Großstadtkolumne | The Hangover | Teil 3
Phase 3 – Zeugen
Am Montagmorgen betrat Sascha die Agentur und versuchte das erste Lächeln des Tages, als er die Auszubildende grüßte, die hinter dem Tresen im großräumigen Empfangsbereich saß. Sie erwiderte seinen Gruß nicht. Sie blickte nicht einmal auf. Er hatte sie wahrscheinlich zu oft nicht gegrüßt. Sie hielt ihn sicherlich für einen Arsch, für jemanden, der sich von den meisten hier nicht unterschied.
Das störte ihn, was ihn überraschte, denn normalerweise störte ihn das nie. Auf die Frauen aus dem Frontoffice achtete er eigentlich nicht so sehr, vielleicht weil ihre Meinungen nicht zählten. Allerdings schien heute Morgen irgendetwas mit seinem Selbstbewusstsein nicht in Ordnung zu sein, was wohl an der Nacht lag, die vor nicht einmal vierundzwanzig Stunden geendet hatte, was ihm erst jetzt einfiel. Gegen Mittag hätte sich das hoffentlich wieder aufgelöst. Es löste sich meistens gegen Mittag auf. Dann würde er auch wieder rauchen können.
„Na, kannste wieder reden“, sagte Sebastian als Sascha das Büro betrat. „Mann, warst du besoffen.“
Sascha legte sein Jackett auf einen der Tische und schaltete den Rechner ein, während Sebastian von den Geschehnissen in zwei Bars erzählte, in denen sie offenbar gewesen waren und an die er sich nicht mehr erinnern konnte.
Man kennt das ja. Wenn man Freunde trifft, mit denen man Club-Nächte verbracht hat, zu denen einem die Erinnerungen fehlen, gewinnt man ganz neue Einblicke, ungewohnte und auch überraschende Perspektiven und Blickwinkel auf diese Nacht. Aber bei Sascha war es anders. Es war, als wäre er in dieser Nacht nicht dabei gewesen. Als würden Sebastian von einem Fremden erzählen, mit dem ihn nichts verband. Einen sehr unangenehmen Fremden.
Sebastian erzählte amüsiert, dass Sascha ständig versucht hatte, ihm irgendetwas zu erzählen, was er aber nicht verstand, weil Sascha inzwischen in einem Zustand war, in dem sogar lange Sätze wie ein Wort klingen. Alles was er sagte, ging irgendwie ineinander über. Ein unverständlicher Fluss ohne Höhen und Tiefen.
Plötzlich fiel Sebastian etwas ein. „Wie geht’s eigentlich deinem Bein?“, fragte er.
„Meinem Bein“, wiederholte Sascha langsam und dachte an den dumpfen, pochenden Schmerz in seinem Schienbein.
Er muss ziemlich hilflos ausgesehen haben, denn Sebastian fragte: „Sag jetzt bitte nicht, du weißt es nicht mehr? Weißt du überhaupt noch was?“
„Nicht wirklich“, sagte Sascha.
„Nicht wirklich“, sagte Sebastian mit einem Lachen. „Oh Mann!“
Er erzählte, dass Sascha an der Bar mit einer betrunkenen Frau aneinandergeraten war, die sich vorgedrängelt hatte. Es war ein sehr emotionales Gespräch. Als er sie dann jedoch als Nutte bezeichnete, wurde es allerdings noch ein wenig emotionaler. Die Frau nahm das Bierglas, das der Barkeeper gerade auf den feuchten Tresen gestellt hatte, holte aus, ohne auf das Bier in dem bis zum Rand gefüllten Glas zu achten, und zertrümmerte es an Saschas Schienbein.
„Das sah so krass aus“, sagte Sebastian und schüttelte ungläubig den Kopf.
Das war der Moment, in dem die erste Momentaufnahme aufblitzte. Sascha erinnerte sich an die Frau, oder präziser gesagt, er erinnerte sich an sehr große Brüste.
Irritierend war nur, erzählte Sebastian, dass er Sascha eine halbe Stunde später vor der Damentoilette entdeckt hatte, eng umschlungen mit der Frau, die ihm gerade noch ein Halbliterglas an seinem Schienbein zerschlagen hatte.
„Pack schlägt sich, Pack verträgt sich“, lachte Sebastian.
„Oh Gott“, erwiderte Sascha.
„Aber du hast nicht mit ihr geschlafen, oder?“, fragte Sebastian.
„Nee, hab ich nicht“, sagte Sascha vorsichtshalber, obwohl er keine Ahnung hatte. Aber das sollte sich ja in wenigen Augenblicken ändern.
Manchmal genügen nur wenige Informationen, um die Erinnerungen zu aktivieren. Sie sind ein Auslöser. Es genügen schon Kleinigkeiten, dann fällt es einem wieder ein, und man fühlt sich nicht unbedingt gut dabei. Und dann – ja, dann – fiel es Sascha wieder ein. Die unscharfen Momentaufnahmen fügten sich zusammen – sie wurden zu Erinnerungen.
Zu äußerst brachialen Erinnerungen sogar.
Es begann damit, dass sich die sehr großen Brüste durch die Ausmaße der Frau ergänzten. Sie konnte sie gewissermaßen auf ihrem Bauch ablegen. Vielleicht lag es daran, dass Sebastian sich noch einmal sehr eindringlich vergewisserte: „Aber du hast sie nicht angefasst. Versprichst du mir das?“
„Hab ich nicht“, sagte Sascha ungeduldig, auf den immer mehr unappetitliche Details der späten Nacht hereinbrachen. Die Taxifahrt nach Hellersdorf, der sechsstöckige Plattenbau, die Parterre-Wohnung.
„Gut, dann bin ich beruhigt“, hörte er Sebastian sagen, der wirklich erleichtert zu sein schien.
Glücklicherweise wusste Sascha inzwischen, dass er wirklich nicht mit ihr geschlafen hatte. Und dafür gab es gute Gründe.
Nachdem sie sich im Schlafzimmer zehn Minuten lang auf dem Bett gewälzt hatten, setzte sich die Frau auf und sagte: „Aber ich kann jetzt nicht mit dir schlafen, ich habe einen Freund.“
Gott sei Dank, dachte er und setzte sich ebenfalls auf.
„Na gut. Is nicht schlimm“, versicherte er und stand langsam auf. Als er die Wohnung verlassen wollte, lief sie ihm in die Flur nach und hielt ihn zurück. Sie hatte offensichtlich gerade eine Entscheidung getroffen.
„Aber wir können einen Tittenfick machen“, sagte sie. „Aber nur mit Kondom.“
„Nur mit Kondom“, lachte er ungläubig.
Die Frau lachte nicht. Offenbar meinte sie das wirklich ernst.
Sascha zog sich nicht aus, er ließ nur die Hose herunter. Sie kniete sich hin. Sie machten es im Flur. Sein Blick fiel immer wieder auf ihr Spiegelbild im Flurspiegel, es war als würde er sich in einem Porno mitspielen sehen. Eigentlich erregte es ihn, sich in einem Spiegel beim Sex zu beobachten, allerdings war das hier nicht unbedingt ein Genre, das er bevorzugen würde. Erst im Spiegel fiel ihm auf, wie dick die Frau war. Und das Arschgeweih, das immer wieder unter dem haudünnen Nichts, was sie beinahe anhatte, hervorblitzte, machte es auch nicht unbedingt besser.
Es war so unwürdig.
Ihm fiel noch ein, dass er ständig an ihren Freund dachte, obwohl er ihn ja gar nicht kannte. Weil der Mann ihm so leid tat. Er war auch viel zu betrunken war, um zum Orgasmus zu kommen, was vielleicht an dem Kondom lag. Irgendwann brachen sie ab.
Er zog seine Hose hoch und verabschiedete sich hastig. Als er die Straße betrat, in einen sonnenbeschienenen Tag, der bereits begonnen hatte und die frische Luft einatmete, die voller Vogelgezwitscher war, konnte er nur noch daran denken, dass er jetzt unbedingt einen Döner brauchte.
Epilog
Als Sascha seine Erzählung beendet hatte, brauchte ich ungefähr eine Minute, um überhaupt auf irgendeine Art und Weise zu reagieren. Meine rechte Hand umklammerte die Kaffeetasse, ich hielt mich sozusagen daran fest. Sie gab mir Halt. Einen Halt, den ich gerade ziemlich nötig hatte.
„Und? Was lernt man daraus?“, sagte ich, obwohl sich auch eine fassungslose Verzweiflung in mein Lachen mischte.
Sascha dachte einen Moment lang nach, dann erhellte sich sein Gesicht. „Keene Zeugen“, stellte er entschlossen fest. „Dit is dit wichtigste. Zeugen sind in solchen Nächten ein Fehler.“
Offenbar liegt nicht nur die Schönheit im Auge des Betrachters.
„Das hatte ich eigentlich nicht gemeint“, sagte ich, oder sagen wir so: ich wollte es sagen, aber Saschas Argumentation hebelte ja irgendwie jeden Widerspruch aus.
Ich blickte schweigend durch Sascha hindurch, bevor ich der Kellnerin ein Zeichen gab. Die Abgründe sind näher als man immer annimmt. Ich fühlte mich unsauber. Ich musste hier weg, unser Treffen schnell beenden. Vielleicht war das die angemessene Art, darauf zu reagieren. Als die Kellnerin an den Tisch trat, nickte ich ihr dankbar zu.
Als wir uns verabschiedeten, sagte Sascha: „Also wir müssten eigentlich ooch mal wieder was zusammen machen.“
Ich flüchtete mich in die Feststellung „Ist ja schon eine Weile her“ und hoffte, dass er nicht nachhakte. Er tat es nicht.
Als Sascha die Straße Richtung Rosa-Luxemburg-Platz hinunterlief, sah ich ihm einige Sekunden unangenehm berührt nach. Dann ging ich noch einmal in das Restaurant, um mir auf der Toilette die Hände zu waschen, und auch das Gesicht.
Ich hoffte, das würde genügen, um mich wieder sauber zu fühlen, nach dieser Geschichte.
Obwohl ich da irgendwie meine Zweifel hatte.
Die nächste Großstadtkolumne erscheint am kommenden Donnerstag.
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