Großstadtkolumne | Verzweifelte, Soziopathen und Sexsüchtige
Natürlich muss man jetzt einwenden, dass dies Klischees sind, aber irgendwie hat man ja doch im Kopf, dass auf solchen Portalen eher Verzweifelte, Soziopathen und Sexsüchtige zu finden sind, als attraktive, gutverdienende Bildungsbürger, deren Leben mit der Arbeit, Freunden und Italienischkursen für Fortgeschrittene so ausgefüllt ist, dass ihnen einfach keine Zeit bleibt, um die Liebe ihres Lebens zu finden.
Als aufgeklärter Mensch ist man darüber hinaus, Opfer solcher Legendenbildungen zu sein. Allerdings setzt sich mein Bild über die Nutzer solcher Internetdienste aus Erzählungen zusammen, die eine andere Geschichte erzählen. Das liegt wohl vor allem daran, dass Geschichten einfach erzählenswerter sind, in denen Psychopathen und Sexsüchtige vorkommen. Insofern sind es solche Geschichten, die sich verbreiten, und auch ich kann mich ihrer manipulativen Wirkung nicht entziehen.
Wahrscheinlich konnte ich das nie.
Vor einigen Jahren habe ich mich auf einer zweistündigen Zugfahrt mit einem Psychologen darüber unterhalten, warum es mir so schwer fällt, die richtige Frau zu treffen. Wir hatten uns im Zug kennen gelernt, er erzählte, dass er sich auf Paartherapien spezialisiert hat, und im Laufe unserer Unterhaltung fiel mir auf, dass sein Tonfall irgendwie professioneller wurde. Unser Gespräch war ganz unbemerkt in eine Therapiesitzung geglitten. Er stellte mir mit sanfter Stimme Fragen. Seine Blicke beruhigten mich, während er mich analysierte. Dann erklärte er, dass ich mich einfach an den falschen Orten aufhielt, um Frauen kennen zu lernen, und riet mir, unter anderen Umständen Frauen zu treffen.
„Wo denn?“, fragte ich hilflos.
Er zählte einige Möglichkeiten auf, um dann nach einer Kunstpause, die schon beinahe ein Zögern war, vorzuschlagen: „Oder … du probierst es mal auf einem Dating-Portal.“
„Ein Dating-Portal“, wiederholte ich, und ich glaube, jetzt klang ich noch hilfloser.
Er nickte sanft.
Ich muss dazu sagen, dass meine Skepsis gar nicht so sehr mit der Furcht vor eventuellen psychisch hochgradig gestörten Nutzern dieser Portale zusammenhing. Es war harmloser: Ich dachte an Ted Mosby, den Protagonisten der Serie „How I met your Mother“. Die dramaturgische Klammer, die diese Serie umschließt, ist die Schilderung eines Vaters, der seinen Kindern berichtet, wie er ihre Mutter kennen gelernt hat. Inzwischen erzählt er schon seit acht Staffeln davon und ein Ende ist nicht abzusehen, weil die Serie sehr erfolgreich ist. Im wahren Leben kann dieser Erzählumfang natürlich schon anstrengend sein, aber wenn mich meine Kinder irgendwann mit leuchtenden Augen nach den originellen und aufsehenerregenden Umständen fragen, unter denen ich ihre Mutter kennen gelernt habe, möchte ich sie nicht enttäuschen.
Mein Freund Ansgar hat seine Freundin beispielsweise während eines Urlaubs in Kapstadt kennen gelernt. Sie stellten fest, dass sie in Berlin nur einige Straßen voneinander entfernt wohnten. Nach ihrer Rückkehr trafen sie sich ein paar Mal und verliebten sich ineinander. Das ist eine Geschichte, die man gern erzählt. Eine Jet-Setter-Geschichte. Sie klingt international. Sie hat etwas weltgewandtes. Wenn Anne und Ansgar später ihren Kindern von den Umständen ihrer ersten Begegnung erzählen, wird ihre Geschichte mit Sätzen wie „Damals in Kapstadt“ beginnen. Und das klingt irgendwie besser als „Damals bei Friendscout24.“
Ihre erste Begegnung war von so vielen Zufällen abhängig, dass es schon beinahe ein paar Zufälle zu viel sind, was ihrem Kennenlernen ja auch etwas Schicksalhaftes gibt. Milan Kundera hat in einem seiner Romane die Bedeutung der Liebe zwischen zwei Menschen daran gemessen, wie viele Zufälle nötig sind, damit sie sich überhaupt begegnen. Diese These ist natürlich nicht beweisbar, aber sie ist ein schönes Bild. Bei Ansgar und Anne würde Kunderas romantische These zutreffen, denn die beiden sind vor ungefähr zwei Monaten Eltern geworden.
Wenn man das jetzt mal mit der Suchfunktion eines Dating-Portals vergleicht, in der man nach Haarfarbe, Alter, Figur und Entfernung von der eigenen Postleitzahl filtert, erinnert das ja eher eine Fleischtheke, an der man mit den Worten „Wat nehm ick denn heute?“ die Sorte Wurst auswählt, die einem am ehesten schmeckt. Und an Fleischtheken gibt es für Zufälle nur wenig Spielraum. Und für Schicksal wohl auch nicht.
„Dit is allet Schicksal“, sagte Bettina, als ich ihr von meinem Vorbehalt erzählte. „Der eene trifft sich so, der andere so. Und außerdem“, sagte sie und machte eine elegante Kunstpause. „Außerdem haben wir uns ja total romantische Nachrichten geschrieben, bevor wir uns getroffen haben.“
Total romantische Nachrichten also. Ich nickte interessiert.
Allerdings ist es mit der Romantik ja so eine Sache, sie kann schnell ins Kitschige, oft sogar ins Peinliche übergehen, ohne dass man es selbst bemerkt. Darum hat Bettina ein Word-Dokument angelegt, in dem sie die – nun gut, sagen wir mal – originellsten E-Mails, die ihr geschrieben werden, sammelt. Hin und wieder schickt sie mir einen der Texte, und was soll ich sagen, auf Dating-Portalen scheinen sich wirklich nur ausgesprochen romantische Männer zu bewegen.
Männer, die in der Lage sind, E-Mails wie diese zu verfassen: „Umwerfend schöne, hinreißend attraktive Bettina, hast du nicht Lust einen lieben und attraktiven Klavierspieler kennenzulernen, der dein Herz erobern möchte? Vielleicht darf ich dich mal in eine Pianobar auf eine Karaffe Rotwein einladen und ein paar Lieder für dich spielen? Was sagst du? Würdest du mir zuhören, wenn ich für dich spiele?“
Jetzt ist es wohl ebenfalls Zeit für eine Kunstpause. Atmen wir einen Moment lang tief durch.
Einen Moment, in dem sich einige Leserinnen sicherlich verschämt eine Träne von der Wange wischen. Aber auch wenn die Träne verschwunden ist, wird sich die wohlige und sicherlich auch ein wenig erregende Gänsehaut noch einige Minuten halten. Als wären sie gerade sanft mit vielen kleinen, roten, flaumigen Plüschherzen beschossen worden. Man fühlt sich verletzlich, auf angenehme Art. Und jetzt – ich weiß, dass ist etwas unfair – werde ich dieses verletzliche Gefühl noch intensivieren. Ich hoffe, ihr lest diesen Text nicht im Büro. Eure Kollegen könnten irritiert sein.
„Hallo, wusstest du, dass dein Profilbild total schön und inspirierend ist? Als du geboren wurdest, hat es bestimmt geregnet, der Himmel muss schließlich geweint haben, als er einen Stern verloren hat.“
Romantik pur. Da frage ich mich schon, wie ein Mensch im wahren Leben ist, der fähig ist, solche Zeilen zu verfassen. Welche Ausstrahlung er hat? Welche Aura ihn umgibt?
Nun ja.
Wir wissen alle, dass es immer natürlich eine gewisse Diskrepanz zwischen der Selbstdarstellung auf einem Online-Portal und dem Menschen selbst gibt, also zwischen dem Menschen, für den man gehalten werden möchte und dem Menschen, der man ist. Dieser Unterschied hebt sich allerdings auf, wenn man sich im realen Leben begegnet, bei einem ersten Date vielleicht.
Meiner Bekannten Rebecca ist das Anfang des Sommers passiert. Mit Sebastian. Wie bei Bettina begann alles mit romantischen Nachrichten, die ausgetauscht wurden. Doch irgendwann möchte man nicht mehr als nur Nachrichten austauschen, man möchte der Beziehung eine neue Ebene geben. Also schlug Sebastian ihr vor, ein gemeinsames Picknick zu machen. Ein Vorschlag, der auch ganz gut zu seinen romantischen Nachrichten passte. Alles schien sich zusammenzufügen und Rebecca sagte begeistert zu.
Dann sagte Sebastian, dass er sie um 7:30 Uhr abholen würde. Morgens. An einem Sonntag. Nun gut, das war schon eigenartig, aber Rebecca dachte an die vielen romantischen Nachrichten und entschied nach kurzem Überlegen, das Wort „eigenartig“ durch den Begriff „originell“ zu ersetzen.
Am nächsten Sonntagmorgen kurz vor acht machte sie es sich auf dem Beifahrersitz von Sebastians Wagen bequem und blickte aus dem Fenster. Die Fassaden restaurierter Häuser glitten vorbei. Die Straßen waren in das angenehme Licht eines beginnenden Sommertages getaucht und Rebecca stellte überrascht fest: Alles stimmte.
„Richtung Grunewald“, hatte Sebastian mit einem vieldeutigem Lächeln gesagt, als sie eingestiegen war.
Ach, an den Arsch der Welt?, hatte sie gedacht, aber sie lächelte, weil Sebastian wirkte, als hätte er sich für ihren gemeinsamen Tag einen Plan gemacht. Ein Plan, der ihr half, den Alltag hinter sich zu lassen. Und bisher schien das ja auch sehr gut zu funktionieren. Sie lehnte sich zurück, schloss die Augen und genoss die Wärme der Sonnenstrahlen auf ihrer Haut.
Dann erzählte Sebastian, dass seine Eltern Anfang des Jahres gestorben waren. Im Abstand von drei Monaten. Rebecca öffnete die Augen, sah zu Sebastian hinüber und spürte, dass die Leichtigkeit dieses perfekten Sommermorgens gerade irgendwie verschwunden war, was vielleicht auch daran lag, dass sie nicht sicher war, ob Todesfälle naher Verwandter ein angemessenes Thema waren – bei einem ersten Date.
„Krebs“, sagte Sebastian.
Krebs. Scheiße!
„Wie tragisch,“ sagte Rebecca, aber sie traf irgendwie nicht den Ton, in dem sie es eigentlich sagen wollte. Es klang nicht echt. Wahrscheinlich weil sie eigentlich „Tut mir leid“ sagen wollte, aber das klang so austauschbar, wie in einem dieser amerikanischen Filme, in denen sie ja auch so sprachen. Um noch irgendetwas zu retten, versuchte sie, ihm einen ergriffenen Blick zuzuwerfen, aber Sebastian achtete auf die Straße. Er hatte es gar nicht mitbekommen.
Sie schwiegen einige Minuten. Dann sagte Sebastian, dass der Friedhof, auf dem seine Eltern lagen, fast auf ihrem Weg liegen würde. „Da können wir doch gleich noch frische Blumen aufs Grab legen“, sagte er und lächelte zu ihr hinüber. „Ist auch kein großer Umweg.“
Wir?, dachte Rebecca hilflos.
Sie wusste nicht, was sie darauf erwidern sollte. Sie stand gewissermaßen mit dem Rücken zur Wand. Sie lächelte ein Stewardessenlächeln. Ein gefrorenes, routiniertes, festgetackertes Lächeln. Das Ende aller Emotionen. Sebastian schien das als ein „Ja“ zu deuten. Sie hielten vor einem Blumengeschäft, in dem Sebastian einen großen Strauß weißer Tulpen kaufte. Als er zurückkehrte, öffnete er die Beifahrertür und gab Rebecca den Strauß. Dann schloss er behutsam die Tür. Es war ein bisschen so, als würden sie zu einer Beerdigung fahren. Als sie vor dem Friedhof aus dem Wagen stiegen, sagte Rebecca, dass sie es irgendwie unangemessen fand, ihn zum Grab zu begleiten. Sebastian nickte verständnisvoll. Dann nahm er eine der Tulpen aus dem großen Strauß und gab sie ihr. Rebecca blickte entsetzt auf die Tulpe in ihrer Hand. Auch das war gerade ziemlich unangemessen, aber irgendwie war es ja auch konsequent.
Ein erstes Date. Zumindest war es originell, auf eine besorgniserregende Art zwar, aber dennoch originell. Ich weiß nicht, ob es Rebecca aufgefallen war, aber ihre erste Begegnung beinhaltete die drei großen literarischen Themen: Leben, Liebe und Tod. So gesehen war sie perfekt. Ich habe Rebecca nicht darauf hingewiesen, sie hätte mich eventuell missverstanden.
Tja.
Die Diskrepanz zwischen überzeichneter Wirklichkeit und Realität ist das Hinterhältige an Dating-Portalen. Allerdings ist sie nicht die einzige Gefahr, der man sich bewusst sein muss. Dating-Portale können auch sehr heimtückisch sein, wenn man ein sparsamer Mensch ist.
Ich weiß das, weil ich einen Mann kenne, der ein sehr sparsamer Mensch ist. Er hat sich vor ungefähr drei Jahren bei einem Dating-Portal angemeldet, das ihm von einem Kollegen empfohlen worden war. Nach einigem Zögern schloss er ein Jahresabonnement ab, weil die monatlichen Beiträge am günstigsten waren. Und das Argument, dass man einfach nicht innerhalb von nur vier Wochen die Frau seines Lebens findet, überzeugte sogar seinen Geiz. Er zahlte 40,- Euro im Monat – ein Preis, der meinem Bekannter physischen Schmerz zufügen zu schien, wenn er ihn erwähnte. Zumindest wirkten seine Züge sehr leidend, wenn wir über das Thema sprachen.
Als er ungefähr eine Woche Mitglied war, geschah etwas Unerwartetes. Formulieren wir es mal folgendermaßen: Das Schicksal meldete sich zu Wort.
Er lernte Susanne kennen.
Sie trafen sich, sie verstanden sich, alles griff ineinander, die Dinge entwickelten sich ganz natürlich, es hätte perfekt sein können. Allerdings gab es da ein Problem: Sein Abonnement lief noch elf Monate. Das waren 440,- Euro. Er wollte sie nicht verschwenden. Er war einfach zu geizig. Eine Eigenschaft, die aus jedem Menschen das Hässlichste herausholt.
Mein Bekannter blieb aktives Mitglied des Dating-Portals. In den folgenden elf Monaten traf er sich mit 28 Frauen, mit elf von ihnen hatte er geschlafen. Susanne war die Konstante dieser elf Monate. Möglicherweise lag es daran, dass sie ungefähr ein Jahr nachdem sie sich kennen lernten, zusammenzogen, wahrscheinlich ist jedoch, dass sein Abonnement ausgelaufen war. Nun ja. Ich bin gespannt, was er seinen Kindern erzählt, wenn sie ihn nach den Umständen der ersten Begegnung mit ihrer Mutter fragen.
Was soll ich sagen, es sind solche Erlebnisse, die mich die Nutzer solcher Portale nicht unvoreingenommen beurteilen lassen. Aber ich weiß, es gibt auch die anderen Beispiele. Es gibt sie natürlich. Die Charmanten, die Sensiblen, die Coolen und die Treuen. Sie sind da draußen, irgendwo.
Es sind eben nur nicht so viele. Wie im wirklichen Leben.



