Großstadtkolumne | Drei Tage wach
Am Freitag beendete eine Frau, mit der ich mich eine knappe Stunde zuvor in der Goldfischbar in Friedrichshain getroffen hatte, unser Date mit den Worten: „Du, merk dir mal, was du sagen willst, ich bin gleich wieder da, ich muss nur mal kurz auf die Toilette.“ Sie bekam es nur nicht mit.
„Schon wieder?“, fragte ich, weil sie ja schon vor zehn Minuten auf der Toilette gewesen war.
„Jetzt muss ich pinkeln“, erklärte sie gutgelaunt. „Vorhin hab ich nur ein paar Lines Speed gezogen.“
„Ach?“, sagte ich.
Ein paar Lines Speed? Bei einem Date?
Einen Moment lang war ich mir nicht sicher, ob das jetzt gegen sie oder gegen mich sprach. Vielleicht langweilte ich sie ja, und sie brauchte eine Hilfe, um mit dieser Langeweile umzugehen. Dabei hatte ich den Eindruck, dass wir uns eigentlich ziemlich gut verstanden. Aber das hieß ja nichts.
Kürzlich hat mir meine Bekannte Tina von dem unerträglichsten Date ihres Lebens erzählt. Es war ein Date mit Christian, und es war ein sehr schweigsames Treffen.
„Die Gesprächsthemen sind uns nicht ausgegangen, weil es keine Gesprächsthemen gab, die uns ausgehen konnten“, fasste Tina ein wenig verzweifelt das Treffen zusammen, als sie mir einige Tage darauf davon erzählte.
Christian schien das ähnlich zu sehen, denn nach dem Essen entschuldigte er sich, ging zum Tresen und nahm sich einige der ausliegenden Zeitschriften. Er setzte sich wieder an ihren Tisch und begann, in den Magazinen zu lesen, während er hin und wieder Wein trank oder kurz aufsah, und zu Tina hinüber lächelte, die nun wirklich nicht wusste, was davon zu halten war.
„Es war eine sehr quälende Dreiviertelstunde“, sagte sie.
Sie hielt ihr Weinglas in der Hand, sie hielt sich daran fest, das Glas war sozusagen ihr Halt. Als die Flasche geleert war, verlangten sie die Rechnung. Vor dem Restaurant verabschiedeten sie sich, und als Tina die Straße hinunterging, spürte sie, wie sich der unangenehme Druck, der auf ihrem Magen gelegen hatte, langsam auflöste.
Bis sie ungefähr eine Minute darauf eine SMS erhielt. Von Christian. „War ein sehr schöner Abend“, las sie. „Wäre schön, wenn wir das ganz bald wiederholen können. Kuss, Christian.“
'Kuss?', dachte sie irritiert. Offensichtlich hatte der Mann einen vollkommen anderen Abend erlebt als sie. Er nahm an, sie hätten sich sehr gut verstanden, warum auch immer.
Vielleicht war es bei meinem Date mit Julia ja ähnlich. Ich war in diesem Szenario gewissermaßen Christian. Offenbar hatte ich unser bisheriges Gespräch völlig falsch eingeschätzt.
Als Julia von der Toilette zurückkehrte, hatte ich irgendwie das Bedürfnis, das Thema Drogen noch ein wenig zu vertiefen, weil ich das Gefühl hatte, Julia erst jetzt richtig kennen zu lernen.
Nun ja, ich will es mal so formulieren: Ich hatte mich nicht getäuscht.
„Ach, ich hab eigentlich schon alles ausprobiert“, sagte Julia leichthin. „Außer Crack.“
„Oh Gott“, dachte ich und spürte, dass hier gerade etwas kippte.
„Auch Heroin?“, fragte ich vorsichtig.
„Klar“, sagte sie. „Aber ich hatte dich vorhin unterbrochen, du wolltest doch irgendwas erzählen.“
Ich machte eine Geste, die alles bedeuten konnte, weil ich jetzt auch gar nicht mehr wusste, worum es gegangen war.
„Erzähl mir doch lieber noch ein wenig von deinen Heroin-Erfahrungen“, schlug ich freundlich lächelnd vor, während ich spürte, wie sich etwas in mir zusammenzog.
Ich überschlug mit einem Blick auf meinen Mai Tai, wie lange ich noch für den Drink brauchen würde, bevor ich die Rechnung verlangte. Ich ahnte, dass das kein Date mehr war, sondern eine Milieu-Studie. Als ich meinen Drink geleert hatte, wusste ich es. Sie erzählte von Bars, die sie als „Zeitlöcher“ bezeichnete, weil sie dort schon 80 Stunden verbracht hatte, ohne es so richtig mitzubekommen. Sie erzählte, dass sie mit Leuten, die Kokain nehmen, nicht klarkam.
„Speeder sind viel umgänglicher“, sagte sie.
„Ach so“, sagte ich und nickte, weil ich inzwischen eigentlich nur noch nicken konnte. Ich hatte den Eindruck, mit einer vollkommen anderen Frau zu sprechen als mit der, mit der ich mich verabredet hatte. Ich gab dem Barkeeper ein Zeichen und zahlte ganz schnell die Rechnung.
Als wir uns verabschiedeten, war mir klar, dass wir uns nicht wiedersehen würden. Julia verabschiedete sich sehr herzlich. Offenbar war es ihr nicht ganz so klar. Wenn man so wollte, war meine Rolle in diesem Szenario wohl doch eher die von Tina.
Ich habe im Mai 2001 zum letzten Mal Drogen genommen. Das ist mehr als zehn Jahre her. Julia ist fünfunddreißig, und ein Ende ist nicht abzusehen. Aber es gibt noch einen anderen Unterschied, im Gegensatz zu ihr sind die Drogen nie in meinen Alltag gesickert.
Sie hatten ihn nie bestimmt.
Julia ist vor zwölf Jahren aus Stralsund nach Berlin gezogen. Sie hat nicht gesagt, aus welchen Gründen sie hergezogen ist, aber das war auch nicht so wichtig. Die meisten Gründe sind gerade für junge Menschen eine Ausrede, mit der sie ihre Eltern beruhigen, die ja die Zeit ihres Studiums hier finanzieren. Die meisten kommen nach Berlin, weil man hier gut feiern kann. Man kann jeden Tag aus unzähligen Angeboten wählen. Es hört nie auf.
Ich kenne das, ich habe schließlich auch so ein Leben geführt. Ich habe diese Zeit genossen, ich möchte sie nicht missen. Man muss nur aufpassen, dass man die Kurve kriegt. Mir fallen Gesichter aus dieser Zeit ein, zu denen mir die Namen fehlen, was vielleicht auch daran liegt, dass sie zu Erinnerungen an eine Zeit gehören, in der ich eigentlich zwei Leben führte.
Tagsüber arbeitete ich viel und besuchte alle vierzehn Tage meine Eltern. Nachts ging ich in die Clubs, tanzte viel, trank noch mehr und verstand mich mit Leuten, mit denen ich nüchtern nie ein Wort gewechselt hätte. Es waren parallele Leben, die sich nicht berührten. Genau genommen gab es nur eine Verbindung. Diese Verbindung war ich.
Aber manchmal berühren sich diese beiden Leben doch, und das ist selten angenehm.
An einem Nachmittag vor einigen Jahren begegnete ich vor einem Restaurant in der Pappelallee einer Frau, die ich aus dem Nachtleben kannte. Ich erkannte sie nicht sofort. Wir hatten uns seit einem knappen halben Jahr nicht gesehen. Ein halbes Jahr ist ja eigentlich keine all zu lange Zeit, aber als ich begriff, dass die Frau, die dort saß, Claudia war, habe ich verstanden, dass ein knappes Jahr sogar eine sehr lange Zeit sein kann. Es war das erste Mal, dass wir uns außerhalb des Nachtlebens begegneten, ich traf sie gewissermaßen in der Wirklichkeit. Aber die Welten begannen bereits, sich zusammenzufügen.
Mit Claudia hatte ich mich damals gut verstanden. Ich hatte sie in einem Club kennen gelernt, und woanders hätte man sie ohnehin nicht kennen lernen können. Ich mochte sie und ihre unbekümmerte Art, obwohl mich die Leichtigkeit ihrer Welt damals schon beunruhigte. Es war nicht schwer, sich in dieser Welt zu bewegen, in ihr zu bestehen oder etwas darzustellen. Man musste nur die richtige Musik hören, das richtige T-Shirt oder die richtigen Schuhe tragen. Es war eine simple Welt, in der es keine schwerwiegenden Probleme gab. Und die, die es gab, ließen sich schnell weg kaufen.
Claudia lebte ihr Leben, wie sie formuliertee, ich würde es anders umschreiben: „Sie vögelte mit jedem“ traf es wohl adäquater. Ich habe mich immer gefragt, wie sie ihre notorische Untreue vor ihrem Freund geheim halten konnte, der mir immer ein bisschen Leid tat, wenn wir uns sahen. Er war die tragische Figur in ihrem Leben.
Vielen Frauen gefällt der Gedanke, Männern das Herz gebrochen zu haben. Manche Frauen brauchten einen Mann, der unglücklich in sie verliebt ist, um sich begehrt zu fühlen. Aussichtsloses Begehren gab ihnen das Bewusstsein, attraktiv zu sein. Claudia schätzte jedoch ihr Verhältnis zu ihrem Freund anders ein.
„Ich liebe ihn“, sagte sie gelegentlich mit einem unschuldigen Lachen. „Ich liebe ihn sogar sehr. Es gibt aber etwas, was er mir nicht geben kann: Sex mit anderen Männern.“
Das war ein Argument – ein Killer Argument – vor allem wohl darum, weil es irgendwie jede Gegenargumentation ins Leere laufen lässt.
In der Pappelallee starrte ich Claudia fassungslos an. Sie hatte sich verändert. Sie war dicker geworden. Anfangs dachte ich, sie wäre schwanger, aber sie rauchte Kette und trank Wein, obwohl ich nicht sicher war, ob das bei ihr ein schlüssiges Anzeichen war, nicht schwanger zu sein.
Als ich an ihren Tisch trat, konnte ich gar nichts sagen, außer „Hallo“. Ich ließ sie reden, starrte und stand nur schockiert da. Mir fiel ein, dass ich sie ja schon seit Jahren kannte, und ihr Gesicht gerade zum ersten Mal bei Tageslicht sah. Ich hatte sie kaum erkannt. Ich habe sie immer für eine attraktive Frau gehalten, aber im Nachmittagslicht waren nur noch Reste übrig. Ahnungen, wenn man so wollte. Ihre Attraktivität schien eine Suchtproblematik zurückzuliegen, mindestens. Ihre Zähne hatten mich immer beeindruckt, im Licht sah man jedoch, dass sich ihr linker Schneidezähne an den Rändern bereits verfärbte. Ich wäre sofort zum Zahnarzt gegangen, Claudia schien über solche Überlegungen hinaus zu sein.
Sie erzählte mit rauer Stimme, dass sie „ne echt anstrengende Partynacht“ hinter sich hatte. Dann prostete sie mir mit ihrem Weinglas zu.
Ich versuchte, unser Gespräch kurz zu halten, und hoffte, dass ihr ebenfalls klar war, dass es eigentlich nichts zu besprechen gab. Wir trafen uns in der falschen Welt. Möglicherweise lag es aber auch nur daran, dass ich nicht betrunken war. Es war das letzte Mal, dass ich Claudia sah.
Vorerst zumindest.
Acht Jahre später, im letzten September, war ich mal wieder mit Freunden im Berliner Club „Weekend“. Ich gehe inzwischen nur noch selten in Clubs, vielleicht weil mir vor einigen Jahren aufgefallen ist, dass ich nicht mehr tanze. Ich unterhalte mich lieber, wenn ich ausgehe. Darum bin ich auch gern ins „Rodeo“ gegangen, weil ich den wunderschönen Kuppelsaal als die richtige Kulisse für Gespräche empfand. Vielleicht bin ich ja inzwischen in der Barphase angekommen.
Im „Weekend“ glitt mein Blick über die Gesichter der Gäste. Die meisten versuchten, möglichst gelangweilt auszusehen. Sie unterhielten sich nicht miteinander, sie saßen nur da und musterten die eintreffenden Gäste. Das ist auch so ein Berliner Phänomen, sich in Clubs so zu geben, als würde man annehmen, angreifbar und sehr verletzbar zu sein, wenn man seine Gefühle zeigt. Und das ist wohl auch einer der Gründe, aus denen ich kaum noch in Clubs gehe.
Ein anderer Grund ist, dass mich, seitdem ich eingetroffen war, andere Gäste zur Seite drängten. Ich war immer wieder ein paar Schritte zur Seite gegangen, um dem Strom auszuweichen, aber es nützte nichts. Das passiert mir in Clubs ständig. Ich stehe immer dort, wo sich Laufwege bilden. Ich habe mich schon oft gefragt, warum das so ist, bin aber bisher zu keiner zufriedenstellenden Antwort gekommen. Ich stehe immer im Weg, und das war wirklich keine zufriedenstellende Antwort. Rentner stehen ja auch immer im Weg. Vielleicht liegt es daran, dass ich inzwischen einfach zu alt für Clubs bin, obwohl ich mich nicht so fühle. Um mich von diesem Gedanken abzulenken, ging ich erstmal zur Bar, um mir ein Bier zu holen.
An der Bar sah ich ein Gesicht, das ich kannte. Das Gesicht von Claudia. Dass sie hier war, überraschte mich, sie passte eigentlich nicht in diese Art Club. Der Claudia, an die ich mich erinnerte, war das „Berghain“, das „Ritter Butzke „oder das „Kater Holzig“ näher, aber die Musik war hier ja ähnlich.
Vorsichtshalber bestellte ich dann doch kein Bier, für ein Gespräch mit Claudia war es wohl sinnvoller, den Pegel zu halten. Ich nahm einen Gin Tonic, obwohl ein Club Mate mit Wodka wohl eine angemessenere Gesprächsgrundlage gewesen wäre. Der Barkeeper schob mir den Drink über den Tresen, ich zahlte und rührte ihn kurz um, bevor ich den Strohhalm auf den Tresen legte. Dann drängte ich mich vorsichtig durch die Menge.
Inzwischen schien Claudia ihr Gewicht wieder unter Kontrolle zu haben, vielleicht hatte sie ja eine Kokain-Diät gemacht, oder mehrere. Sie unterhielt sich gerade mit einer Frau, deren Blick wirkte, als hätte sie sich mit ihrer MDMA-Dosis verkalkuliert. Ich stellte mich zu den beiden und berührte Claudias Arm. Sie wandte sich erschrocken zu mir. Als sie mich erkannte, lachte sie und rief: „Micha!“
„Na“, sagte ich.
„Lange nicht gesehen“, sagte sie. „Siehst gut aus.“
„Du auch“, sagte ich. „Wie geht’s?“
Das war die richtige Frage. Claudia begann zu reden. Sie erzählte vom „Berghain“, dem „Golden Gate“ und der „Wilden Renate“. Nach zwei Minuten hörte ich nicht mehr zu, und das war auch nicht nötig. Sie erzählte noch immer die gleichen Geschichten. Sie führte immer noch das gleiche Leben. Wenn man sich nicht verändert, bleibt man sich treu. Claudia war sich offenbar sehr treu geblieben.
Tja. So kann man auch ein Leben verbringen.
„Kommst du mit auf die Toilette?“, fragte sie und berührte mit dem Finger ihre Nase.
„Nee, lieber nicht, ich nehm doch keine Drogen mehr“, sagte ich
„Ach ja, stimmt ja“, sagte sie und sah mich so mitleidig an, dass ich ihr jetzt auch einen sehr betroffen Blick zuwarf.
„Bin gleich wieder da“, sagte Claudia mit beruhigender Stimme zu ihrer Freundin wie zu einem Kind, dann berührte sie meinen Arm und sagte traurig: „Wirklich schade, dass du keine Drogen mehr nimmst.“
Es klang wie eine Verabschiedung, und das war es wohl auch.
Ich sah ihr mit einem melancholischem Gefühl nach, bis sie in der Menge verschwand. Dann ging ich zu den Fahrstühlen, um mich auf den Weg zurück zu machen.
Zurück in die Wirklichkeit.
Die nächste Großstadtkolumne erscheint am Freitag.
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Am 2. Dezember lese ich in Frankfurt/Main: www.hotel-poetry.de



