Großstadtkolumne | Frodo Grabowski - du wirst deine Eltern hassen
Vor ein paar Tagen hat mir ein Freund ganz unglücklich erzählt, dass er eine fantastische Frau kennen gelernt hat. Eine dieser Frauen, mit der man sich eine Perspektive vorstellen kann. Er wirkte sehr traurig als er mir diese ja eigentlich sehr schöne Neuigkeit erzählte.
„Sie heißt Sandy“, sagte er, als er meinen fragenden Blick bemerkte.
„Sandy“, wiederholte ich langsam. „Sandy aus Süd-Kalifornien?“
„Nee“, sagte mein Freund. „Sandy aus Berlin-Lichtenberg.“
Oh, dachte ich.
Mein Freund atmete tief ein. Dann fragte er: „Könntest du dir vorstellen, mit einer Frau zusammen zu sein, die Sandy heißt?“
Das war eine sehr gute Frage. Sogar eine Grundsatzfrage, was es auch nicht unbedingt besser machte.
„Klar“, sagte ich, vor allem wohl, um ihn zu beruhigen, denn offen gestanden, kann ich mir irgendwie nicht so richtig vorstellen, mit einer Frau zusammen zu kommen, die Sandy heißt. Ernsthafte Diskussionen wären mit einer Frau namens Sandy gar nicht möglich. Ich könnte sie gar nicht ernst nehmen. Ein Satz wie: „Sandy, du hast dir in den letzten zehn Minuten fünfmal widersprochen“ klingt ja schon irgendwie, als würde man mit einem Hund sprechen. Einem Pudel vielleicht.
Ich weiß natürlich ganz genau, was mir jetzt viele vorwerfen werden. Das ist ja dann doch sehr oberflächlich. Das darf man so nicht verallgemeinern. Gut. Das stimmt natürlich, aber man hat ja diese Bilder im Kopf, denen man sich nur schwer entziehen kann. Und es stimmt ja auch, dass sich Klischees oft bestätigen. Leider, muss man wohl sagen.
Vor einiger Zeit hat sich eine Bekannte über einen Artikel im „Spiegel“ aufgeregt, in dem beschrieben wurde, dass Lehrer die Kinder ihrer Klasse, die Kevin, Ronny oder Sandy hießen, bereits in der Unterstufe aufgrund ihrer Namen sozial festlegten.
„Ein Vorname als Sozialprognose“, rief sie. „Unglaublich.“
Meine Bekannte ist Grundschullehrerin. Das machte es zu einer persönlichen Angelegenheit. Sie sagte, dass der Artikel eine Frechheit wäre, so voreingenommen verhielten sich Lehrer nicht, zumindest verhielt sie sich nicht so. Außerdem könne man das sowieso nicht verallgemeinern. Ich nickte ihr zu. Um sie zu beruhigen, sagte ich, dass sie den Text nicht zu ernst nehmen dürfe, es ging doch schließlich nur darum, eine Geschichte zu erzählen, auch beim Spiegel.
Ich kenne eine Frau, die Cindy heißt, und ebenfalls ein gutes Beispiel für die Thesen des Spiegel ist. Cindy hat nach einer längeren Single-Phase mal wieder mit ihrem Exfreund Hardy geschlafen. Es war ein Ausrutscher. Cindy wurde sofort schwanger. Ihren Sohn haben sie Charlie genannt. Cindy, Hardy und Charlie, eine Familie wie aus dem Realsatire-Katalog. Ein lebendes Nachmittags-Talk-Show-Klischee.
Ich kenne drei Frauen, die Mandy heißen. Es ist ein undankbarer Name, vor allem weil sie ja nicht in das gängige Mandy-Klischee passen. Sie sind die Ausnahmen, die es wahrscheinlich am schwersten haben. Wenn ich sie auf ihren Namen anspreche, verteidigen sie sehr verständnisvoll ihre Eltern, obwohl sie wegen ihrem Vornamen leiden. Und was sollen sie auch anderes machen, es sind ihre Eltern.
Tja, aber dafür bin ich ja da: Man MUSS es den Eltern vorwerfen!
Es gibt Dinge, die man einfach nicht macht. Seinen Kindern die Vornamen von Prominenten der Populärkultur zu geben, gehört dazu. Vor allem wenn sie nicht mit dem Nachnamen harmonieren. Filmschauspieler sind da ein gutes Beispiel. Bud Lehmann klingt einfach nicht gut. Und in den meisten Fällen helfen dann auch keine Alliterationen mehr, die ja als geeignetes Mittel gelten, Vor- und Zunamen harmonisch klingen zu lassen. Und bei Namen wie Clint Krüger oder Marlon Matuschewski funktioniert das einfach nicht. Schlimmer wird es noch, wenn man die Namen von Filmfiguren präferiert, und dann auch noch ein Fan der „Herr der Ringe“-Trilogie ist. In der Kita, die der Sohn meines Kollegen besucht, gibt es einen Jungen namens Frodo.
Frodo! Frodo Grabowski.
Soweit ich das einschätze, wird der arme Junge wohl nie Sex haben. Ein potentieller Serienmörder.
Aber es gibt auch Ausnahmen. Originelle Varianten. Ich kenne einen Mann, dessen Nachname „Hut“ lautet. Seine Eltern gaben ihm den Vornahmen Robin. Robin Hut. Das hat schon wieder etwas. Eine Originalität, die sich ja so viele Eltern wünschen.
Bei der letzten Fußball-EM habe ich mich mit Anke und Thomas über Kindernamen unterhalten. Es war ein naheliegendes Thema, denn Anke war im achten Monat schwanger. Sie hatten schon eine Auswahl erarbeitet, sich aber noch nicht entschieden. Sie hatten nicht mehr viel Zeit.
„Andreas bevorzugt ja sehr individuelle Namen“, sagte Anke mit einem gefrorenem Lächeln. Ich sah die beiden an. Es gab offensichtlich noch Redebedarf. Soweit ich das beurteilen kann, führen die beiden seit sechs Jahren eine harmonische Beziehung. Diese Harmonie schien gerade zu kippen. Ankes Lächeln erzählte, dass die kommenden Wochen hart werden würden. Ich glaube allerdings nicht, dass ihre Beziehung daran zerbricht. Oder sagen wir es so: Ich hoffe es.
Kindernamen sind ein sensibles Thema. Ein Name ist ja nicht nur ein Name. Er ist mehr. Er soll den Charakter des Kindes illustrieren und versinnbildlichen. Das erzeugt natürlich einen Druck. So gesehen ist seine Auswahl mit einem gewissen philosophischen Wert verbunden. Weil er ja auch nicht wenig über die Eltern aussagt.
In meinen Beziehungen habe ich natürlich auch schon potentielle Kindernamen diskutiert. Ich glaube, jeder macht das. Und schon in diesen spielerischen Gesprächen habe ich einen Eindruck gewonnen, wie hart es sein wird, wenn ich selbst Vater werde.
Das beginnt ja schon mit der Tatsache, dass man Namen nach subjektiven Erfahrungswerten beurteilt. Den Namen eines ehemaligen Kollegen, den wir nicht leiden können, werden wir immer mit diesem assoziieren.
Es gibt viele Hindernisse, die die Suche nach dem richtigen Namen für sein Kind zu einem sehr zeitintensiven Projekt werden lassen können. Wenn man sich allerdings zu sehr mit einem Projekt beschäftigt, verliert man irgendwann diesen unvoreingenommenen Blick. Man ist zu nah dran. Man kann seine Ergebnisse nicht mehr beurteilen. Das kann zu eklatanten Fehleinschätzungen führen. Ohne Rücksicht auf Verluste. Die Konsequenzen kriegen die Eltern dann nicht mehr mit. Die werden dann ja auf dem Rücken der Kinder ausgetragen. Kinder, die irgendwann beginnen, ihre Eltern dafür zu hassen.
Irgendwie scheinen Eltern bei der Auswahl solcher Kindernamen nicht an die Kinder zu denken. Sie denken an sich selbst. So gesehen erzählen solche Namen schon Geschichten. Es sind die Kleinigkeiten, die die großen Unterschiede ausmachen.
Es gibt Erhebungen, in denen Psychologen zeigen, dass es Kinder wie Ronny, Sirko oder Levin schwerer im Berufsleben haben. Sie müssen sich erst beweisen. So gesehen sind die Ronnys, die sich im Berufsalltag bewiesen haben, die wahren Helden unserer Zeit.
Manchmal, wenn ich Frauen in diesen weißen Jacken und Stiefelchen und solariumgebräunter Haut begegne, also Frauen, die die Klischees bestätigen, frage ich mich, wie ihr Leben mit einem anderen Namen verlaufen wäre. Das ist – soziologisch gesehen – eine interessante Frage, inwieweit der Vorname ein Leben beeinflussen kann. Inwieweit er ein Leben bestimmen kann. Kann ein Vorname ein Leben vorwegnehmen?
Ich fürchte, ja.
Inzwischen wurden ja Namen wie Kevin, Justin oder Sirko von monströsen Namens-Aneinanderreihungen abgelöst. Wenn ein Name wie Chantal schon ein Karriere-Hindernis ist, was soll dann aus Frauen wie Lavinia-Jane, Zoey-Chayenne oder Joséphine-Geneviéve-Máxima werden. Oder Männern wie Cyprian Cyrill Cyrus.
„Sandy“, sagte ich noch einmal, obwohl mir der Name – verglichen mit den neuesten Entwicklungen – gar nicht mehr so grauenerregend erschien.
Mein Freund sah mich traurig an. Dann stand er resolut auf, und verschwand auf der Toilette. Er brauchte wohl einen ruhigen Moment für sich. Ich lehnte mich zurück und sah aus dem Fenster. An meinem Blick glitten eilige Passanten vorbei, dann blieb er an einer attraktiven Frau hängen, die auf der anderen Straßenseite entlanglief. Sie telefonierte, offensichtlich mit jemandem, der sie zum Lachen brachte. Während sie lachte, warf sie den Kopf zurück, mit einer gewissen Eleganz. Ich sah ihr nach und fragte mich, wie sie wohl hieß, welcher Name gut zu ihr passen würde. Jaqueline wohl nicht, und auch nicht Monique, Celina, Ashley oder Rihanna. Sie sah eher wie eine Louise oder eine Margarete aus, aber auch wenn sich solche Frauen mit Chantal Schröder vorstellten, war davon auszugehen, dass sie einen französischen Elternteil hatten, mindestens zweisprachig aufgewachsen waren und einen Großteil ihrer Kindheit in einer südfranzösischen Stadt verbracht hatten, von der es wahrscheinlich irgendwelche van Gogh-Radierungen gab.
Das war der Moment, in dem sich die Perspektive verschob. Die richtige Mechanik.
Als mein Freund zurückkehrte, riet ich ihm, sich weiterhin mit Sandy zu treffen. „Es ist nur ein Name“, sagte ich. „Und ihr versteht euch ja gut.“
„Stimmt“, sagte er dankbar.
„Und außerdem“, fuhr ich fort, obwohl mir schon während des Sprechens klar wurde, dass dieser Satz ein Fehler war. „Außerdem – also falls ihr mal heiratet – beginnt dein Nachname ja mit dem selben Buchstaben. “
Das war der Moment, in dem ich begriff, dass ich es versaut hatte. Ich sah in seinem Blick, dass ihm erst jetzt die Tragik wirklich bewusst wurde. Man muss dazu sagen, dass der Nachname meines Freundes Sablowski lautet.
Sandy Sablowski! Ein Alptraumszenario.
Ich ahnte, dass der Hinweis, Alliterationen würden Namen harmonischer klingen lassen, inzwischen vollkommen sinnlos sein würde. Genauso wie der selbstironische Hinweis, dass bei einer „Nancy Nast“ dieselbe Mechanik greifen würde.
Es war wohl am besten, jetzt zu schweigen, bevor ich es noch schlimmer machte. Aber dafür war es jetzt wohl zu spät.
Ach, Sandy, dachte ich wehmütig und verfluchte still ihre Eltern.
Ich bin auf deiner Seite.
Die nächste Großstadtkolumne erscheint am kommenden Donnerstag.
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