Großstadtkolumne | Es ist nie zu spät für eine glückliche Kindheit
Am letzten Mittwoch war ich auf ein Abendessen in der Wohnung eines Freundes eingeladen, der vor einem knappen Jahr Vater geworden ist. Ich war nicht der einzige Gast. Wir waren zu neunt, oder sagen wir so, die anderen waren zu acht, und ich war auch noch irgendwie da.
So gesehen war ich allein.
Wir waren in einem Alter, aber das heißt ja nichts, wir sprachen irgendwie nicht die gleiche Sprache. Das lag wohl auch daran, dass abgesehen von mir nur Paare anwesend waren, oder, um es präziser zu sagen, ich war von Eltern umgeben. Das hier war kein Pärchenabend, es war ein Elternabend. Unter solchen Umständen sind die Themen ja schon vorgegeben. Themen, bei denen ich nur in Ausnahmefällen mitreden kann. Mir fehlen schließlich gewisse Erfahrungswerte.Obwohl ich ja eigentlich als kommunikativer Mensch gelte, gibt es Gespräche, in denen ich ab einem gewissen Punkt nur noch der Schweiger bin. Dieser Punkt war bereits erreicht als der erste Gang serviert wurde. Ich beteiligte mich mit verständnisvollen Blicken an der Unterhaltung, diese Art verständnisvoller Blicke, in die sich auch Zustimmung mischt.
Es ging um Waffelnachmittage, musikalische Früherziehung in französischer Sprache und internationale Schulen in Berlin. Julia, die Freundin unseres Gastgebers, erzählte, dass sie die Kita ihres Kindes beim Gesundheitsamt angezeigt hat, weil sie vermutete, dass alle Kinder mit dem selben Lappen abgewischt wurden.
„Morgen macht sich das Amt ein genaues Bild von der Situation“, sagte Julia bestimmt.
Sie war mir offen gestanden nie sehr sympathisch gewesen, aber ich spürte, dass sie mir gerade noch unsympathischer wurde. Ich blickte in die Runde, alle nickten zustimmend. Ich war hier offensichtlich auf der falschen Party.
In der darauffolgenden Stunde fiel mir auf, dass es einen Begriff gab, der in den Gesprächen meiner Tischnachbarn am häufigsten fiel, und zwar das Wort „hochbegabt“. Das hatte gute Gründe. Es war das meistbenutzte Wort des Abends, weil offenbar die Kinder aller Anwesenden davon betroffen zu sein schienen.
Ein Bekannter hat mir einmal erzählt, dass dieser Begriff ein gutes Argument ehrgeiziger Eltern ist, den Lehrern für schlechte Leistungen der Kinder verantwortlich zu machen.
„Wenn ein Kind früher mit schlechten Zensuren nach Hause gekommen ist, hatte es ein Problem“, sagte er. „Heute hat der Lehrer ein Problem.“
Ich überlegte, mich mit diesem Ansatz in die Diskussion einzubringen, entschied mich jedoch dagegen. Ich hätte keine Chance gehabt. Ein Gedanke, der mich schon irgendwie beunruhigte.
Dann wurde es jedoch noch ein wenig beunruhigender.
Das lag an meinem Tischnachbar, der Frank hieß. Neben ihm saß seine Frau Ariane, die ebenfalls sehr bestimmt sprach. Glücklicherweise nicht mit mir, eine fünfminütiges Gespräch mit der Frau hätten mich wahrscheinlich vollkommen eingeschüchtert.
Die beiden waren die Eltern von Jonas, und sie waren sehr ehrgeizige Eltern. Frank hatte mir gerade mit eindringlicher Stimme erklärt, dass er Wert darauf legte, dass Jonas seine Dissertation in englischer Sprache verfasste.
„Psychologie“, sagte Frank.
Ariane nickte zustimmend und fügte hinzu: „Die Karriere beginnt ja schon im Vorschulalter an. Stichwort: bilingualer Kindergarten.“
„Ah“, sagte ich vorsichtig, denn das war der Moment, in dem ich meinen verständnisvollen Blick gern in einem Spiegel überprüft hätte. Ich war mir nämlich gerade nicht so sicher, inwieweit meine Züge gerade ins Fassungslose entglitten waren. Vorsichtshalber senkte ich meinen Blick und betrachtete aufmerksam meine Hände. Das war die nachdenkliche Geste. Die beste Geste, um Zeit zu schinden.
Man muss dazu sagen, dass der Junge fünf Jahre alt ist. Fünf Jahre! Und seine Eltern planen bereits seine Doktorarbeit.
Was sollte man dazu sagen?
Das klingt nicht unbedingt nach einer glücklichen Kindheit. Es ist nur zu hoffen, dass Jonas nicht an den Erwartungen seiner Eltern zerbricht. Frank und Ariane hatten einen Plan entworfen, und sie wollten ihn durchziehen, ohne Rücksicht auf Verluste. Fast hätte ich Mitleid mit ihnen gehabt, wenn sie nicht gerade dabei gewesen wären, das Leben ihres Sohnes zu versauen.
Vielleicht sollte ich mit Mozart anfangen. Wolfgang Amadeus Mozart war ja, nachdem er von seinem ehrgeizigen Vater jahrelang geradezu dressiert wurde, mit fünfunddreißig Jahren gestorben. Aber mit Eltern über eine eventuelle geringe Lebenserwartung ihres Kindes zu sprechen, erschien mir dann doch zu hart. Mir fiel ein, dass Michael Jackson, dessen familiäre Situation der von Mozart ja nicht unähnlich war, immerhin die fünfzig geschafft hatte. Die Halbwertzeit hatte sich offenbar erhöht. Unter Umständen lief bei Jonas ja alles gut und er wurde sechzig. Aber so wie es aussah, würden es wohl unglückliche sechzig Jahre sein.
Ich weiß nicht, wie Frank und Ariane mit ihrem Sohn sprechen, aber ich kann mir ganz gut vorstellen, dass sie mit ihm genauso auffällig sprechen, wie manche Eltern, die man in der Innenstadt so beobachten kann. Sie sprechen mit ihren Kindern wie mit Erwachsenen, auch wenn sie noch im Vorschulalter sind. Das erinnert mich immer an die Serie „Dawson's Creek“, in der Sechzehnjährige Gespräche führten, als hätten sie bereits einen Doktor in Philosophie, und einen zweiten in Psychologie. Sicherlich war das auch Franks Ideal. Wahrscheinlich hatte er ja auch alle „Dawson's Creek“-Staffeln auf DVD, als Leitfaden gewissermaßen.
Ich kam mir wie in einer dieser amerikanischen Komödien vor. Nur dass niemand lachte. Ich überlegte einen Moment lang, dem Mann jetzt ins Gesicht zu schreien, dass er als Mensch und Vater versagt hatte, schon jetzt, damit er endlich aufwachte.
Ich überlegte kurz, ihnen zu empfehlen, den Jungen auf eine Waldorf-Schule zu schicken. Ich bin mir zwar nicht sicher, was von Waldorf-Konzepten zu halten ist, allerdings würde der Junge dort lernen, seinen Namen zu tanzen, und womöglich hatte das ja auch eine therapeutische Wirkung auf seine Eltern.
„Ariane, er kann seinen Namen tanzen“, sah ich Frank vor meinem geistigen Auge euphorisch rufen. Doch selbst in dieser Vorstellung wirkte der glückliche Frank, als hätte er eigenmächtig seine Medikamente abgesetzt, weil er der Meinung war, auch ohne sie ganz gut klarzukommen.
Frank ist einundvierzig Jahre alt, zwei Jahre älter als seine Frau. Manchmal denke ich, mit wachsendem Alter ist es mit dem ersten Kinderkriegen wie mit der Suche nach einem Partner. Die Mechanik ist die gleiche: die Ansprüche wachsen und die Kompromisslosigkeit schwindet. Für viele Eltern ist ihr Nachwuchs heute ein Projekt. Man hat sich Regeln aufgestellt. Man hat einen Plan, von dem man nicht abweicht. Alles muss möglichst perfekt sein. Wie bei der Suche eines Singles nach einer Traumfrau, die es ja so nicht gibt. Aber im Gegensatz zu einer idealisierten Traumfrau ist das eigene Kind eben echt.
„Leider“, würde Frank wohl sagen.
Ich saß an dem großen Tisch in der Wohnung meines Freundes, die Worte „hochbegabt“ und „bilingual“ wirbelten in meinem Kopf, dass mir sogar fast ein bisschen schwindelig wurde.
Ich zuckte zusammen, als ich eine Hand an meinem Arm spürte. Es war die Hand unserer Gastgeberin, die mir in den Gesprächen der letzten Stunde nicht sympathischer geworden war.
„Willst du Paul mal sehen?“, fragte sie.
„Klar“, sagte ich zögernd. „Gern.“
Ich erhob mich und folgte ihr.
Erst jetzt fiel mir auf, dass ich ihren Sohn bisher noch gar nicht gesehen hatte. Das einzige, was ich von ihm kannte, war sein Name.
Ich meine, Paul ist ja ein schöner Name, aber Paul Poschmann? Auf Alliterationen kann man eben nicht immer zurückgreifen, um semantisch auf der sicheren Seite zu sein.
Paule Poschmann!
Das klang wie die tragische Figur in einer deutschen Soap Opera, wie die Rolle des ewigen Verlierers, dem man ansah, dass lange niemand mehr zärtlich zu ihm gewesen war. Paul Poschmann reimte sich auf „Den lassen die Frauen nicht ran“. Der Name eines potentiellen Serienmörders, obwohl dieses Bild dann doch etwas zu drastisch ist. Aber Paul würde in einigen Jahren zur Schule kommen und dort von seinen Mitschülern ausgelacht werden. Wenn er von der Art nach seiner Mutter kam, würden sie ihn auch noch verprügeln. Er hätte keine Chance. Er hatte verloren. Schon jetzt. Dabei war er noch nicht mal ein Jahr alt. Er würde der Außenseiter sein, der Verlierer, mit dem niemand etwas zu tun haben wollte. Und er würde seine Eltern für diesen Namen hassen.
Paule Poschmann, du wirst sie hassen, dachte ich, als ich Julia durch den langen Flur folgte. Ich verstand diesen Hass schon jetzt. So gesehen war ich auf seiner Seite. Und bei dieser katastrophalen Sozialprognose war Paul ja praktisch darauf angewiesen, dass jemand auf seiner Seite war. Ich hatte sogar kurz überlegte, mich den beiden als Pauls Patenonkel anzubieten, aber das hätte wohl dann doch ein bisschen zu weit geführt.
Im Schlafzimmer lag Paul in einem Körbchen, das neben dem Bett stand. Er schlief. Julia beugte sich hinunter und küsste ihn auf die Stirn. Sie wirkte gerade sehr verletzbar. Sie passte überhaupt nicht zu der bestimmten Frau, die die Kita ihres Sohnes beim Gesundheitsamt angezeigt hatte, als wäre sie aus ihrer Rolle gefallen. Ganz kurz hatte ich das Gefühl, sie nie wirklich gekannt zu haben. Als hätte ich immer nur die Rollen kennen gelernt, die sie spielte.
Ich betrachtete die beiden mit einem merkwürdigen Gefühl, das schwer zu beschreiben war. Es war ein ungewohntes Gefühl, eine Mischung aus Melancholie und Aufbruchstimmung, was ja eigentlich gar nicht zusammen passt – eine Ahnung, wie es sein könnte, selbst Vater zu sein. Ich hätte den Jungen jetzt gern berührt, aber ich hätte mir vorher lieber die Hände gewaschen. Es roch hier irgendwie so sauber.
Ich wollte etwas sagen, aber Julia legte lächelnd einen Finger auf ihren Mund und schob mich behutsam aus dem Zimmer.
Als ich das Wohnzimmer betrat, hallte das Gefühl noch immer in mir nach. Wie nach einem guten Film, den man im Kino gesehen hat. Einer dieser Filme, bei denen man sich noch den Abspann ansieht. In solchen Momenten will man nicht reden. Man will für sich sein. Man will keine Stimmen hören, vor allem nicht die von Frank, der sich auch schon mit erkennenden Nicken zu mir wandte..
Ich verabschiedete mich schnell.
Als ich die Straße betrat, hatte es zu schneien begonnen. Ich lief die Dircksenstraße hinunter und genoss den kleinen Rest der Stimmung, den ich aus dem Schlafzimmer mitgenommen hatte, während ich versuchte, die anderen zu vergessen. Ihre Gespräche, ihre Bestimmtheit, ihren Ehrgeiz, der zu Besessenheit geworden war.
Und was soll ich sagen, es funktionierte.
Vielleicht lag es ja an dem Schnee, der immer dichter fiel.
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