben traf auf mein Single-Leben. Ich stellte mir unvermittelt eine Version meines Lebens vor, in dem ich verheiratet wäre und Kinder hätte. Und ich spürte, wie wohl ich mich in dieser Vorstellung fühlte. Ich blickte sozusagen voller Nostalgie auf ein Leben, das es nie gegeben hat.

Die Hektik alleinerziehender Mütter

Vor meinem inneren Auge bilden sich immer mal wieder diffuse Bilder, die mich in einem Familienleben zeigen. Es sind Bilder in warmen Spätsommer-Farbtönen. Bilder, auf denen viel gelacht wird. Wir lachen in Parks, auf Spielplätzen oder an Frühstückstischen. Es sind Bilder, die auch in Kaffee-Werbespots auftauchen könnten, oder in Spots, die Sympathien für Banken oder Versicherungen wecken sollen. Alles Kampagnen, in denen – wie mir gerade auffällt – vor allem alleinerziehende Väter vorkommen.

Alleinerziehende Väter strahlen ja eine gewisse Tragik aus, die sie sympathisch macht, manchmal sogar verführerisch. Man fragt sich sofort, was passiert ist. Gab es einen tragischen Unfall oder eine Krankheit? Sie strahlen Verantwortung aus. Im Gegensatz zu dem Image, das man mit alleinerziehenden Müttern verbindet. Hektisch. Überfordert. Man erwartet praktisch, dass sie ihr Abendessen hastig an die Küchenspüle gelehnt zu sich nehmen, um dann mit der täglichen Flasche Weißwein ihre Tage hinter sich lassen. Dieses Image führt dazu, dass alleinerziehende Mütter in der Werbung gar nicht auftauchen. Und vielleicht erzählt ja genau dieser Vergleich mehr über den uneingestandenen Sexismus in unserer Gesellschaft als jede feministische Debatte der letzten Jahre.

Der Gilmore Boy

Gerade fällt mir auf, dass mein Ideal eines Lebens von einer Serie gezeichnet wird, deren Geschehnisse um eine alleinerziehende Mutter und ihre Tochter kreisen. Die Stimmung, nach der ich mich sehne, finde ich in Szenen der Serie „Gilmore Girls“. Aus der Art, wie die Charaktere miteinander umgehen, ihren liebenswerten Verschrobenheiten und den schlagfertigen Gesprächen bildet sich eine Atmosphäre, in der ich mich gern zu Hause fühlen würde. Das Glück, das zu mir passt. Offensichtlich bin ich der Gilmore Boy.

Mein Verstand weiß natürlich, dass es Kunstfiguren sind, die sich in diesem Gilmore-Glück bewegen. Dort findet ein Alltag statt, der vom Alltag befreit ist. Eine Collage, die sich aus Illusionen zusammensetzt. Im Gegensatz zu meinem Verstand müssen meine Gefühle davon jedoch gelegentlich überzeugt werden. Ich habe inzwischen verschiedene Methoden entworfen, um diese Illusionen mit der Wirklichkeit abzugleichen.

Die Vorstellung, wie andere mein eigenes Leben wahrnehmen, ist zum Beispiel eine sehr gute Methode, an der ich mich orientieren kann. Es gibt nicht wenige Menschen, die eine überraschend verklärte Vorstellung meines Arbeitsalltags haben. Das liegt auch daran, dass es Fotos von mir gibt, die das zu beweisen scheinen. Auf einigen dieser Bilder sitze ich auf dem Dach meines Hauses, den Laptop auf meinem Schoß und schreibe. Ich kann mich noch sehr gut daran erinnern, wie diese Bilder entstanden. Es war sehr quälend. Man sieht nicht, wie unbequem es war, in dieser Haltung zu sitzen, als würde ich mich wohlfühlen. Wir mussten immer mal wieder abbrechen, weil mir in dieser Position ständig irgendein Körperteil weh tat oder eingeschlafen war. Diese Erfahrung hilft mir, das inszenierte Glück, von dem die Sozialen Medien überschwemmt werden, besser einzuschätzen. Manchmal stelle ich mir vor, wie viel gelitten wird, wenn Fotos entstehen, auf denen Influencer ihr Glück darstellen.

Anrufe in der geschlossenen Psychiatrie

Trotz dieser Einsichten neige ich dazu, mich an den Illusionen zu orientieren. Aber ich taste mich heran. Über einen Freund lerne ich das wirkliche Familienleben portioniert kennen. In seinem Familienleben wird weniger gelacht. Es wird vorwiegend gelitten. Vor allem, wenn der Fernseher ausgeschaltet wird, können dreißig Minuten anhaltende markerschütternde Schreie durch die Räume ihrer Wohnung hallen.

„Es ist, als hätte ich mich verwählt, und in der geschlossenen Psychiatrie angerufen“, sage ich, als ich meinem Freund Ansgar davon erzählte.

„Ein Alltag mit Kleinkindern ist immer wie in der geschlossenen Psychiatrie“, erwidert Ansgar mit mildem Lächeln. Der Mann ist zweifacher Vater. Ich schätze, er weiß, wovon er redet. 

Erich Kästner hat einmal geschrieben: „Kinder bauen sich Illusionen, erst die Erwachsenen erkennen, dass man in Illusion nicht leben kann.“ Dieses Zitat ist 90 Jahre alt. Inzwischen wurde es widerlegt. Ich habe den Eindruck, viele können sogar sehr gut in ihren Illusionen leben. Auch mir sind sie offensichtlich lieber als die Wirklichkeit. Ich pflege und kultiviere sie. Ich fühle mich in ihnen wohl. Zu viel Realität würde dabei nur stören. Meine Traumfrau ist da ein sehr gutes Beispiel. 

In Gedanken zeichne ich das Bild einer Frau, die zu dem Leben passt, das ich über die Jahre in meinen Gedanken entworfen habe. Ich habe eine Szene im Kopf, die diese Frau beschreibt. Ein milder Sommerabend auf meinem Balkon, wir trinken Wein, scherzen, lachen und führen Gespräche, die etwas in mir auslösen. Der Himmel und die Fassaden der Gebäude sind in die unwirklichen Rottöne eines endlosen Sonnenuntergangs getaucht. Als würden wir uns in einem in sich geschlossenen Fragment der Zeit befinden. Ein vollendeter, konservierter Augenblick. Ein aus der Zeit gefallener Moment, in der Vergangenheit und Zukunft bedeutungslos geworden sind. Ein Leben, das vom Alltag befreit ist.

Wenn man Illusionen der Wirklichkeit vorzieht

„Ich habe aufgehört, nach etwas Echtem zu suchen“, sagt Neo, die Figur von Keanu Reeves im vierten Teil der Matrix-Reihe. Das ist ein Problem, das er mit mir teilt. Auch ich bevorzuge die Illusionen, ich fühle mich in ihnen wohl. In sie verpacke ich meine Sehnsüchte. 

Illusionen geben Menschen, Ideen oder Dingen eine Bedeutung. Sie sind die Gabe, aus einer Frau etwas Besonderes zu machen, obwohl ich keine Erinnerungen mit ihr verbinde, die diese Bedeutung rechtfertigen könnten. In Illusionen gibt es keine Widersprüche, es gibt keine Streitigkeiten, in ihnen herrscht Harmonie. Aber Leben entsteht aus Disharmonien, sie sind der Link zum wahren Leben. Erst sie geben mir die Möglichkeit, mich weiterzuentwickeln. 

Sobald Illusionen meinen Verstand bestimmen, werden sie zu einem Hindernis. Wer sie der Wirklichkeit vorzieht, erstarrt. Wie jemand, der sich in der unverbindlichen Suche nach der Illusion eines Traumpartners eingerichtet hat, weil er nicht bereit ist, etwas für eine Beziehung zu tun. Jemand, der bei der Liebe mitmachen will, ohne verletzt zu werden. 

Das Parfum meiner Ex-Freundin

Es ist schon einige Jahre her, da saß ich mit einem Freund vor der „Hausbar“ in der Rykestraße und hatte plötzlich ein Déjà-vu, das mir fast den Atem nahm. Ich roch ein Parfum, das meine Ex-Freundin immer benutzt hatte. Ein Duft, der mich unvermittelt mit einer Flut von Erinnerungen überschwemmte. Ich wandte mich um, in der Erwartung, in das Gesicht der Frau zu blicken, mit der ich immer noch viel verband, aber der Duft gehörte zu dem Gesicht einer Fremden. 

Wirkliche Bedeutung entsteht aus Erinnerungen. Wenn ich den Duft eines Parfums zum ersten Mal rieche, genieße ich dessen Schönheit, aber wenn ich denselben Geruch mit einer Frau verbinde, in die ich einmal verliebt war, löst er eine sprudelnde Kaskade von Erinnerungen aus. So schön ein Duft auch sein mag, er ist wesentlich schöner und vielschichtiger, wenn ich ihn mit Erinnerungen verknüpfen kann. Sie fügen der Schönheit des Duftes eine tiefere Bedeutung hinzu.

Es sind erst meine Erinnerungen, die etwas oder jemanden mit wirklicher Bedeutung füllen, dachte ich. Das können Illusionen nicht leisten, aber das ist es, worum es geht. Sich Erinnerungen zu schaffen, an die man sich in zwanzig, vierzig oder sechzig Jahren erinnern kann. Mit einem Lächeln.

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