Großstadtkolumne | "Ein Zwölfjähriger, gefangen im Körper eines Siebenunddreißigjährigen"
Als meine Eltern Rentner wurden, erzählte mir meine Mutter von ihren Ängsten, in einigen Jahren nur noch über das Wetter, Krankheiten und das Essen zu sprechen. Das Wetter, Krankheiten und das Essen gelten als klassische Rentnerthemen, und meine Eltern sind noch nicht bereit, sich in eine Rentner-Rolle zu fügen. Sie befürchten, dass diese Themen zu ihrem Hobby werden können.
„Man ist so alt wie man sich fühlt“, sagte meine Mutter entschlossen, allerdings spürte ich ihre Angst, sie würde – ganz unbemerkt – in diese Rolle gleiten. Veränderung nimmt man erst wahr, wenn sie stattgefunden hat. In dem Film „Whiskey & Wodka“ sagt der Schauspieler Henry Hübchen: „Man wird nicht älter. Irgendwann wacht man morgens auf und ist alt.“ Ein Satz, der Angst macht. Vielleicht hatte meine Mutter daran gedacht. Vielleicht fürchtet sie auch das Gefühl, aufgegeben zu haben, wenn sie beginnen sollte, über Krankheiten zu sprechen als wären sie eine Art Hobby.
Meine Mutter spricht mir aus der Seele, vielleicht weil in meinem Leben häufig Momente vorkommen, in denen mich Freunde mit Sätzen wie „Ein Zwölfjähriger, gefangen im Körper eines Siebenunddreißigjährigen“ charakterisieren. So gesehen habe ich noch 54 Jahre Zeit, psychologisch gesehen. Ich kenne allerdings Menschen in meinem Alter, die schon weiter sind. Wenn ich es richtig einschätze, werden sie sehr glückliche Rentner sein. Eigentlich sind sie es jetzt schon, wenn man von ihren Interessen, Themen und Befindlichkeiten ausgeht.
Ich habe einen Bekannten, der seitdem er mit seiner Freundin zusammen ist, im Rentnerhimmel angekommen ist. Wenn wir uns gelegentlich zum Essen treffen, ist er ein Mittdreißiger, wenn man ihn zu Hause anruft, scheint er um vierzig Jahre gealtert zu sein. Essen ist das große Thema ihrer Beziehung. Wenn er mit seiner Freundin telefoniert, besprechen sie, was sie abends essen werden. Manchmal habe ich das Gefühl, als würde jedes ihrer Gespräche darauf hinauslaufen. Auch wenn es um etwas ganz anderes geht. Manchmal stelle ich mir vor, wie mein Bekannter an Sonntagvormittagen in diesen Werbebeilagen blättert, die immer kostenlos im Briefkasten liegen, und die Sonderangebote mit seiner Freundin auswertet. Vielleicht mit Sätzen wie: „Kiek ma, Jeflügelfrikadellen sind im Anjebot. Mensch, is dit billig!“ Das ist ein Gedanke, der mir schon ein wenig angst macht.
Ähnlich ging es mir an einem Morgen vor ungefähr acht Jahren, als ich noch in einer Kölner Werbeagentur arbeitete. Ich war gerade im Büro eingetroffen und ging schnell in die Küche, um mir einen Kaffee zu machen. Es war einer dieser Tage, an denen einem irgendwie der Schwung fehlt. Genau genommen hatte ich noch nicht einmal Anlauf genommen, der Tag war weiter als ich. Nach dem ersten Kaffee würde sich das hoffentlich ändern. Nach dem ersten Kaffee musste sich das ändern. Ich würde mir einen doppelten machen, und eine halbe Stunde später dann noch einen.
Als ich die Küche betrat, standen zwei Kolleginnen an der Kaffeemaschine und unterhielten sich. Ich stellte mich zu ihnen und wartete. Mir fiel auf, dass sie sich sehr ähnlich sahen, was daran liegen konnte, dass beide die gleiche Haarfarbe, Haarlänge trugen, und ihr Lachen sehr ähnlich klang. Sie lachten zu viel und leider auch zu laut.
Als ich sechs Minuten später auf die Uhr sah, wartete ich immer noch. Sie schienen mich nicht wahrzunehmen, was offenbar an ihrem Gesprächsthema lag. Leider, muss man wohl sagen, denn seitdem ich die Küche betreten hatte, sprachen sie über das Wetter.
Das Wetter.
Ein Thema, bei dem es ja eigentlich nicht allzu viel zu lachen gibt, aber es war ja auch ein Thema, über das es mit Anfang zwanzig eigentlich nicht viel zu besprechen gab, eher mit Mitte sechzig. Das gab der Szene etwas Surreales. Zwei junge blonde Frauen, die sich beunruhigend ähnlich waren, besprachen angeregt Themen, über die sich eigentlich Rentner unterhalten.
Mein Blick glitt langsam an ihren langen Haar hinunter, in dem man sich fast verlieren konnte. Es war lang und blond und es schimmerte im Licht der Morgensonne. Wahrscheinlich brauchten sie zwei Stunden, um ihre Frisur so hinzubekommen. Offensichtlich waren sie Frühaufsteherinnen.
Als ich den Blick wieder hob, war ihr Gespräch verstummt. Ich blickte in ihre Gesichter, die nicht mehr lachten. Ihre Augenbrauen zuckten skeptisch nach oben. Offenbar nahmen sie an, ich hätte ihnen seit meinem Eintreffen auf den Hintern gestarrt, und gewissermaßen versucht, mental zu onanieren. Und so sahen sie mich auch an. Es waren „von dir habe ich das erwartet du notgeiler Wichser“-Blicke. Unglücklicherweise wurde ich auch noch rot. Ich versuchte ein entschuldigendes Lächeln und wahrscheinlich sah ich jetzt wirklich wie ein notgeiler Wichser aus, und jetzt fühlte ich mich wirklich wie ein ertappter Teenager.
Die Frauen tauschten einen vielsagenden Blick und gingen schnell an mir vorbei. Bedauerlicherweise war mir aufgefallen, dass sich etwas in ihre entrüsteten und vielsagenden Blicke mischte, das auch nicht unbedingt besser war. Es gab eine neue Geschichte, freuten sich diese Blicke, und sie würden sie erzählen. Sie würden es allen erzählen. Wenn man so wollte, hatte ich gerade das Wetter abgelöst. Die Legende begann Gestalt anzunehmen. Es war nur zu hoffen, dass in den nächsten Tagen keine Abmahnung wegen sexueller Belästigung auf meinem Schreibtisch lag.
Ein guter Start in den Tag, dachte der Zwölfjährige in mir. Dann machte ich mir einen Kaffee. Einen Doppelten.
Ungefähr acht Jahre später verwarf ich den Gedanken, einen Kaffee zu trinken - zugunsten eines Gin Tonic. Es war letzten Sommer. Ich hatte mich gegen sechzehn Uhr mit einer Frau namens Manuela im Café Schoenbrunn getroffen. Es war unser erstes Date und sie war wirklich attraktiv, wie ich fand, allerdings verlor sich ihre Attraktivität im Laufe der folgenden Stunde. Und das hatte gute Gründe. Gründe, aus denen man einen Gin Tonic bestellt, obwohl man ja eigentlich einen Milchkaffee bestellen wollte.
Es begann mit einer harmlosen Frage. „Und, was hast du letzte Woche gemacht?“, fragte ich.
„Ach da gibt’s gar nicht so viel zu erzählen“, sagte sie. „Ich war letzte Woche krank geschrieben. Mittelohrentzündung.“
„Oh“, sagte ich und schwieg einige Sekunden. Ich wollte das Thema nicht vertiefen, aber irgendetwas musste ich ja sagen. Dann fiel mir noch eine Frage ein. „Tut so etwas eigentlich weh?“, fragte ich.
„Eigentlich sogar ziemlich“, sagte sie und sah mich dankbar an.
„Oh“, sagte ich noch einmal.
„Ich hab Antibiotika bekommen und die Schmerzen waren nach einem Tag weg“, sagte sie. „Das ist sehr ungewöhnlich. Ich bin sozusagen ein kleines Wunder.“
Ich nickte. Ein kleines Wunder. Aha.
Ich war mir nicht sicher, wo ich jetzt anknüpfen sollte, um elegant das Thema zu wechseln, aber Manuela war schon weiter. Sie schien häufig krank zu sein, und leider schien sie auch gern über ihre Krankheiten zu reden. Es gibt Themen, über die ich bei einem ersten Date ungern spreche. Krankheiten gehören dazu. Ich bin irgendwie nicht in der Lage, ungezwungen über Krankheiten zu reden. Es ist kein Thema, was mich betrifft. Man darf mich jetzt nicht falsch verstehen, natürlich kann man mit mir über Krankheiten sprechen, allerdings finde ich es schon ein wenig schwierig, wenn man mit mir über Krankheiten spricht, als wären sie ein gemeinsames Hobby. Unsere Basis gewissermaßen. Und bei ersten Dates geht es ja darum, Gemeinsamkeiten zu finden, auf denen man aufbauen kann.
Nun ja.
Manuela erzählte von ihren Rückenproblemen, einem Hörsturz und ihren Hautproblemen. Nach einer Viertelstunde hatte ich begriffen, dass es keine Gemeinsamkeiten gab, die wir herausarbeiten konnten. Wir lebten beide in Berlin, mehr war da offensichtlich nicht. Als die Bedienung kam, verwarf ich den Gedanken an einen Milchkaffee, bestellte einen Gin Tonic und versuchte der Bedienung mit einem Blick zu verstehen zu geben, dass der Drink möglichst viel Gin enthalten sollte. Ich glaube nicht, dass sie ihn verstanden hat.
„Ich hab ja auch ganz schlimme Haut“, sagte Manuela, als die Bedienung verschwunden war. „Das sieht man jetzt durch das Make-up nicht. Ich hab jetzt auch wieder Kortison bekommen, weil meine Augenlider so geschuppt haben.“
„Oh“, sagte ich, inzwischen schon zum neunten Mal. Es wurde langsam unappetitlich. Glücklicherweise aßen wir nicht.
„Ja, mir sind Schuppen von den Augenlidern gefallen“, sagte Manuela. „Richtige Hautfetzen. Ungelogen. Ich musste abends kratzen, und wenn ich gekratzt hab, waren die morgens immer total angeschwollen.“
So detailliert hatte ich das gar nicht erwartet. Ich hoffte, dass sie nicht gleich von irgendwelchen Ekzemen, Pilzen, oder ihrer Darm- und Vaginalfauna erzählen würde. Ich fühlte mich in der Defensive, als wäre ich ihr ausgeliefert.
Ein Zwölfjähriger, der im Körper eines Siebenunddreißjährigen gefangen war, traf sich mit einer vierundsiebzigjährigen im Körper einer neunundzwanzigjährigen. Das waren zweiundsechzig Jahre Altersunterschied. Größer als zwischen meiner Großmutter und mir. Das war alles sehr beunruhigend.
Allerdings hat Manuelas Ansatz einen entscheidenden Vorteil: Sie ist einer der glücklichen Menschen, sie wird sich nie zu alt fühlen. Aber leider gehört sie – im Gegensatz zu mir – zu einer Minderheit. Es gibt Erhebungen, in denen festgestellt wurde, dass sich der Deutsche durchschnittlich acht Jahre jünger fühlt als er ist. Wenn man sich jünger fühlt als man ist, und auch das entsprechende Leben führt, beginnt einen irgendwann der Körper mit einer gewissen Konsequenz an sein physisches Alter zu erinnern. Die Regenerationsphasen nach langen Nächten sind da ein gutes Beispiel. Als ich Anfang zwanzig war, konnte ich an drei aufeinanderfolgenden Tagen ausgehen, ohne dass es mir ernsthaft schlecht ging. Inzwischen spüre ich eine Party, die ich am Freitag besucht habe, sonntags immer noch. Und ich kenne nicht wenige Menschen in meinem Alter, die sie montags noch spüren.
Ich habe einen Bekannten, den dieses Problem seit einigen Jahren quält. Bei ihm ist es allerdings eher eine ästhetische Frage, denn er beschäftigt sich sehr intensiv mit seinem Haaransatz. Mit seinen Geheimratsecken. Sie wachsen. Und seit einigen Monaten hat er auch noch den Eindruck, dass sein Haar am Hinterkopf ebenfalls schütterer wird. Inzwischen bemüht er sich, nicht so genau hinzusehen, wenn er morgens vor dem Badezimmerspiegel steht..
„Noch jeht's“, sagte er kürzlich zu mir. „Noch kommt's auf die Lichtverhältnisse an.“
Er erzählte mir traurig, dass er die meiste Zeit seiner morgendlichen Toilette damit verbringt, dass sein Haar richtig liegt. Mit Haarwachs funktioniert das ziemlich gut, aber er weiß auch, dass er es irgendwann nicht mehr kaschieren kann. Allerdings hat er auch für diese Zeit einen Plan. Wenn es einmal lächerlich sein würde, sein verbliebenes Haar jeden Morgen in neue Zusammenhänge zu schieben, würde er sich eine Glatze rasieren, eine dieser großen Designer-Hornbrillen kaufen und sich einen Vollbart wachsen lassen. Hin und wieder würde er vielleicht auch einen Hut tragen.
„Hüte sind ja wieder im Kommen“, sagte er. Ich nickte verständnisvoll.
Nun ja, ich weiß nicht, irgendwie finde ich es unwürdig, Hüte zu tragen, um seinen Haarausfall zu kaschieren. Aber diese Bedenken würde ich wahrscheinlich ebenfalls hinter mir lassen, wenn es bei mir einmal so weit sein sollte. Wenn man keine Wahl mehr hat, verschiebt sich schnell die Perspektive.
Wenn ich jetzt so darüber nachdenke, bin ich mir nicht einmal sicher, ob meine Kopfform es überhaupt zulässt, mit einer gewissen Würde Glatze zu tragen. Christian Kracht hat einmal gesagt, der Glatzenträger Nick Hornby erinnert ihn immer irgendwie an einen Penis. Eine Befürchtung, die einem Mann schon sehr nah gehen kann.
Vor einigen Wochen war mein Bekannter wegen seines Problems beim Arzt – bei einer „Haarsprechstunde“. Er hat ein halbes Jahr auf den Termin gewartet, das Gespräch dauerte zehn Minuten. Ein halbes Jahr für zehn Minuten, in dem ihm ein Experte versicherte, dass es eigentlich schon zu spät war. In seinem Alter würde es immer schneller gehen, sagte der Arzt. Man könnte den Prozess nur verlangsamen, indem man täglich Medikamente nahm. Teure Medikamente, die Nebenwirkungen wie Depressionen und Erektionsprobleme auslösten. Und man müsste sie immer nehmen, gewissermaßen bis zum Lebensende. Ein Preis, der meinem Bekannten dann doch zu hoch war. Er versucht sich damit zu trösten, dass er ja noch ein paar Jahre Zeit hat, und dass es auch Frauen geben soll, die Männer mit Glatze mögen. Viel Trost ist das nicht, vor allem wenn einem Christian Krachts Nick-Hornby-Charakterisierung einfällt. Aber man darf nicht all zu sehr darüber nachdenken, denn auch solche Gedanken können zu einer Art Hobby werden.
Letztlich ist es eine Frage der Eitelkeit, das ist der Preis, wenn man sich acht Jahre jünger fühlt – durchschnittlich. Aber das ist nicht der einzige Preis. Ich kenne nicht viele Leute in meinem Alter, die Eltern sind. Man plant seine Kinder mit Mitte, Ende dreißig. Junge Eltern legen wir schnell sozial fest, was ja schon irgendwie traurig ist, obwohl das Klischee meistens zutrifft, was eigentlich noch trauriger ist.
Vierzigjährige gelten als die neuen Dreißigjährigen, aber wenn meine Eltern über vierzigjährige Söhne ihrer Bekannten sprechen, fällt mir auf, wie alt das klingt. Vierzig. Dann fällt mir ein, dass ich ja auch nur noch drei Jahre Zeit habe, und das ist schon irgendwie erschreckend. Ich habe im Spiegel gelesen, dass Frauen mit 34 Torschlusspanik bekommen, und Männer mit 38. So gesehen könnte 2013 für mich ein melancholisches Jahr werden.
Als ich vorletztes Wochenende meine Eltern besuchte, und einige dieser unreifen Scherze machte, die meine Mutter eigentlich nicht so mag, sagte sie bestimmt:
„Michael, wann wirst du endlich mal erwachsen!“
Ich sah sie dankbar an.
Es ging dem Zwölfjährigen in mir näher als ich dachte. Und dem Siebenunddreißigjährigen auch.



