Es gibt Fehler, die man immer wieder macht, obwohl man eigentlich aus ihnen gelernt haben müsste. Einer dieser Fehler meines Lebens ist die Liste.

Jeder kennt sicherlich diese Liste, die man als Single zusammenstellt, und mit der man skizziert, wie der potenzielle Partner denn so sein soll. Anfangs ist es eine verschwommene Skizze, aber je länger man Single ist, desto detaillierter und ausgearbeiteter wird sie, bis sie irgendwann zu einem klar gezeichneten Bild geworden ist, das keine Abweichungen mehr zulässt. So weit ist es bei mir glücklicherweise noch nicht, aber natürlich bewerte auch ich Frauen, die ich kennen lerne, danach, wie gut sie in meine Vision eines zukünftigen Lebens passen.

Wir sollten zum Beispiel an ähnlichen biografischen Punkten im Leben stehen, mit ähnlichen Vorstellungen, wie unsere Zukunft in den nächsten Jahren aussehen sollte. Wir sollten zusammen lachen und gute Gespräche führen können, und es wäre schön, wenn unsere Berufe verwandt wären. Wie ich aus eigener Erfahrung weiß, dürfte sie allerdings auch keine Schriftstellerin oder Journalistin sein, weil unterschiedlicher Erfolg ein Konkurrenzdenken verursacht, das Beziehung schnell zerfressen kann. Und weil ich auch schon mal mit einer Musikerin zusammen war, die seit Jahren kurz vor dem großen Durchbruch steht, weiß ich, dass diese Mechanik auch branchenübergreifend anwendbar ist. Nach jeder meiner Lesungen führten wir stundenlange Streitgespräche, weil ihr jedes meiner Erfolgserlebnisse ihr eigenes Scheitern klar machte. Es war ganz schrecklich. Ich hatte auch lange Zeit angenommen, dass eine Psychologin gut zu mir passen würde, aber seitdem ich vor einigen Jahren auch diese Erfahrung gemacht habe, weiß ich, dass es keine gute Idee sein muss, mit jemandem zusammen zu kommen, der aufgrund eines unaufgearbeiteten Traumas begonnen hat, Psychologie zu studieren, und es auch nach Jahren im Beruf nicht aufgearbeitet hat.

Man ist verliebt, wenn die Liste bedeutungslos geworden ist

Wenn ich den letzten, unerwartet langen Absatz noch einmal überfliege, begreife ich, dass meine Liste wohl doch viel präziser ist, als ich angenommen habe. Aber wie bei jedem hat sich ja auch mein Blick auf die Dinge aus der Summe meiner Erfahrungen geformt. Mit jeder neuen Erfahrung entstehen neue Verästelungen, die die Liste noch komplexer machen.

Ich habe allerdings festgestellt, dass ich gerade daran erkenne, dass ich mich verliebt habe, wenn diese Liste keine Bedeutung mehr hat. Und wenn ich jetzt so darüber nachdenke, ist das vielleicht auch der Grund, warum meine Liste immer noch existiert. Ich nutze sie gewissermaßen zweckentfremdet. Ich erkenne mein wirkliches und tiefes Interesse an einer Frau, wenn meine über die Jahre entworfene Liste in die Bedeutungslosigkeit fällt. So gesehen ist sie eher ein Hilfsmittel, das mir zeigt, dass ich kein tiefgehendes Interesse habe, wenn ich immer noch auf sie achte.

Am deutlichsten wird mir die Nutzlosigkeit meiner sorgfältig modellierten Liste, wenn ich dann doch mal einer Frau begegne, die die Punkte meiner Liste erfüllt. Vergangenes Jahr habe ich eine solche Frau kennen gelernt. Sie hieß Laura. Schon bei unserem ersten Date fügte sie sich nahtlos in meine idealisierten Vorstellungen einer Frau, mit der ich mein Leben teilen wollte. Sie passte ins Bild. Sie hatte den passenden Job, die passenden Lebensumstände und Interessen. Ich verstand mich mit ihren Freunden, sie hatte die passende Vergangenheit und sogar die passenden Einkünfte. Laura entsprach nicht nur allen Punkten, sie fügte sogar noch ein paar Punkte hinzu, sie vervollständigte meine Liste sozusagen. Aber es gab ein Problem: ich war nicht verliebt.

Manche Erfahrungen muss man machen, obwohl sie einem in der Theorie klar sind. So detaillierte Pläne man auch entwirft, Gefühle kann man nun mal nicht planen. So sehr ich es mir auch wünschte, meine Gefühle waren nicht da. Es fühlte sich nicht richtig an. Trotzdem hoffte ich, dass Gefühle entstehen würden, vielleicht brauchte ich einfach nur Zeit, bis sich irgendwann ein warmes Gefühl einstellte, wenn ich an sie dachte. Nicht den plötzlichen Rausch einer überbordenden Verliebtheit, der mich bei anderen Frauen überwältigt hatte, sondern eine langsame Entwicklung. Dinge von Wert entstehen schließlich in der Zeit. Was soll ich sagen, es hat nicht funktioniert. Erst durch Laura begriff ich wirklich, dass der Entwurf einer perfekten Partnerin in meiner Liste nun mal nichts mit Gefühlen zu tun hat.

Da ist es natürlich eine interessante Frage, was passiert, wenn man seine Gefühle von einer solchen Liste abhängig macht. Eine Antwort auf diese Frage kenne ich. Leider, muss man wohl sagen, denn sie gehört zu den Erfahrungen, die mich noch immer sehr irritiert, wenn ich an sie denke – obwohl sie schon einige Jahre her ist.

Diese Erfahrung machte ich mit Stephanie, die ich auf dem Geburtstag einer Freundin kennen lernte. Im Gegensatz zu Laura begann alles wie ein Rausch. Alles griff ineinander, wir lachten viel, führten wunderbare Gespräche, unsere Küsse harmonierten und der Sex war fantastisch. Es ging alles ziemlich schnell, vielleicht zu schnell, denn als wir uns drei Wochen kannten, hörte ich sie auf einer Geburtstagsparty zu einem gemeinsamen Freund sagen, dass sie sich ein Kind mit mir vorstellen konnte. Ich hörte das zufällig, und vielleicht hätte ich bei einer solchen Aussage nach so kurzer Zeit misstrauisch werden müssen, aber für mich fügte sich alles in unseren Rausch. Es erschien mir schlüssig, aber dann passierte etwas Unerwartetes. Stephanie passierte. Und zwar genau zwei Tage darauf.

Genau wie ich hatte Stephanie auch ihre Liste. Und ziemlich genau einen Monat nach unserer ersten Begegnung kam es zu einem Telefonat, in dem sie die einzelnen Punkte ihrer Anforderungen mit mir abglich. Um es gleich vorwegzunehmen: Ich hatte keine Chance. Aber als ich begriff, in welche Richtung sich unser Gespräch entwickelte, wollte ich offen gestanden auch gar keine Chance mehr haben.

Ihre Liste war eine Aufforderung zur Selbstentfremdung

Stephanie hatte nämlich sehr konkrete Vorstellungen, wie der Mann, mit dem sie ihr Leben teilen wollte, sein sollte. Ihre Liste war allerdings so genau ausgearbeitet, dass in ihr sogar detailliert festgelegt war, wie ich mich in bestimmten Situationen verhalten, was ich sagen, denken oder fühlen sollte. Es war erschreckend.

„Wenn wir telefonieren, fragst du mich bitte als Erstes, wie mein Tag war“, sagte sie.

Wie bitte?, dachte ich, aber bevor ich etwas erwidern konnte, begann sie mich mit Vorwürfen zu überschütten, in denen sie mir Beispiele aufzählte, in denen ich von ihrer Liste abgewichen war.

„Wir dürfen auch nicht mehr so viel miteinander lachen“, sagte sie. „Ich will in einer Beziehung vor allem ernsthafte Gespräche führen.“

Es war unglaublich. Stephanie beschrieb mir praktisch in Form einer bizarren Bedienungsanleitung, wie ich zu sein hätte, um in ihre Idee einer Beziehung zu passen. Dieses Gespräch war keine Diskussion, in der es um das gleichberechtigte Austauschen von Argumenten ging, es war eine Aufforderung zur Selbstentfremdung.

„Also ganz ehrlich“, sagte ich irgendwann. „Wenn ich mir das so anhöre, musst du dir eigentlich einen Mann bauen. Wenn wir uns jetzt treffen würden, und ich ständig darauf achten würde, mich nach deinen Regeln zu richten, wäre ich doch gar nicht mehr natürlich. Ich hätte das Gefühl, mich zu verbiegen.“

„Du bist überhaupt nicht kritikfähig“, rief sie.

Gott!, dachte ich fassungslos.

Ich meine, natürlich konnte man über solche Dinge reden, und ihre Einwände hatten auch einen wahren Kern, aber durch Stephanies fordernden und vorwurfsvollen Ton ging ich instinktiv in eine Abwehrhaltung. Man muss noch einmal erwähnen, dass dieses Gespräch nicht nach drei Monaten oder einem halben Jahr stattfand. Unser erstes Treffen war jetzt einen knappen Monat her. Wir hatten uns vielleicht neun Mal getroffen.

Das Gespräch dauerte 27 Minuten. Eine knappe halbe Stunde, in denen sich alles auflöste, was uns verband. Stephanie stellte sich in Gedanken einen Partner zusammen, der ihr so sehr entsprach, dass er eine männliche Version ihrer selbst sein müsste. Ein Stephan gewissermaßen. Und wer sich wie sie so zwanghaft an seiner Liste orientiert, hat ja schon den Sinn einer Beziehung vollkommen falsch verstanden.

Viele missverstehen den Sinn einer Partnerschaft

Man muss dazu wissen, warum wir solche Listen eigentlich anlegen. Die allgegenwärtige Selbstoptimierungsbesessenheit unserer Zeit hat ja auch unser Verständnis einer Paarbeziehung verschoben. Wir denken in einem „Ich“, und nicht in einem „Wir“, wenn wir an eine Beziehung denken. Wir verstehen Beziehungen als Teil unseres individuellen Selbstverwirklichungsprozesses.

Das eigene Ich überstrahlt alles, es darf nicht eingeschränkt werden. Jeder Aspekt einer Beziehung soll sich um unser Ich ordnen – auch der Partner. Er soll die Idee unserer selbst ergänzen. Wir bewerten die Beziehung und unseren Partner nur danach, inwieweit beide der Verwirklichung unseres Ich nutzen. Man hat diese Idee über Jahre entworfen, und in ihr sorgt alles dafür, dass wir uns entfalten können. Und unser Partner soll sich nahtlos in diese Idee einfügen.

Man ist innerlich festgelegt. Man ist nicht bereit, diesen Plan zu hinterfragen. Wenn man ausschließlich von sich selbst ausgeht, wird jedes Abweichen des Plans als Fehler des Partners gesehen. Der Gedanke, in guten wie in schlechten Zeiten zusammenzuhalten, ist in dieser Vision nicht vorgesehen. Wir wollen keine schlechten Zeiten, denn schlechte Zeiten bedeuten, dass es der falsche Partner ist. Dass es einfach nicht funktioniert hat.

Letztlich kann man es wohl so zusammenfassen: Diese Sicht auf eine Beziehung hat nichts mit Liebe zu tun. Sie ist nichts weiter als ein Egotrip. Und zwar ein Egotrip Deluxe.

Unsere Listen sind Hindernisse

Es ist schon wahr, diese Listen sind ein gutes Beispiel, wie verkopft wir geworden sind, wenn es um Gefühle geht. Wie sehr die Klugheit des Verstandes die Klugheit der Gefühle ersetzt hat. Die Vernunft hat die Kontrolle übernommen. Aber man sollte die wichtigen Entscheidungen im Leben nicht der Vernunft überlassen. Es ist schon wahr, dass die Vernünftigen oft nur existieren, während die Unvernünftigen leben.

Die Listen, in denen wir unseren idealen Partner kreieren, können allerdings sehr wertvoll sein – wenn man sie als das erkennt, was sie eigentlich sind: sie sind Hindernisse. Hindernisse, die nicht mehr wichtig sind, wenn man sich wirklich verliebt.

Die Vorstellung eines idealen Partners kreist natürlich nur um uns selbst. Es ist ja auch unser Entwurf. Aber das ist ein eingeschränkter Blick. Eine Vorstellung zu verwerfen, die nur etwas mit einem selbst zu tun hat, gibt einem die Möglichkeit, eine Beziehung so zu sehen, wie man sie eigentlich sehen sollte. Nämlich kein alter, über die Jahre zusammengestellter Entwurf, sondern eine neue Vision, die aus der Gegenwart entsteht. Eine gemeinsam entworfene Vision, die die Hoffnungen, Wünsche und Eigenschaften beider einschließt. Man tritt aus seinem ichbezogenem Erleben, und erstellt mit einem frischem Blick auf das eigene Leben eine neue Idee. Die Idee einer gemeinsamen Existenz. Jede Partnerschaft ist eine Wachstumschance des Individuums. Sie ist gewissermaßen eine Bewusstseinserweiterung, die uns die Möglichkeit gibt, über uns selbst und unsere egoistischen Bedürfnisse hinauszuwachsen. Wenn man so will, ist sie eine Erneuerung des eigenen Selbst.

Unsere Listen sind ein falscher Selbstschutz, der dafür sorgt, dass man immer Gründe findet, die gegen eine Beziehung sprechen. Listen bieten uns Sicherheit vor Verletzung. Aber sich zu Verlieben ist ein Abenteuer, von dem man nicht weiß, wohin es führt – sie ist das Gegenteil von Sicherheit – das Gegenteil der Komfortzone.

Also werft eure Listen weg. Sie stehen nur im Weg und verhindern, dass man sich öffnet, dass man Gefühle zulässt. Sie verhindern das, worauf es wirklich ankommt. Im Leben.

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