Großstadtkolumne | Fremde Freunde
Eine Weihnachtsgeschichte
1.
Man kann viel über einen Menschen erfahren, wenn man sich seine Freunde ansieht. Es kann sehr aufschlussreich sein. Auch wenn man sich selbst einmal aus diesem Blickwinkel betrachtet. Man kann zu Erkenntnissen kommen, die man sich normalerweise nur schwer eingestehen würde.
Es ist ja so: Die Menschen, mit denen sich jemand umgibt, vervollständigen das Bild, das wir uns von ihm zurechtgelegt haben. Das kann sehr ernüchternd sein. Wir nehmen die Menschen schließlich nicht wahr, wie sie sind. Wir legen sie über Gemeinsamkeiten fest, über die Dinge, auf die wir uns einigen können. Über die Schnittmengen zu unserem Leben. Es geht darum, uns in dem anderen wiederzufinden. Dann haben wir das Gefühl, uns gut mit ihm zu verstehen. Jedes Date funktioniert so. Und die meisten Freundschaften ebenfalls.
Darum kann es sehr aufschlussreich sein, wenn man die Freunde eines Menschen kennen lernt, mit dem man sich eigentlich sehr gut versteht. Noch aufschlussreicher kann es werden, wenn man den Ex-Freund der Frau kennenlernt, mit der man zusammen ist. Ich weiß, wovon ich rede, denn ich habe gewisse Erfahrungswerte in diesen Dingen, und zwar sehr ernüchternde. Einer meiner Erfahrungswerte heißt Hänk Blankenberg.
Ja, Hänk! Hänk mit Ä.
Er wird wirklich so geschrieben. Ich habe nachgefragt. Hänk war der Ex-Freund meiner damaligen Freundin Eileen. Ich weiß, dass das nicht für mich spricht, aber schon dieser Buchstabe, nur dieses Ä, hätte mir zu denken geben müssen, als wir uns zum ersten Mal begegneten. Ich hätte es wie Sebastian machen können. Ich hätte das Bild meiner Freundin korrigieren können, das Bild der Frau vorwegnehmen, mit der ich zwei Jahre später zusammen war, als unsere Beziehung nur noch aus den Resten einer Beziehung bestand. Aber leider ist einfacher, festzuhalten als loszulassen.
Man braucht Zeit. Oder ein Schlüsselerlebnis.
So gesehen musste ich Hänk dankbar sein, als ich an Weihnachten vor einigen Jahren an seinem Wohnzimmerfenster im fünfzehnten Stock eines Lichtenberger Neubaublocks stand, auf das verschneite Berlin hinunterblickte und mich fragte, warum ich mit Eileen überhaupt noch zusammen war, was mich mit ihr verband.
Dieser Abend würde mein Schlüsselerlebnis sein. Aber das ahnte ich nicht. Noch nicht.
Es war Heiligabend. Später Heiligabend. Den Nachmittag hatten wir bei meinen Eltern verbracht. Als wir mit dem Abendessen fertig waren, hatte Eileen aber schon diesen angespannten „Jetzt müssen wir aber langsam los“-Ausdruck im Blick. Ich habe versucht, ihren fordernden Blick zu ignorieren, denn ich wäre gern im Haus meiner Eltern geblieben. Wir hätten den Abend ausklingen lassen können, sanft und behutsam, so wie es eigentlich sein sollte. Später hätten wir in meinem altem Kinderzimmer übernachtet. Wenn alles gut lief, hätten wir sogar miteinander geschlafen, und vielleicht wäre ich sogar mit dem Gefühl eingeschlafen, dass zwischen uns alles in Ordnung ist, dass unsere Beziehung doch irgendwie funktioniert. Es wäre ein guter Abschluss für das Jahr gewesen, ein Abschluss, der mit Hoffnung verbunden ist.
Viel Hoffnung war allerdings nicht mehr zu erwarten, denn jetzt saß ich mit diesen Leuten in einer Plattenbauwohnung und versuchte mir nicht anmerken zu lassen, wie ungern ich hier war.
Diese Leute waren Eileens Freunde.
Heiligabend in Lichtenberg! Wenn ich an Lichtenberg denke, denke ich immer gleich an Nazis. Das ist das Klischee. Lichtenberg ist der Nazi-Bezirk. Nun ja. Immerhin hatte man hier in der fünfzehnten Etage einen schönen Ausblick.
Eileen hat darauf bestanden, dass ich mitkomme. Es wäre ja schließlich eine „unserer“ Traditionen. Ich bin mir nicht sicher, wie sie den Begriff „unser“ definiert. „Unser“ hätte mich ja irgendwie einschließen müssen. Obwohl, anwesend war ich ja, allerdings eher als Statist.
Eileen und ihre Freunde trafen sich jedes Jahr am späten Heiligabend. Sie kennen sich noch aus der Schulzeit. Ein fester Kreis, in dem über die Jahre jeder mal mit jedem zusammen gewesen ist. Ich verbrachte den Weihnachtsabend also mit den Ex-Freunden meiner Freundin. Ich bin mir nicht sicher, ob das für oder gegen mich spricht. Wahrscheinlich eher gegen mich. Ich war Eileens erster Freund, der nicht zu diesem Kreis gehörte. Wir waren seit drei Jahren zusammen.
„Es sind doch auch deine Freunde“, sagte Eileen, als ich andeutete, diesmal eventuell nicht mitkommen zu wollen.
Ich hätte jetzt natürlich sagen können, dass ich sie nur als „meine Freunde“ bezeichne, weil sie ihre Freunde sind; dass Eileen unsere einzige Verbindung ist; der kleinste gemeinsamer Nenner. Aber das habe ich nicht gesagt, weil ich ja weiß, dass Beziehungen immer mit Kompromissen verbunden sind, mit denen man sich arrangieren muss. Abgesehen davon wäre es ein Argument für eine unserer nächsten Diskussionen gewesen, und ich war mir sicher, dass sie es bald anwenden würde, denn seit einiger Zeit gab es viele Diskussionen.
„Es wird bestimmt wieder ganz lustig“, rief Eileen. Sie sang es fast.
Wieder?, dachte ich und versicherte mich in ihrem Blick, dass ich es nur gedacht habe. Glücklicherweise hatte ich es.
Leider wusste ich schon jetzt, wie der Abend verlaufen würde, denn diese späten Heiligabende waren sich sehr ähnlich. Als wären Eileens Freunde seit Mitte der Neunziger Jahre in einer Zeitschleife gefangen. Ich schien der einzige zu sein, der das wahrnahm. Sie würden viel trinken und über die alten Zeiten sprechen, die alten Geschichten erzählen. Geschichten, in denen ich nicht vorkam. Ich würde nicht viel reden, hin und wieder nicken oder versuchen, interessiert lächeln.
Irgendwann würde mich Eileen fragen, warum ich so still bin, mit diesem skeptischen Unterton, den ich so hasste. Eine Skepsis, die die Gesichter ihrer Freunde aufgreifen würde. Nichts verbindet mehr als ein gemeinsamer Feind, erzählten ihre Blicke. Das würde es nicht unbedingt einfacher machen. So laufen diese Abende immer. Als hätte jemand eine Bedienungsanleitung geschrieben, der gegen mich war. Ich würde ein Fremder sein, wie jedes Jahr. Ein Fremder unter Freunden. Aber ich würde es ertragen. Wenn man ein paar Bier getrunken hat, ließ sich einiges ertragen.
Als wir Hänks Wohnzimmer betraten, rief Eileen: „Frohe Weihnachten!“
Sie strahlte. Mit diesem Strahlen würde sie nicht mehr aufhören, als hätte jemand einen Schalter umgelegt. Sie war praktisch ein anderer Mensch. Ich fragte mich, ob ich mich in sie verliebt hätte, wenn sie sich bei unseren ersten Treffen so gegeben hätte. Ich war mir nicht sicher.
Alle umarmten und küssten sie zur Begrüßung, mir gab man die Hand. Ich würde nie dazugehören. Selbst wenn ich es gewollt hätte.
Hänk hat seine Wohnung in einem Stil eingerichtet, den er selbst wohl als "modern" bezeichnen würde. Ich tippte auf Möbel-Höffner. Möbel-Höffner passte zu Hänk. Zumindest besaß der Mann eine gesunde Selbsteinschätzung. Es gab viel helles Holz. Auch das Laminat war sehr hell. An der Wohnzimmerdecke war eine komplizierte Strahlerkonstruktion angebracht, die ein sehr helles Licht ausstrahlte. Unser Gastgeber schien ein Bastler zu sein.
Hänk war acht Jahre mit Eileen zusammen, er ist mein Vorgänger – und so sah er mich auch an. Er schien immer noch in Eileen verliebt zu sein, obwohl er seit Jahren mit Tina liiert ist. Tina war vorher mit Mirko zusammen, Eileens Jugendliebe. Das würde heute Abend ein Thema sein. Es ist bei diesen Treffen ja immer ein Thema.
„Mensch, Micha“, sagte Eileens Jugendliebe gutgelaunt und drückte mir sehr fest die Hand. „Wir ham' uns ja ne Weile nicht gesehen.“
Ich hätte jetzt entgegnen können, dass das auch seine Gründe hatte. Stattdessen sagte ich mit einem Lächeln: "Tja, jetzt hat's ja doch mal wieder geklappt."
Mirko. Mirko Wawrowski.
Der Mann sieht aus, wie es sein Name vermuten lässt. Er ist ein dicker Mensch, der zu der sehr hellen Jeans ein sehr gelbes Jackett trug. Er könnte bei den Flippers sein. Leider war Mirko schon jetzt so betrunken, dass es ihm schwer fiel, sein Gleichgewicht zu halten. Und wenn der Mann volltrunken war, hatte er Redebedarf. Das war nicht ungefährlich, denn in diesem Zustand sah er in mir einen passenden Ansprechpartner, vielleicht weil ich mich nicht wehrte. Wir sahen uns ja nur ein oder zwei Mal im Jahr, allerdings reichte das schon, um sich in seinem Leben ziemlich gut auszukennen. Genaugenommen zu gut, wie ich finde. Er war der einzige hier, der mich irgendwie zu mögen schien. Wahrscheinlich war er dankbar, dass ihm endlich mal jemand zuhörte.
Letztes Weihnachten war Mirko unser Gastgeber. Er lebt ebenfalls in einer Plattenbauwohnung, allerdings nicht in Lichtenberg, Mirko ist dem Bezirk, in dem er aufwuchs, treu geblieben. Er lebt in Marzahn. Er war auch für meinen emotionalen Höhepunkt unseres letzten Treffens verantwortlich, indem er einen Plüschweihnachtsmann vor sich hielt als würde ihm die Puppe einen blasen. Alle lachten ausgelassen. Auch Eileen. Ich kam gerade vom Buffet aus der Küche zurück. Von der Zimmertür sah es aus als würde Mirko gerade onanieren, und alle lachten, als habe er gerade einen guten Witz erzählt. Ich hätte den Teller fast fallen lassen. Als ich dann den Plüschweihnachtsmann sah, machte es die Sache auch nicht besser. Ich betrachtete bestürzt das herzlich lachende Gesicht meiner Freundin. Der Appetit war mir vergangen. Es irritierte mich schon, dass Dinge, die mir den Appetit verderben, meine Freundin zum Lachen brachten. „Lustige Dinge“, wie Eileen es wohl formulieren würde.
Mirko redete, und hörte nicht mehr auf. Wenn der Mann einmal anfing, hörte er nicht mehr auf. Er führte Monologe in Kinofilmlänge. Vielleicht redete er so viel, weil er Angst hat, mit sich allein zu sein, dachte ich. Nachvollziehbar wäre es.
Während er sprach, verteilte Mirko einen sanften Speichelregen auf meinem Gesicht. Ich versuchte, einen möglichst großen Abstand zu halten, gerade groß genug um nicht unhöflich zu wirken. Mirko ließ das jedoch nicht zu. Er kam immer wieder sehr nah heran, so nah, dass ich schon aus Reflex zurückwich. Vielleicht wollte er damit zeigen, dass er mich für vertrauenswürdig hält, allerdings war der Mann inzwischen in einem Zustand, in dem er sicherlich jeden für einen vertrauenswürdig hält. Ich versuchte, den Impuls zu ignorieren, Mirkos Speichel abzuwischen, aber der Drang, mein Gesicht zu säubern, wurde immer stärker. Und nach dem säuerlichen Geruch aus Mirkos Mund zu schließen, lässt sein erstes Magengeschwür auch nicht mehr allzu lange auf sich warten. Ich gab ihm noch ein knappes Jahr, wenn er Glück hatte. Menschen wie Mirko geben mir das Gefühl, die Kontrolle abzugeben, ihnen ausgeliefert zu sein. Ich sah in den großen Spiegel, der sich im Flur befand, um erstaunt festzustellen, dass mein aufrichtig interessiertes Lächeln für diese Grenzsituation schon beeindruckend authentisch wirkte.
Es war wohl Zeit für einen Drink, um die Qualität meines Lächelns zu halten. Kein Bier, etwas Härteres. Es war Heiligabend. Ich war erst seit einigen Minuten hier und dachte schon ans Saufen. Aber vielleicht schlug der Alkohol eine Brücke. Bei Mirko schien es ja auch ganz gut zu funktionieren.
Als Mirko auf der Toilette verschwand, blickte ich zu Eileen hinüber. Hänk redete gerade eindringlich auf sie ein, vermutlich wollte er sie noch heute Abend zurück gewinnen. Sollte er mal machen, dachte ich. Da rannte er bei mir offene Türen ein. Sie passte sowieso besser zu jemandem wie Hänk.
Zu Möbel-Höffner-Hänk.
2.
Als ich von der Toilette zurückkehrte, redete Hänk immer noch auf Eileen ein. Er verstummte, als ich meinen Arm um Eileens Hüfte legte und herzlich sagte: „Na, was wird denn hier geflüstert? Habt ihr etwa Geheimnisse?“
Hänk blickte irritiert an mir vorbei, er wirkte irgendwie ertappt. Nicht zu fassen, der Mann war wirklich noch in Eileen verliebt. Wahrscheinlich hatte er ihr gerade erklärt, was für ein Arsch ich eigentlich war.
„Interessiert mich eigentlich gar nicht. Ich wollte Smalltalk machen", bestätigte ich erst einmal Hänks Michael-Nast-Bild.
Während ich ihn wie einen guten Freund ansah, redete Eileen schnell und hastig, um das Porzellan zu kitten, das ich zerschlagen hatte. Um es wegzureden. Erschreckenderweise war ihr Strahlen immer noch da. Was heute Abend auch passierte, es würde nicht verschwinden. Mir kam der Gedanke, dass Eileen vielleicht auf Drogen war. Dieses Strahlen konnte nicht natürlich sein. Möglicherweise kannte ich meine Freundin schlechter als ich dachte. Vielleicht sollte ich jetzt verschwinden. Vielleicht sollte ich jetzt irgendwohin gehen, wo ich gern war.
„Ich brauch jetzt was zu trinken“, sagte ich zu Hänk und nickte Mirko zu, der gerade von der Toilette zurückkam. Mirko hatte die Wodka-Flasche schon in der Hand. Der nächste Wodka Lemon war in Reichweite. Sehr gut. Ich konnte etwas Aufmunterung gebrauchen, irgendwie hatte ich ja gerade mit den letzten beiden Jahren meines Lebens abgeschlossen. Als Mirko mir das gefüllte Glas gab, fiel mir auf, dass meine Hände zitterten. Meine Freundin wirkte, als wäre sie auf Kokain und ich sah aus wie auf Entzug. Ästhetisch gesehen, passen wir offenbar ziemlich gut zueinander. Dann redete Mirko. Ich nickte hin und wieder zustimmend, ich hoffte, an den richtigen Stellen.
Drei Wodka Lemon später ließ ich im Badezimmer kaltes Wasser über meine Hände laufen. Ich spürte das kalte Wasser, das immer kälter wurde, schloss die Augen und benetzte mein Gesicht. Endlich fühlte ich mich wieder sauber. Das war schon mal ein Anfang. Ich öffnete die Augen, betrachtete mein gerötetes Gesicht im Spiegel, und spüre, dass plötzlich etwas passierte. Es war ein kurzes euphorisches Gefühl, als würde sich etwas in mir lösen. Ich blickte mir in die Augen und hoffte, das Gefühl noch einige Momente halten zu können, aber jetzt war da nur noch eine Art Nachhall. Dann war es weg.
Ich musste hier raus, dachte ich. Ich musste ganz schnell hier raus. Weg von diesen Leuten.
Vorsichtig öffnete ich die Badezimmertür. Ich hörte Eileens Lachen. Ein Lachen, das zu ihrem Strahlen passte. Ich überlegte kurz, ihnen zu sagen, ich wäre mal kurz Zigaretten holen, um dann nie wiederzukehren. Es wäre ein filmreifer Abgang, allerdings hatte ich vor einem halben Jahr aufgehört zu rauchen, als ich zu Eileen gezogen war. Ich seufzte leise. Ich hatte mir die Möglichkeiten verbaut. Es gab keine Fluchtwege mehr. Ich nahm meinen Mantel und verließ die Wohnung. Auf dem Hausflur lauschte ich noch einmal, ob wirklich niemandem etwas aufgefallen ist. Dann zog ich behutsam die Wohnungstür ins Schloss.
Als ich die Straße betrat, klappte ich den Mantelkragen hoch, weil es inzwischen stark schneite. Es musste kurz vor eins sein. Ich ging langsam die Straße hinunter, die zur Frankfurter Allee führte. Ein Weihnachtsspaziergang in einem Lichtenberger Neubaugebiet. Wenn ich ehrlich war, passte dieser Satz ziemlich gut zu meiner Stimmung – und ich fühlte mich gar nicht mal schlecht dabei. Es war wohl der Schnee, oder die vielen Autos auf der für diese Uhrzeit noch ungewöhnlich belebten Frankfurter Allee. Oder es lag daran, dass ich in der Weihnachtszeit immer ein wenig melancholisch werde. Es häufen sich die Momente, in denen ich mich frage, ob ich der Mensch bin, der ich eigentlich sein will. Wie ich mein Leben ändern kann. Es ist die Sehnsucht nach einem harten Schnitt.
Vielleicht ist das meine Art Weihnachtsgefühl, so kurz vor dem neuen Jahr, der Zeit der guten Vorsätze. Die meisten der zu Silvester gefassten Vorsätze sollen ja nicht länger als drei Monate halten. Da passe ich ins Bild. Auch meine Ambitionen verlieren sich in den ersten Monaten des neuen Jahres. So gesehen bin ich ein wandelndes Silvester-Vorsatz-Klischee. Es erfährt nur keiner.
Es war ziemlich kalt, der frisch gefallene Schnee knirschte unter meinen Füßen. Als ich meinen Blick zu den trostlosen Fassaden hob, fiel mir ein Licht auf, das sich von den Lichtern in den anderen Fenstern unterschied. Es war irgendwie wärmer. Es leuchtete matt aus den Fenstern einer Kneipe, die sich im Erdgeschoss eines der Neubaublöcke befand. Es war ein einladendes Licht, und das war es wohl, was ich jetzt brauchte. Auf dem Schild über dem Eingang stand Bei Henri. Und Henri wurde sicherlich nicht französisch ausgesprochen. Ich zögerte. Sollte ich mir das antun? Ich stellte mir vor, wie ich den Wirt, den ich mir übergewichtig und auch ziemlich stark behaart vorstellte, Hénri nennen würde. Wahrscheinlich würde ich sofort eine reinbekommen. Die Vorstellung half mir, schnell vorbeizugehen, aber nach einigen Metern zögerte ich, blieb stehen und sah mich noch einmal um. Neben der Eingangstür war ein Schild angebracht, auf dem Alkohol, Nikotin und Rock'n'Roll – betreten auf eigene Gefahr zu lesen war. Ich dachte kurz über die Warnung nach. Dann riskierte ich es und ging zurück. Ich würde einfach ein Bier trinken, dachte ich. Vielleicht auch einen Schnaps. Oder zwei.
Die Kneipe war größer als erwartet. Es gab keine Frauen, viele schlechte Zähne und einen Mann hinter der Bar, der vermutlich Henri war. Er war schlank und wirkte auch gar nicht so behaart. Ich wich den Blicken der anderen Gäste aus, deren Gesichter leuchteten, als wären sie schon um 15 Uhr eingekehrt, und ging erst einmal zu Henri, wahrscheinlich weil ihm hier wohl am meisten zu trauen war. Ich kannte ja auch schon seinen Namen.
Henri musterte mich.
„Hallo“, sagte ich.
„Frohet Fest“, sagte Henri. "Womit kann ick dienen, junger Mann?"
„Ich hätte gern ein Hefeweizen“, sagte ich.
„Weizen hab ick nich“, erwiderte Henri knapp. „Hier jibt´s nur richtijet Bier.“
„Jut. Dann nehm ich ein richtiges Bier.“
Henri schüttelte den Kopf. Wenn nicht Heiligabend wäre, hätte er mich wahrscheinlich sofort rausgeschmissen. Du hast es versaut, erzählte sein Blick. Schon jetzt. Ich war nicht mal seit einer Minute hier. Irgendetwas machte ich falsch.
„Und einen Schnaps“, rief ich ihm hinterher, um vielleicht noch irgendetwas zu retten. Henri nickte, füllte ein Glas und stellt es vor mir auf den Tresen, bevor er das Bier zapfte.
„Danke“, sagte ich, als er das Glas über den Tresen schob.
Henri nickte wieder. Er schien kein Mann vieler Worte zu sein. Offenbar war er jedoch ein guter Menschenkenner, denn er machte mir einen Deckel. Er wusste, was ich mir noch nicht eingestanden hatte: Ich würde noch ein wenig bleiben. Ganz kurz fiel mir ein, dass der Wirt nicht nach einem Namen für den Deckel gefragt hatte, aber ich war ja sicherlich der einzige hier, der kein Stammgast war. Wahrscheinlich hatte er „der Fremde“ über den ersten Eintrag geschrieben. Oder „der Neue“.
Ich hob das Schnapsglas auf Augenhöhe und betrachtete die klare Flüssigkeit. Ich bin eigentlich nicht der Typ, der Gläser in einem Zug leert. Ich bin ein Schlückchentrinker. Ich trinke sogar Bier als würde ich Wein trinken. Aber ich ahnte auch, dass das hier nicht besonders gut ankommen würde. Ich riss mich zusammen, setze das Glas an, leerte es und knallte es auf den Tresen. Der Wirt sah erstaunt auf. Ich schien ihn überrascht zu haben, auf angenehme Art. Dann machte er eine Geste, die ich nicht verstand, aber ich nickte vorsichtshalber und der Wirt füllte das Glas erneut. Ich lehnte mich mit dem Rücken an den Tresen und blickte mich um. Ich würde noch ein wenig bleiben, dachte ich. Ein wenig.
Zwei Stunden später spürte ich, dass ich mich befreit hatte. Ich war der letzte Gast, aber ich durfte noch bleiben, denn ich war kein Fremder mehr. Nach dem vierten Kurzen hatte es mit Henri einfach zu viel zu besprechen gegeben. Wir hatten alles diskutiert, meine unglückliche Beziehung, seine Scheidung und sogar die Weltlage. Unser Gespräch glitt in immer größere Zusammenhänge, aber jetzt waren wir wieder am Anfang angekommen, bei meinen Beziehungsproblemen.
„Alles Scheiße“, rief ich Henri zu, obwohl er nur einen knappen Meter neben mir stand.
„Dit wird schon wieda“, sagte er. „Dir jeht's doch jut. Wat denkste, wie't den andern jeht. Dit sind Schicksale. Denen jeht's Scheiße.“
Ach ja, die anderen. Ich dachte an die schweigenden Männer, die an den Tischen gesessen hatten. Sie schienen sich nicht viel zu sagen zu haben, oder sie hatten schon alles besprochen. Henri hatte recht. Ich gehörte nicht hierher. Das war nicht meine Welt. Ich hatte es nur kurz vergessen.
Vor ihm standen zwei bis zum Rand gefüllte Schnapsgläser. Ich nickte ihm zu, wir stießen an. Als ich das leere Glas auf den Tresen stellte, sagte ich: „Ich bin Michael.“
„Und ick Thorsten“, sagte der Wirt. „Aber Totte is mir lieber.“
„Allet klar, Totte“, sagte ich und begriff. Einen Moment lang fragte ich mich, wo Henri war, wurde aber durch das Vibrieren meines Handys abgelenkt. Ich hatte vier Anrufe in Abwesenheit, alle von Eileen, und eine Weihnachts-SMS von Sebastian, die sich so unverbindlich las als hätte er sie an seine gesamte Telefonliste geschickt. Eileen hatte drei Nachrichten auf der Mailbox hinterlassen, die ich jetzt vorsichtshalber nicht abhören wollte. Ich zögerte kurz, bevor ich das Handy ausmachte, aber als sich das Display verdunkelte, war es als würde sich eine Verspannung lösen.
„Soll ick dir ne Taxe rufen?“, fragte Totte.
„Nee, nee, is schon okay, ich laufe.“ Ich griff nach meinem Mantel und sagte: „Bis bald mal wieder“, und in diesem Moment nahm ich mir wirklich vor, ihn noch einmal zu besuchen.
„Mach's jut“, sagte Totte. Er hätte auch Leb wohl oder Adieu sagen können, zumindest klang es so. Wir würden uns nicht wiedersehen. Ich ahnte vage, dass ich das am nächsten morgen ähnlich sehen würde.
Totte war der bessere Menschenkenner.
Ich hob zum Abschied die Hand und verließ „Bei Henri.“ Ich stapfte die stille, verschneite Straße hinunter, der Schnee dämpfte die Geräusche ab, auf der Frankfurter Allee fuhren nur noch vereinzelt ein paar Autos.
Jetzt war es doch noch irgendwie weihnachtlich geworden, dachte ich mit einem warmen, wehmütigen Gefühl.
Die nächste Großstadtkolumne erscheint am Freitag.
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