Großstadtkolumne | Nach sieben Tagen ausgeflittert
Es gibt immer mal wieder Momente, in denen mir auffällt, wie klein die Welt geworden ist, in der ich mich bewege, wie überschaubar. Berlin ist ein Dorf. Man sieht immer wieder die gleichen Gesichter, jeder hängt irgendwie mit jedem zusammen, überall öffnen sich neue Verbindungen. Die Bekanntenkreise mischen sich. Sie verschwimmen.
Das muss nicht immer vorteilhaft sein.
Vor einigen Monaten sagte beispielsweise eine Frau, mit der ich mich zum zweiten Mal traf, dass wir ja einen gemeinsamen Freund hätten.
„Ach“, sagte ich interessiert. „Wen denn?“
„Philipp“, sagte sie gutgelaunt.
Ich zögerte. Philipp also. Nun ja.
Ich will es mal so sagen: Ich mag Philipp nicht all zu sehr, und das ist sehr zurückhaltend formuliert. Wir haben zwei Jahre in derselben Firma gearbeitet. Zwei Jahre, die für ein ganzes Leben reichen. Genau genommen hätten dafür schon zwei Wochen gereicht.Philipp leitete die Kundenberatung der Werbeagentur, in der ich damals arbeitete. Er war bei der Bundeswehr Unteroffizier gewesen, und soweit ich das einschätze, war es die prägendste Zeit seines Lebens. Er hatte zum ersten Mal Macht über andere. Das muss ihn ziemlich beeindruckt haben. Man sah es in seinen Blicken, und auch in seiner Rhetorik. Wenn er Mitarbeiter kritisierte, blitzte immer mal wieder der Unteroffizier durch. Solche Typen sind früher zur Stasi gegangen. Ein Mensch, dem die Karriere alles bedeutet, und der sich auch so verhält. Eine soziale Zeitbombe. Seine unmittelbaren Mitarbeiter galten als die tragischen Figuren der Firma.
Das war Philipp.
Ich sehe ihn glücklicherweise nur selten, meistens auf Geburtstagen von ehemaligen Kollegen, die ich inzwischen auch nur noch auf ihren Geburtstagen sehe. Philipp halte ich nur in erträglichen Dosen aus, oder anders formuliert: Wir grüßen uns kurz, unterhalten uns aber nicht. Es gibt ja auch nichts mehr zu besprechen, seitdem ich ihm vor einigen Jahren die Meinung gesagt habe.
„Philipp!,“ sagte ich, und es klang sogar erfreut, was mich schon überraschte. „Woher kennt ihr euch denn?“
„Er ist mein Ex-Freund“, sagte sie.
Oh, dachte ich, und spürte, wie sich ein unangenehmer Druck auf meinen Magen legte. Es war der Moment, in dem sich meine Gesprächspartnerin veränderte. Ihre Persönlichkeit wurde praktisch um eine Facette ergänzt, und zwar um eine Facette, die Philipp hieß.
„Wie lange wart ihr denn zusammen“, fragte ich hilflos.
„Vier Jahre“, sagte sie.
Vier Jahre! Das war der Moment, in dem sie von dieser Facette nicht mehr nur ergänzt wurde, jetzt wurde die Frau von ihr bestimmt. Jemand, der vier Jahre mit Philipp liiert war, muss sich ja auch gut mit ihm verstanden haben, und wer sich mit einem Menschen wie Philipp versteht, kann eigentlich kein guter Mensch sein. Ich weiß, das ist sehr pauschal gedacht war, aber es war Instinkt, ich konnte praktisch nichts dagegen tun.
Ich sah meine Gesprächspartnerin traurig an und verwünschte, wie klein die Welt geworden ist, in der ich mich bewege.
Seitdem ich einen Facebook-Account habe, ist diese Welt allerdings noch kleiner geworden. Das fällt mir vor allem auf, wenn ich Frauen kennen lerne, die ich gern besser kennen lernen würde. Man tauscht inzwischen ja nur noch selten Handy-Nummern, man tauscht Namen, um sich bei Facebook zu verbinden. Das kann sehr aufschlussreich sein.
Wie vor einigen Monaten, als ich Diana auf der Geburtstagsparty eines Freundes kennen lernte. Wir unterhielten uns ziemlich lange, es war wirklich lustig. Als wir uns verabschiedeten, tauschten wir unsere Namen, im Treppenhaus sprang ich ausgelassen die Stufen hinunter. Ich tanzte fast. Am nächsten Morgen suchte ich auf Facebook nach ihr. Als ich sie fand, gab das meiner Heiterkeit einen leichten Dämpfer.
Wir hatten nämlich sechs gemeinsame Freunde.
Mein Blick glitt über die Namen, und mir fiel auf, dass es schon beunruhigend ist, wie klein die Welt ist, in der ich mich bewegte. Überall schließen sich Kreise. Und wenn ich berücksichtige, welche meiner Facebook-Kontakte auch Diana kennt, wäre es mir lieber, sie würden sich nicht schließen. Unsere gemeinsamen Freunde nahmen mir meine Unvoreingenommenheit.
Man kann viel über einen Menschen erfahren, wenn man sich seine Freunde ansieht, dachte ich und vergaß irgendwie, dass es ja auch meine Freunde sind.
Ich habe einen Freund, der Partyveranstalter ist. Er veranstaltet Electro-Partys in Berlin. Als ich einmal eine Frau kennen lernte, mit der er ebenfalls bei Facebook befreundet ist, rief ich ihn an, um mich ein wenig nach ihr zu erkundigen.
Mein Freund ging sofort online.
„Also“, sagte er gedehnt, als er ihr Profil aufgerufen hatte. „Diese Frau hat mit mir 125 gemeinsame Freunde.“ Es klang wie „Lass um Gottes Willen die Finger davon, wenn du nicht unglücklich werden willst.“
Ich berücksichtigte seinen Rat. Ich war bereits voreingenommen. Schon jetzt. Manchmal frage ich mich allerdings, wie oder ob sich die Dinge entwickelt hätten, wenn wir uns unbefangen kennen gelernt hätten.
Es ist ja so: Wenn ich Menschen kennen lerne, ist es ja inzwischen schon Routine, ihre Namen bei Facebook oder Google zu suchen.
Ich kenne eine Frau, die sich vor zehn Jahren für den Playboy ausgezogen hat, ein Umstand, der ihr inzwischen sehr peinlich ist. Unglücklicherweise war sie in der Ausgabe, in der auch Katharina Witt abgelichtet wurde. Eine Ausgabe, die innerhalb kürzester Zeit ausverkauft war. Wenn man den Namen meiner Bekannten bei Google eingibt, bestehen sämtliche Ergebnisse der ersten Seite aus ihrem Namen in Verbindung mit dem Wort „nackt“.
Manchmal ist es besser, gewisse erst einmal Dinge nicht zu wissen.
Es ist das Fremde, das Geheimnisvolle, es sind die Ahnungen, die die Dinge interessant machen. Wenn mir zum Beispiel eine Frau erzählt, dass sie am Helmholtzplatz wohnt, denke ich an meinen Freund Markus, der auch dort wohnt, und frage mich, wie oft die beiden wohl auf der Straße zufällig aneinander vorbeigehen werden, ohne zu ahnen, dass es durch die Bekanntschaft mit mir eine Verbindung zwischen ihnen gibt. Diese Dinge.
So gesehen birgt die Inanspruchnahme von Internetdiensten schon gewisse Gefahren. Aber sie haben natürlich auch Vorteile, gerade wenn man ein schüchterner Mensch ist.
Einer meiner Freunde ist beispielsweise ein sehr schüchterner Mensch. Er ist nicht sehr gut darin, Frauen anzusprechen, die er attraktiv findet. Wenn sich ein Gespräch ganz natürlich ergibt, stellt ihn das vor keine Probleme, sieht er jedoch eine Frau, die ihm gefällt, bevor er sich mit ihr unterhalten hat, spürt er diesen Druck. Den Druck, jetzt bloß keinen Fehler zu machen. Problematisch ist allerdings, dass er gerade dann beginnt, Fehler zu machen.
Schlimme Fehler.
Er erzählt häufig, dass er praktizierender Katholik ist, ein Umstand, der Frauen schon verschrecken kann – aber nicht muss. Seine Chancen haben sich noch nicht aufgelöst, sie sind noch da. Leider muss man in dem letzten Satz das Wort „noch“ betonen, denn mein Freund erzählt dann auch sehr schnell, wie er sich seine Hochzeit vorstellt, die er bereits äußerst detailliert geplant hat, und dass er sechs Kinder will – mindestens. Das ist dann der Moment, in dem man das Wort „noch“ aus dem obigen Satz entfernen kann. Er hat sich oft bei mir beklagt, dass er solche Dinge gar nicht erzählen möchte. Er ist einfach zu aufgeregt.
So schlimm ist es bei mir glücklicherweise nicht, allerdings kann ich seine emotionale Situation gut nachempfinden, denn ich kenne das Gefühl. Wenn man Frauen anspricht, fallen einem ja häufig erst einige Stunden nach der Begegnung die richtigen Worte ein, die man hätte sagen sollen. Und manchmal lege auch ich mir nachträglich zurecht, was ich in dem Gespräch mit der Frau hätte sagen sollen. Mir fällt dann oft diese romantische Liebeskomödie mit John Cusack ein, mit diesem schrecklichen Titel, den ich immer wieder vergesse, in der der wunderbar zynische Charakter, den Cusack verkörperte, mit so ausgearbeiteten Sätzen um sich wirft, dass es schon beunruhigend ist.
Es sind natürlich Sätze, an denen Drehbuchautoren wochenlang gefeilt haben. Aber ich hätte schon gern etwas von John Cusacks Rolle in dem Film, wohl auch, weil ich den Schauspieler mag.
Filme mit John Cusack kann ich mir eigentlich immer bedenkenlos ausleihen, ohne auf die Inhaltsangabe zu achten. Er ist ein Schauspieler, dem man bei der Auswahl der Drehbücher vertrauen kann. Obwohl ich bei dem Film mit John Cusack, dessen Name mir jetzt auch wieder einfällt, lange gezögert hatte. Ich habe irgendwie Hemmungen, einen Film auszuleihen, der „Frau mit Hund sucht … Mann mit Herz“ heißt. Der Originaltitel des Films lautet „Must Love Dogs“. Ich habe nie verstanden, warum sie Filmen nicht ihre Originaltitel lassen. „The Heartbreak Kid“ wird zu „Nach 7 Tagen – Ausgeflittert“, „Intolerable Cruelty“ zu „Ein (un)möglicher Härtefall“ und „The Holiday“ zu „Liebe braucht keine Ferien“. Ich meine, wer denkt sich denn so etwas aus? Vermutlich nehmen sie an, das solche Titel das deutsche Publikum eher animieren, die Filme anzusehen, obwohl diese Einschätzung des deutschen Publikums ja nicht unbedingt als Kompliment zu verstehen ist, wie ich finde.
Kürzlich rief mich mein katholischer Freund an. Er war ganz aufgeregt. Er war auf dem Geburtstag einer Freundin, und so wie er klang, meldete er sich gerade aus einer Szene, die auch ganz gut in den Film „Frau mit Hund sucht … Mann mit Herz“ gepasst hätte.
Nur dass mein Freund nicht John Cusack ist.
„Ich glaub, ich hab mich gerade verliebt“, rief er begeistert.
„Cool!“, sagte ich. „Wie heißt sie denn?“
„Weiß ich noch nicht“, sagte er. „Ich hab sie gerade erst getroffen.“
„Gesehen oder getroffen?“, fragte ich.
Mein Freund schwieg. Er hatte sie nur gesehen. Glücklicherweise.
„Okay, jetzt ganz ruhig“, sagte ich. Ich riet ihm, sich einfach nach einem kurzen, unverbindlichen Smalltalk den Namen der Frau geben zu lassen, um sich dann später mit ihr bei Facebook zu verbinden – bevor es gefährlich wurde. „Du kannst vor jeder Antwort noch einmal nachdenken“, sagte ich. „Vielleicht kannst du sie sogar mit Freunden abstimmen, bevor du sie abschickst.“
Facebook würde ihm die Möglichkeit geben, der ausgefeilten Rhetorik von John Cusack näher zu sein.
Nach einer zwanzigminütigen Vorbereitungsphase ging er zu der Frau, und sprach kurz mit ihr. Zehn Minuten später rief er mich an.
„Es hat funktioniert“, rief er glücklich.
„Sehr gut“, sagte ich.
Na ja, was soll ich sagen, es hat dann doch nicht funktioniert, und es lag wirklich nicht an ihm. Es lag an mir. Ich hatte nämlich nicht alle Eventualitäten berücksichtigt.
Wie klein die Welt ist zum Beispiel.
Nachdem sie sich befreundet hatten, begannen sie sich Nachrichten zu schreiben, und inzwischen telefonierten sie häufig. Mein Freund wurde sicherer. Alles schien gut zu laufen, bis zu dem Zeitpunkt, an dem ich ihm an seinem Geburtstag Glückwünsche auf seine Facebook-Pinnwand schrieb. Das hätte ich nicht machen sollen, denn eine halbe Stunde später erhielt mein Freund eine Nachricht.
„Warum bist du denn mit dem Arsch befreundet?“, schrieb die Frau seiner Träume ungewohnt aggressiv. „Dieser Typ ist Schuld daran, dass die Beziehung meines besten Freundes auseinander gegangen ist.“
Mein Freund war völlig perplex, er hatte sich schon auf ihre Geburtstagsglückwünsche gefreut, aber die hatte sie in ihrer aufgeregten Nachricht irgendwie vergessen. Er hatte sie auf seine Geburtstagsparty eingeladen, und sie hatte zugesagt. Es wäre ihr erstes Treffen gewesen. Sie hätte seine Freunde kennen gelernt. Aber seine Freunde schienen ja nicht unbedingt für ihn zu sprechen.
Mein Freund rief mich verzweifelt an und begann mir Vorwürfe zu machen.
„Alter“, rief er. „Du solltest wirklich mal über deinen Lebensstil nachdenken.“
Ich hatte keine Ahnung, wovon er sprach. Ehrlich gesagt konnte ich die Frau nicht einmal zuordnen, was ja irgendwie auch seine Kritik an meinem rücksichtslosen Lebensstil bestätigte.
Aber, liebe Leser, so rücksichtslos ist er dann doch nicht, das kann ich versichern.
Ich habe das dann mal rekonstruiert. Ich kannte sie. Natürlich kannte ich sie. Wir hatten uns einige Jahre zuvor zwei Mal getroffen, und ein Mal miteinander geschlafen. Sie hatte mir nie erzählt, dass sie in einer Beziehung war. Ihre Untreue muss dann allerdings irgendwie herausgekommen sein, und die Beziehung zerbrach.
Ich hatte verbrannte Erde hinterlassen, ohne es zu bemerken. Und das in mehreren Wellen. Die erste traf die Beziehung meiner ehemaligen Liebschaft, die zweite einige Jahre später meinen katholischen Freund. Es ist nur zu hoffen, dass nicht weitere Wellen zu erwarten sind.
Es war ein Moment, in dem mir wieder einmal auffiel, wie klein und überschaubar die Welt ist, in der ich mich bewege.
Es ist schon beunruhigend.
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Am kommenden Freitag (7.12.) lese ich in Berlin-Mitte - allerdings in einem kleineren Rahmen. Wenn ihr kommen wollt, schickt eine E-Mail an berlin@michaelnast.com - ich schicke euch dann die Details.



