Großstadtkolumne | Vom Suchen und Finden der Liebe (1)
Es gibt diese Fehler, aus denen ich nicht lerne. Fehler, die ich trotz umfangreicher Erfahrungswerte immer wieder mache. Einer dieser Fehler ist beispielsweise die Annahme, dass es nicht unwahrscheinlich ist, im Berliner Nachtleben die Frau meines Lebens zu finden. Es ist eine naive Annahme, ich weiß. Natürlich finde ich sie nicht. Perfekte Frauen haben andere Dinge zu tun, als sich um sechs Uhr morgens in irgendwelchen Bars oder Clubs aufzuhalten und den nächsten Gin Tonic zu bestellen. Bessere Dinge. Und – um mich an dieser Stelle auch mal selbstkritisch zu hinterfragen – perfekten Männer geht es da sicherlich ähnlich.
Ich kenne einen Mann in meinem Alter, der mir, als ich ihm mein Problem schilderte, in einem langen Gespräch erläuterte, dass man der perfekten Frau ausschließlich in Alltagssituationen begegnet. In der Straßenbahn, in Kaufhäusern oder der Schlange beim Bäcker. Ich nickte zustimmend. Die Ausführungen meines Bekannten klangen schlüssig. So schlüssig, dass ich seit unserem Gespräch in alltäglichen Situationen darauf achte, ob meine potentielle große Liebe in ihnen vorkommt.
Und was soll ich sagen, mein Bekannter hat recht.
Als ich neulich Tickets für ein Jazzanova-Konzert kaufte, stand vor mir in der Schlange an der Konzertkasse eine Frau, die in mein Bild einer perfekten Frau passte. Und auch als ich kürzlich eine gute Freundin besuchte, entdeckte ich eine der perfekten Frauen in der vollbesetzten Straßenbahn. Ich war beeindruckt. Es gab sie, die Chancen waren da. Ich musste sie nur ergreifen. Leider, muss man wohl sagen, denn ich werde sie wohl nie nutzen. Offen gestanden bin ich zu schüchtern, um in Alltagsmomenten spontan Frauen anzusprechen. Ich bin irgendwie nicht der Typ, der in vollbesetzten Straßenbahnen souverän zu schönen Frauen geht, um mit ihnen auf natürliche Art ins Gespräch zu kommen, während uns die anderen Fahrgäste beobachten, als wären sie Rentner, die anderen beim Einparken zusehen. Es ist ein Publikum, das auf einen Unfall hofft. Und das erhöht den Druck schon sehr.
Ich glaube nicht, dass ich fähig bin, ständig in Straßenbahnen, Supermarktschlangen oder vollbesetzten Restaurants über meinen Schatten zu springen. Da stehe ich mir selbst im Weg. Aber es gibt ja noch andere Möglichkeiten. Letzten Sommer hat mir ein Bekannter erzählt, es gelte als statistisch erwiesen, dass die meisten Beziehungen am Arbeitsplatz entstehen. Das wäre ein Ansatz. Leider arbeiten in meiner Firma keine weiblichen Angestellten, und offen gestanden bin ich dann doch noch nicht ganz soweit, dass mich meine private Situation in die Homosexualität treibt.
Also bleiben mir nur die Nächte. Vorerst zumindest.
In den Nächten schlägt ja auch der Alkohol eine Brücke. Saufen verbindet. Das kann natürlich auch hin und wieder zu Fehleinschätzungen führen. Nach dem dritten Wodka Red Bull entdeckt man im Gespräch mit einer Frau schon mal Verbindungen, vielleicht sogar auf mehreren Ebenen – emotional, intellektuell und womöglich sogar spirituell.
Am vorigen Samstagabend fragte mich beispielsweise eine Frau namens Judith: „Bist du glücklich?“
Bist du glücklich? Ein Satz, der vieles impliziert, vor allem, wenn diese Frage um vier Uhr morgens in einer Bar gestellt wird, in der sich unzählige betrunkene und viel zu laute Menschen aneinanderdrängen. In einem Umfeld, in dem normalerweise so existenzielle Themen erörtert werden, ob man zum Wodka eher Red Bull oder Lemon bevorzugt, kann man aus einer solchen Frage vieles interpretieren: Anteilnahme, Interesse, Menschenkenntnis, Einfühlungsvermögen und natürlich auch eine gewisse Tiefe unserer Unterhaltung.
Tja.
Leider erzählt dieser Satz nicht die ganze Geschichte. Die beginnt nämlich ein wenig früher. Am vorigen Samstagabend war ich mit meinem guten Freund Frederick im Trust. Das Trust ist eine Bar in Berlin-Mitte, die wir hin und wieder besuchen. Einer Bar, in der ausschließlich hochprozentige Spirituosen angeboten werden. Im Trust bestellt man kein Glas Gin Tonic, man bestellt eine Halbliter-Karaffe Gin. Tonic, Gläser und Eis werden dann dazu serviert. Man mischt seine Drinks selbst, das ist das Konzept. Ein Konzept, das Konsequenzen haben kann, wenn man bereits drei Gläser getrunken hat und in einem Zustand ist, in dem man das Mischungsverhältnis, dass man da gerade kreiert, nur noch sehr vage einschätzen kann.
Vielleicht lag es ja auch daran, dass ich gegen vier Uhr morgens eine Frau entdeckte, die mir gefiel. Als sich unsere Blicke trafen, lachte sie ein offenes und herzliches Lachen. Bevor ich ihr Lächeln erwidern konnte, fiel mir allerdings der Mann auf, der neben ihr stand und herausfordernd in meine Richtung starrte. Ich lächelte müde und drehte mich kopfschüttelnd weg. Offen gestanden verstehe ich manche Frauen nicht. Warum gehen sie mit ihrem Freund in solche Bars? Man geht ja auch nicht mit einer Flasche Wein ins Restaurant. Wein gibt es schließlich in Restaurants.
Ich blickte mich nach Frederick um, den ich im hinteren Teil der Bar entdeckte, und der sich angeregt mit zwei auffallend vollbusigen Frauen unterhielt. Es wirkte, als würden sie die Weltlage diskutieren, was in einer Bar, wie dem Trust, ja eher als logisches Paradoxon zu werten war. Ich gab ihm mit der Hand ein Zeichen und begann mich durch die Menge zu drängen. Plötzlich spürte ich eine Hand an meinem Arm und wandte mich um. Es war die Frau, die mir gerade so herzlich zugelacht hatte.
„Hi“, sagte sie.
„Hi“, sagte ich.
„Bist du glücklich?“, fragte sie.
Wie bitte?, dachte ich.
Judiths Frage traf mich mit voller Wucht. Sie überforderte mich. Ich habe ja schon gewisse Schwierigkeiten, die Begrüßungsfloskel „Wie geht's“ als Floskel zu begreifen. Ich setze – gewissermaßen im Affekt – zu einer umfangreichen Antwort an, bevor ich begreife, dass es einfacher ist, jetzt einfach „gut“, „ausgezeichnet“ oder „fantastisch“ zu sagen. Ich begreife das immer sehr schnell, aber anfangs gibt es immer diesen kleinen naiven Moment. Jemand mit diesen Anlagen ist einem „Bist du glücklich?“ natürlich schutzlos ausgeliefert. Allerdings war ich mir nicht sicher, ob es nicht vielleicht doch eine ironische Metapher war, die ich nicht verstand. Das konnte sie nicht ernst meinen. Ich suchte nach diesem Hauch von Ironie in ihrem Blick, der alles aufgelöst hätte, aber Judith sah mich nur abwartend an.
Sie meinte es ernst.
Nun ja. War ich glücklich? Mit einen „gut“, „ausgezeichnet“ oder „fantastisch“ kam ich hier ja leider nicht weiter. Also sagte ich zögernd: „Na ja. Ich geb mir Mühe.“
Das schien die richtige Antwort zu sein, denn zwanzig Minuten später wusste ich, dass sie Judith hieß, Wein und Kaffee mochte, dass „mein Ego und ich Freunde geworden sind“, dass sie „zu viel“ Psychologie heute las und dass sie ihre Vergangenheit nach Phasen sortierte. Wenn ich es richtig verstanden habe, hatte es eine Gothic-Phase gegeben, eine HipHop-Phase und auch eine Bulimie-Phase, was irgendwie nicht so richtig in diese Aufzählung passte, wie ich fand. Ich war mir nicht sicher, in welcher Phase Judith sich inzwischen befand. Ich wusste nur, dass es die Phase war, in der ich vorkam.
Tja – da hatte ich wohl mal wieder so richtig viel Glück gehabt.
Judith sprach sehr viel. Ich schien eine geeignete Projektionsfläche zu sein. Aber offenbar empfand sie jeden, der nicht viele Worte machte, als geeignete Projektionsfläche. Ich hatte in den letzten zwanzig Minuten nur einen zusammenhängenden Satz gesagt. Und es war nur ein kurzer Satz.
Ich sagte: „Ich bewundere deine Offenheit.“
Manchmal stellte mir Judith zwar Fragen, aber die zählten nicht, denn ich habe mich noch nie ernsthaft mit den Auswirkungen meines Sternzeichens auf meine Persönlichkeit auseinandergesetzt. Ich wusste auch nicht, was mein Aszendent ist. Genau genommen weiß ich nicht einmal, was ein Aszendent überhaupt ist. Ich überlegte kurz, sie danach zu fragen, entschied mich jedoch dagegen, sonst würden wir die nächste Stunde nur noch über Sternzeichen, Aszendenten und Horoskope reden, die Frauen ja – soweit ich das beurteilen kann – als eine Art Psychologie-light verstehen. Ich lese keine Horoskope. Mir fehlt der Bezug zu Horoskopen. Genauso wie zu Judith. Aber das konnte ich ihr natürlich nicht sagen. Noch nicht. Ich wartete auf eine Lücke in ihrem Redefluss, um mich jetzt schnell von ihr zu verabschieden. Ich hatte Glück. In genau diesem Moment unterbrach sich Judith, um einen Schluck von ihrem Gin Tonic zu trinken. Ich legte meine Hand auf ihren Arm und nutzte meine Chance.
„Ich will jetzt mal ganz offen sein“, sagte ich behutsam. „Ich würd heute gern mit dir zusammen einschlafen.“
Judith sah mich an. Einen Moment lang dachte ich ein wenig irritiert darüber nach, wann ich meinen Verabschiedungsvorsatz in den letzten Zehntelsekunden verworfen hatte, dann suchte in ihrem Blick, ob es die abschließende Bemerkung unserer Unterhaltung war, ob jetzt nur noch Konversation kommen würde. Dann hätte ich ja doch noch irgendwie alles richtig gemacht.
Aber Judith nickte lächelnd.
„Das würd ich auch gern“, sagte sie und überlegte kurz, bevor sie hinzufügte: „Damit du weißt, worauf du dich einlässt.“
Sie gab mir ihr Glas und streckte mir die Innenseiten ihrer Unterarme entgegen. Wir standen in dem Raum, der sich hinter dem DJ-Pult befand. Hier war es ziemlich dunkel. Es fiel mir schwer, überhaupt etwas zu erkennen. Als ich dann die Narben sah, hatte ich eine ungefähre Vorstellung davon, worauf ich mich da einlassen würde. Aber genau genommen hatte ja schon Judiths einleitende Frage ihr verhaltenspsychologisches Profil vorweggenommen.
Ich sah Judith in die Augen, nickte ein beruhigendes „Darüber würde ich aber wirklich gern mit dir reden“-Lächeln und spürte verzweifelt, dass mir Eddie Murphy gerade sehr nah war. Eddie Murphy spielt in der Achtzigerjahre- Komödie „Der Prinz aus Zamunda“ einen Prinzen, der nach New York reist, um die Liebe seines Lebens zu finden. Er hat nur einen Monat Zeit. Die erste Woche des Monats verbringt er in den Bars und Clubs der Stadt. Er lernt dort viele Frauen kennen, um nach dieser Woche desillusioniert festzustellen: „Offenbar haben alle Frauen in New York ein ernsthaftes psychisches Problem.“
Im Film dauern Murphys Bar-Erfahrungen ungefähr drei Minuten. Ich hob meinen Blick von Judiths Armen und hatte plötzlich ich das beunruhigende Gefühl, dass diese drei Minuten aus einer amerikanischen Komödie der Achtzigerjahre mein Leben beschrieben.
Ich hatte einen Fehler gemacht, dachte ich verzweifelt. Einen Fehler, der Judith hieß. Ich warf noch einmal einen Blick auf die wirklich sehr langen Narben, die sich über ihre Unterarme zogen, und plötzlich spürte ich, dass das hier gerade ein Schlüsselmoment war.
Ein Moment, der alles ändern konnte.
Die nächste Großstadtkolumne erscheint am kommenden Donnerstag.
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