Was Paare sich verschweigen sollten

Es ist ein weitverbreiteter Irrglaube, dass in einer Partnerschaft immer alles offengelegt werden muss. Warum manche Geheimnisse nicht ans Licht gezerrt werden sollten.

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Als der vorletzte Sommer zuendeging, stand ich mit Milan auf dem Innenhof der „Wilden Renate“ in Berlin und sagte ungläubig: „Es ist schon erstaunlich, woraus sich das Fundament langjähriger Beziehungen so bilden kann.“ Milan lächelte. Offensichtlich konnte er inzwischen über die Geschehnisse lachen, von denen er mir gerade erzählt hatte. Ich empfand eher Fassungslosigkeit. Ich war noch zu sehr in seiner Geschichte. Vor allem stellte ich mir gerade vor, mir wäre so etwas passiert.

Milan hatte mir gerade von Sophie erzählt, mit der er einmal eine kurze Liaison hatte. Es war eine unbedeutende Liebschaft – eigentlich – denn gemessen daran dehnte sie sich unverhältnismäßig weit in Milans Leben aus.

Dabei hatte Milan, als er sich von Sophie trennte, aufs Timing geachtet. Er beendete ihre gemeinsame Zeit am Tag bevor er zu einem Portugalurlaub aufbrach. Er hätte den Zeitpunkt gewählt, weil er den zu erwartenden Streit auf einen Abend reduzieren wollte, bevor er sich Sophie durch den Urlaub entzog. Als er zwei Wochen darauf zurückkehrte, erzählte sein Mitbewohner Lukas, er habe jetzt eine Freundin. Milan freute sich aufrichtig für ihn, aber irgendwie passte der unsichere Ausdruck in den Augen seines besten Freundes nicht zu der schönen Neuigkeit. Irgendetwas stimmte nicht.

„Du kennst sie“, sagte Lukas verhalten, und dann nach einigem Zögern. „Es ist Sophie.“

„Es ist noch nicht vorbei.“

Sophie kam jetzt häufiger in Milans Alltag vor als in der Zeit, in der sie zusammen waren. Sie zog praktisch in die WG. Als er eines Nachts aus einem unruhigen Traum erwachte, saß am Fußende des Bettes eine Person, deren Züge er im Gegenlicht nicht erkannte. Erst als er sich benommen aufsetzte, erkannte er, dass es Sophie war.

„Sophie?“, sagte er. Sie antwortete nicht. Sie starrte schweigend in seine Richtung, bevor sie nach einigen endlosen Sekunden flüsterte: „Es ist noch nicht vorbei.“

Dann erhob sie sich langsam und verließ das Zimmer. Milan sah ihr entsetzt nach. Jetzt war er wach.

„Ich hab natürlich mit Lukas darüber geredet“, sagte er auf dem Innenhof der Wilden Renate. „Zumindest hab ich’s versucht. Aber Sophie hatte ihm erzählt, ich wäre immer noch verliebt in sie. Und dass mir alle Mittel recht wären, sie wieder auseinanderzubringen.“

„Alter“, rief ich. „Was ist denn das für eine Psychotikerin?“

„Vier Monate hab ich’s ausgehalten, dann bin ich ausgezogen“, sagte Milan.

„Verständlicherweise“, sagte ich, bevor mir eine Frage einfiel. Die Frage, was aus den beiden geworden war. Einen Moment lang zögerte ich, sie zu stellen. Schließlich lag der Gedanke nah, dass die Antwort darauf die detaillierte Beschreibung eines Kapitalverbrechens enthielt, dem Lukas zum Opfer gefallen war. Aber meine Neugier war stärker.

„Was ist eigentlich aus den beiden geworden?“, fragte ich.

„Sie sind verheiratet und haben zwei Töchter“, sagte Milan.

„Wie bitte?“, lachte ich ungläubig. „Das muss dann wohl Liebe sein.“

Vielleicht war es Liebe, dachte ich später. Wenn man die Geschichte aus der Perspektive erzählte, in der Lukas die Hauptfigur war. In der er mit einer Frau zusammenkam, die Milan behandelt hatte wie er schon unzählige Frauen zuvor behandelt hatte, an denen er nicht interessiert war. Milan hatte Sophies Wert nicht erkannt, er hatte sie weggeworfen. Lukas tröstete sie, er war für sie da, sie verliebten sich. Aus Lukas’ Sicht, war Milan praktisch eine Art Amor, der zwei Menschen unfreiwillig zusammengeführt hatte. Das war seine Rolle in ihrer Geschichte. Die Liebesgeschichte, die Lukas in das Leben geführt hatte, in dem er jetzt glücklich ist.

Es war allerdings auch eine Geschichte, die nur durch ein hinzugefügtes Detail umgeschrieben werden konnte. Ich frage mich, mit welchem Blick Lukas die sechsjährige Beziehung mit Sophie sehen würde, wenn diese bisher verborgene Information hinzugefügt würde. Wenn er von der Rolle erfuhr, die er in Sophies Geschichte eingenommen hatte. Er war das Mittel zum Zweck einer rachsüchtigen Frau. Ein Werkzeug, um Milan Verletzungen zuzufügen. Würde er seine Beziehung infragestellen? Oder den gesamten Lebensabschnitt mit der Mutter seines Kindes? Würde er sich selbst infragestellen?

Obwohl ich ihn nie kennengelernt habe, hoffe ich, dass Lukas nie von diesem Detail erfahren wird. Dass er sich nie diese Fragen stellen muss.

Als uns Milan an der Bar noch zwei Bier holte, frage ich mich, wie wirklich meine Wirklichkeit überhaupt ist. Wie sie sich verändern würde, wenn jemand nur einige unerwartete Details hinzufügen würde. Ich stellte mir vor, wie hilflos ich dabei zusehen würde, wie sich die Dinge innerhalb von Sekunden neu ordneten. Ich ahnte nicht, dass ich es mir ein knappes Jahr nach der Unterhaltung mit Milan nicht mehr vorzustellen brauchte.

Das Detail, die Teile meiner Vergangenheit zueinander verschob, hatte nicht die Gewalt, mit der Sophies Geheimnis in Lukas Leben brechen würde. Gemessen daran war es nur eine Ahnung – aber meine Erfahrung reichte zumindest aus, um mich ins Thema einzufühlen.

Zwei Exfreunde

Ich verdanke diese Erfahrung einem Mann, den eine meiner Exfreundinnen verlassen hatte, weil sie sich in mich verliebte. Ihr Name ist Louisa, sein Name ist Max.

„Weißt du“, sagte Max, als wir uns zufällig auf einer Vernissage in der Berliner Torstraße trafen. „Louisa ist ja schon immer ein sehr kontrollierter Mensch gewesen. In unserer Beziehung hat sie mir nie gesagt, dass sie mich liebt.“

Aber, fuhr er fort, einmal sagte sie es doch. Als sie ihm gestand, ihn mit mir betrogen zu haben. Nach diesem Geständnis sagte sie Max, wie sehr sie ihn liebte, und wie sehr sie mit ihm zusammen sein wollte. „Aber ich konnte das nicht“, sagte er. Die Schmerzen, die sie ihm mit ihrem Betrug zugefügt hatte, waren zu groß. Er verließ sie. Er war nicht stark genug, er hätte Louisa ihren Fehltritt immer wieder aufs Neue vorgeworfen.

Während Max sprach, spürte ich praktisch physisch, wie sich die Dinge neu ordneten. Offenbar befand ich mich in meiner ganz persönlichen Version des Films „The Sixth Sense“. In der Szene mit dem Twist, der den Blick auf die Realität freigab.

Ich war nicht der Mann, für den sie ihn verließ. Ich war der Mann, mit dem sie zusammenkam, weil Max sie verlassen hatte. Ich hatte jahrelang angenommen, dass sie ihn verlassen hatte. Für uns und die einzigartigen Gefühle, die wir teilten. Es passte in die Romantic Comedy, die ich mir zurechtgelegt hatte. Meine Geschichte, in der ich mich so sicher fühlte, begann sich zu verändern. Sie wurde fader. Die Bedeutungen, die ich ihr gegeben hatte, verblassten in Sekundenbruchteilen. Ihre Einzigartigkeit löste sich auf. Ich weiß nicht, ob man mir ansah, dass gerade etwas in mir gesprungen war.

Die Person, die ich bin, wenn ich mit ihr zusammen bin

Louisa, dachte ich verletzt. Ich hatte unsere Geschichte jahrelang falsch verstanden. Plötzlich spürte ich, wie mein verletztes Ego an mir nagte. Die vergifteten Gedanken überlagerten sich, schoben sich übereinander. Ich war die Notlösung, für die sie sich entschied, weil Max sie nicht mehr wollte. Ich war nicht der strahlende Held einer Liebesgeschichte, ich war der Ersatzmann. Der Übriggebliebene. Der Trostpreis. Und jetzt fiel mir auch ein, dass sie mir ebenfalls nie gesagt hat, was sie für mich empfand. Louisa hatte mich nicht geliebt, dachte ich aufgebracht, sie wollte nur nicht allein sein.

Glücklicherweise wurden diese Gedanken schnell von Erinnerungssplittern zur Seite geschoben. Mir fiel ein Nachmittag ein, den ich mit Louisa bei meinen Eltern verbracht hatte. Von meinen Exfreundinnen hatten sie Louisa am meisten gemocht. „Mit ihr bist du ganz anders umgegangen“, sagten sie. „Viel aufmerksamer und zärtlicher.“

Das muss Gründe gehabt haben. Louisa löste etwas in mir, was durch meine anderen Exfreundinnen nicht ausgelöst wurde. Vielleicht mochten meine Eltern Louisa am meisten, weil ihnen der Mensch am besten gefiel, der ich in ihrer Gegenwart war.

Ein Freund hat mir mal gesagt: „Du vermisst nie eine andere Person, du vermisst dich selbst. Zumindest vermisst du die Version von dir, die du in ihrer Gegenwart warst.“

Das ist ein schöner Gedanke. Die Frage, ob ich den Menschen mag, zu dem ich in Gegenwart der geliebten Person werde. Wie sehr ich es genieße, diese Version zu sein. Wie gut es mir tut, dieser Person gutzutun.

Es gibt Dinge, die nicht ins Licht gezerrt werden sollten. Ich bin dafür das beste Beispiel. Wenn ich verliebt war, überschritt mein Seelenzustand oft die Grenze ins Psychotische. Wenn ich mich unglücklich verliebte, wurde das noch einmal verstärkt. Verliebtheit ist nun mal ein psychotischer Zustand. Wenn die Frauen, in die ich verliebt war, in vollem Umfang gesehen hätten, wie ungeduldig ich immer wieder mein Smartphone überprüfte, auf ihre Nachrichten wartete, um sie dann mit Freunden eingehend zu analysieren. Wenn sie von den Theorien und Hypothesen gewusst hätten, die wir entwarfen, um zu verstehen, warum sie sich verhielten wie sie sich verhielten. Wenn sie unsere Gespräche gehört hätten, in denen ich Taktiken entwarf, um endlich mit ihnen zusammenzukommen, kann ein unterhaltsamer, souverän wirkender Sympathieträger schnell zu einem bedürftigen Neurotiker werden, der kein Leben hat. Würde die geliebte Person sehen, was sich in dem Menschen abspielt, der in sie verliebt ist, würde sie sich verstört abwenden. Und so geht es allen.

Ich habe lange angenommen, dass aus einem ungesunden Anfang keine gesunden Beziehungen entstehen können. Wenn eine Liebesbeziehung unter ungesunden Gegebenheiten beginnt, kann sie einfach nicht in eine gesunde Beziehung führen, davon war ich überzeugt. Inzwischen habe ich diese Auffassung revidiert.

Ab einem bestimmten Alter fangen doch die meisten Beziehungen ungesund an. Die Verletzungen vergangener Beziehungen, die jeden beschädigt haben, machen jeden Anfang ungesund.

Ich habe den Wert der Beziehungen an ihren Anfängen gemessen. Das Gegenteil trifft zu. Es ist ein Fehler, vom Anfang eines Films auf das Ende zu schließen. Nicht der Vorspann bildet das Fundament eines guten Films, sondern dessen Handlung. Die Anfänge sind egal – es kommt darauf an, was man daraus macht.

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