Großstadtkolumne | Eine Eleganz im Vulgären
Es ist schon erstaunlich, wie unterschiedlich Gespräche von den jeweiligen Gesprächspartnern wahrgenommen werden können. Das veranschaulicht ein bemerkenswerter Satz, der auf meiner letzten Geburtstagsfeier fiel. Diese eindrucksvollen Worte waren die abschließende Bemerkung der zweistündigen Unterhaltung zwischen Hendrik und Johanna, die sich, obwohl ich die beiden seit Jahren kenne, an diesem Abend zum ersten Mal begegnet waren. Das lag daran, dass sie eigentlich zu zwei einander ausschließenden Bekanntenkreisen gehören.
Einige kennen das vielleicht. Es besteht immer eine gewisse Gefahr, wenn sich einander ausschließende Bekanntenkreise mischen. Ich kenne Leute, die aus diesem Grund ihre Geburtstagsfeier aufteilen. Sie feiern zwei Mal. Mit den einen feiern sie in ihren Geburtstag hinein. Mit den anderen an ihrem Geburtstag. Sie wählen die Gäste der jeweiligen Feier danach aus, wie gut sie sich verstehen. Wie gut sie zueinander passen. Das ist sicherlich nicht unklug, und vielleicht hätte ich das auch tun sollen. Aber ehrlich gesagt finde ich es gerade interessant, wenn sich diese Bekanntenkreise auf meinen Geburtstagsfeiern berühren. Obwohl es für mich mit einer gewissen Spannung verbunden ist. Einer Spannung, die immer mal wieder stärker wird und sich dann wieder abschwächt. Sie ist der Grund, aus dem ich mich auf meinen Geburtstagen nicht entspannen kann.
Diesmal schien jedoch auch alles gut zu laufen. Johanna und Hendrik hatten gemeinsame Themen. Sie unterhielten sich inzwischen schon fast zwei Stunden. Irgendwann erzählte Hendrik, dass er nicht weit entfernt wohnen würde. Nur einige hundert Meter auf der gegenüberliegenden Straßenseite.
„Wenn du Lust hast, können wir noch zu mir gehen“, sagte er.
Johanna zögerte, bevor sie vorsichtig sagte, dass sie nicht sicher war, ob sie seine Idee für einen überlegenswerten Vorschlag hielt.
Hendrik sah sie verständnislos an. Dann warf er einen nachsichtigen Blick auf ihr Dekolletee und sagte: „Dich fick ich auch mit kleinen Titten.“
Ein bemerkenswerter Satz, vor allem weil er ja als Kompliment gemeint war.
Johanna starrte ihn fassungslos an. Und nicht nur sie. Man muss dazu sagen, dass mein Geburtstag in einer Bar stattfand, in der sehr laute Musik gespielt wurde. Es gab keinen DJ, die Lieder gingen also nicht ineinander über. Es gab immer diese kurzen Pausen zwischen den Songs, in denen nur die Gespräche der Gäste zu hören waren. Und unglücklicherweise hatte Hendrik Johanna sein Kompliment in einer dieser unerwarteten Pausen gemacht, und zwar – und das machte es nicht unbedingt besser – mit derselben erhobenen Stimme, mit der er bisher gesprochen hatte, um die Musik zu übertönen. Mit anderen Worten: Er brüllte den Satz in den hohen Raum.
Das war der Moment, in dem die beiden zum Mittelpunkt des Abends wurden. Alle Anwesenden drehten sich mit irritierten Mienen zu ihnen. Johanna wurde rot, und blickte entschuldigend in die Menge. Dann sagte sie schnell, dass sie Juliane heißen würde, und dass sie ja auch ihre Freunde, mit denen sie heute Abend hier war, schon eine Weile nicht mehr gesehen hätte.
„Ich werd sie am besten mal suchen gehen“, sagte sie und sah sich um.
Hendrik rülpste. Dann sagte er: „Macht nüscht. Ick geh jetzt sowieso erst mal für kleene Außerirdische.“
Sprachlich nicht sehr elegant, aber wirkungsvoll. Hendrik zwinkerte Johanna unangemessen vertraut zu. Dann ging er lächelnd an ihr vorbei und verschwand er auf der Toilette.
Ein Samstagabend in der Berliner Mitte. Willkommen in Berlin. Willkommen auf meinem Geburtstag.
In diesem Moment versuchte ich gerade Sebastian davon zu überzeugen, seine Rauschplanung für diesen Abend eventuell noch einmal zu überdenken. Sebastian war ziemlich betrunken und hatte gerade zwei eingeschüchterte jungen Frauen mit der etwas kühnen These konfrontiert, dass ja eigentlich Rudolf Hess die DDR regiert hatte – gewissermaßen aus der Vollzugsanstalt Spandau heraus. Eine kühne These, die er offensichtlich für ein angemessenes Smalltalk-Thema hielt. Die jungen Frauen warfen mir hilfesuchende Blicke zu. Ich schob Sebastian erst einmal Richtung Bar und versuchte ihm zu erklären, dass seine ja verhältnismäßig absurden Theorien möglicherweise nicht in die Kategorie eines leichten Party-Themas unter Freunden fielen.
Dann spürte ich, wie sich eine Hand auf meiner Schulter legte. Ich sah mich um. Es war Johannas Hand. Vier Minuten später war ich über ihre Hendrik-Erfahrung ziemlich umfangreich und auch sehr detailliert informiert. Ich fand sie ziemlich bestürzend. Bevor ich jedoch angemessen reagieren konnte, wurde meine Aufmerksamkeit von Sebastian abgelenkt, der gerade an der Theke mit den Worten „Wat isn jetze mit die Jetränke hier?“ auf den Barkeeper einredete.
Ich schlug der verängstigten Johanna vor, sich erst einmal auf die Tanzfläche zu begeben. An einem Ort, an dem sich viele Menschen aufhielten, war es schließlich immer sicherer. Dann versuchte ich, die Situation an der Bar zu deeskalieren, bevor ich mich mit Hendrik auseinandersetzen würde.
Einige werden jetzt einwenden, dass ich natürlich nur Johannas Version der Geschichte kannte. Vermutlich könnte man Hendriks Verhalten entschuldigen oder sogar verstehen, wenn man seine Version kennen würde. Vielleicht war dieser Satz aus seiner Sicht die folgerichtige Bemerkung der vorangegangenen zwei Stunden. Das begriff ich, als mich Hendrik am nächsten Nachmittag gut gelaunt anrief, um sich nach Johannas Telefonnummer zu erkundigen.
Ich wirkte wohl ein wenig unentschlossen, denn irgendwann sagte Hendrik ungeduldig: „Die Frau stand doch total auf mich. Ick seh sowat. Ick spür sowat. Und du weeßt, ick kenn mich aus mit Frauen.“
Genau genommen war ich mir nicht sicher, inwieweit Hendrik sich mit Frauen auskannte. Und auch in Bezug auf Menschen generell hatte ich meine Bedenken. Ich hätte ihm jetzt sagen können, dass selbst ein so aufmerksamer Beobachter wie er die Menschen, die ihm begegnen, nicht sieht, wie sie wirklich sind, sondern wie sie ihm, verzerrt durch seine persönliche Sicht, erscheinen. Jeder nimmt seine Umwelt sozusagen durch den Filter seiner selbst wahr. Und so gesehen sagen unsere Einschätzungen anderer nicht wenig über uns selbst aus.
Ich habe es dann doch nicht gesagt. Zum einen weil ich solche Dinge wohl nie sagen würde, und zum anderen weil ich mit Hendrik darüber nun wirklich nicht ins Gespräch kommen wollte. Er hätte mich wahrscheinlich vollkommen missverstanden.
Ich dachte an Johanna, die mir erzählt hatte, dass Hendrik ihr anfangs durch seinen starken Berliner Dialekt gar nicht so unsympathisch war.
„Sein Dialekt gibt ihm eine gewisse Eleganz im Vulgären“, hatte sie gesagt.
Eine gewisse Eleganz im Vulgären?
So reden Intellektuelle, wenn ihr Blick im Zoologischen Garten unerwartet auf Tiere fällt, die sich gerade selbst befriedigen. Ein Satz, der aus einer Mischung aus Verlegenheit und Faszination entsteht. Ich glaube, mit diesen Gefühlen verband sie auch die Unterhaltung mit Hendrik. Er war ein Exot. Ein Berliner in Berlin. Ein Eingeborener. Und solche Menschen kommen in Johannas Umfeld selten vor, obwohl sie bereits seit acht Jahren in der Stadt wohnt. Für eine Münchener Galeristin wie sie ist jemand wie Hendrik jemand, den man lieber nicht zu nah an sich herankommen lässt.
So gesehen beruhte das Gespräch der beiden auf einem großen Missverständnis.
Natürlich muss man kein Psychoanalytiker sein, um einschätzen zu können, was Hendrik offenbar nicht einschätzen kann, wenn er die Kontrolle an seine Instinkte abgibt. Und obwohl ich als guter Beobachter gelte und für solche Situationen eigentlich sensibilisiert sein sollte, kommt es auch bei mir hin und wieder zu Fehleinschätzungen von Situationen. Nicht allzu oft, aber sie kommen vor.
Und auf dieser bisher ja schon ziemlich ereignisreichen Geburtstagsfeier ist das auch wieder passiert. Jetzt wurde sie noch ereignisreicher. Es ist schon merkwürdig, dass die Dinge immer zusammen passieren.
Es begann gegen drei Uhr morgen, als mir eine Bekannte zwei Freundinnen vorstellte, in deren Begleitung sie auf die Feier gekommen war. An den Namen der einen kann ich mich nicht mehr erinnern. Der Name der anderen Frau war Christina.
Zwei Stunden später saßen Christina und ich noch immer an einem der hinteren Tische des Raums und unterhielten uns angeregt. Unser Gespräch hatte sich ganz natürlich ergeben. Und auch dass wir uns irgendwann abseits an einen Tisch setzten, um allein zu sein, war irgendwie folgerichtig.
Irgendwann kamen ihre Freundinnen an den Tisch, und sagten, dass sie jetzt gehen wollten. Christina erhob sich und gab mir zum Abschied einen Kuss auf die Wange.
Ich ging zur Bar, an der mir der Barkeeper einen Wodka ausgab. Er schien nicht unzufrieden zu sein. Er hatte drei Nummern bekommen.
„Die werde ich dann mal in der kommenden Woche abarbeiten“, sagte er.
„Mist“, sagte ich energisch, denn mir fiel ein, dass ich vergessen hatte, Christina nach ihrer Telefonnummer zu fragen.
Und dann – ja, dann – dann passierte etwas Unerwartetes.
Wir wandten uns um, als wir ein Geräusch hörten. In der Tür stand Christina. Sie lächelte und fragte, ob wir nicht noch einen Kaffee zusammen trinken wollten. In meiner Wohnung vielleicht. Der Barkeeper holte ein weiteres Glas und gab noch eine Runde Wodka aus.
In meiner Wohnung tranken wir dann doch keinen Kaffee. Wir küssten uns, dann schliefen wir miteinander. Nachdem wir miteinander geschlafen hatten, lagen wir erschöpft in meinem Bett und unterhielten uns. Wir kannten uns erst seit einigen Stunden, gingen jedoch so vertraut miteinander um, als würden wir schon seit Jahren sehr gute Freunde sein. Und so etwas passiert mir nicht allzu oft. Ich hatte wirklich das Gefühl, dass mein persönliches Glück greifbar geworden war.
Dann warf Christina einen Blick auf ihre Uhr.
„So“, sagte sie leichthin. „Gewonnen!“
„Gewonnen?“, fragte ich.
„Na, die Wette“, sagte sie und stand auf, um sich wieder anzuziehen.
Ich setzte mich auf. „Welche Wette denn?“
Das war eine gute Frage, allerdings ahnte ich irgendwie, dass ich die Antwort eigentlich nicht wissen wollte.
„Denk mal drüber nach“, sagte sie. „Erinnerst du dich an Karina.“
„Karina“, sagte ich erschrocken. „Woher kennst du denn Karina?“
Ich spürte, wie sich etwas in mir zusammenzog. Ein unangenehmer Druck in der Magengegend, die nur sehr wenige Menschen in mir auslösen.
Karina gehört zu diesen Menschen.
Ich habe sie vor ungefähr einem Jahr kennen gelernt. Es war nur eine kurze Liaison, eigentlich war es nicht einmal eine Liaison, denn wir trafen uns nur drei Mal. Mein Fehler war allerdings, bei zwei dieser Treffen mit ihr zu schlafen. Vielleicht lag es ja daran, dass diese drei Treffen Folgen hatten.
Wenn ich mir keine längerfristige Perspektive mit einer Frau vorstellen kann, führe ich solche Beziehungen im Gegensatz zu vielen nicht weiter. Ich kann das irgendwie nicht, wahrscheinlich weil ich kein Talent zur Scheinheiligkeit besitze. Und auch während der Treffen mit Karina spürte ich diesen inneren Widerstand.
Ich schickte ihr eine lange „Es liegt nicht an dir, es liegt an mir, und lass uns auf jeden Fall Freunde bleiben“-SMS. Ich weiß, eigentlich hätte ich sie anrufen sollen, aber ich nahm an, dass eine Nachricht nach drei Treffen schon irgendwie angemessen war. Karina offensichtlich ebenfalls, denn sie schrieb mir eine verständnisvolle Antwort. Glück gehabt, ich hatte die Kurve gekriegt, niemand wurde verletzt, dachte ich, naiv wie ich war.
Ein halbes Jahr später erkundigte sich ein Bekannter behutsam bei mir, wie es mir inzwischen gehen würde, ich hätte ja eine harte Zeit hinter mir, nach meiner unglücklichen Liebe.
„Wie bitte“, fragte ich. „Welche unglückliche Liebe denn?“
In dem darauffolgenden Gespräch erfuhr ich von meiner tragischen unglücklichen Liebe zu Karina. Einer Liebe, die schnell in eine besessene Liebe gekippt war. Ich erfuhr, dass ich ihr nachgestellt hatte, dass ich ihr aufgelauert hatte, ich erfuhr, dass es wirklich schwer gewesen war, mich loszuwerden. Ich erfuhr, dass ich ein Stalker war, ein Psychopath, im Grunde genommen ein Mensch mit den Anlagen eines Serienmörders.
„Alter, wir haben uns drei Mal getroffen“, sagte ich zu meinem Bekannten, um damit ja auch irgendwie zu sagen, dass es gar nicht so viel Spielraum gegeben hatte, sie zu stalken.
„Passt ja eigentlich gar nicht zu dir“, sagte mein Bekannter.
Ich nickte dankbar.
Das war gewissermaßen die erste Stufe. Und offensichtlich hatten wir jetzt die zweite Stufe erreicht. Eine Stufe, die Christina hieß. Es ist zu befürchten, dass mit weiteren Stufen zu rechnen ist. Bis Karinas Rachedurst endlich gestillt ist.
Der Racheengel Christina warf mir lachend einen Handkuss zu, als sie mein Schlafzimmer verließ. Dann fiel die Wohnungstür hinter ihr ins Schloss. Ich sah ihr fassungslos nach. Ich hätte mich in sie verlieben können.
Ich hatte die Situation falsch eingeschätzt. Ich war zu einer Anekdote geworden. Ich konnte mir gut vorstellen, dass sie ihre Freundinnen bereits per SMS mit indiskreten Details der letzten Stunden informierte.
Sie hatte die Wette schließlich gewonnen.
Ich kuschelte mich in meine Bettdecke und dachte mit einem melancholischen Gefühl daran, dass ich wieder ein Jahr älter geworden war.
Dann schlief ich ein. Oder sagen wir es so: ich weinte mich in den Schlaf.
Die nächste Großstadtkolumne erscheint am kommenden Donnerstag.
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