Großstadtkolumne | "Ich nehm auch die Hässlichere ..."
Es gibt ja verschiedene Taktiken, in Clubs Frauen kennen zu lernen. Leider sind für mich die meisten nicht hilfreich. Ich bin nicht begabt in diesen Dingen, was vielleicht daran liegt, dass ich ein schüchterner Mensch bin. Ich bin einfach nicht der Typ, der in Clubs Frauen anspricht. Darum gehe ich inzwischen auch immer seltener in Clubs, ich gehe lieber auf Privatpartys, dort ergeben sich Gespräche mit Frauen einfach natürlicher.
Ohne diesen Druck.
Aus diesen Gründen ist es für mich immer ein wenig quälend, mit den Strategen meines Bekanntenkreises auszugehen. Vor allem wenn ich daran denke, wie die Dinge sich so entwickeln können, wenn man mit ihnen ausgeht.Einer dieser Strategen ist mein Bekannter Sascha. Sobald wir einen Club betreten, hat er diesen Blick. Ein Blick, der mich immer irgendwie an diese Einstellungen in den Terminator-Filmen erinnert, in denen gezeigt wird, wie der Terminator seine Umwelt wahrnimmt.
Sascha scannt.
Dann beginnt er die ersten Vorschläge zu machen, welche Frauen wir jetzt so kennen lernen könnten. Er bevorzugte es nämlich, gemeinsam Frauen anzusprechen. Leider. Er nennt das die „Tag-Team-Action“. Diese Art des Kennenlernens ist mir offen gestanden immer ein wenig unangenehm. Diese Strategie birgt nämlich eine nicht unwesentliche Gefahr: Sie ist immer mit einem Kompromiss verbunden. Meistens lernt man zwei Frauen nur wegen einer der beiden kennen, also der Frau, an der beide Männer interessiert sind. Einer der Männer wird also ungewollt zum Wing-Man. Man redet mit der Freundin, damit der Freund den Freiraum hat, ihre Freundin ungestört kennen zu lernen. Sagen wir es so, ich bin meistens der Wing-Man.
Aber glücklicherweise weiß Sascha ja, wie ich zu dieser Vorgehensweise stehe, darum hatte er seine übliche Strategie für mich ein wenig variiert.
„Zeig mir zwei, von denen dir eine gefällt“, sagte er vor einigen Monaten im White Trash, während sein Blick durch die Bar glitt. „Ich sprech sie an und du kommst später dazu. Ich nehm auch die Hässlichere.“
Oh, wie unangenehm, dachte ich und verzog schmerzhaft das Gesicht, obwohl dieser Weg natürlich seine Vorteile hatte. Wir würden uns nicht auf Saschas Geschmack verlassen müssen, der offen gestanden ziemlich wahllos sein kann.
Nachdem ich ihn davon überzeugt hatte, dass sein Vorschlag würdelos war, vor der Damentoilette Frauen anzusprechen, obwohl das Argument, dass dort ja alle anwesenden Frauen vorbeikommen würden, schon irgendwie schlüssig klang, beschloss Sascha, mir Zeit zu geben und ging erst mal zur Bar.
Ich sah mich um. Hier gab es keine Frauen, die mich interessierten.
Sascha kehrte von der Bar zurück und reichte mir einen Wodka-Red Bull, obwohl mein Glas noch nicht einmal zur Hälfte geleert war. Ich warf einen hilflosen Blick auf die beiden Gläser in meinen Händen.
„Der ist doch nicht mehr frisch“, sagte Sascha.
Das ergab Sinn, dachte ich. Zumindest aus der Perspektive von jemandem, der in seinem Zustand war.
Wir stellten uns an die Tanzfläche und er erkundigte sich ungeduldig, welche Frauen er denn nun ansprechen sollte. Ich sagte, dass es mir wegen der Lichtverhältnisse schwer fiel, überhaupt Gesichter zu erkennen. Sascha sah mich an, als hätte ich gerade mit ihm Schluss gemacht. Dann gab ich nach.
„Hast du eigentlich schon eine gesehen, die dir gefällt?“, sagte ich und überließ uns Saschas Geschmack.
Wie ich bereits erwähnt habe, ist diese Art des Kennenlernens ja immer irgendwie mit einem Kompromiss verbunden. Es gab allerdings auch andere Szenarien, wie ich an diesem Abend feststellen musste, denn leider fand ich mich eine halbe Stunde später in Gegenwart von zwei Kompromissen wieder.
Zwei Kompromisse, die Katja und Sandra hießen.
Die Kompromisse sahen mich gleichgültig an. Damit gab es zumindest schon mal eine Gemeinsamkeit. Vielleicht konnte man ja darauf aufbauen.
„Hallo,“ sagte ich zögernd.
Dann gab ich den Schweiger. Wer sich zurückhält, muss sich häufig mit den Resten zufrieden geben, aber darauf kam es hier ja auch nicht mehr an. Katja und Sandra wirkten, als wären sie an dem Gespräch genauso interessiert wie ich. Aber Sascha redete irgendwie alle Zweifel weg.
Ich brachte mich dann allerdings doch noch in das Gespräch ein, und damit hätte ich es beinahe versaut. Als die Frauen in einem Nebensatz erwähnten, dass sie Wirtschaftskommunikation studierten, fragte ich fassungslos: „Wie bitte? Ihr habt Abitur?“
Das war ein Fehler.
Dabei meinte ich das nicht einmal geringschätzig. Ich wollte niemanden verletzen. Es war ein rein instinktiver Impuls. Ich konnte praktisch nichts dagegen tun. Es war der erste Satz, der mich seit unserer Begrüßung verließ. Sascha warf mir einen strafenden Blick zu. Die Frauen sahen mich an wie Rentner, die während eines Kaffeekränzchens kurz eingenickt sind, und dann aufwachen, weil ihnen jemand mit erhobener Stimme eine Frage gestellt hat. Wie alte Menschen, die nicht wissen, worum es geht. Es war auch dieser Moment, in dem mir auffiel, dass sie zu den Menschen gehörten, denen man ansieht, wenn sie nachdenken.
Ich sagte schnell, dass ich einen Drink bräuchte und ging zur Bar.
Als ich zurückkehrte, sah ich Sascha auf die Frauen einreden. Er war offensichtlich in die Angriffsphase übergegangen. In dieser Phase entzieht sich jedoch aus irgendeinem Grund seinem Verständnis, dass es beispielsweise „Nein“ bedeutet, wenn eine Frau schon mehrere Male ziemlich ungeduldig „Nein“ gesagt hat. Sascha macht weiter. Ohne Rücksicht auf Verluste. Als er bemerkte, dass ich von der Bar zurückkehrt war, entschuldigte er sich bei Katja und Sandra und trat mit triumphierendem Blick auf mich zu.
Manöverkritik.
„Und, wie läuft’s?“, fragte ich.
„Gut. Sehr gut sogar. Das ist jetzt die entscheidende Phase des Abends“, sagte er mit Verschwörermiene. „Jetzt ist es Zeit für den Klassiker.“
„Für den Klassiker?“, fragte ich vorsichtig. „Für welchen Klassiker denn?“
Sascha warf mir einen vielsagenden Blick zu, bevor er die Frage erwiderte. Dann sagte er nur ein Wort. Er sagte: „Nötigung.“
In diesem Moment wurde mir klar, welche Dinge Sascha so durch den Kopf gehen müssen, wenn er abends in seinem Bett liegt und nicht einschlafen kann. Ich war mir nicht sicher, aber nach dem Gesichtsausdruck der Frauen zu urteilen, war Sascha über das Stadium der Nötigung bereits seit einiger Zeit hinaus. Aber möglicherweise gab es ja verschiedene Stufen.
„Das klingt jetzt vielleicht ein bisschen merkwürdig“, sagte Sascha mit beruhigender Stimme, als ich eine skeptische Geste machte. Er legte seine Hand auf meine Schulter und sagte eindringlich: „Aber es funktioniert.“
Nun gut. Er schien Erfahrungswerte mit dieser Vorgehensweise zu haben. Insofern war er hier der Experte. Der Experte wandte sich ab und ging zu den Frauen zurück. Er ging sehr selbstbewusst. So gingen Männer, wenn sie die Dinge geregelt hatten.
Wenn man so wollte, hat es dann auch funktioniert. Als die Frauen gehen wollten, bot Sascha ihnen an, sich zusammen ein Taxi zu nehmen. Aus einem Grund, den ich nicht wirklich verstand, stimmten sie zu. Wir gingen zur Garderobe um unsere Jacken zu holen.
Im Taxi fragte Sascha die Frauen, ob wir nicht noch auf einen Kaffee mit in die Wohnung kommen dürften. Sandra sagte, dass sie keinen Kaffee trinken würde, und deshalb auch keinen da hätte. Sascha antwortete nicht. Aber er hatte noch nicht aufgegeben, denn als der Wagen hielt und die Frauen aussteigen wollten, wurde er plötzlich sehr durstig.
„Ich brauch jetzt unbedingt ein Leitungswasser“, sagte er verzweifelt.
Offensichtlicher ging es nicht. Ich wand mich peinlich berührt auf dem Beifahrersitz. Es war mir jetzt schon unangenehm. Die Frauen zögerten. Dann stimmten sie zu. Sascha hatte es geschafft. Ich war mir allerdings nicht sicher, ob ich mich darüber freuen sollte.
Sandra lebte in einer Einzimmerwohnung, in der es irgendwie dumpf roch. Sie schien lange nicht gelüftet zu haben.
Die Frauen gingen mit Sascha in die Küche, um sich etwas zu essen zu machen. Ich ging ins Wohnzimmer. Als ich die drei großen Käfige sah, die sich unter dem Fenster befanden, verstand ich, warum die Luft hier so schwer war. Sandra besaß Haustiere. Viele Haustiere. Zu viele Haustiere. Es gab Meerschweinchen, Kaninchen, vier Kanarienvögel und eine Schildkröte. Sandra schien nicht gern allein zu sein.
Ich bin aus irgendeinem Grund Frauen gegenüber voreingenommen, die Meerschweinchen besitzen. Über den Charakter von Frauen, die Schildkröten halten, habe ich noch nicht nachgedacht, aber ich glaube, da bin ich sogar noch voreingenommener. Ich weiß allerdings, dass der Besitz einer Schildkröte Frauen zumindest schon mal jegliche sexuelle Attraktivität entziehen. Was machte ich hier? Ich hatte das Gefühl, hier irgendwie auf der falschen Party zu sein.
Ich hob meinen Blick von den Käfigen, als Sascha den Raum betrat.
„Pass auf, wir machen jetzt die Massage-Nummer,“ sagte er. „Die Massage-Nummer kommt immer gut. Wir ziehen uns jetzt einfach aus und legen uns ins Bett. Dann massieren wir sie. Dann läuft alles von ganz allein. Wichtig ist nur, dass wir nackt sind, wenn sie wiederkommen. Wir müssen uns aber beeilen. Los, zieh dich aus.“
Nackt?, dachte ich, sah an mir herab und versuchte sogar einen kurzen Moment lang, den Gedanken zuzulassen. Erschreckenderweise funktionierte es sogar. Nicht nur weil es in mir gewisse Ängste auslöste, mich nackt neben einem so stark behaarten Mann wie Sascha in einem Bett zu räkeln. Ich war mir nicht sicher, wie Katja und Sandra reagieren würden, wenn sie das Zimmer betraten und sahen, dass sich in dem Doppelbett zwei nackte Männer räkelten.
Mir kam der Gedanke, dass es die Situation vielleicht ein wenig auflockerte, wenn wir die vielen Tiere mit ins Bett nahmen, zumindest die kuscheligen. Aber auch wenn das sicherlich ein reizvolles Bild war, würde es möglicherweise nicht allzu viel bringen. Wir würden wie Experten für artübergreifende Erotik wirken. Wahrscheinlich sogar ohne die Tiere. Irgendwie fiel mir auch keine elegante Überleitung zur „Massage-Nummer“ ein. Es war wohl eher davon auszugehen, dass Katja und Sandra aus der Wohnung flüchten würden, um die Nachbarn zu alarmieren. Ich sah das Sondereinsatzkommando schon die Wohnung stürmen.
Ich musste hier raus. Das lief hier gerade alles in die falsche Richtung.
Ich war hier in eine Geschichte für den nächsten gesellschaftlichen Anlass geraten. Und ich war ehrlich gesagt nicht sicher, ob ich in dieser Geschichte vorkommen wollte.
Dann begann Sascha sich auszuziehen.
Als er dann nackt auf dem Bett lag, sagte ich, dass ich jetzt gehen würde. Ich konnte das nicht. Ich war müde. Ich wollte hier weg. Es war unangenehm und auch eine verstörende Weise grotesk. Sascha starrte mich entgeistert an. Als ich die Wohnung verließ, hörte ich aus der Küche das Lachen der Frauen. Bald würde dieses ausgelassene Lachen nicht mehr zu hören sein. Spätestens wenn sie das Wohnzimmer betraten.
Ich verabschiedete mich nicht von ihnen.
Als ich den Hauseingang verließ, war die menschenleere Straße in das Licht der aufgehenden Sonne getaucht. Es war sehr still. Ich blieb stehen, atmete tief ein und genoss die Stille, denn – auch wenn das jetzt pathetisch klingt – es war irgendwie, als würde ich in eine Welt voll Reinheit und Anmut eintauchen.
Nach dieser Nacht.
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