Großstadtkolumne | Weihnachten mit Bruce Willis
Als ich gestern Vormittag mit meiner Mutter telefoniert habe, erkundigte sie sich auffallend beiläufig, wie ich denn meine Wohnung dekoriert hätte. Sie stellt diese harmlose Frage jedes Jahr. Das ist eine unserer Traditionen. Wir wissen beide, dass es eine Fangfrage ist. Dass es ein Spiel ist. Denn eigentlich geht es in dieser Frage nicht um das „wie“, es geht um das „ob“.
„Und, wie weihnachtlich sieht es bei dir schon aus?“, fragte meine Mutter.
Ich sah aus dem Fenster. Es schneite. Die Karl-Marx-Allee war unter einer dichten Schneedecke begraben. Es gab nur ein paar wenige Autos auf der sonst so vielbefahrenen Straße. So gesehen sah es schon ziemlich weihnachtlich aus. Aber das war natürlich nicht, was sie meinte.
„Na ja“, sage ich zögernd. „Eigentlich sieht sie noch gar nicht so weihnachtlich aus.“ Ich versuchte, das „noch“ so unauffällig wie möglich zu betonen, aber ich glaube nicht, dass es mir gelungen ist.
Natürlich weiß meine Mutter, dass ich nicht zu den Menschen gehöre, die sich schon das ganze Jahr auf den Tag freuen, an dem sie mit einer Dose Sprühschnee durch die Wohnung tanzen können, und ihre Einrichtung besprühen, um dekorative Akzente zu setzen. In einer Schublade bewahre ich die Weihnachtsdekorationen auf, die mir meine Eltern im Laufe der vergangenen Jahre bei Besuchen zugesteckt haben. Es sind nicht all zu viele. Es gibt einige Weihnachtskugeln, einen goldfarbenen Kerzenständer und ein paar sehr kleine Holzfiguren. Meine Wohnung wäre schnell geschmückt, grob geschätzt wohl in einer Minute.
Das wissen meine Eltern, aber darum geht es nicht. Es ist ja nicht so, dass sie sich wünschen, ich würde in einem der Plattenbaugebiete der Stadt wohnen, dort legt man nämlich viel Wert auf Weihnachtsdekorationen. Marzahn blinkt und leuchtet schon im November. Und das teilweise sehr hektisch. Wenn man sich die ungeschmückten Fassaden der Häuser ansieht, weiß man auch warum. Deren Bewohner haben keine Wahl. Dieser überzogene Dekorationszwang ist eine Flucht nach vorn. Sie haben praktisch keine Wahl. Aber ich wohne nun mal nicht in einem Berliner Plattenbaugebiet.
Und wie gesagt, darum geht es meinen Eltern nicht. Ihre Frage ist ein Hinweis. Es geht ihnen darum, dass ich diese Zeit bewusster wahrnehme, denn es ist eine Zeit der Symbole. Es geht um Liebe, die Familie, es geht um besinnliche Momente. Es geht darum, innezuhalten, zur Ruhe zu kommen und sich auch selbst zu reflektieren.
Es geht um diese besondere Stimmung, und meine Eltern illustrieren sie, indem sie ihre Wohnung schmücken.
„Das kommt auch bei den Frauen gut an“, sagt meine Mutter und öffnet damit ein Thema, dass sie ebenfalls sehr beschäftigt. Mein Single-Leben. Aber glücklicherweise hat mein älterer Bruder bereits drei Kinder, das nimmt der Problematik den Druck. Und sie weiß ja auch, dass das Dekorations-Problem gelöst wäre, wenn ich Kinder hätte.
Aber noch bin ich Single, und noch ist meine Wohnung nicht geschmückt.
Es geht meinen Eltern natürlich auch um Traditionen, die man bewahren sollte. Aus irgendeinem Grund sind sie auch lange davon ausgegangen, ich würde Weihnachtskarten an meine Freunde verschicken. In meinem Alter kenne ich eigentlich niemanden, der das macht. Und wenn ich jetzt so darüber nachdenke, bekomme ich generell nicht so viele Briefe, was sicherlich daran liegt, dass die E-Mail den Brief abgelöst hat.
Einmal im Monat schickt die Bank meine Kontoauszüge. Eigentlich erhalte ich nur sehr selten private Post. In diesem Jahr habe ich zwei Postkarten bekommen, eine Urlaubskarte meiner Eltern, und eine von einer Freundin, die inzwischen in Hamburg lebt. Was soll ich sagen, man freut sich schon sehr.
Und gerade in der Weihnachtszeit hat man man ja Gesten dieser Art nötig.
Anfang der Woche habe ich mich mit einem Freund darüber unterhalten, der solche Gesten offenbar gerade sehr nötig hat. Ihm geht es gerade ziemlich schlecht, weil er sehr unglücklich verliebt ist. Auch er bekommt nicht so viel private Post, erzählte er betroffen. Eigentlich sogar keine.
So gesehen erhält er im Dezember den emotionalsten Brief des Jahres. Es ist die Weihnachtskarte einer Lichtenberger Schwäbisch-Hall-Filiale, bei der er 2002 einen Bausparvertrag abgeschlossen hat. Er hat ihn schon vor einigen Jahren aufgelöst hat, was offenbar von niemandem bemerkt worden ist. Oder der Verantwortliche für die Adressverwaltung hat einfach Mist gebaut.
Am Tag vor unseren Gespräch lag wieder ein Weihnachtsgruß aus Lichtenberg in seinem Briefkasten. Die Schwäbisch-Hall-Mitarbeiter unterschrieben persönlich, sie dankten ihm für die erfolgreiche Zusammenarbeit und wünschten ein erfolgreiches neues Jahr.
„Wir haben uns im alten Jahr nicht gesehen“, sagte mein Freund. „Es hatte keine Zusammenarbeit gegeben.“
Aber es ist der einzige Brief des Jahres, der nicht mit dem Hinweis „Dieser Brief wurde maschinell erstellt und ist auch ohne Unterschrift gültig“ versehen ist.
„Der Brief hat mir sogar irgendwie Halt gegeben“, sagte mein Freund.
Ich warf meinem Freund einen ungläubigen Blick zu. Das war natürlich ein Scherz. Ich meine, es konnte nur ein Scherz sein. Nun ja, es war kein Scherz. So gesehen muss er den Lichtenberger Schwäbisch Hall-Mitarbeitern wohl dankbar sein.
„Ich hab sogar darüber nachgedacht, diesmal zurückschreiben“, sagte er. „Damit die mal ein Feedback kriegen.“
„Ein Feedback?“, fragte ich vorsichtig. Offenbar stand es um ihn schlimmer als ich dachte.
Mein Freund nickte langsam. Er hatte am vorigen Abend viel Wein getrunken, fast zwei Flaschen. Er war also in einem Zustand, in dem es plausibel erscheinen kann, den Leuten, die ja irgendwie jedes Jahr an ihn denken, zu erzählen, dass das letzte Jahr gar nicht so erfolgreich gewesen war wie sie immer annahmen. Und dass es, soweit er das in seiner momentanen emotionalen Situation einschätzen konnte, nicht unbedingt danach aussieht, als würde sich das im kommenden Jahr ändern. Er hat auch überlegt, ihnen von der Frau zu erzählen, die seine Liebe nicht erwiderte, denn seitdem er sie kannte, hatte er das Gefühl, dass sein Leben irgendwie aus dem Ruder lief.
Er hat ihnen dann doch nicht geschrieben. Glücklicherweise, muss man wohl sagen. Wahrscheinlich hat er stattdessen seine Wohnung geschmückt.
Mit Weihnachten ist es ja so eine Sache. Ich habe mich oft gefragt, warum ich keinen Sinn für Weihnachtsdekorationen habe. Es liegt wohl daran, dass mir dieses Weihnachtsgefühl fehlt. Also dieses richtige Weihnachtsgefühl. So wie es sich eigentlich anfühlen sollte. So wie es früher war, in meiner Kindheit.
Generell kann ich sagen, dass mir die Vorweihnachtszeit eher auffällt, sie berührt mich nicht. Vielleicht weil die Auslagen der Supermärkte schon im September mit Schokoladenweihnachtsmännern, Lebkuchenherzen und Weihnachtskalendern gefüllt sind. Man ist ja schon im Oktober übersättigt, man stumpft ab.
Die Weihnachtszeit fällt mir vor allem in U-Bahnhöfen auf. Dort hängen im Dezember ja immer diese Plakate, auf denen schöne Frauen die neuesten H&M-Dessous präsentieren. Plakate, die, wenn sie an befahrenen Kreuzungen aufgehängt werden, hin und wieder zu Auffahrunfällen führen sollten. Jetzt hängen sie wieder überall. Das ist nicht unangenehm. Aber kein Auslöser für ein Weihnachtsgefühl. Manchmal denke ich, es gibt keine Auslöser mehr.
Außer vielleicht Bruce Willis.
Bruce Willis ist ein Auslöser. Ich habe festgestellt, dass sich ein weihnachtliches Gefühl bei mir einstellt, wenn ich den Film „Stirb Langsam“ sehe. Der Film spielt am Weihnachtsabend, und wird auch an den Weihnachtstagen ausgestrahlt. Er ist eine weihnachtliche Konstante. Eine gewalttätige Konstante zwar, aber dennoch eine Konstante. Das ist, wenn ich jetzt so darüber nachdenke, ziemlich beunruhigend.
Jetzt sind ja auch die Weihnachtsmärkte wieder geöffnet, die leider auch nicht unbedingt ein Auslöser für ein Weihnachtsgefühl sind. Irgendwie machen sie es sogar eher schlimmer.
Am Donnerstagabend war ich mit meinem Kollegen Sebastian auf dem Weihnachtsmarkt am Alexanderplatz. Eigentlich ist es kein richtiger Weihnachtsmarkt. Sie haben ein paar Buden aufgestellt, von denen die meisten nicht gut besucht sind, nur vor dem Glühweinstand sammeln sich die Menschen. Ihnen ging es wie uns, sie waren hier, um Glühwein zu trinken. Während Sebastian die zweite Runde holte, versuchte ich, die Musik zu vergessen, die hier sehr laut lief – sie irgendwie auszublenden. Wenn es wenigstens Weihnachtsmusik gewesen wäre. Darum ging man doch auf Weihnachtsmärkte. Um in die richtige Stimmung zu kommen. In Weihnachtsstimmung.
Unglücklicherweise half mir Florian Silbereisen nicht dabei, aber "Links a Mad"l, rechts a Mad"l" scheint ja eine Art Liebeslied zu sein, sozusagen auf Silbereisensche Art. Und Weihnachten ist ja das Fest der Liebe. Vielleicht hatte ja der Besitzer des Glühweinstandes daran gedacht. Das erklärte allerdings nicht, warum er die Musik so laut laufen ließ. Aber womöglich musste man sich nur darauf einlassen. Ich versuchte es, aber es funktionierte nicht. Ich kriegte Florian Silbereisen und Weihnachten einfach nicht zusammen. Die Menschen, die um mich herumstanden, stellte es offenbar vor keine allzu großen Probleme, Florian Silbereisen und Weihnachten zusammen zu bringen. Sie waren viel zu laut und für meine Begriffe auch ein wenig zu textsicher. Sie waren mir peinlich. Ich schämte mich für diese Leute, als wäre ich für sie verantwortlich. "Fremdschämen" nennt man das wohl. Der Alexanderplatz ist ja für Touristen ein beliebtes Ausflugsziel, und wenn jemand aus – sagen wir mal – Los Angeles das hier sah, konnte er schnell einen falschen Eindruck bekommen. Als mein Kollege mit den dampfenden Plastikbechern zurückkehrte, schlug ich vor, nach dem Glühwein zu gehen. Ich musste weg. Weg von diesen Leuten.
Als ich nach Hause fuhr, stellte ich fest, dass es doch ein Gefühl gibt, das ich mit der Weihnachtszeit verbinde. Ich werde immer ein wenig melancholisch. An den Weihnachtsfeiertagen häufen sich die Momente, in denen ich gewisse Dinge meines Lebens in Frage stelle. Es ist wie die Sehnsucht nach einem harten Schnitt. Womöglich ist das ja meine Art Weihnachtsgefühl.
Und vielleicht lag es an diesem Gefühl, dass ich mir gestern Abend in der Videothek „Stirb langsam“ ausgeliehen habe. Den ersten Teil. Er spielt an Heiligabend im hochsommerlichen Kalifornien. Weihnachten bei dreißig Grad im Schatten. Man hat das Gefühl, Weihnachtsgefühle sind hier fehl am Platz. Und vielleicht ist es ja das, was mich berührt.
Ich zündete eine Kerze an, setzte einen Grünen Tee auf und machte es mir auf dem Sofa bequem. Und dann, nach ungefähr einer halben Stunde, passierte es. Während Bruce Willis mit blutenden Füßen reihenweise Schwerverbrecher niedermetzelte, spürte ich es. Ich spürte ein Weihnachtsgefühl. So wie es eigentlich sein sollte. Ein Weihnachtsgefühl, das sich richtig anfühlte.
Als der Film vorbei war, sah ich mir den gesamten Abspann an. Dann ging ich auf meinen Balkon, um eine Zigarette zu rauchen. Draußen fiel dichter Schnee. Ich zog frierend an der Zigarette und beobachtete die vielen Autos, die sich auf der Karl-Marx-Allee drängten. Es war die richtige Stimmung. Es war ein nachdenklicher, ein melancholischer Moment.
Ein perfekter Augenblick.
Es war eine gute Idee, mir „Stirb langsam“ auszuleihen. Es ist der wahre Weihnachtsfilm.
„Ach Bruce“, sagte ich leise.
Ach Bruce.
Ich schnippte die angerauchte Zigarette in die Nacht, und verließ den Balkon. Ich musste jetzt schließlich meine Wohnung schmücken.
Dringend.
Die nächste Großstadtkolumne erscheint am Freitag.
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