Großstadtkolumne | Singles sind die wahren Romantiker
Es gibt Momente, in denen ich begreife, dass Singles die wahren Romantiker sind. Einige haben bei diesem Satz sicherlich skeptisch in sich hinein gelächelt.
Singles sind die wahren Romantiker? Was für ein Satz. Aber was soll ich sagen, er ist wahr.
Es gibt 16 Millionen Singles in Deutschland, das ist jeder fünfte Deutsche. So gesehen sind wir ein Volk von Romantikern. Nun ja, nicht ganz. Ich spreche natürlich nicht von verzweifelten Singles, die sich für eine Partnerschaft entscheiden, weil sie einsam sind, oder von den überzeugten Singles, die sich generell gegen eine Beziehung entscheiden. Ich meine Singles, die – wie es die Zeit einmal so schön geschrieben hat - eben lieber auf ihren Traumpartner warten, als sich in freudlosen Kompromissbeziehungen die Hoffnung auf Besseres zu rauben. Singles, die wissen, sobald die Richtige kommt, werden sie aufhören, Single zu sein, und das am liebsten für immer.
Ich spreche von Singles wie mir.
Es war ungefähr 21 Uhr, als ich am Samstag den Drang spürte, mir eine Zigarette anzuzünden, aber ich saß ja gerade in diesem viel zu teuren Restaurant in der Französischen Straße, in dem man nicht rauchen durfte, aß übersichtlich portionierte Gerichte und saß schweigend Linda gegenüber. Linda schwieg nicht. Leider, muss man wohl sagen. Sie erzählte gerade, dass ihr im vergangenem Jahr drei gute Freundinnen die Freundschaft gekündigt hatten. Allerdings war ihr gar nicht klar, warum.
„Ich weiß nicht, woran es liegt. An mir liegt es nicht“, sagte sie.
Ich nickte. Das war schon ein beeindruckender Ansatz. Ein Ansatz, mit man immer auf der sicheren Seite ist, und der Linda auch ganz gut beschrieb, wie ich fand.
Wir hatten uns vor drei Wochen kennen gelernt. Seitdem trafen wir uns, redeten, rauchten und schliefen miteinander. Mir wird immer ziemlich schnell klar, ob ich mir mit einer Frau eine Perspektive vorstellen kann oder nicht, und mit Linda konnte ich es nicht. Ich verband nichts Verbindliches mit ihr. Es beunruhigte mich schon, dass sie unsere Treffen als „Dates“ bezeichnete. Der Begriff „Date“ schloss eine Perspektive ein, irgendeine Art der Entwicklung. Es war ein Begriff, der unseren Treffen die Zwanglosigkeit nahm.
Ich kenne Menschen, die solche Beziehungen trotzdem weiterführen würden – bis sich etwas besseres ergibt. Ich kann das irgendwie nicht. Ich bin irgendwie nicht der Typ für längere Liebschaften, warum auch immer. Spätestens nach dem dritten Treffen habe ich ein unangenehmes, scheinheiliges Gefühl, das Gefühl, nicht ehrlich zu sein.
Heute Abend war unser drittes Treffen.
Ich versuchte noch einmal, mir Linda in dieser Szene vorzustellen, in der ich mir alle Frauen vorstellte, mit denen ich mich treffe. Es ist eine Vorstellung, die einer Filmszene ähnelt, gewissermaßen die Idee einer Stimmung. Das Bild eines milden Sommerabends: der Balkon einer Altbauwohnung, eine geöffnete Flasche Rotwein und zwei Gläser. Man hört Vogelgezwitscher und den Verkehr mehrere Stockwerke tiefer rauschen, aber es ist nur ein leichtes Rauschen, das man mit etwas Fantasie für Meeresrauschen halten kann. Wir sitzen auf dem Balkon und unterhalten uns, kultiviert, auf natürliche Art. Es ist ein Bild, in das keine Frau der vergangenen zwei Jahre passte.
Es ist ein idealisiertes Bild. Ein Traum. Träume können schnell zerfallen, wenn sie mit der Wirklichkeit zusammenstoßen. Manchmal denke ich, ich lebe bereits zu sehr in einer Welt, deren Vorstellungen sich nach den Filmen richten, die ich im Kino sehe.
Das macht mich wohl zu einem Romantiker, die Frage ist nur, ob das für oder gegen mich spricht. Denn das Wesen der Romantik ist schließlich die Sehnsucht nach dem Unerfüllbaren, nach dem Perfekten, dem Idealen.
Und darin liegt die Gefahr.
Das Single-Leben, vom dem ich spreche, ist ja ein komfortables Leben. Es ist ein einfaches und sehr freies Leben, in dem man auf niemanden Rücksicht nehmen muss. Man will keine Kompromisse machen.
Und daran liegt es wohl, dass es vor allem Kleinigkeiten sind, die mich stören. Es sind zwar nur Kleinigkeiten, aber ich spüre irgendwie, dass sie einen gemeinsamen Alltag vorwegnehmen. Das falsche Lachen, wenn sie Katzen besitzen oder Kampfhunde, wenn sie einen tiefergelegten Golf fahren, wenn sie zu stark berlinern, wenn sie stundenlang in Cafés verbringen, nur Leitungswasser bestellten und sich beschweren, dass es nicht mit einer Scheibe Limone serviert wurde. Oder wenn sie – wie Linda vor einigen Minuten – in Nebensätzen erwähnen, dass sie 15.000 Euro Schulden hatten, und zwar so selbstverständlich wie Jeff Bridges in „The big Lebowski“ sagt, dass er arbeitslos ist, als er gefragt wird, was er beruflich macht. Der selbstbewusste Ton, in dem Jeff Bridges diesen Satz ausspricht, hat mich schon beeindruckt, leider kann ich dieses beeindruckte Gefühl nicht auf Linda anwenden.
Ich empfinde mein Single-Leben zwar als einen Übergang, weiß aber, dass dieser Übergang dazu verführt, sich in ihm einzurichten – in dieser Suche nach der perfekten Frau. In dem Film „500 Days of Summer“ sagt ein Darsteller über seine Freundin: „Sie ist besser als eine Traumfrau. Sie ist echt.“
Und darum geht es wohl, die Frau zu finden, bei der es mich nicht stört, Kompromisse zu machen.
Aber es ist nicht leicht, solche Frauen zu finden. Man braucht Zeit. Und die haben wir ja nun mal nicht unbegrenzt zur Verfügung. Darum hat man zum Beispiel Begriffe wie „Thirty-somethings“ für meine Altersgruppe erfunden. Man soll sich sicher fühlen. Man soll das Gefühl haben, noch Zeit zu haben.
Tja.
Das kann allerdings manchmal kippen. Wie letzten Mittwoch, als ich mich in einem großräumigen Esszimmer befand, das zu der großräumigen Wohnung eines Bekannten gehörte. Wir waren zu viert. Es waren nur Männer anwesend, alle waren Single und alle trugen Jacketts. Wir sahen aus, als hätten wir noch einen Geschäftstermin, obwohl wir uns ja hier getroffen hatten, um später auf eine Geburtstagsfeier zu gehen.
Weil unser Gastgeber zu den Menschen gehört, die es „vollkommen sinnlos“ finden, nüchtern auf Parties zu gehen, hatte er eine Palette RedBull und zwei Flaschen Russki Standard gekauft.
„Zum Vorglühen“, sagte er, als ich eintraf, und zeigte auf eine der Flaschen, die beinahe leer war.
Oh, dachte ich, setzte mich und ließ erstmal die anderen reden, um zu sehen, auf welchem Niveau wir uns inzwischen bewegten – nach einem knappen Liter Wodka.
Andreas erzählte gerade, von einem Phänomen, das ihn momentan sehr beschäftigte. Er hatte festgestellt, dass sich plötzlich auffallend viele ehemalige Liebschaften bei ihm meldeten, wenn er sich häufiger mit einer Frau traf.
„Es ist schon merkwürdig“, sagte er ernst, als vermute er da ein größeren Zusammenhang.
„Vielleicht brauchen Sie ne Füllung“, sagte Patrick. „Bei dem Wetter.“
Ich sah auf. Ne Füllung? Bei dem Wetter?
Trotzdem es der erste milde Tag des Jahres war, gewissermaßen ein erster Frühlingstag im Januar, schien mir diese These doch sehr gewagt. Ich sah fassungslos in die Gesichter der anderen, aber alle nickten zustimmend, als hätte Patrick eine tiefe Wahrheit ausgesprochen, die sie berührte.
Der Abend erinnerte mich an früher, an diese Abende mit Anfang zwanzig, nur dass hier alle Ende dreißig waren. Allerdings hätte auch das Gespräch eher zu Mittzwanzigern gepasst, was vielleicht am Alkohol lag. Ich war ja noch nüchtern, es war schließlich erst 20 Uhr.
Patrick erzählte ansatzlos, dass ihn kürzlich ein Nachbar wegen nächtlicher Ruhestörung angezeigt hatte. Er war bei einem One-Night-Stand zu laut gewesen.
Er!
Patrick erzählte das einfach so. Es war ihm nicht unangenehm oder peinlich. Ich versuchte, das Bild nicht zuzulassen und blickte zu Andreas, der irgendwie durch Patrick hindurch sah. Solche Dinge interessieren mich nicht. Ich stelle mir so etwas immer gleich vor. Und wie Patrick mit seinen Lustschreien das ganze Haus zusammen brüllte, wollte ich mir nicht vorstellen.
Das war der Augenblick, in dem ich spürte, dass es jetzt wohl soweit war, mir ebenfalls einen Drink zu machen. Vorsichtshalber.
„Und, wie läuft's mit den Frauen?“, fragte ich, nachdem ich den ersten Schluck getrunken hatte.
In den nächsten Stunden stellte ich fest, dass meine Bekannten ziemlich klare Vorstellungen hatten, wie ihre zukünftige Traumfrau nicht sein sollte, Vorstellungen, die sie allerdings gegen zwei Uhr morgens verworfen hatten, als sie mich auf der Geburtstagsparty zu überreden versuchten, mit ihnen in eine Bar namens King Size zu gehen.
Als ich zögerte, versicherte mir Patrick: „Jetzt ist es zwei, genau die richtige Uhrzeit. Das Resteficken beginnt ja erst gegen vier.“
Oh, dachte ich zum zweiten Mal an diesem Abend.
Andreas erklärte mir, dass man ja nicht länger als zwei Stunden brauchen würde, um eine geeignete Frau zu finden, vor allem nicht in unserem Zustand.
Ich starrte fassungslos in ihre zufriedenen Gesichter.
Es war alles so banal. Sie hatten studiert, sie waren Akademiker, sie waren Ende dreißig, und in ihren Gesprächen bedienten sie ausschließlich primitivste Sprachklischees. Sie führten das Leben von Zwanzigjährigen. Immer noch. Und so wie es aussah, war es nicht zu erwarten, dass sich das mittelfristig änderte.
Im King Size sah ich Andreas und Patrick auf zwei Frauen einreden, die wahrscheinlich so alt waren wie sie sich fühlten, und mir fiel ein, dass Salvador Dali einmal gesagt hat: „Das größte Übel der heutigen Jugend besteht darin, dass man nicht mehr dazugehört.“ Andreas, Patrick und die Zwanzigjährigen waren das passende Bild zu diesem Satz.
Inzwischen taten sie mir schon irgendwie leid.
Sie führten ein Leben im Unverbindlichen. Ihre sozialen Kontakte beschränkten sich darauf, hin und wieder mit Kollegen einen saufen zu gehen, auf Dates, One-Night-Stands und auf Leute, die sie auf Partys kennen lernten, mit denen ich nüchtern kein Wort gewechselt hätte. Ein Leben, das aus Arbeit, exzessivem Ausgehen und unverbindlichem Sex besteht. Sie besaßen teure Möbel und lebten in Wohnungen, die ihre gelegentlichen Gäste beeindruckte. Die Kulisse stimmte. Da übersah man schnell, dass sie eigentlich ein asoziales Leben führten, dass ihr Kühlschrank immer leer war. Aber teure Möbel und schöne Wohnungen sind eine gute Hilfe, einem Single-Mann, der zu viel arbeitet, die Illusion zu vermitteln, dass mit seinem Privatleben alles in Ordnung ist. Und damit passen sie – so traurig das auch klingt – ideal in unsere Gesellschaft. Sie sind die perfekten Konsumenten und Arbeitnehmer
„In zehn Jahren werdet ihr fünfzig sein“, dachte ich, und weiter wollte ich jetzt nicht denken.
So durfte es nicht enden. Nicht so. Aber mit einer Frau wie Linda auch nicht.
Im Restaurant in der Französischen Straße überlegte ich, ob es am fairsten wäre, ihr zu erzählen, dass ich schwul wäre, um sie nicht zu verletzen, erklärte dann aber, dass ich noch nicht bereit war, Gefühle zuzulassen, weil ich Frauen noch immer mit meiner Exfreundin verglich.
„In der vergleichenden Phase hat man eigentlich keine Dates“, sagte Linda deutlich.
„Ich weiß“, sagte ich traurig.
Wir sprachen nicht mehr viel. Als Linda ihr Glas geleert hatte, sagte sie: „Wir machen hier doch nur Konversation.“
Ich nickte schüchtern und hoffte, dass sie mir dieses schüchterne Nicken abnahm.
„Ich zahl die Rechnung“, sagte ich und gab dem Kellner ein Zeichen.
„Nein, danke“, sagte Linda deutlich.
Wir zahlten getrennt. Als wir auf der Französischen Straße standen, sagte sie: „Also, ich muss hier lang.“
„Und ich hier lang“, sagte ich und wies in die entgegengesetzte Richtung.
„Gut“, sagte sie, machte eine resolute Bewegung und flüchtete schnell die Straße hinunter.
Ich schnippte die angerauchte Zigarette in die Nacht, weil es gerade irgendwie passte, wie ich fand.
Es war die Geste eines Romantikers.
Und wer sollte das besser wissen als ich.
Die nächste Großstadtkolumne erscheint am Donnerstag.
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