Großstadtkolumne | The Hangover | Teil 2
Dieser Text handelt von den drei Phasen, die nötig sind, eine dieser exzessiven Clubnächte zu rekonstruieren, an die man sich nur sehr fragmentarisch erinnern kann. Die letzte Kolumne beschäftigte sich mit der ersten Phase, und hier geht es um die anderen beiden ...
Phase 2 – Beweise
Es ist ja so eine Sache mit der Technik. Sie hat Vorteile, und sie hat Nachteile. In diesem Text geht es um die Nachteile. Es gibt nicht wenige Filme, die sich mit dem Thema beschäftigen, einige davon sind sehr erfolgreich, wie die „The Matrix“-Trilogie oder die Terminator-Filme.
So weit wie in „The Matrix“ ist die Entwicklung natürlich noch nicht, aber auch die heutige Technik birgt Gefahren. Handys sind da ein sehr gutes Beispiel. So viele Vorzüge sie auch haben, sie können eine sehr gefährliche Sache sein. Vor allem wenn sie um vier Uhr morgens benutzt werden, wenn man so betrunken ist, dass man sich am nächsten morgen gar nicht mehr erinnern kann, sein Telefon überhaupt benutzt zu haben.
So ging es meinem Bekannten Sascha.
Es gibt ja diese Programme, die man auf sein Handy laden kann, um sich sozusagen vor sich selbst zu beschützen. Wenn sie aktiviert sind, kann man nur auf die Funktionen seines Handys zugreifen, wenn man noch in der Lage ist, eine mathematische Gleichung zu lösen. Eine Herausforderung, die in so einem Zustand praktisch unlösbar ist. Allerdings war Sascha nicht so umsichtig, ein solches Programm zu installieren. Er war sich gewissermaßen ausgeliefert.
Als er sein zersplittertes Handy am nächsten Nachmittag auf dem Küchentisch liegen sah, spürte er eine unangenehme Ahnung, die sich mit seinem Kater mischte. Er griff behutsam nach dem Telefon, betrachtete das zerstörte Display und versuchte sich zu erinnern, unter welchen Umständen das passiert war. Es fiel ihm nicht ein. Glücklicherweise war es ausgeschaltet. Vorsichtshalber machte er sich erst einmal einen Kaffee, bevor er es einschaltete. Er brauchte Zeit, um sich mental darauf vorzubereiten, was seinem Unterbewusstsein bereits klar zu sein schien.
Dann war er so weit. Sascha schaltete sein Telefon ein.
Er ging schnell auf die andere Seite des Zimmers, lehnte sich in den Fensterrahmen, trank hin und wieder einen nervösen Schluck Kaffee und beobachtete sein Handy. Er wartete – auf das Unvermeidliche, das mit einem sanften Vibrieren in diesen Sonntagnachmittag treten würde.
Sein Handy vibrierte einmal. Dann war es still.
Sascha atmete auf. Er hatte sich getäuscht. Glücklicherweise. Er spürte, wie sich die unangenehme Last in ihm verlor. Beruhigt stellte er die Tasse auf das Fensterbrett und näherte sich gut gelaunt dem Küchentisch.
Nur ein kurzer Weg, auf dem jedoch etwas Unerwartetes passierte. Sein Handy vibrierte wieder - sechs Mal – und das war gar kein gutes Zeichen.
Man muss dazu sagen, dass Sascha die technischen Möglichkeiten, die ihm sein Telefon bietet, umfangreich nutzt. Vor allem die Gruppenfunktion. Er hat seine Kontakte sehr gewissenhaft gegliedert. Es gibt viele Gruppen in Saschas Kontaktliste. Familie, Enge Freunde, Geschäftliche Kontakte, Frauen, an denen er interessiert war, mit denen er sich allerdings noch nicht getroffen hatte, Frauen, mit denen er sich bereits getroffen, aber noch nicht mit ihnen geschlafen hatte, und Frauen, mit denen er schon geschlafen hatte, und die er eigentlich nicht wiedersehen wollte. Und dann gibt es noch diese Liste, die „Booty Call“ hieß.
In dieser Liste sammelte er die Frauen, bei denen er sich melden konnte, wenn er um sechs Uhr morgens immer noch niemanden gefunden hatte, mit dem er schlafen konnte oder wollte. Es war die Liste für Spontansexangebote, für deren Mitglieder er die unscheinbare Frage „Wollen wir uns heute noch sehen?“ verwendete.
Er hoffte, dass er seine Rund-SMS an diese Liste versendet hatte, allerdings befanden sich in ihr ja nur vier Kontakte. Und für vier Kontakte waren es ja dann doch einige Vibrationen zu viel.
Die dunkle Ahnung war wieder da. Und sie war stärker geworden. Sie war so präsent, dass man sie fast berühren konnte.
Sascha hoffte, die Listen nicht verwechselt und sein Spontansexangebot versehentlich an die Liste seiner geschäftlichen Kontakte geschickt zu haben. Oder seiner Familie. Und er hoffte, dass er wirklich nur „Wollen wir uns heute noch sehen?“ geschrieben hatte, und nicht „Ich würd jetzt gern mit dir einschlafen?“ Oder schlimmeres.
Leider war es etwas Schlimmeres.
Er nahm sein Handy und ging die Nachrichten durch. Es waren Antworten auf die Frage „Anal oder vaginal?“, die Sascha um sechs Uhr morgens versandt hatte.
Scheiße, dachte er, und dann sagte er es auch. Drei Mal. „Scheiße, Scheiße, Scheiße!“
Er hatte die Frage an vier Listen geschickt: Frauen, mit denen er sich treffen wollte, Frauen, mit denen er sich bereits getroffen, aber noch nicht mit ihnen geschlafen hatte, Frauen, mit denen er schon geschlafen hatte, und die Booty-Call-Liste.
Das waren mehr als vierzig Nummern.
Glücklicherweise ist „Anal oder vaginal?“ eine Frage, die Frauen, die etwas auf sich halten, eigentlich nicht beantworten. Offenbar hatten es einige dann doch getan.
„Ich finde es ja fast ein bisschen amüsant, dass ich immer noch in diesem Verzweiflungs-Date-Verteiler bin“, las er. Und: „Ich habe einen Freund und ich treffe keine anderen Männer (schon gar keine, mit denen ich mal im Bett war).“
Am beunruhigendsten war die Nachricht einer Frau, in die er einmal ziemlich verliebt gewesen war. Leider unglücklich verliebt. Mit ihr hätte er sich sogar eine Perspektive vorstellen können, was bei einem Menschen wie Sascha schon sehr viel bedeutet. Diese Frau, das ehemalige Objekt seiner Sehnsüchte schrieb kurz und lapidar: „Kennen wir uns?“
Offenbar hatte sie seine Nummer gelöscht.
Sascha begriff, dass er genug gelesen hatte. Er löschte schnell die restlichen Konversationen, er hielt das Handy dabei sehr weit von sich entfernt, damit er die übrigen Antworten nicht lesen musste. Als er die Konversationen gelöscht hatte, ging es ihm merkwürdigerweise besser.
Das sollte sich ändern, als er im Wohnzimmer seinen aufgeklappten Rechner auf der Couch liegen sah. Das war der Moment, in dem ihm einfiel, dass auch Laptops eine gefährliche Sache sein können.
Einige kennen das vielleicht. Es ist einer dieser Fehler, die man hin und wieder macht, wenn man betrunken gegen acht Uhr morgens aus irgendwelchen Clubs kommt. Sascha macht diesen Fehler nicht nur hin und wieder. Wenn er um acht Uhr morgens nach durchtanzten Clubnächten nach Hause kommt, befindet er sich ziemlich häufig in einem – sagen wir mal – naiv-romantischen Zustand. Ein Zustand, an dem er sich schon mal an seinen Laptop setzt, um in seiner Facebook-Freundesliste nach ehemaligen Liebschaften zu suchen, die ihn noch nicht aus ihren Kontaktliste gelöscht haben, weil er auf ihre E-Mails nicht mehr reagiert. Er öffnet die Profile dieser Frauen in einzelnen Tabs, manchmal sind es vier, manchmal acht. Dann beginnt er, die erste E-Mail zu schreiben.
Er spürt in seinem Zustand, dass die Frauen es doch irgendwie Wert sind, sie wiederzusehen. Er ist überzeugt, dass es eine Perspektive gibt. Dass sie sich bei ihrem Wiedersehen wirklich gut verstehen würden. Dass man daran arbeiten kann.
Er erzählte mir allerdings auch, dass er bereits ahnt, wenn er seinen Rechner zuklappt, dass er seine naiv-romantische Phase nach dem Aufstehen hinter sich gelassen hätte. Dass es ihm nach dem Aufstehen sogar unangenehm sein würde, an die Mails, die er gerade geschrieben hatte, nur zu denken.
Es befanden sich sechs Nachrichten in seinem Posteingang, die er ungelesen löschte. Dann entdeckte er allerdings, dass er gegen sieben Uhr morgens das Wort: „Ficken“ auf seine Pinnwand geschrieben hatte. Ficken mit neun E. Und vier Ausrufezeichen.
Es gab neunzehn Kommentare. Sascha löschte sie schnell, obwohl es ja dafür inzwischen schon ein wenig zu spät war.
Er konnte Sebastian und David nicht anrufen, die wahrscheinlich in einem ähnlichen Zustand wie er waren, und nicht ans Telefon gehen würden. Er musste sich also gedulden, bis der Abend ausgewertet wurde.
Sascha schaltete sein Handy aus, fuhr den Rechner herunter, legte sich wieder ins Bett und schlief ein. Es sollte bis zum nächsten Morgen dauern, bis er wieder erwachte.
Es würde ein Montagmorgen sein.
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