Großstadtkolumne | Nachbarschaftsliebe in Prenzlauer Berg
Als ich am vergangenen Mittwochabend meinen Freund Markus besuchte, musste ich mein Prenzlauer-Berg-Bild korrigieren. Endgültig. Obwohl „korrigieren“ schon irgendwie das falsche Wort ist. Sagen wir es emotionaler: Ich habe einen Traum beerdigt. Das trifft es wohl besser.
Es begann Anfang der Neunziger Jahre, als ich mit Markus stundenlange Spaziergänge durch Prenzlauer Berg gemacht habe, mit dem Gefühl, dass sich da etwas abspielte hinter den bröckelnden Fassaden. Etwas Besonderes, Aufregendes – und vor allem Cooles: die Szene. Wir konnten sie zwar nicht so richtig greifen, aber wir hätten gern mitgemacht.
Diese Zeit hat uns geprägt. Wenn ich mir früher meine Zukunft vorstellte, kamen darin immer Altbauwohnungen in Prenzlauer Berg vor, mit hohen Decken und vielen Flügeltüren. Es war der Blick in ein Leben, wie es sein könnte. Ein Schritt in die richtige Richtung. Unser Traum.
Ich wohne immer noch in Friedrichshain, aber Markus hat ihn vor ziemlich genau einem Jahr verwirklicht. Es gibt ja unzählige Artikel, die sich mit der Gegend um den Kollwitzplatz beschäftigen. Ich weiß natürlich, dass es inzwischen in Prenzlauer Berg ja nicht mehr so viele bröckelnde Fassaden gibt, außer beispielsweise an einem Haus in der Oderberger Straße, das es offenbar in einen Berlinreiseführer geschafft hat. Ich habe häufig Touristengruppen davor stehen sehen, für die das Haus eine Attraktion ist.
„So sah hier früher alles aus“, sagt der Gruppenleiter, während staunend Fotos gemacht werden
Für mich ist dieses Haus einer der wenigen Anhaltspunkte für das aufregende Gefühl, das ich als Siebzehnjähriger mit dem Prenzlauer Berg verband. Ein Gefühl, das für die Bewohner vom Kollwitzplatz ja auch ein Grund war, hierher zu ziehen – neben den günstigen Immobilienpreisen natürlich. Aber dann war etwas schiefgelaufen: Die Zugezogenen haben – ohne es so richtig mitzubekommen – aus der Gegend eine Kleinstadt in Baden-Württemberg gemacht. Sie haben die Provinz praktisch in die Innenstadt von Berlin befördert. So gesehen sind die Bewohner vom Kollwitzplatz in die Gegend zurückgekehrt, aus der sie einmal geflohen sind, weil sie es dort nicht mehr ausgehalten haben. Sie sind praktisch gar nicht weg. Nur die Kulisse ist anders.
Ich weiß das, aber wie schlimm es wirklich ist, ahnte ich bisher noch nicht. Denn etwas zu wissen reicht häufig ja nicht aus, man muss es verinnerlichen. Und man verinnerlicht Dinge meistens erst, wenn sie einen betreffen.
Und letzten Mittwoch begannen sie mich zu betreffen.
Ich hatte Markus seit einem guten Jahr nicht gesehen, weil es uns wie den meisten unserer damaligen Freunde ging. Wir telefonierten selten, trafen uns kaum noch, wir ließen es auslaufen, ohne es so richtig zu bemerken. Wir waren mit uns selbst beschäftigt und richteten uns in Leben ein, in dem der andere nicht mehr vorkam. Wir führten parallele Leben. Das ist schade ist, aber heutzutage leider auch ganz natürlich.
Aber manchmal fragt man sich, ob das wirklich so natürlich sein muss. Vielleicht lag es daran, dass ich ihn vor einer Woche anrief, um mich mit ihm zu verabreden.
Als mir Markus die Tür zu der Wohnung öffnete, warf ich ihm einen erschrockenen Blick zu. Er sah traurig aus, müde, irgendwie ausgelaugt.
„Alles in Ordnung?“, fragte ich und dachte: Wenn sein Blick verrät, ob alles in Ordnung ist, ist irgendetwas ganz und gar nicht in Ordnung.
„Ja, ja, alles in Ordnung“, sagte Markus und nickte müde, bevor er mich hereinbat.
Im Wohnzimmer saß Susanne, die ebenfalls müde wirkte. Auf dem Tisch vor ihr stand eine geöffnete Flasche Rotwein, die bereits zur Hälfte geleert war.
„Michael“, sagte sie und umarmte mich abwesend. Ich hörte, wie Markus in der Küche bereits die nächste Flasche entkorkte. Offensichtlich hatten wir uns heute Abend einiges vorgenommen. Es würde wohl ein langer Abend werden. Ich hoffte, dass zwischen den beiden alles in Ordnung war. Ich gab Susanne die Flasche Rotwein, die ich mitgebracht hatte. Es war kein originelles Geschenk, aber so wie es aussah, galten Gäste, die ihnen Alkohol schenkten, wohl als diejenigen, die sie am besten kannten. So gesehen hatte ich alles richtig gemacht.
Markus betrat das Zimmer, wir setzten uns und stießen an.
„Und, wie geht’s euch?“, fragte ich.
„Na ja“, sagte Markus.
Er wirkte, als wolle er noch etwas sagen, schwieg dann aber nach einem Seitenblick zu Susanne.
„Eigentlich will ich gar nicht drüber reden“, sagte sie resolut.
Aber weil ich ja weiß, was es bedeutet, wenn Frauen sagen, dass sie unter keinen Umständen über etwas reden reden wollen, ahnte ich, dass wir darüber reden würden, und zwar sehr umfangreich. Spätestens wenn die zweite Flasche geleert war.
Aber ich hatte sie unterschätzt, sie brauchte nur zwei Gläser – also ungefähr zehn Minuten – bevor sie ihre Geschichte erzählte. Eine Geschichte, die ihre Beziehung inzwischen sehr belastet. Es ist nur zu hoffen, dass sie nicht an ihr zerbricht.
Es begann ungefähr einen Monat nach ihrem Einzug. Eine Nachbarin, die sie bisher nur von einem unverbindlichen Grüßen kannte, wies Susanne im Treppenhaus darauf hin, dass es doch rücksichtsvoller wäre, wenn sie nach zehn Uhr abends nicht mehr miteinander schlafen würden. Die Frau gab ihr diesen Hinweis in einem sehr hallenden Hausflur. Sie hätte ihre Bitte auch aus dem Fenster auf die belebte Straße hinunterrufen können, es hätte keinen Unterschied gemacht. Susanne war wie vor den Kopf gestoßen. Sie wusste nicht, was sie darauf erwidern sollte. Sie spürte allerdings, dass diese Angelegenheit zu einer persönlichen Angelegenheit wurde.
Zu einer sehr persönlichen Angelegenheit.
„Das Quietschen des Bettgestelles ist doch immer sehr laut“, imitierte Susanne die Frau mit hoher Stimme, während sie sich Wein nachschenkte. „Sie gehen ja auch immer schon um zehn ins Bett, hat sie gesagt. Da wäre es doch taktvoll, wenn wir unser Liebesleben vorverlegen könnten.“
„Vorverlegen?“, sagte ich ungläubig.
Susanne lachte bitter, Markus sah sie verständnisvoll an.
„Scheißfreundlich,“ rief Susanne, nachdem sie den ersten Schluck getrunken hatte „Scheißfreundlich hat sie mich angesehen. Diese Schlampe. Nur weil sie keinen Sex mehr hat, muss sie das doch nicht an uns auslassen.“
Markus nickte schweigend, wahrscheinlich wusste er, dass es so besser war.
Dann sagte Susanne: „Ihr Mann hat sich wahrscheinlich einen runtergeholt hat, als wir Sex hatten.“
„Na ja“, sagte Markus mit einer abwehrenden Geste.
„Doch“, rief Susanne. „Der hat gedacht, sie schläft schon, und sie lag neben ihm, hat sich schlafend gestellt – und hat das Schuppern gehört. Ein Schuppern wie ein Vorwurf, wie ereignislos ihr Leben ist.“
Ich vergaß zu nicken, weil ich versuchte, das Bild ihres onanierenden Nachbarn nicht zuzulassen, obwohl ich den Mann ja gar nicht kannte.
Es war wohl dieser Abend, an dem das Weintrinken angefangen hatte. Susanne brauchte an dem Abend zwei Flaschen Wein, bevor sie begriff, wie angemessen auf die Taktlosigkeit ihrer Nachbarin zu reagieren war. Sie holte den Staubsauger aus der Kammer, zog High Heels an und saugte eine halbe Stunde lang immer wieder resolut aufstampfend Staub, in dem Zimmer, über dem sie das Schlafzimmer ihrer Nachbarn vermutete. Es war ein Uhr morgens.
Markus sagte mir leise, als Susanne im Spätverkauf neuen Wein holte, dass er sich sogar ein bisschen gewundert hatte, warum sie sich nicht geschminkt oder ein Abendkleid angezogen hatte, um es offizieller machen. Sie hatte ihren Nachbarn schließlich gerade den Krieg erklärt. Er hatte hilflos zugesehen und dann am nächsten Morgen das Bett abgebaut. Jetzt lag der Lattenrost auf dem Boden und zerschrammte das Parkett, das er beim Einzug verlegt hatte.
Seit dieser Nacht war er nicht mehr in der Lage, ungezwungen mit Susanne zu schlafen. Er konnte sich nicht fallen lassen, bei jedem Geräusch, das der Lattenrost auf dem Boden machte, hatte er das Bild seines onanierenden Nachbarn im Kopf. Er wurde es nicht mehr los.
Sie schliefen seltener miteinander, und wenn es doch einmal dazu kam, war es unwürdig. Er konnte sich nicht mehr fallen lassen. Sie stritten sich öfter. Einmal hatte Susanne ihm bei einer ihrer Streitereien ins Gesicht gebrüllt, sie wolle „endlich mal wieder gefickt werden“, ein Satz, der es auch in einen der Briefe ihrer Nachbarn geschafft hatte.
„Die Briefe?“, fragte ich.
„Ja, die Briefe“, sagte Markus bedeutungsschwanger.
„Welche Briefe denn?“, fragte ich.
Zwei Minuten später lagen die Kopien der Beschwerdebriefe vor mir, die ihre Nachbarn im Laufe der Monate der Hausverwaltung geschickt hatten. Ich nahm einen der Briefe und überflog ihn mit einem irritierten Lächeln. Es war unglaublich. In ihnen zeichneten ihre Nachbarn das Bild eines zerrütteten Paares, das offensichtlich sozialgestört war, und ein nicht unerhebliches Alkoholproblem hatte.
Sie waren offenbar zum Hobby ihrer Nachbarn geworden, ein Feindbild, auf das sie sich einigen konnten. Ihre Gemeinsamkeit. Wahrscheinlich trafen sie sich einmal in der Woche zum Kaffee, um neue Strategien zu entwerfen, wie Markus und Susanne am glaubwürdigsten zu denunzieren waren. Vermutlich nannten sie sie die Markus-Albrecht-Abende.
So gesehen besaß es sogar eine soziale Funktion. Durch sie rückte die Hausgemeinschaft enger zusammen. Es gab ein Thema, das sie alle betraf. Es ist schon tragisch, dass Menschen Dinge, gegen die sie sind, am meisten verbindet, dachte ich. So hatte das Dritte Reich ja auch funktioniert. So gesehen hatte es wegen Leuten wie seinen Nachbarn das Dritte Reich gegeben. Vielleicht sollte Markus sie darauf hinweisen, wenn sie sich das nächste Mal begegneten.
Seit einiger Zeit hielt er die Briefe vor Susanne geheim, erzählte Markus.
„Susanne ist doch so unberechenbar“, sagte er.
Er war jetzt Mitglied beim Mieterverein. Manchmal hatte er den Impuls, sich an ihnen zu rächen, sie waren ja gerade dabei, seine Beziehung zu zerstören. Aber er wusste nicht wie. Mit High Heels konnte er ja nicht durch die Wohnung tanzen. An manchen Abenden hörte er Musik ein wenig lauter, das war ja schon mal ein Anfang. Vielleicht sollte er Susanne vorschlagen, wegzuziehen, nach Pankow oder Weißensee, ihre Wohnungsmiete war ja auch eine Zumutung.
Ich schüttelte fassungslos den Kopf. Zum achten Mal in den letzten zehn Minuten. Es war eine Geste, die den Abend zusammenfasste. Ihre Nachbarn waren eine tragische Konstante ihres Lebens. Sie waren von Spießern umgeben.
„Manchmal frage ich mich, warum solche Leute überhaupt nach Prenzlauer Berg gezogen sind“, sagte Susanne zwei Stunden später. „Oder überhaupt nach Berlin. Die denken doch in den provinziellen Maßstäben ihrer Heimatorte.“
„Maßstäbe, die hier ja eigentlich nicht gelten“, sagte ich.
„Oder nicht mehr“, sagte Markus.
Oder nicht mehr.
Markus ließ den Brief, den er seit zehn Minuten in der Hand gehalten hatte, achtlos auf den Tisch gleiten, dann schenkte er sich Wein nach.
„So, ich werd dann mal“, sagte ich und klatschte leicht in die Hände. Die beiden sahen mich an, als würde ich sie zurücklassen. Als ich aufstand, merkte ich, wie betrunken ich war. Ich wankte schon. Wir umarmten uns zum Abschied.
„Viel Glück“, sagte ich betroffen.
Die beiden lachten bitter. Vielleicht würde Markus Susanne von seinen Umzugsplänen erzählen, wenn sie allein waren. Ein Umzug würde ihrer Beziehung gut tun, dachte ich. Zumindest dem, was von ihrer Beziehung noch übrig ist.
Als ich über den menschenleeren Kollwitzplatz lief, dachte ich daran, was Markus vorhin erzählt hatte. Dass er oft das Gefühl hatte, neben der Zeit zu sein, wenn er hier durch die Straßen läuft. Dass hier alles langsamer abzulaufen scheint. In Zeitlupe. Die flanierenden Mütter mit ihren Kinderwagen, die Touristenbusse, die behutsam die Kollwitzstraße hinunterfahren, die Gesprächsfetzen in sehr weichen, viel zu gemütlichen Dialekten. Er lebte ja auch hier, er war gewissermaßen einer von ihnen, aber er spürte, dass hier Leben geführt wurden, die parallel zu seinem Leben verliefen. Es gab keine Schnittmengen. Seine Nachbarn waren das beste Beispiel. Und daran lag es wohl, dass er sich fremd fühlte – als Berliner mitten in Berlin, in seiner Stadt. In einer Gegend, die Opfer ihres eigenen Mythos geworden ist.
Und dann, als ich mir an der Danziger Straße ein Taxi heranwinkte, spürte ich es: Ich hatte mein Prenzlauer Berg-Bild korrigiert.
Oder sagen wir es so: Ich hatte meinen Traum beerdigt.
Endgültig.
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