Vor einigen Monaten wurde mir in einem Gespräch, das als Diskussion begann, zu einem Streit wurde und schließlich mit einer unvermittelten Trennung endete, vorgeworfen, ich sei ein Narzisst.

Diese Diagnose wurde von Friederike gestellt, die ich ungefähr einen Monat zuvor über unseren gemeinsamen Freund Patrick kennen gelernt hatte – und zwar an einem trüben Novembermorgen in meinem Schlafzimmer. Ich weiß, das klingt jetzt irgendwie, als würde Patrick sich neben seinem eigentlichen Beruf noch als Regisseur von Amateurpornofilmen selbstverwirklichen. Aber bevor Missverständnisse entstehen, die in eine vollkommen falsche Richtung führen, kann ich versichern, dass alles natürlich vollkommen harmlos war.

Es spricht nicht für mich, ich weiß, aber inzwischen gehört es schon zu meinen morgendlichen Subroutinen, dass meine Hand nach meinem iPhone tastet, obwohl ich noch benommen vom Schlaf bin. Nachdem ich den Flugmodus ausgeschaltet habe, leuchten die Nachrichten der letzten acht Stunden auf dem Display auf. An diesem Morgen war auch eine Nachricht von Patrick dabei, die er um 2:24 Uhr aus einer Bar abgeschickt hatte.

Wie nicht wenige meiner Freunde ist Patrick auf der selbstlosen Mission, endlich einer Frau zu begegnen, die zu mir passt. Leider entdeckt er solche Frauen ausschließlich im Berliner Nachtleben. Er schickt mir häufig in den frühen Morgenstunden Fotos, unter denen Telefonnummern stehen, die ich nie anrufe. Aber diesmal war das Gesicht der Frau, die auf dem Foto zu sehen war, wirklich attraktiv.

„Nast, wir müssen reden. Ich hab ne Anfrage von ner Perle“, hatte Patrick geschrieben. „Hab natürlich abgeraten. Aber sie will sich selbst davon überzeugen, dass du so bist wie alle anderen.“

Wie bitte?, dachte ich, musste aber unwillkürlich lächeln. Wenn man schon vor einem Kennenlernen davon ausgeht, dass nichts daraus wird, ist das ja oft eine selbsterfüllende Prophezeiung. Aber Friederike war offensichtlich schlagfertig, verbunden mit einem ironischen Humor, den ich so mag. Ich würde sie treffen, dachte ich. Vielleicht begann mit dieser alkoholdurchtränkten Nachricht ja wirklich eine dieser großen und seltenen Liebesgeschichten.

Was soll ich sagen, ich ahnte nicht, wie selbsterfüllend Friederikes Prophezeiung sein würde. Ich ahnte es einen knappen Monat lang nicht. Ich begriff es erst in unserem Trennungsgespräch, in dem sie mich mit Vorwürfen überschüttete, was für ein selbstbezogener Narzisst ich war.

Während unserer Unterhaltung wuchs in mir alledings das seltsame Gefühl eines unbestimmten Déjà-vus. Erst nach unserem Gespräch verstand ich, woran das lag. Friederike und ich hatten diese Unterhaltung schon mal geführt, und zwar bereits ziemlich oft. Der Unterschied war, dass es in den vorherigen Gesprächen nicht um meine narzisstischen Defizite gegangen war, sondern um die der Männer, mit denen sie vorher zusammen war. Es war beunruhigend, sie sprach über mich wie über ihre Ex-Freunde, es gab keine Unterschiede. Sie datete offensichtlich nur Männer, deren Persönlichkeiten praktisch deckungsgleich waren. Offensichtlich war ich wie tatsächlich alle anderen. Friederike stellte ja bei jedem Mann in ihrem Leben dieselbe Diagnose. Das war der Moment, der die ersten Zweifel säte. Das klang eher nach einer verwundeten Seele. Vielleicht hatte die Diagnose mehr mit Friederike zu tun als mit den Männern.

Ein Land voller Bipolarer, Borderliner und Narzissten

Friederike ist natürlich ein dramatisches Beispiel, aber es gibt etwas, was sie mit nicht wenigen gemeinsam hat. Ich begegne wirklich überraschend vielen Menschen, die anderen eine narzisstische Persönlichkeitsstörung diagnostizieren. Narzissmus ist eine der beliebtesten Diagnosen, vor allem wenn es um ehemalige Partner geht. Und auch wenn man bei Google sucht, bekommt man schnell den Eindruck, dass unsere Gesellschaft von Narzissten geradezu überschwemmt wird. Sie sind überall.

Es hat schon etwas Bizarres: Die Bevölkerung unseres Landes scheint sich ja inzwischen ausschließlich aus Bipolaren, Borderlinern, Narzissten und Beziehungsunfähigen zusammenzusetzen. Wir befinden uns praktisch im offenen Vollzug. Es hat etwas Hysterisches. Als wären wir in einem Wettbewerb, bei anderen schwerwiegende psychische Störungen zu diagnostizieren. Aber wir sollten mit solchen Diagnosen vorsichtig sein.Die meisten, die von Narzissten sprechen, meinen Menschen mit narzisstischen Zügen. Es ist eine falsche Verwendung des Begriffes, die sich etabliert hat.

Ich muss dazu sagen, dass Friederikes Anschuldigungen ja nicht wirkungslos an mir abprallten. Ich wusste natürlich, dass ihre Vorwürfe einen wahren Kern hatten. Und als ich dann am darauffolgenden Abend nach den Eigenschaften googelte, die einen Narzissten eigentlich ausmachen, wurde ich nervös. Ich las erschüttert, wie viele Symptome auf mich zutrafen. Irgendwann schloss ich frustriert meinen Laptop.

50% der Partnerschaften haben narzisstische Probleme

Ich rief sofort meinen Freund Sebastian an, und erzählte ihm aufgelöst, wie katastrophal es um mich stand. „Jetzt warte mal kurz“, unterbrach er meinen Redefluss. „Also, das ist schon wahr: Du bist sehr selbstreferentiell. Aber narzisstische Eigenschaften sind doch in jedem Menschen angelegt. Erst die Verstärkung ins Krankhafte machen sie zu einer Persönlichkeitsstörung. Du bist kein Narzisst. Dann würden wir dieses Gespräch hier gar nicht führen.“ Ich spürte unvermittelt, wie der Druck abfiel. Bevor ich jedoch aufatmen konnte, hörte ich Sebastians Stimme ein Wort sagen, durch das ich mich wieder verspannte.

„Aber“, sagte er, und ließ das Wort einige Sekunden wirken, bevor er weitersprach, „mit narzisstischen Zügen sieht das allerdings schon anders aus. Die werden aber auch generell immer mehr. Ich hab gelesen, dass heutzutage fast 50 Prozent der Partnerschaften narzisstische Probleme haben. Tendenz steigend. Und gerade unter Single-Männern gibt es besonders viele mit narzisstischen Zügen. Das schließt dich dann wohl ein. Die Frage ist nur, wie ausgeprägt sie sind.“

Nachdem wir das Telefonat beendet hatten, rief ich Holger an. Wenn ich Probleme habe, bespreche ich sie immer mit mehreren Menschen. Es ist zwar nur ein kleiner Kreis, aber aus ihren Meinungen fügt sich ein Bild zusammen, dem ich vertraue. Holger arbeitet als Paartherapeut und zählte mir die Eigenschaften eines Narzissten auf, die meiner Auffassung nach gar nicht auf mich zutreffen. Und glücklicherweise seiner Auffassung nach auch nicht.

„Der ausschlaggebendste Punkt ist doch das bewusste Abwerten anderer Menschen, um sich selbst aufzuwerten“, sagte er. „Narzissten reden auch nur ungern über Gefühle und überschätzen sich maßlos. Jede Kritik wird als Bedrohung wahrgenommen. Die können auch nicht zuhören oder sich in andere hineinversetzen. Da passt du ja nun überhaupt nicht ins Bild. Überleg mal, wie oft ich dir mein Herz ausschütten konnte, als es mir nicht gut ging. Jeder andere hätte irgendwann die Geduld verloren.“ Holger schwieg kurz, bevor er fortfuhr. „Und Narzissten sind ja auch absolute Kontroll-Freaks. Wenn andere die Kontrolle übernehmen, indem sie – sagen wir mal – Ort und Zeit einer Verabredung festlegen, manipulieren sie die Situationen so, dass sie wieder die Kontrolle übernehmen können. Die kommen dann bewusst zu spät oder sagen kurzfristig ab. So, und jetzt wird’s interessant: Denn dieses Verhalten ist ja inzwischen gesellschaftlich vollkommen normal. Darüber sollten wir mal nachdenken.“

Nicht die Symptome sind das Problem, sondern die Ursachen

Ich nickte abwesend, denn gerade war mir etwas eingefallen: Vielleicht wäre es klug, dem Gedanken zu folgen, unser Trennungsgespräch nur als Konflikt zu sehen, der auf der Oberfläche stattfand. Friederikes in Diagnosen verpackte Vorwürfe, meine resolute Reaktion darauf, bis zur Trennung innerhalb einer knappen halben Stunde – vielleicht sollte man diesen von Neurosen durchsetzten Konflikt als ein Aufeinanderprallen von Symptomen sehen. Vielleicht musste man tiefer gehen, um die wirklichen Ursachen erkennen, die auf einer dahinterliegenden, verborgenen Ebene lagen.

Als Friederike unser Gespräch nach ihrer Narzissmus-Diagnose wutentbrannt und ohne Verabschiedung beendete, verschwanden wir mit einem Klick aus dem Leben des anderen. Wir haben uns nicht wiedergesehen. Aber als ich mich einige Wochen darauf mit Patrick im Soho House traf, tauchte sie noch mal in meinem Leben auf. Und zwar als er mir die Nachricht zeigte, in der sie den ausschlaggebenden Grund nannte, aus dem es mit uns vorbei war, bevor überhaupt etwas beginnen konnte. Dieser Grund war ich. Ich war an allem schuld. Ich hatte es versaut.

Nachdem ich dann allerdings Patrick meine Version der Wahrheit erzählt hatte, sagte er einen erstaunlichen Satz. Er sagte: „Ich hab grad ein Déjà-vu.“

„Inwiefern?“, fragte ich.

„Ich hab sie doch schon mal verkuppelt“, erklärte er. „Anfang des Jahres war das. Und mit dem hat sie genau dasselbe abgezogen. Und Marcus ist ja nun völlig anders als du, ein ganz ruhiger Typ, der hat ne vollkommen andere Charakterstruktur als du.“ Patrick sah mich an, bevor er bedeutungsvoll sagte. „Es scheint also nicht unbedingt an den Männern zu liegen.“

„Na ja“, sagte ich. „Es gehören schon immer zwei dazu.“

„Stimmt“ erwiderte Patrick. „Aber ich werd sie definitiv nicht mehr mit einem meiner Freunde verkuppeln. Die hinterlässt ja nur verbrannte Erde.“

Ich nickte abwesend, weil ich an das Gespräch mit Friederike denken musste. Das ganze Gespräch war ein Symptom, dachte ich. Ein Hilferuf. Wir kritisieren ja oft nur die Symptome, was plausibel ist, wir sind ihnen ja auch ausgesetzt. Aber wie bei der Heilung einer Krankheit, ist es klug, sich nicht auf die Symptome zu konzentrieren, sondern die Ursache zu beleuchten, um dort für eine wirkliche Heilung ansetzen zu können.

Vielleicht ist das ein Ansatz: Ich finde es ja immer wieder erstaunlich, wie gesellschaftliche Mechanismen auf unsere Charakterstruktur wirken und sie ändern können. Und es ist immer offensichtlicher, wie sehr die modernen gesellschaftlichen, wirtschaftlichen und technologischen Gegebenheiten unsere psychischen Störungen begünstigen.

Wir leben in einem Soziotop für Narzissten

Und Narzissmus ist da ein sehr gutes Beispiel, denn die gesellschaftlichen Gegebenheiten begünstigen unsere narzisstischen Züge immer mehr. Gesellschaftlich betrachtet leben wir in einem Soziotop für Narzissten.

Wir leben in einer Selbstdarstellungsgesellschaft, in der viele ihre Fassade pflegen und ihr Wesen vernachlässigen. Wenn man so will, sind ja auch soziale Medien und Dating-Apps nach narzisstischen Konzepten entworfen worden. Soziale Medien sind eine Bühne, sie brauchen Selbstdarsteller, die der Welt ihre Meinungen mitteilen wollen. Ohne sie würde das Prinzip nicht mehr funktionieren. So gesehen sind sie für Narzissten erfunden worden. Man muss die narzisstischen Anteile seines Wesens kultivieren, um sich bewegen zu können. Es ist ein narzisstischer Lifestyle, der kultiviert wird. Man muss zur eigenen Marke werden. Zum Popstar seiner selbst. Social Media spiegelt den wachsenden Narzissmus in unserer Gesellschaft.

Narzissten konsumieren Gefühle anderer. Bei Instagram ist jedes Like eine kleine Bestätigung. Beispielsweise sehnen sich Narzissten ja nicht nach Freunden, sie sehnen sie nach Fans. Ein großer Bekanntenkreis bei jungen Menschen als Statussymbol, nicht wenige tiefgehende Freundschaften. Bei Facebook und Instagram werden Freunde zu einem Publikum, die mit jedem neuen Like Bestätigung geben. Ein narzisstisches Prinzip, nur von Außen Bestätigung zu erhalten.

Aufschlussreich wird es, wenn man diese Mechanismen auf das Zwischenmenschliche anwendet. Denn viele scheinen ja das Gefühl dafür verloren zu haben, dass hinter den Profilen auch echte Menschen stehen. Die Folge ist fehlende Empathie. Wie bei Narzissten, denen es schwerfällt, auf die Bedürfnisse ihrer Mitmenschen zu sehen.

So viele psychische Erkrankungen wie nie zuvor

Mit einer narzisstischen Persönlichkeitsstörung ist es wie mit einer Beziehungsunfähigkeitsstörung. Beides sind Zeitgeist-Diagnosen, die Symptome, die uns immer häufiger begegnen, überinterpretieren. Wer jemanden eine Beziehungsunfähigkeit diagnostiziert, überinterpretiert die Symptome von Bindungsangst. Wer sich von Narzissten umzingelt sieht, begreift auf hysterische Art, das heutzutage immer mehr Menschen narzisstische Wesenszüge angenommen haben. Interessant wird es dann allerdings bei der Frage, was es mit uns macht, wenn wir ständig davon ausgehen, der Partner hätte eine narzisstischen Persönlichkeitsstörung.

Machen wir uns nichts vor: Heutzutage gehen ja so viele zum Therapeuten, weil unsere Gesellschaft so viel psychische Erkrankungen produziert wie keine zuvor. Die Leute gehen zum Psychologen, weil sie die Symptome nicht mehr ertragen. Seelische Probleme sind Reaktionen unserer Psyche auf die Lebensumstände. Wenn man so will, hat unsere Gesellschaft ein psychisches Problem. So viele wie nie zuvor gehen zum Therapeuten, aber unsere Gesellschaft, unser Soziotop gewissermaßen ist untherapiert. Letztlich ist es unsere Gesellschaft, die eine Therapie nötig hat. Ihre Werte, ihr Glücksverständnis, ihr Verständnis, was unserer Existenz Lebendigkeit gibt und unser Verständnis von Liebe. All das ist dem Konzept des Konsums angepasst, auf den wir konditioniert sind. Das ist der Punkt, an dem wir ansetzen müssen.

Offensichtlich ist es höchste Zeit.