Großstadtkolumne | Mir ist klar, dass da niemals etwas sein wird, weil da niemals etwas war
Ich finde es immer wieder erstaunlich, wie gut man anderen Ratschläge geben kann, wenn sie unglücklich verliebt sind, und wie hilflos man selbst ist, wenn es einen selbst betrifft. Das ist natürlich einfach zu erklären. Wenn man unglücklich verliebt ist, fehlt der nötige Abstand, um die Dinge objektiv beurteilen zu können. Man steckt zu sehr drin.
Man weiß das, aber leider weiß man auch, dass Objektivität unter solchen Umständen nicht zählt, und dieses Wissen macht alles noch tragischer. Kaum ein Schmerz ist schwerer zu ertragen als unerwiderte Leidenschaft, und weil es gerade unserer unerfüllten Lieben sind, die uns prägen, treffe ich mich seit einigen Monaten ziemlich oft mit meinem Freund Martin, um mit ihm sehr lange und sensible Gespräche zu führen.
Denn Martin ist unglücklich verliebt, in Jessica.
Ich habe Jessica nie getroffen, aber inzwischen glaube ich, dass ich sie auch nicht unbedingt treffen möchte. Ich bin nicht mehr in der Lage, mich ihr unvoreingenommen zu nähern, oder sagen wir es so: Ich hasse sie, weil sie mir seit zwei Monaten meine Abende versaut.
Martin begegnete ihr im Sommer. Jessica hatte einen Freund, aber so wie es aussah, würde ihre Beziehung bald zerbrechen, denn es war eine unglückliche Beziehung. So gesehen war Jessica in der Trennungsphase, nach ihren Erzählungen zu urteilen bereits seit einem halben Jahr. Jessica brauchte nur noch einen letzten Auslöser für die endgültige Entscheidung, sich zu trennen. Sie brauchte eine letzte Hilfe. Diese Hilfe lernte sie auf einem Geburtstag kennen. Es war eine Hilfe, die Martin hieß.
Nun ja.
Martin tat das, was ihr Freund eigentlich hätte machen müssen: Er war da. Er redete mit ihr, stundenlang besprach er ihre Beziehung mit ihr, und dann verliebte er sich in sie. Ihre Gespräche und die viele Zeit, die sie miteinander verbrachten, gaben ihm das Gefühl, sie würden im gleichen Rhythmus leben. Als Jessica ihren Freund verließ, zerfiel ihre Welt wieder. Ich bezweifle, dass Martin das mitbekommen hat. Er war ihr Sprunghelfer, ihre Hilfe, um sich von ihrem Freund zu lösen. Mehr war da nicht.
Das war jetzt drei Monate her.
Es gibt einen wunderbaren Song von Farin Urlaub, der „Niemals“ heißt und von Martin und Jessica handelt. Es ist ihr Lied. Der Refrain lautet: „Doch mir ist klar, dass da niemals etwas sein wird, weil da niemals etwas war.“ Besser lässt sich ihre Beziehung nicht zusammenfassen. Ich bin nur nicht sicher, ob Martin bereit für diese Wahrheit ist. Zum einen weil der Protagonist in Urlaubs Lied weiter als Martin ist, er hat schließlich erkannt, dass seine Liebe aussichtslos ist – und zum anderen weil Jessica Sätze sagt wie: „Ich würde so gern mit dir zusammen kommen. Aber momentan geht es nicht. Noch nicht.“
Es ist dieses verführerische „noch“, was Martin in die emotionalen Tiefen der darauffolgenden Monate führen sollte, denn ein „noch“ impliziert Hoffnung, wo keine Hoffnung zu finden ist.
So gesehen muss man die Textzeilen aus dem Farin-Urlaub-Song für Martins Situation ein wenig modifizieren. Nicht all zu sehr, es ist nur ein Wort: „Doch mir ist nicht klar, dass da niemals etwas sein wird, weil da niemals etwas war.“
Tja.
Man sagt ja, dass man sich keine Sorgen machen soll, wenn sich Bekannte nicht melden, meistens bedeutet es, dass es ihnen gut geht. Wenn das zutrifft, steht es um Martin sehr schlecht. Wir telefonieren sehr oft, es kommt vor, dass wir uns viermal in der Woche treffen, um über Jessica zu reden. Langsam spüre ich, dass ich mich nicht mehr mit dieser Frau beschäftigen möchte, die ich nicht kenne, und die ich offen gestanden auch nicht kennen lernen möchte, weil sie mir nicht sympathisch ist. Inzwischen nimmt sie durch die Gespräche mit Martin einen großen Teil meines Lebens ein, wie ein Partygast, den man nie einlädt, und der trotzdem immer da ist und sich daneben benimmt.
Die Frau war mir lästig.
Ich kann in meinem Urteil schon ziemlich hart sein, wenn es um Probleme dieser Art geht. Ich glaube, dass man sich nur fragen sollte, ob es einem mit oder ohne die Frau besser geht. Ob sie einem gut tut. Das klingt einfach, und auch schlüssig, aber einfach ist es ja meisten nicht.
Denn mit Ratschlägen ist es ja so eine Sache. Wenn man unglücklich verliebt ist, unterhält man sich ja nicht mit seinen Freunden über seine unerfüllte Liebe, damit sie einem Argumente dagegen liefern. Man will bestätigt werden. Sie sollen einem Hoffnung geben. Und weil ich nicht sicher bin, ob Martin bereit für die Wahrheit ist, halte ich mich bei ihm noch zurück.
Aber als wir uns gestern Abend trafen, um auszuwerten, warum Jessica die SMS, die er ihr am Morgen geschickt hatte, immer noch nicht beantwortet hatte, spürte ich, dass es soweit war. Dass es soweit sein musste. Es war Zeit für die Wahrheit.
Ich nahm mir vor, behutsam zu beginnen.
„Was reizt dich eigentlich an der Frau“, fragte ich.
Martin sah mich an und schwieg ratlos. Er wusste es nicht. Das war der Moment, in dem ich begriff, dass seine Gefühle gekippt waren. Es ging nicht mehr um Jessica, es ging nur noch darum, dass sie „Ja“ sagte. Sie war zu einem Hobby geworden. Selbst wenn sie sich für ihn entschied, würde er nicht aus Liebe mit ihr zusammen kommen, die hatte sie in den letzten drei Monaten zerstört. Er würde aus Genugtuung mit ihr zusammen kommen. Das wäre alles, und das ist ja nicht unbedingt die beste Voraussetzung für eine Beziehung.
„Es ist ihre Unerreichbarkeit, die dich reizt“, sagte ich. „Mehr nicht. Eigentlich geht’s doch nur noch um dein verletztes Ego.“
„Na ja“, sagte Martin langsam und schüttelte hilflos den Kopf.
„Und außerdem spielt die Frau doch nur mit dir“, sagte ich.
Martin machte eine abwehrende Geste und sagte entschlossen: „Sie spielt nicht mit mir, sie weiß einfach nicht, was sie will.“
„Ach ja“, lachte ich. „Stimmt ja.“
Ich weiß nicht, was ich will. Ein Satz der auf eine Art, die nicht verletzt, umschreibt, dass man einfach nicht interessiert ist, und mit dem man den anderen in Reichweite hält, weil es ja auch nicht unbedingt die eigene Eitelkeit verletzte, begehrt zu werden.
„Also, ich kenne Jessica ja nicht“, sagte ich. „Aber wenn eine Frau sich nicht meldet, ist sie nicht interessiert. Das ist eine grundsätzliche Regel. Jede Frau, die es dir schwer macht, steht einfach nicht auf dich. Und Jessica will einfach nicht. Die gibt dir keine komplette Abfuhr, weil sie sich geschmeichelt fühlt, und das braucht sie, denn Frauen sind so. Das bedeutet „Ich weiß nicht, was ich will.“
Martin wackelte unsicher mit dem Kopf.
„Und sobald du anfängst zu grübeln“, sagte ich. „Und dich nicht traust, sie anzurufen, weil sie sich sowieso nicht meldet, kannst du's vergessen. Da kann man nächtelang spekulieren oder Strategien aufstellen, wie man sich verhält – es bringt einfach nichts. Denk nicht drüber nach, spekulier und interpretier nicht tausend Dinge rein.“
Puh, dachte ich. Ich hatte gerade eine kleine emotionale Rede gehalten.
Martin machte eine entschuldigende Geste und sagte mit einem Lächeln: „Ich bin eben ein Romantiker.“
„Ja, in der kurzen Phase, bevor es zur Besessenheit wird, bist du ein Romantiker“, lachte ich.
„Klar“, sagte Martin und lachte ebenfalls.
Wir hatten die Situation durch einen Scherz aufgelöst, wir waren dem Problem mit Humor ausgewichen. Ich hatte mich getäuscht. Martin war noch nicht soweit. Wenn wir uns verabschiedeten, würde er einen anderen Freund anrufen, damit er ihm Hoffnung gab. Ich war nicht mehr der richtige Ansprechpartner.
Dabei ist es heutzutage schon kompliziert genug, zueinander zu finden. Das ist ein sehr deutsches Phänomen. Warum einfach, wenn es auch kompliziert geht? Es gibt so viele Regeln, die man beachten muss. Manchmal habe ich das Gefühl, wir haben uns in einem Regelnetz verfangen. Es ist ein Spiel. Ein Spiel, dessen Regeln man zwar kennt, dass man aber trotzdem nicht beherrscht.
In Frankreich kennt man solche Spiele nicht. Das Lied „Aurelie“ der Band „Wir sind Helden“ handelt davon. In dem Lied fragt sich eine Französin, wie es möglich ist, dass sich die Deutschen überhaupt noch vermehren. Das ist eine gute Frage, denn offensichtlich vermehren wir uns ja auch immer weniger.
Früher habe ich mir oft gewünscht, dass uns der französische Ansatz näher ist. Zwei Menschen begegnen sich, sind sich sympathisch, verstehen sich und finden sich attraktiv. Sie kommen zusammen. Das klingt einfach. Es ist allerdings das Einfache, das schwer zu machen ist, denn wir können irgendwie nicht aus unserer Haut, warum auch immer.
Ich bin da ein sehr gutes Beispiel.
Denn wenn ich jetzt noch einmal an die Gespräche mit Martin denke, fällt mir ein, dass ich sogar einen Mann kenne, der gut zu Jessica passen würde. Ein Mann, dessen Ansatz mit Jessicas Verhalten harmoniert.
Dieser Mann bin ich.
In meinem Freundeskreis gelte ich als Phänomen, als ein Mann, dessen Interesse an Frauen von Kleinigkeiten entschieden wird.
„Du siehst immer nur die Fehler“, werfen mir meine Freunde in regelmäßigen Abständen vor. „Du musst dich auch mal auf eine Frau einlassen“, sagen sie, und sie haben ja recht. Allerdings ist das ein Missverständnis. Es sind nicht die Kleinigkeiten, die mich stören, die Kleinigkeiten sind nur eine Ausrede.
Vor ungefähr einem Jahr traf ich mich mit einer guten Freundin, weil ich seit einiger Zeit unglücklich in eine Frau verliebt war, deren Ansatz „Ich weiß nicht was ich will“ sehr ähnlich war. Es war gewissermaßen eine gespiegelte Variante der Unterhaltung, die ich gestern mit Martin geführt habe. Und so wie Martin wollte ich Zuspruch, ich wollte, dass meine Freundin mir Hoffnung gab. Allerdings war meine Freundin inzwischen an einem Punkt, an dem ich in der Unterhaltung mit Martin war. Wir hatten einfach schon zu viel Zeit damit verbracht, um darüber zu reden. Wir bewegten uns seit Wochen im Kreis.
Es reichte.
„Bei eurem ersten Date hat sie dir doch gesagt, dass sie ein gestörtes Verhältnis zu Männern hat“, sagte meine Freundin.
Ich nickte.
„Tja“, sagte sie. „Du hättest ihr glauben sollen. Die Frau hat 'ne Macke.“
Ich trank vorsichtshalber einen Schluck von meinem Kamillentee, weil ich irgendwie das Gefühl hatte, dass unser Gespräch gerade in eine Richtung lief, in der nicht all zu viel Hoffnung zu erkennen war.
Aber ich hatte micht getäuscht, es war schlimmer. Es wurde zu einer Grundsatzdiskussion, oder sagen wir so, es wurde zu einer Grundsatzanalyse.
„Das ist generell die Gefahr, die ich bei dir sehe“, sagte meine Freundin. „Du bist so ein extremer Jäger, du willst erobern, und sobald du deine Beute erlegt hast, wird's für dich nicht mehr interessant. Du bist kein Sammler, du bist nur Jäger, du willst immer nur auf Granit beißen, das reizt dich. Ich glaube, du kannst gar nicht verliebt sein ohne dass da Leid dabei ist.“
Das ist natürlich dramatisch formuliert, aber was soll ich sagen, meine Freundin hatte recht. Ich verliebe mich ausschließlich in Frauen, die außer Reichweite sind. Ich spreche nicht von Attraktivität, eher von falschen Zeitpunkten. Wenn sie in einer Beziehung sind, oder nicht bereit für eine Beziehung, weil sie kürzlich eine schwere Trennung hinter sich haben. Diese Dinge. Je ungreifbarer Frauen sind, desto interessanter werden sie für mich. Ich muss das Gefühl haben, um Frauen zu kämpfen. Ich brauche ein gewisses Maß an Leid, vielleicht weil ich das Gefühl habe, dass es meiner Verliebtheit eine gewisse Schwere gibt, eine gewisse Substanz.
„Das wird für dich immer ein Problem sein“, erklärte meine Freundin. „Sobald du eine Frau triffst, die es dir einfach macht, oder es normal abläuft, um die du nicht kämpfen musst, bist du gelangweilt.“
„Na ja“, sagte ich langsam und schüttelte hilflos den Kopf.
Das war die Wahrheit, aber offensichtlich war ich noch nicht dafür bereit. Ich befand mich noch in der erkenntnisresistenten Phase. Meine Freundin war nicht mehr die richtige Ansprechpartnerin.
„Weißt du, was ich dir gönnen würde“, sagte meine Freundin, als wir uns zum Abschied umarmten. „Dass du mal eine Frau kennen lernst, mit der es sich einfach ergibt, auch wenn du merkst, dass da kein Widerstand ist. Aber du verliebst dich nur in Frauen, die das pflegen.“
Ich nickte automatisch, ich war ja schließlich von einem konkreteren Problem abgelenkt: Ich überlegte bereits, wen meiner Freunde ich anrufen konnte, um mit ihm über meine unglückliche Liebe zu reden.
Wer mir neue Hoffnung geben konnte.
Wie gesagt, wenn es einen nicht selbst betrifft, kann man die souveränsten Ratschläge in Liebesdingen geben. Aber wenn es einen betrifft, wird man zu einem anderen Menschen, zu einem unbedarften, naiven und hilflosen Teenager, der seinen Gefühlen gnadenlos ausgeliefert ist. Auch mit siebenunddreißig.
Es ist schon erstaunlich.
Die nächste Großstadtkolumne erscheint am Montag.
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Am 2. Dezember lese ich in Frankfurt/Main: www.hotel-poetry.de



