Großstadtkolumne | Als Liebender ist man ein Leidender
Mit der unglücklichen Liebe ist es ja so eine Sache. Es gibt kaum einen Schmerz, der schwerer zu ertragen ist als unerwiderte Leidenschaft, das weiß wohl jeder aus eigener Erfahrung nur all zu gut. Und leider sind es ja gerade unsere unerfüllten Lieben, die uns prägen.
Man sagt ja, dass man eine verlorene Liebe eigentlich erst dann überwindet, wenn man sich wieder verliebt. Aber selbst wenn man Jahre später in einer glücklichen Beziehung ist, kann einen ein Mensch, in den man einmal unglücklich verliebt war, noch berühren. Erst kürzlich hat mir ein Bekannter erzählt, wie sehr er die abschätzenden Blicke seiner Ex-Freundin genossen hat, als er ihr mit seiner Freundin in einem Restaurant begegnete. Sie hatte die Beziehung beendet, und daran lag es wohl.
Ich nickte verständnisvoll, denn auch mir ist dieses Gefühl nicht fremd. Als ich vor einigen Jahren mit meiner damaligen Freundin Susanna einen Geburtstag besuchte, trafen wir dort meine Ex-Freundin Sarah und ihren neuen Freund, für den sie mich zwei Jahre zuvor verlassen hatte. Ich spürte ein leichtes Ziehen in der Magengegend, als ich die beiden sah, und war mir gerade nicht mehr so sicher, ob dieser Abend ein gelungener Abend werden würde.
Nun ja. Ich hatte mich getäuscht.
Denn im Laufe des Abends fiel mir und glücklicherweise auch einem Großteil der Gäste auf, dass sich Sarahs Freund auffallend euphorisch mit meiner Freundin unterhielt. Genau genommen wirkte es, als würde er sich mit ihrem Dekolletee unterhalten. Ich blickte zu Sarah und registrierte ihren Blick mit einem nicht unangenehmen Gefühl. Eine kleine Genugtuung, dass der Mann, für den sie mich verlassen hatte, so offensichtlich an meiner neuen Freundin interessiert war. Vielleicht fragte sie sich sogar, ob sie vor zwei Jahren einen Fehler gemacht hatte, obwohl ich an ihr nun wirklich nicht mehr interessiert war.
Und darum geht es wohl. Um Genugtuung.
„Eigentlich ist es wie in diesem Lied von den Ärzten“, erklärte mir einmal mein Bekannter Sascha, als ich ihm von dem Erlebnis erzählte. „Wie in dem Lied Zu spät.'“
„Ach?“, sagte ich. Sascha erklärte mir, dass praktisch alles auf den tieferen Sinn dieses Liedes hinausläuft, dass es der Antrieb der Männer ist, den Frauen, die sie verletzt haben, verständlich zu machen, einen Fehler gemacht zu haben, und ihnen zu zeigen, dass man inzwischen außer Reichweite ist. Dass sie diesen schwerwiegenden Fehler nicht mehr korrigieren können.
„Zu spät“ ist ein Lied, das von einem Achtzehnjährigen geschrieben wurde. Sascha ist vierunddreißig. Er ist fünfzehn Jahre weiter. „Manche Dinge ändern sich nie“, sagte er ein wenig verzweifelt, als ich ihn darauf ansprach.
Daran musste ich denken, als ich mich vor einigen Monaten mit meinem Bekannten Daniel in der Goldfischbar in Friedrichshain traf. Wir tranken Gin Tonic und irgendwann war Daniel soweit, mir von seiner Fantasie zu erzählen. Eine Fantasie, die er inzwischen beunruhigend detailreich ausgearbeitet hat.
Es ist eine Fantasie, die seine Ex-Freundin betraf.
Auch sie hat ihn für einen anderen Mann verlassen, vor ungefähr einem Jahr. Seitdem ist er Single, und offenbar hat er in seinem Single-Alltag viel Zeit, um nachzudenken. Für meine Begriffe sogar ein bisschen zu viel.
Daniel ist Drehbuchautor und hat sich nach ihrer Trennung in die Arbeit gestürzt. Er arbeitet intensiv an dem Konzept einer Serie. Anfangs nahm ich an, er wolle sich ablenken, aber das war nicht die ganze Wahrheit, denn auch sein Antrieb ist die Genugtuung.
In seiner Fantasie stellt er sich vor, wie seine Ex-Freundin mit ihrem Freund vor dem Fernseher sitzt. Sie hat in dieser Fantasie sehr dicke Oberarme, und auch ihre Haut ist ungepflegt, obwohl sie ja immer auf ihren Körper geachtet hat. Ihr Freund nimmt die Fernbedienung und schaltet in eine Talk-Show, in der Daniel gerade mit einem der Hauptdarsteller seiner Serie zu Gast ist. Daniel sagt interessante Dinge, ist schlagfertig und selbstbewusst. Seine Ex-Freundin blickt vorsichtig zu ihrem Freund, der sich gerade ein neues Bier öffnet und vergleicht ihn mit Daniel. Ihr Freund, der natürlich keine Ahnung hat, wer da sitzt, nickt zum Fernseher und kommentiert die Dinge, die Daniel sagt, mit anerkennenden Sätzen.
„Das hab ich mir oft vorgestellt“, sagte Daniel, während ich versuchte, mein Glas nicht all zu fassungslos anzustarren. Dann bestellte ich schnell noch zwei Gläser Gin Tonic. Daniel hatte ein Problem, das offensichtlich nicht mit Alkohol zu lösen war, aber er schien ihn trotzdem ziemlich nötig zu haben.
Als wir uns am letzten Montag trafen, hatte er ihn allerdings noch nötiger, denn das Gefährliche und auch Verführerische an Fantasien ist ja, dass sie einen Idealzustand beschreiben. Und Idealzustände können schnell zerfallen, wenn beispielsweise die Realität in die Fantasie bricht. Und das war auch der Grund für unser Treffen. Daniel hatte die beiden im Lafayette getroffen, und das Bild brach in sich zusammen.
Der Mann, für den sie ihn verlassen hatte, stellte sich mit dem Namen Max vor. Sagen wir es so: Max sah nicht aus als würde er Abends vor dem Fernseher Bier trinken. Er sah nicht einmal aus als würde er überhaupt fernsehen oder Bier trinken. Max war wohl eher ein Theaterfreund und Weinkenner. Er wirkte auch sehr sprachbegabt. Unglücklicherweise war er Daniel nicht unsympathisch. Seine Ex-Freundin hatte offenbar die richtige Entscheidung getroffen, als sie ihn verließ.
Tja, dachte ich. Es würde wohl kein „Zu spät“-Szenario geben.
Ich bestellte Daniel den nächsten Gin Tonic und dachte an meine letzte unglückliche Liebe. Sie dauerte ein Dreivierteljahr, und hat mich ebenfalls ziemlich geprägt, allerdings geht diese Prägung in eine etwas andere Richtung. Ich konnte nicht mehr schreiben.
Es gibt ja diese Theorie, dass die unglückliche Liebe die perfekte Muse für Kreativität ist. Die besten Texte schreibt man, wenn man unglücklich ist. Sagt man. Nun ja, auf Lyriker trifft das vielleicht zu. Wenn man Gedichte schreibt, kann das funktionieren. Darum war Heinrich Heine ja auch ständig unglücklich verliebt. Aus Funktionsgründen, um in der richtigen Stimmung zu sein, wahrhaftige Liebesgedichte schreiben zu können.
Es gibt ja auch Beispiele in der Musik. Als vor einigen Jahren ein Blur-Album erschien, haben sich Musikjournalisten in aller Öffentlichkeit bei der Ex-Freundin des Sängers bedankt, dass sie ihn verlassen hat. Ohne sein Leiden wäre diese Platte ja so nicht möglich gewesen, sagten sie. Man kann die unerfüllte Liebe also auch als eine privilegierte Situation verstehen. Man kann sie nutzen.
Das traf bei mir nicht zu. Leider, muss man wohl sagen. Ich konnte nicht mehr schreiben. Es ging einfach nicht mehr. Ich war abgelenkt und konnte mich nicht mehr konzentrieren. Es war keine leichte Zeit, in der ich teilweise überzeugt war, dass ich mich eigentlich gar nicht verlieben darf. Dass ich keine Gefühle zulassen durfte. Weil ich den Kopf frei brauchte, um endlich wieder schreiben zu können.
Ich habe einen Freund, der Germanistik studiert hat und inzwischen schon seit sechs Jahren Single ist. In dieser schwierigen Zeit trafen wir uns oft. Vielleicht war das ein Fehler, aber wenn man leidet, umgibt man sich ja gern mit Menschen, die ähnliche Probleme haben. Man hat ein gemeinsames Thema, und darum nimmt man es dem anderen nicht übel, wenn er nicht müde wird, darüber zu sprechen.
Allerdings hat ein Mann, der sechs Jahre seiner verlorenen Liebe nachtrauert, auch sechs Jahre Zeit, um Theorien zu entwickeln. Das kann dann auch mal in eine falsche Richtung gehen. Vor allem, wenn man ein Diplom in Germanistik hat. Mein Freund erklärte mir, dass es eigentlich nur einer richtig gemacht hat.
Bertolt Brecht.
„Der misstraute doch der Liebe“, rief er, als wir an einem tristen Herbstabend in meiner Wohnung die dritten Flasche Rotwein öffneten. „Der fürchtete doch die Liebe, die Abhängigkeit von einem anderen Menschen. Als Liebender ist man ein Leidender – und davor hatte Brecht Angst.“
Ich nickte, weil das ja meine emotionale Verfassung sehr treffend zusammenfasste, und ich dachte daran, dass das vielleicht Brechts Maßlosigkeit erklärte, wenn es um Frauen ging. Er hat sich – das ist ja allgemein bekannt – sein eigenes Bordell zusammengestellt – geradezu zusammengecastet, wenn man das so sagen kann. Er hat sich nie ausschließlich auf eine Frau konzentriert. Das hat ihn geschützt. Mit der Gerissenheit eines triebhaften Heiratsschwindlers hat er es fertig gebracht, ständig unzählige Affären nebeneinander laufen zu lassen.
Tja. Und die Frauen? Jetzt wird es interessant. Die Frauen haben ihn geliebt. Reihenweise sind sie ihm zu Füßen gefallen.
„Unbegreiflich eigentlich“, rief mein Freund, der in seinem Zustand bereits in der Lage war, über große Schriftsteller zu sprechen als würden sie zu unserem engeren Bekanntenkreis gehören. „Der hat die Frauen doch wie Dreck behandelt. Der hat ja seiner Geliebten Ruth Berlau fünfzehn Jahre lang verboten zu lächeln. Und warum? Weil sie wie eine Nutte gelächelt hat. Fand er. „Hurenlächeln“ hat er das genannt. Und sie? Was hat sie gemacht? Sie hat sich daran gehalten! Die Frau war ihm hörig, verfallen, er hat sie in den Alkoholismus getrieben. Aber wahrscheinlich kann man es ihm nicht einmal vorwerfen. Hat er wahrscheinlich gar nicht mitbekommen – bei dem Ego. Neben so einem Ego hat keine Selbsterkenntnis mehr Platz.“
Ich war ein bisschen verwirrt. Offenbar war Brechts Verhalten zu einer persönlichen Angelegenheit geworden, obwohl er ja schon lange tot war. Aber vielleicht lag es ja auch am Rotwein.
„Erkenntnisresistent war der Mann“, fasste mein Freund seine kleine Rede zusammen. „Hochgradig erkenntnisresistent. Aber Weltliteratur.“
Ich machte eine beruhigende Geste, vielleicht weil ich inzwischen ebenfalls den Eindruck hatte, Bertolt Brecht wäre Teil unseres engeren Bekanntenkreises, und ich müsste ihn irgendwie beschützen.
„Ich hab ja darüber nachgedacht“, fuhr mein Freund fort. „Ich hab sehr oft über diese Problematik nachgedacht. Und zu welchen Schlüssen ich da gekommen bin, darf man eigentlich keinem erzählen. Aber ich hab ja schon zwei Flaschen Wein getrunken, da werd ich immer so emotional. In meinem Zustand ist das verzeihlich.“
Er beugte sich zu mir und sagte eindringlich: „Also, ich hab da eine Theorie. Vielleicht ist's wirklich so – vielleicht interessieren sich Frauen nur für Männer, die sie wie Dreck behandeln – wie den allerletzten Dreck. Klassischer Brecht-Stil sozusagen. Die wollen einen dann erziehen, oder verstehen, oder was weiß ich. Man muss ein Arschloch sein. Das ist es. Aber so bin ich nicht veranlagt. Leider. Das ist so eine Unzulänglichkeit. Ohne die wäre mein Leben einfacher. Scheiße! Warum kriegen die Arschlöcher immer die Frauen.“
Mein Freund schwieg und sah gerade sehr unglücklich aus. Er tat mir leid. Und vielleicht war mein Mitleid der Auslöser, wieder nach vorn zu sehen. Das Selbstmitleid hinter mir zu lassen. Denn so durfte es nicht enden.
Und was soll ich sagen, es funktionierte.
Es dauerte nur einige Monate, bis mir eine Frau während eines Dates vorwurfsvoll sagte: „Michael! Du bist ein Arsch!“ Sie schwieg einen Moment lang, während ich sie mit harmlosen Blick ansah, dann fügte sie versöhnlich hinzu: „Aber ein süßer Arsch.“
Ich lächelte still.
Offenbar hatte ich alles richtig gemacht.
Die nächste Großstadtkolumne erscheint am Montag.
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