Großstadtkolumne | The Hangover | Teil 1
Prolog
Einige kennen sicherlich diese Sonntagvormittage, an denen man ganz ahnungslos und unschuldig die Augen aufschlägt, um dann allerdings sehr schnell festzustellen, dass hier irgendetwas nicht stimmt. Man muss dazu sagen, dass solche Vormittage eigentlich Nachmittage sind, weil die vorherige Nacht ja erst gegen sieben oder neun Uhr zu Ende war. Gerade in der Berliner Party-Kultur kann es vorkommen, dass ein ganzes Wochenende zu einer Nacht verschmilzt. Und in Berlin können Wochenenden auch schon mal an einem Dienstagmorgen enden.
So schlimm war es bei mir noch nie, aber diese Tage, an denen man nachmittags aufwacht, und sich nur an einen netten Abend unter Freunden erinnert, kenne ich schon. Ich kenne es, mich nur an Momentaufnahmen zu erinnern, die vorerst kein plausibles Ganzes ergeben, weil sie ja nur Bruchteile einer zehn- oder zwölfstündigen Nacht sind. Es kann auch schon mal vorkommen, dass die Nacht mit jedem Bruchstück, an das man sich erinnert, immer Unplausibler wird. Vor allem wenn es Erinnerungen sind, bei denen man sich mit jedem Detail innerlich windet, weil sie einfach unangenehm sind. Ein unangenehmes Gefühl, das man schon beinahe physisch spürt.
Es kann einige Tage dauern, bis sich die Ereignisse solcher Nächte lückenlos zusammengefügt haben. Das geschieht in verschiedenen Phasen, auf mehreren Ebenen gewissermaßen.
Dieser Text handelt von diesen Phasen.
Letzten Sommer fiel mir während eines gemeinsamen Mittagessens mit meinem Bekannten Sascha auf, dass das Display seines iPhones zersplittert war.
„Krass“, sagte ich. „Wie ist das denn passiert?“
„Alter! Hör bloß auf“, sagte Sascha und warf mir einen vielsagenden Blick zu. „Ick weeß es nich mehr. Und vielleicht ist dit auch besser so.“
„Ach“, sagte ich.
„Ick war ja am Samstag unterwegs. Mit Sebastian und David. Alter! Ick spür den Abend immer noch.“
Man sah ihm förmlich an, wie er unter dem Thema litt. Sascha flüchtete sich in einen gedankenverloren Blick auf das zerstörte Display seines Handys. Dann sagte er bestimmt „Glaub mir, dit willste gar nicht wissen.“
Ich setzte mich auf. Er spürte die Nacht immer noch? Heute war Mittwoch. Das war jetzt vier Tage her.
„Erzähl mal“, sagte ich ein bisschen zu schnell, denn ich war mir ziemlich sicher, dass ich es ganz genau wissen wollte. „Erfährt auch keiner.“
Sascha sah mich misstrauisch an und trank von seinem Capuccino.
„Wem sollte ich's es denn erzählen?“, sagte ich ungeduldig.
Er ließ sich Zeit, bevor er begann, von den teilweise sehr unappetitlichen Geschehnissen der letzten vier Tage zu erzählen. Von einer mehrtägigen Recherche, die nötig war, um eine einzige Nacht zu rekonstruieren.
Wir begeben uns also jetzt auf dieses Reise. Ich habe sie in diesem Rahmen literarisch aufbereitet und in die jeweiligen Phasen gegliedert, um die Dinge vielleicht auch ein wenig prägnanter darzustellen.
So, liebe Leser, ich wünsche euch eine gute Reise.
Phase 1: Entdeckungen
Sascha schlug zögernd die Augen auf und blickte in das schwache Licht, das durch die geschlossenen Vorhänge seines Schlafzimmers drang. Er versuchte, seine Gedanken zu ordnen, zu denken oder sich wenigstens zu erinnern, unter welchen Umständen er nach Hause gekommen war. Er suchte nach Anhaltspunkten. Aber für Anhaltspunkte schien es noch zu früh zu sein. Es gab vage Bruchstücke von Erinnerungen, vereinzelt und unzusammenhängend. Sascha beobachtete die Staubteilchen, die langsam durch das Sonnenlicht schwebten.
Als die Gedanken klarer wurden, fiel ihm etwas ein. Etwas Beunruhigendes. Er setzte sich ruckartig auf, blickte schnell auf die andere Seite des Bettes und atmete auf.
Glücklicherweise lag da niemand.
Nach dem Zustand seines Katers hätte da nicht unbedingt eine Frau gelegen, mit der er noch gern gefrühstückt oder den Tag verbracht hätte. Irgendwie war wohl eher davon auszugehen, dass er neben das Bett gekotzt hätte.
Glück gehabt. Zumindest nahm Sascha das an, naiv, wie er in seinem Zustand war.
Er atmete tief ein, tastete auf der Kommode nach den Zigaretten und zündete sich die erste Zigarette des Tages an. Nach dem zweiten Zug musste er husten. Er warf einen Blick in die Schachtel, in der sich noch vier Zigaretten befanden. Von den zwei Schachteln, die er sich vor dem Treffen mit Sebastian und David gekauft hatte, waren noch vier Zigaretten übrig. Und die Schachtel in seiner Hand war nicht einmal die Marke, die er gekauft hatte.
Er fürchtete sich schon davor, seine Stimme zu hören, wenn er nachher das erste Selbstgespräch des Tages führte. Es würde die Stimme eines Fremden sein.
Eigentlich hatte alles ganz harmlos begonnen. Sie waren auf der Geburtstagsfeier in der Wohnung einer Freundin von David. Es war eine dieser Partys, zu der jeder Gast Getränke mitbrachte. Er erinnerte sich an den Kühlschrank, der voller Wodkaflaschen war. Er hätte um eins nach Hause gehen sollen, bevor sich die Geschehnisse verselbständigten. Bevor sich die Nacht in ein zweckfreies Besäufnis entwickelte. Nun ja, zumindest das wusste er noch.
Er griff nach dem Wecker, der auf dem Fußboden neben dem Bett lag. Es war sicherlich schon zwölf.
Es war sechzehn Uhr.
Er blickte zu den Vorhängen und dachte daran, dass die Parks voller Menschen waren, die die Sonne genossen, die Zeit miteinander verbrachten, und er lag allein in seiner Wohnung, hinter zugezogenen Vorhängen. Das Leben fand woanders statt, es lief parallel, er machte nicht mit. Ein Gefühl, das seine momentane Stimmung ziemlich treffend umriss, wie er fand.
Er brauchte jetzt einen Kaffee. Ganz schnell.
Als er sich aufsetzen wollte, spürte er einen pochenden Schmerz an seinem Schienbein. Er schob die Bettdecke zur Seite und sah an sich hinunter.
Das war der Moment, in dem es begann, beunruhigend zu werden. Erst jetzt fiel ihm auf, dass er immer noch sein Jackett trug. Das war seltsam, aber beunruhigend war, dass er darunter nackt war. Offensichtlich hatte er, nachdem er sich nackt ausgezogen hatte, aus irgendeinem Grund noch einmal sein Jackett angezogen. Warum auch immer. Er war gerade sehr froh, dass es im Schlafzimmer keinen Spiegel gab. Es wäre ein Anblick, den man sich gern erspart hätte. Ein nackter Mann, nur mit einem Jackett bekleidet, lag rauchend in seinem Bett und betrachtete sein verschorftes Schienbein. Das Laken unter seinem Bein war blutig. Er fühlte sich unsauber, irgendwie asozial.
Sascha begann zu ahnen, dass es noch andere Rätsel gab, die gelöst werden mussten. Und er war sich nicht sicher, ob es Rätsel waren, die er lösen wollte.
Als er sich mühsam erhoben hatte und neben dem Bett stand, spürte er, wie sehr er noch auf Restalkohol war. Die Wohnung würde er wohl heute nicht mehr verlassen.
Sascha brauchte jetzt erst einmal Licht. Er ging zum Fenster, um die Vorhänge zu öffnen. Ihm war schon aufgefallen, dass es im Schlafzimmer ungewöhnlich roch, gar nicht unangenehm, irgendwie würzig, darum hatte er dem Geruch wohl keine Bedeutung beigemessen. Als er jedoch die Vorhänge aufzog, traf ihn sehr unvermittelt, was die Ursache dieses würzigen Geruches war.
Offenbar hatte er sich auf dem Heimweg noch einen Döner gekauft, denn er wohl auch gegessen hatte, bevor er einschlief. Irgendwann während der Tiefschlafphase war er anscheinend noch einmal aufgewacht, weil sein Magen rebellierte. Er war aufgewacht, weil er sich übergeben musste.
Er sah, dass er es nicht ins Bad geschafft hatte. Dass muss ihm schon klar gewesen sein, als er erwachte, darum hatte er wohl versucht, das Schafzimmerfenster zu öffnen, um aus dem Fenster zu kotzen. Er öffnete es jedoch nicht schnell genug. Er erbrach den Döner auf die Scheibe und das Fensterbrett. Er hatte noch nicht lange geschlafen. Der Döner war noch relativ unverdaut, darum war der Geruch auch so würzig, und nicht so beißend, wie man es eigentlich kennt. Dann hatte er die Vorhänge zugezogen, sich wieder in sein Bett gekuschelt, um friedlich einzuschlafen.
So musste es passiert sein.
„Gott“, dachte Sascha und zog den Vorhang wieder zu.
Er zog schnell das Jackett aus, ließ es achtlos zu Boden fallen und nahm sich Boxershorts und ein T-Shirt aus dem Schrank, bevor er das Schlafzimmer verließ. Er humpelte in die Küche, öffnete das Fenster und betrachtete den wolkenlosen Himmel, der mit seiner tiefblauen Farbe unwirklich aussah. Er fühlte sich unsauber, irgendwie asozial. Er musste schnell duschen.
Im Flur entdeckte er seine Brieftasche, die auf dem Boden zwischen den Schuhen lag. Er hob sie auf und öffnete sie hastig. Gott sei Dank war seine Karte noch da. Er erinnerte sich, dass er mit Sebastian noch am Bankautomaten war, bevor sie auf den Geburtstag gingen. Er hatte 100 Euro abgehoben. In der Brieftasche befand sich noch ein Zwei-Euro-Stück. Das war an sich schon deprimierend genug, allerdings war unter den wenigen Momentaufnahmen, die den Abend überlebt hatten, auch die Erinnerung, wie er später noch einmal fünfzig Euro abgehoben hatte.
Nach dem Duschen stand er nackt vor dem Badezimmerspiel und sah in sein in der letzten Nacht gealtertes Gesicht. Es würde bis zum nächsten Morgen dauern, um sich wieder zu erholen. Der nächste Morgen würde ein Montagmorgen sein, und daran wollte er jetzt lieber nicht denken. Seine Augen waren gerötet. Die Farbe seiner Haut mischte sich aus grau und beige. Es war ein greige, wenn man das so sagen konnte.
„Greige“, sagte Sascha in sein leeres Bad.
Es war das erste Wort, das ihn heute verließ. Ein Wort, das passte, denn seine Stimme klang ja auch irgendwie greige. Er hustete und als er wieder in den Spiegel sah, waren seine Augen noch geröteter. Er überlegte, sich wieder ins Bett zu legen, den Tag zu ignorieren, bis es ihm besser ging. Aber er hörte sogar hier das Vögelgezwitscher, das durch das geöffnete Küchenfenster drang. Er putzte sich die Zähne, nahm Augentropfen und ging wieder in die Küche, um Kaffee aufzusetzen.
Er nahm ein Glas aus dem Küchenbuffet, füllte es mit kaltem Wasser und schüttete zwei Beutel einer Elektrolyt-Glucose-Mischung hinein. Einem Mittel, dass man eigentlich bei Durchfallerkrankungen einnahm, und mit dem man auch einem Kater entgegenwirken konnte, wie ihm ein Kollege kürzlich versichert hatte.
„Haben sie Durchfall?“, hatte sein Apotheker gefragt, als Sascha ihm ziemlich umständlich beschrieben hatte, dass er das Medikament benötigte, weil er ja nun wirklich nicht sagen wollte, wozu er es eigentlich verwenden wollte.
„Nein“, hatte er gesagt. „Ich wollte eher einem Kater entgegenwirken.“
„Ah, präventiv, sozusagen“, sagte der Apotheker lachend und fügte hinzu: „Sie planen also Ihre Krankheit. Dann würde ich es ich es allerdings noch mit einem Mittel ergänzen, das Magnesium enthält.“
Er hatte genickt und an die älteren Damen gedacht, die hinter ihm in der Schlange standen, und sicherlich gerade ein vollkommen falsches Bild von ihm hatten.
Dann fiel ihm noch ein, wie ihm der Apotheker ein gut gelauntes „Viel Spaß“ nachgerufen hatte, als er die Apotheke verließ.
„Na dann, viel Spaß“, sagte Sascha und leerte die Lösung in einem Zug.
Essen konnte er jetzt sowieso nichts, sein Magen war noch zu empfindlich. Während der Kaffee durchlief, versuchte er zusammenzuzählen, wie viele Gin Tonic und Wodka RedBull er gestern getrunken hatte, aber irgendwann so gegen zwei oder drei Uhr morgens verlor sich die Spur. Und als ihm einfiel, dass sie ja schon auf dem Geburtstag mit Long Drinks begonnen hatten, gab er es auf.
Auf dem Küchentisch lag sein Handy. Es war ausgeschaltet und über das Display zogen sich viele kleine Risse, es war vollkommen zersplittert, und er hatte keine Ahnung, wie das passiert war. Er war nicht sicher, ob er es einschalten sollte, Handys können in solchen Nächten gefährlich sein, aber er musste ja wissen, ob es überhaupt noch funktionierte.
Er zögerte kurz. Dann schaltete Sascha das Handy ein.
Während es hochfuhr, leuchtete ihm der Apfel auf dem Display beruhigend zu. Leider übertrug sich das beruhigende Glimmen nicht auf Sascha, denn er ahnte, dass die Recherchen gerade erst begonnen hatten.
Er ahnte allerdings nicht, wie schlimm es wirklich werden sollte.
Den zweiten Teil des Textes findet ihr hier.
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