Großstadtkolumne | Fremdschämformatsüchtig
Ich besitze seit acht Jahren keinen Fernseher. Es war eine bewusste Entscheidung, ich habe beschlossen, ihn abzuschaffen. Seitdem weiß ich, das dass viele Vorteile hat, aber auch Nachteile. Bei manchen Dingen weiß ich nicht einmal, ob sie zu den Vorteilen oder den Nachteilen gehören. Wenn ich beispielsweise feststelle, dass ich nicht mehr mitreden kann.
An mir sind Formate wie „Bauer sucht Frau“, „Deutschland sucht den Superstar“ oder „Dschungel-Camp“ vorbei gegangen. Ich kenne nur die Berichterstattung. Früher war es eine spöttische, herablassende Art der Berichterstattung. Inzwischen hat selbst der Spiegel einen Live-Ticker zur laufenden Dschungel-Camp-Show eingerichtet, was ich bisher nur von wichtigen Fußballspielen kannte. Und das ist irgendwie schon ziemlich erschreckend.
Sendungen wie das „Dschungel-Camp“ gehören ja zu den Formaten, die sich eigentlich keiner ansieht. Eigentlich. Denn gerade während der letzten Staffel sprachen mich immer mal wieder Menschen darauf an, von denen ich gar nicht erwartet hätte, dass sie zur „Dschungel-Camp“-Klientel gehören. Zumindest zur „Dschungel-Camp“-Klientel, wie ich sie mir vorstelle.
„Haste gestern „Dschungel-Camp“ gesehen? „War das krass!“, sagte vor einigen Wochen ein Freund, der ein ziemlich erfolgreicher Architekt ist.
„Du siehst dir „Dschungel-Camp“ an?“, fragte ich konsterniert, weil ich ja wusste, dass ich damit eine Wunde berührte.
„Nein“, sagte er schnell. „Nicht wirklich. Ich guck mir so was nicht an. Ich hab nur mal kurz reingeschaltet.“
Nur mal kurz reingeschaltet. Dieser Satz ist eine Rechtfertigung, und damit ist mein Freund nicht allein, wenn man sich die Einschaltquoten ansieht – denn die sind enorm.
Ich habe es nicht ausprobiert, aber ich kann mir ganz gut vorstellen, wie es sich anfühlt, wenn man abends in der Stadt unterwegs ist, wenn gerade „Dschungel-Camp“ läuft. Wahrscheinlich fühlt man sich allein. Wie Will Smith in „I am Legend“. Ein einsamer Wanderer.
In den Gesprächen der letzten Wochen schnitt ich das Thema immer mal wieder an, um festzustellen, dass sich nicht alle rechtfertigen. „Ich guck das. Ich steh dazu“, sagte eine Freundin, als ich sie auf das „Dschungel-Camp“ ansprach. „Ich find's unterhaltsam. Ich bin ja nicht den ganzen Tag lang intellektuell.“
„Ah“, sagte ich und nickte, denn es gibt Argumentationen, gegen die man nun wirklich nichts sagen kann.
„Ist halt ne Comedy-Sendung“, erklärte mir ein Kollege. „Das sind doch auch alles Medien-Profis. Ich seh das auch eher als Adhoc-Theater, so ne Art Impro-Theater.“ Und auch mit solchen Sätzen kann man ganz gut leben.
Aber wenn man dann doch mal eingehender darüber nachdenkt, was man sich da so ansieht, gibt es natürlich auch die reflektierenden Momente. Wie bei meinem Bekannten Christoph. „Ist eigentlich pervers, die Leute so vorzuführen“, sagte er. „Also bei dem letzten Gewinner – diesem Neunzehnjährigen – bei dem hatte man auch das Gefühl, er hat eine geistige Behinderung. Der war schon nah an der Behindertengrenze. Wenn der gewinnt, ist das schon grenzwertig. Das sagt schon eine Menge über die Zuschauer aus. Die voten das ja. So nach dem Motto: Es gibt noch einen, der dümmer ist als ich.“
Die Band „Pur“ gilt als Betroffenheitsband. Das „Dschungel-Camp“ ist Betroffenheitsfernsehen. Ein Phänomen gewissermaßen. Allerdings passt das Wort nicht ganz, denn Phänomene sind ja Ausnahmeerscheinungen. Und eine Ausnahmeerscheinung ist schließlich keine Ausnahmeerscheinung mehr, wenn alle mitmachen. Dann ist es sogar möglich, dass es für den Grimme-Preis nominiert wird. Ein Preis, der laut eigener Aussage „Fernsehsendungen und -leistungen auszeichnet, die für die Programmpraxis vorbildlich und modellhaft sind.“
Nun ja.
Mir fällt es offen gestanden schwer, diesen Anspruch auf das „Dschungel-Camp“ anzuwenden. Allerdings kann ich die Entscheider des Grimme-Instituts nachvollziehen. Sie haben aufgegeben, kapituliert. Vor der Macht der Masse. Durch die hohen Einschaltquoten erhält das Format eine gesellschaftliche Relevanz, an der niemand mehr vorbeikommt.
Ich kann mir gut vorstellen, wie es in den Köpfen der Grimme-Juroren gearbeitet hat. „Mh,“ könnten sie gedacht haben. „Wie kriegen wir dit jetzt am elegantesten hin? Na klar! Jetzt fällt's uns wieder ein. Wir definieren den Fehler zum Stil um. Wir intellektualisieren dit. Als Gesamtkunstwerk. So.“
Tja. Und das haben sie dann ja auch gemacht.
So – und jetzt gehen wir mal in die großen Zusammenhänge. Vor einigen Monaten hat mich ein Freund gefragt, woran man die Seele eines Landes erkennt.
„Was beschreibt sie am besten?“, fragte er.
„Das ist eine gute Frage“, sagte ich zögernd.
„Vielleicht liegt sie in der Spiegel-Bestseller-Liste“, sagte er.
Ich nickte. Zeig mir die Bücher, die du liest, und ich sage dir, wer du bist. Der Ansatz ist schon richtig. Die Seele eines Landes drückt aus, worauf sich die meisten einigen können. Das klingt schlüssig. Aber inzwischen wird ja kaum noch gelesen. Bücher werden heutzutage nicht gekauft, um gelesen zu werden. Sie werden gekauft, um sie zu verschenken.
Wir kamen zu dem Schluss, dass sie wohl eher im Fernsehprogramm liegt. Und wenn es danach geht, sieht es um die deutsche Seele schon ziemlich schlecht aus. Vor allem wenn man sich anhand der Einschaltquoten ansieht, auf welche Formate sich die meisten einigen können. Es ist schon peinlich. Sag mir, welche Sendungen du siehst, und ich sage dir, wer du bist? Das klingt schon zeitgemäßer. Und auch ziemlich erschreckend.
Einige werden jetzt sagen, dass man aus meiner Perspektive natürlich wunderbar verurteilen kann. Ich habe keinen Fernseher, ich bin auf der sicheren Seite. Ich bin nicht betroffen. Ich kann die Dinge mit dem leicht herablassenden Blick des ironischen Spötters betrachten. Mit diesem kalten Blick, der die Dinge einfach macht.
Das stimmt nicht ganz.
Ich habe nämlich etwas Beunruhigendes festgestellt. Wenn ich Freunde besuche, bei denen gerade der Fernseher läuft, spüre ich diese Sucht. Ich muss immer wieder hinsehen. Das ist allerdings noch nicht das Beunruhigende. Welche Formate mich fesseln, das ist schlimm. Wenn ich Volksmusik- oder Schlagersendungen sehe, kann ich aus den gleichen Gründen nicht wegschalten, aus denen ich nicht umschalten kann, wenn ich Angela Merkel im Fernsehen sehe. Es ist wie eine Droge, eine Fremdschäm-Droge. Offenbar bin ich fremdschämformatsüchtig.
Das macht mich der „Dschungel-Camp“-Klientel ähnlich.
Im Dezember habe ich meinen Freund Frederick besucht. Wenn man nicht so genau hinsieht, besteht Fredericks Wohnzimmer eigentlich nur aus einem großen Sofa und einem sehr großen Fernseher, der an der Wand hängt. Der Fernseher lief, oder sagen wir so: er vereinnahmte alles. Er war ein Gesprächskiller, man musste immer wieder hinsehen.
Als Frederick den Raum verließ, nahm ich die Fernbedienung und zappte durch die Kanäle. Als ich den MDR erreichte, konnte ich nicht mehr umschalten. Und das hatte gute Gründe. Die Sendung, die gerade lief, hieß „Musik für Sie“. Es war eine Live-Sendung aus Magdeburg. Der MDR ist ein öffentlich rechtlicher Sender. Er wird also von unseren Gebühren bezahlt. Und an diesem Winterabend bekam ich eine ungefähre Vorstellung davon, was ich da so mitfinanziere.
Meine Leidenschaft für Schlagersendungen kann man vielleicht nicht verstehen, wenn man uneingeschränkten Zugriff auf das Fernsehprogramm hat. Auch Frederick sah mich entgeistert an, als er in den Raum zurückkehrte. Dann versuchte er resolut, mir die Fernbedienung zu entwenden. Das ließ ich jedoch nicht zu.
„Nein“, rief ich. „Das musst du dir ansehen.“
Es dauerte ungefähr fünf Minuten, bevor Frederick aufgab. Dann öffnete er eine Flasche Rotwein.
Was soll ich sagen, es wurde ein sehr lustiger Abend. Man muss dazu sagen, dass die Sendung „Musik für Sie“ wirkt als wäre sie für Menschen wie den letzten Gewinner des „Dschungel-Camps“ entwickelt worden. Für Menschen nah an der Behindertengrenze.
Es war eine Schlagersendung. Real-Satire. Alle Mitwirkenden hatten dieses grenzdebile Grinsen, das sehr unnatürlich wirkte, auch die Dinge, die sie sagten, passten dazu. Manchmal hatte ich sogar den Eindruck, als hätten sie die gesamte Sendung um dieses Grinsen herumgebaut, als wäre es der rote Faden, der alles zusammenhielt.
Wir tranken Wein und wanden uns peinlich berührt vor dem Fernseher. Wir amüsierten uns und lachten, bis uns die Tränen in die Augen traten. Es war großartig. Wir machten sogar bei dem „Musik für Sie“-Gewinnspiel mit, bei dem wir allerdings die Adresse meiner Eltern angaben.
So ähnlich muss es auch den Menschen gehen, die sich „Bauer sucht Frau“, „Deutschland sucht den Superstar“ oder „Dschungel-Camp“ ansehen.
Sendungen, die uns mehr über uns erzählen, als uns lieb ist. Sie befriedigen unsere voyeuristischen Neigungen, kultivieren unsere Schadenfreude und unser Bedürfnis, uns fremd zu schämen. Vielleicht ist Angela Merkel deshalb auch die Kanzlerin, die am besten zu uns passt. Ich kann keine Rede von ihr hören oder sehen, ohne mich peinlich berührt in meinem Stuhl zu winden. Und ich genieße es. Vielleicht ist sie ja deshalb – nach Joachim Gauck – die zweitbeliebteste Politikerin. Sie ist unsere Betroffenheitspolitikerin. Unser „Dschungel-Camp“ der deutschen Politik.
Die Kanzlerin, die wir verdient haben.
Jetzt fällt mir noch einmal die deutsche Seele ein, und was soll ich sagen, ich bin wohl deutscher als ich dachte.
Ich befürchte es zumindest.
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