Großstadtkolumne | "Meine Freundin ist unrockbar ..."
Es gibt scheinbar harmlose Dinge, die das Date mit einer Frau schnell kippen lassen können, beispielsweise wenn man in einem Restaurant sitzt und plötzlich ein Bekannter an den Tisch tritt. Normalerweise begrüßt man sich herzlich und macht ein wenig Smalltalk, bevor man sich verabschiedet, dann wendet man sich wieder seiner Gesprächspartnerin zu. Mit einem Lächeln.
So sollte es eigentlich sein.
Das kann sich allerdings ändern, wenn zum Beispiel diese Art von Bekannten an den Tisch tritt, denen Berührungsängste fremd sind, und auch ein gewisses Einfühlungsvermögen. Jemand, der ansatzlos das Gespräch an sich reißt, unser Schweigen als Einverständnis versteht, sich dazuzusetzen, während er der Kellnerin ein Zeichen gibt, um ein Bier zu bestellen.
Ein Horror-Szenario, ich weiß. Es ist eine dieser Erfahrungen, die ich glücklicherweise nie machen musste – bis zu diesem Nachmittag im vergangenen Frühling. Während eines Dates mit Johanna.
Wir hatten uns auf ihrem Geburtstag kennen gelernt, auf den ich einen Freund begleitete. Seitdem telefonierten wir teilweise stundenlang und trafen uns immer häufiger. An diesem Nachmittag fuhren wir nach Friedrichshagen, einem Stadtteil von Köpenick. Es war Sonntag und obwohl es Frühling war, war die Bölschestraße in ein strahlendes Sommernachmittagslicht getaucht, das die Fassaden der restaurierten Gründerzeitgebäude schöner erscheinen ließ als ich sie in Erinnerung hatte. Ich sah zu Johanna hinüber, die meine Hand gegriffen hatte. Sie lächelte. Mein Blick fiel auf unser Spiegelbild in einem der Schaufenster, in denen ein verliebtes Paar zu sehen war. Es war alles so selbstverständlich, unsere zufälligen Berührungen, wie wir miteinander umgingen, wie alles ineinander griff.
„Es ist richtig schön hier“, sagte Johanna.
„Ja“, sagte ich, weil ich auch spürte, dass das hier gerade einer dieser perfekten Augenblicke war. Einer dieser Augenblicke, um die es im Leben wirklich geht.
Das sollte sich bald ändern, aber das ahnte ich natürlich noch nicht.
„Oh, ein Biergarten“, rief Johanna, als wir hinter der Bürgerbräu-Brauerei in den Weg einbogen, der zum Spreetunnel führte. „Wollen wir uns da kurz reinsetzen?“
„Klar“, sagte ich und nickte. Johanna setze sich auf eine der Bierbänke. Ich ging zum Ausschank, bestellte zwei Alster und blickte zu ihr. Sie saß auf der Bierbank und sah aus wie ein Engel, irgendwie verloren, aber auf eine schöne Art. Sie lächelte, als ich an den Tisch trat und die Gläser abstellte. Ich setzte mich und wir stießen an.
„Auf diesen Abend“, sagte Johanna.
Auf uns, dachte ich und hätte es auch fast gesagt, aber plötzlich brach eine Männerstimme in diese angenehme, fast perfekte Stimmung. Es war eine laute und raue Stimme, und es war eine Stimme, die meinen Namen rief.
Es war die Stimme von Matthias.
Wir hatten uns seit Jahren nicht gesehen, und ich ertappte mich bei dem Gedanken, dass sich das Schicksal für unser Wiedersehen ruhig noch ein paar Tage hätte Zeit lassen können.
Ich muss dazu wohl erklären, was ich für ein Verhältnis zu meinem Heimatbezirk habe. Köpenick ist ein Berliner Stadtteil, dessen Alltag auf einem eher kleinstädtischen Niveau stattfindet. Für Kinder ist es sicherlich schön, dort aufzuwachsen, aber als Teenager begriff ich, dass Köpenick nicht unbedingt die Kulisse war, die zu meinen Vorstellungen passte, etwas aus meinem Leben zu machen. Das Leben fand woanders statt. So hatte ich das damals empfunden. Nach Köpenick kehrte man zurück. Wenn man erfolgreich im Berufsleben war, wenn man erfolgreich im Privatleben war, wenn die Zeit gekommen war, eine Familie zu gründen. Wenn man es sich leisten konnte, zog man in eine dieser hübschen kleinen Stadtvillen in Friedrichshagen.
Man kehrt zurück. Doch man kann nur zurückkehren, wenn man weg gewesen ist. So hatte ich die Menschen damals eingeteilt – in diejenigen, die blieben und die, die weg gingen. Die, die zurück blieben, dachten nie darüber nach, weg zu gehen. Das war der Unterschied, der letztlich alles sagte. Und Matthias gehört zu den Menschen, die geblieben waren.
„Mensch, Micha!“, rief Matthias. Sein Kopf leuchtete. Als er mir zuwinkte, sah man einen dunklen Fleck, der sich unter seiner rechten Achsel ausbreitete. Er hielt ein leeres Bierglas in der linken Hand, das sicherlich nicht sein erstes war, es fiel ja schon auf, wie sein Blick entglitt. Ich berührte das Display meines Handys, das vor mir auf der Tischplatte lag. Es war vierzehn Uhr.
„Matthias“, sagte ich.
„Ick wollte mir grade n Bier hol'n“, sagte Matthias. „Und plötzlich denk ick: Momentchen, den Kollegen kennste doch.“ Sein Lachen dröhnte über den Biergarten. Die ersten Köpfe drehten sich nach uns um. Ich blickte zu Johanna und ertappte mich bei dem Gedanken, dass sich hier gerade zwei Welten berührten, die sich eigentlich nicht berühren durften. Aber Johanna lächelte, und mit ihrem Lächeln schien alles zu stimmen.
„Ick bin Matte“, sagte Matthias.
„Johanna“, sagte ich schnell, als müsste ich sie retten. Als sich die beiden die Hand gaben, begann Matthias plötzlich zu singen, was mich nun wirklich überforderte.
„Joana“, intonierte Matthias, „geboren um Liebe zu geben, verbotene Träume erleben.“
Oh Gott, dachte ich. Was passierte hier gerade? Es war irgendwie surreal, auf eine peinliche Art. Ich starrte verzweifelt auf die Hände der beiden, die immer noch ineinander lagen und wünschte mich weg. Ganz schnell. Mit Johanna.
Und dann – ja, dann – passierte etwas vollkommen Unerwartetes: Johanna stimmte in Matthias' Gesang ein.
„Ohne Fragen an den Morgen“, sangen sie.
Mein Blick hielt sich verzweifelt an ihren Händen fest. Offenbar hatte Matthias gerade das Eis gebrochen. Mit einem Roland-Kaiser-Lied. Ich war mir nicht sicher, ob das ein gutes oder ein schlechtes Zeichen war. Zumindest schien fehlende Humorkompatibilität nicht ihr Problem zu sein. Ich fühlte mich, als wäre ich in eine Volksmusiksendung geraten. Es war nur zu hoffen, dass nicht gleich Achim Mentzel um die Ecke tanzte.
„Roland Kaiser“, sagte Matthias überflüssigerweise. „Joanna. Vastehste?“
„Ich versteh schon“, sagte ich.
„Ist doch lustig“, sagte Johanna mit einen aufmunternden Blick, der mir auch vorwarf, mich nicht entspannen zu können.
Als ich Matthias die Hand geben wollte, um mich zu verabschieden, sagte er mit einem Blick auf sein geleertes Bier: „So, ick hol mir jetzt erstmal n Bier – bin gleich wieda da.“
„Jut“, sagte ich matt. „Bis gleich.“ Offensichtlich hatte ich es nicht mehr in der Hand.
Eine halbe Stunde später setzte Matthias sein Bier ab und sagte: „Ick war ja letztens bei Union jewesen.“
„Ach?“, sagte ich. „Und, wie war's?“ Ich hoffte, Johanna nahm nicht an, er würde von der CDU sprechen, obwohl sie ja schon vor zwei Jahren aus Hamburg nach Berlin gezogen war.
„War richtich jut jewesen“, sagte Matthias.
„Ich war ja nie so ein Fußball-Fan. Weißt du ja“, sagte ich.
„Ick weeß, aber Union, dit is ja nicht nur Fußball“, sagte Matthias, und jetzt klang er wirklich, als würde er über die CDU reden.
„Der 1. FC Union“, sagte ich erklärend zu Johanna,
„Hab ich mir schon gedacht“, sagte sie und lachte.
Das war der Moment, in dem etwas mit Matthias passierte. Ich sah es in seinem Blick. Er musterte Johanna aufmerksam, bevor er ihr eine Frage stellte. Es war nicht irgendeine Frage, es war gewissermaßen die Grundsatzfrage.
„Biste eijentlich Ossi oder Wessi?“, fragte er.
Gott, dachte ich. Ich war wieder da. In Ost-Berlin, vor zwanzig Jahren. Ich fühlte mich wie ein Zeitreisender. Zwanzig Minuten fährt man mit der S-Bahn vom Alexanderplatz bis nach Köpenick. Für jede Minute ein Jahr. So gesehen war Johanna die Frau aus der Zukunft.
„Ich komm aus Hamburg“, hörte ich die Frau aus der Zukunft sagen.
„Hamburg“, wiederholte Matthias, der wirklich einige Momente brauchte, um das zu verarbeiten. Vielleicht überlegte er, ob es ein auch Hamburg in Sachsen-Anhalt oder Thüringen gab. Dann schien er eine Entscheidung getroffen zu haben. „Aber sympathisch“, stellte er fest. „Eijentlich red ick ja nich mit solchen Leuten.“
Ich starrte durch ihn hindurch. Mit solchen Leuten? Was war mit dem Mann los? Sie war kein NPD-Mitglied, sie kam aus Hamburg.
„Und warum nicht?“, fragte Johanna und lachte wieder. Ich sah zu ihr hinüber, mit ihrem Lachen schien alles zu stimmen. Immer noch. Sie verstand es wohl als eine Art Kompliment, und so war es ja auch gemeint.
„Na ja“, sagte Matthias und holte tief Luft, man sah ihm förmlich an, wie er innerlich ausholte.
„Das würde jetzt wohl ein bisschen zu weit führen“, sagte ich schnell, obwohl ja klar war, dass das zu gar nichts führen würde, eher zu Klassikern ostdeutscher Stammtischthemen. Und das wollte ich ihr nun wirklich nicht zumuten. Mir fiel auf, dass Matthias mir einen „Wieso redest du eigentlich wie ein Westler“-Blick zuwarf, aber ich konnte mich auch täuschen, dachte ich.
„So, ick will euch jetzt nich weiter uffhalten“, sagte Matthias und erhob sich schwerfällig von der Bank. „Ick wünsch euch noch'n schönen Abend.“
„Gut, dann würd ich sagen, bis bald“, sagte ich dankbar.
„Jenau, bis zum nächsten Mal. Tschüßi.“ Matthias machte eine verunglückte Verbeugung und verschwand. Er wankte.
„Der ist ja lustig“, sagte Johanna, als er außer Hörweite war.
„Ja“, sagte ich, blickte in mein Alsterglas, als würde ich dort die verlorengegangene Stimmung finden. Diese perfekte Stimmung vor Matthias' Zugriff, die aufblühende Verliebtheit, das Unverfängliche.
Weil Matthias das Thema ja nun einmal angeschnitten hatte, sprachen wir noch ein bisschen von früher. Ich erzählte ihr, dass ich vierzehn war, als die Mauer fiel, und dass ich mir von den 100 DM Begrüßungsgeld, die damals jedem DDR-Bürger geschenkt wurden, Ärzte-Platten gekauft hatte, damit wir langsam wieder in der Gegenwart ankamen. Die Ärzte waren eine gute Brücke.
„Ich hab die Ärzte ja nie so gemocht“, sagte Johanna. „Die waren mir immer irgendwie zu hart.“
Ich überlegte, sie zu fragen, welche Bands sie denn so mochte, doch dann fiel mir ihre Roland-Kaiser-Rezitation ein, und war mir gerade nicht mehr so sicher, ob ich es wissen wollte. Aber es war zu spät. Johanna war schon weiter.
„Ich höre irgendwie alles gern“, sagte sie. „Ich will mich da gar nicht einschränken, R&B, Pop, Schlager, eigentlich alles, was melodisch ist.“ Ich nickte stumm, während das Wort „Schlager“ in meinem Kopf immer größer wurde. „Also was ich nicht so gern höre, ist Gangster-Rap, und mit Electro werd ich auch nicht warm, also tut mir leid“, fuhr Johanna fort. „Aber ansonsten hör ich alles. Also ich bin da überhaupt nicht festgelegt. Find ich auch schade, wenn man sagt: Ich hör nur das und das. Da denk ich dann auch: Wenn du so engstirnig bist, dann hast du auch keine Ahnung von Musik.“
Aha, dachte ich und hätte ihr fast erzählt, dass es ein Lied der Ärzte namens „Unrockbar“ gibt, das davon handelt, wie gefährlich unvereinbarer Musikgeschmack für eine Beziehung sein kann, aber Johanna kam mir zuvor.
„Ich mag Alexander Marcus“, sagte sie. „Der ist lustig.“
Ich nickte hilflos. Alexander Marcus ist ein Musiker, der Schlagermusik mit elektronischen Elementen verbindet, als lustig gilt und dessen Videoaufrufe bei YouTube im Millionenbereich liegen. Das ist auch eins dieser Dinge, die ich nie verstehen werde. Diese Art von Humor. Ich könnte niemals ausgelassen zu Schlagerliedern tanzen. Es passt, wenn man so will, nicht zu meiner Philosophie.
„Man muss sich wohl nur darauf einlassen“, sagte ich, und hoffte, dass Johanna nicht fragen würde, welche Bands ich mochte. Ihre Namen hätten ihr wahrscheinlich sowieso nichts gesagt. Das würde ich später machen. Wenn wir uns besser kannten.
Dann sagte Johanna: „Und Heinz-Rudolf Kunze, den mag ich auch. Kennst du den?“
Es stand offenbar schlimmer als ich dachte.
„Ich könnte ihm jetzt kein Lied zuordnen“, sagte ich vorsichtig.
„Muss ich dir mal vorspielen. Gefällt dir bestimmt.“
„Bestimmt“, sagte ich, weil es so einfacher war.
Als wir unsere Gläser geleert hatten, erhoben wir uns und gingen zum Müggelsee. Johanna legte ihren Arm um meine Hüfte, schmiegte sich an mich – und ich konnte nur noch an ihren Musikgeschmack denken.
Die Namen der Bands würden nicht genügen, dachte ich. Ich würde einiges erklären müssen. Es gab viel zu besprechen.
Mit den Ärzten würde ich anfangen.
Die nächste Großstadtkolumne erscheint am Donnerstag.
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