Es gibt Dinge, die man bei einem ersten Date nicht erzählen sollte. Oder beim zweiten. Bei manchen Dingen sollte man sogar ernsthaft darüber nachdenken, ob man sie lieber generell verschweigen sollte. Ob der Mensch, der einem gerade gegenübersitzt, diese Information an diesem ja schon sehr frühen Zeitpunkt des Kennenlernens vielleicht missverstehen könnte. Ob auf das Bild einer eventuellen gemeinsamen Zukunft ein Schatten fallen könnte, sie gewissermaßen verdunkelt, und es zu keinem zweiten Date kommen würde.

Aus irgendeinem Grund begegne ich häufig Frauen, denen solche Überlegungen offenbar fremd sind. Zum Beispiel Frauen, die mir bei unserem ersten Date erzählen, dass sie gerade eine Trennung hinter sich haben, und es für meine Begriffe eigentlich noch zu früh ist, um sich auf einen neuen Mann einlassen zu können. Wie Lisa, mit der ich mich Anfang des Jahres traf.

„Das ist für mich alles noch sehr ungewohnt“, sagte sie verlegen. „Das Single-Leben. Ich muss mich da erst einmal reinfinden.“

„Ach?“, sagte ich. „Seit wann bist du denn wieder Single?

„Seit einem knappen Monat“, entgegnete sie.

„Ach?“, wiederholte ich. Ich lächelte, obwohl ich spürte, dass ich einen leichten Widerstand überwinden musste, um dieses Lächeln zu halten. Vielleicht war es bei ihr ja nur das Ende einer Liebschaft, die so kurz oder unbedeutend war, dass sie noch schmerzlos beendet werden konnte, dachte ich. Sechs Wochen, höchstens drei Monate, länger durfte sie auf keinen Fall gewesen sein. Ansonsten wäre Lisa ja noch in der Verarbeitungsphase und ich weiß aus schmerzvoller Erfahrung, was da auf mich zukommen würde.

„Wie lange wart ihr denn zusammen?“, fragte ich.

„15 Jahre“, sagte sie.

„Ach?“, sagte ich mit dem unbestimmten Gefühl, dass dieser Ausdruck zum meistbenutzten Wort des Abends werden würde.

„Ich glaube, du sehnst dich nach dem Zustand einer Beziehung, und nicht nach einem Menschen“, sagte ich, als wir uns verabschiedeten. „Vielleicht solltest du einfach mal versuchen, ein halbes Jahr allein sein zu können.“

Ich bin mir nicht sicher, ob sie das Prinzip verstanden hat. Genauso wie die Frau, mit der ich zwei Monate darauf ein Date hatte, nur dass es in ihrem Fall ein vollkommen anderes Prinzip war. Sie hieß Laura und erzählte, dass die Beziehung mit ihrem letzten Freund nicht wirklich funktioniert hatte. Darum entschieden sie, eine einmonatige Auszeit voneinander zu nehmen, damit jeder für sich darüber nachdenken konnte, was er eigentlich wollte. Als sie sich nach der vereinbarten Zeit wiedersahen, beschlossen sie, es noch einmal miteinander zu versuchen. Ein Neuanfang, mit dem alles anders werden sollte.

„Hast du in den zwei Monaten eigentlich mit anderen Frauen geschlafen?“, fragte Laura.

„Mit keiner“, antwortete er. „Ich meine, wir wollten uns doch darüber klar werden, wie wir zueinander stehen.“

„Stimmt“, sagte sie und nickte ein wenig zu schnell, wie sie in seinem Blick sah, der sich plötzlich veränderte. Und dann – ja, dann – machte er einen Fehler. Er stellte Laura die Gegenfrage.

„Und du?“, fragte er. „Hattest du was mit einem anderen?“

Laura zögerte, bevor sie die Frage mit einem leichten Nicken beantwortete. Er spürte den Stich, als er sich unwillkürlich vorstellte, wie Laura mit einem anderen Mann schlief. „Wir waren ja auch nicht zusammen“, schob er so gleichgültig wie möglich nach.

„Stimmt“, sagte sie.

„Wie viele waren es denn?“, fragte er mit einem verunglücktem Lächeln und hoffte, dass es nur zwei waren.

„Acht“, sagte sie.

„Acht“, rief er. „In einem Monat? Das waren ja dann jede Woche zwei.“

Wie bitte?, dachte ich. Während ihrer Erzählung hatte offensichtlich auch mein Blick die Fassung verloren, denn Laura fügte erklärend hinzu: „Ich brauch einfach unverbindlichen Sex, um mit einer Trennung umzugehen.“

„Na klar“, sagte ich, und dachte hilflos, dass es einfach Dinge gibt, die man bei einem ersten Date nicht erzählt. Dann überprüfte ich mit einem unauffälligen Blick, wie viel Wein sich noch in der Karaffe befand. Es war nicht mehr viel, glücklicherweise, unsere Verabschiedung war sozusagen in Reichweite. Ich griff nach ihr und schenkte uns nach.

Unerfüllte Lieben prägen uns mehr als glückliche

Auch wenn solche Abende für mich immer ein wenig qualvoll sein können, genießen meine Freunde diese Berichte aus einer Welt, die sie schon lange verlassen haben, weil sie in langjährigen Beziehungen sind. Meine Anekdoten haben für sie Unterhaltungswert. Vielleicht verbinden sie sie auch mit einem nostalgischen Gefühl an eine Zeit, in die sie sich auch nicht zurückwünschen würden. Einer dieser Freunde ist Lukas, der Psychologie studiert hat. Und daran liegt es wohl, dass ich mich in unseren Unterhaltungen oft ein wenig besser kennen lerne. Als wir uns vergangenen Freitag trafen, und ich ihm von den beiden Frauen erzählte, die unsere Dates ja offenbar dazu nutzten, um mich mit Argumenten zu überhäufen, die gegen sie sprachen, sagte er einen Satz, der mich überraschte. Er sagte: „Eigentlich war etwas in dir doch dankbar für diese Informationen.“

„Wie bitte?“

Lukas sah mich aufmerksam an. „Ist dir schon mal aufgefallen, dass du vor allem Gründe findest, die gegen eine Frau sprechen“, sagte er „Es sind immer Details, die bei dir Entscheidungen treffen. Du scannst die Frau ja schon automatisch nach Fehlern.“

„Aber dir ist schon klar, dass ich mir eine Beziehung wünsche“, rief ich.

„Natürlich weiß ich das, aber das machst du ja nicht einmal bewusst. Es ist ein instinktiver Schutzmechanismus. Jetzt überleg mal“, Lukas setzte sich auf. „Welche Frauen haben dich mehr geprägt? Die, mit denen du eine erfüllte Liebe verbindest, oder die, bei denen sie unerfüllt geblieben ist?“

Das war eine interessante Frage. Natürlich strahlten meine unglücklichen Lieben stärker in mein Leben, dachte ich, und dann sagte ich es auch.

„Und warum?“, rief Lukas und sah mich einen Moment lang an, bevor er die Frage selbst beantwortete. „Weil du gelitten hast. Deine Psyche verbindet deine unglücklichen Lieben mit Verletzungen, und davor will sie sich natürlich schützen“, fuhr er im professionellen Ton des Psychologen fort. „Dagegen kann eine glückliche Beziehung gar nicht bestehen – so unfair das auch ist – deine Psyche fühlt sich ja nicht von glücklichen Momenten bedroht. Vor Glück muss sie sich nicht schützen. Aber wenn du wegen einer Frau leidest, beginnt deine Psyche Schutzmechanismen zu entwickeln, um dieses Leiden zu verhindern. Und genau diese Schutzmechanismen sind dein Problem!“

„Inwiefern?“, fragte ich.

Jede Trennung verstärkt unsere Schutzmechanismen, nicht wieder verletzt zu werden

„Wir leben in einer Zeit, in der die Menschen mehr Beziehungen, Affären oder Liebschaften haben als je zuvor“, referierte Lukas. „Es gibt also auch mehr Trennungen, die natürlich auch immer mit Verletzungen verbunden sind. Ob es nun eine vierwöchige Liebschaft, eine monatelange On-Off-Beziehung oder eine jahrelange Beziehung war. Jede Trennung fügt uns in irgendeiner Form Schmerzen zu. Und jeder neue Trennungsschmerz verstärkt unsere Schutzmechanismen, nicht wieder verletzt zu werden. Und mit jeder neuen Verletzung entwickelt unsere Psyche Verhaltensweisen und Schutzstrategien, um diese Verletzungen zukünftig zu vermeiden. Darum suchst du bei Dates unbewusst nach Fehlern, um schnell einen Grund zu haben, dich früh genug zurückziehen zu können – bevor die Gefühle so tief sind, dass sie zu erneuter Verletzung führen können. Darum suchst du nach Ausschlusskriterien, darum entscheiden bei dir schon Details gegen einen ganzen Menschen.“

„Scheiße“, sagte ich. Offenbar war ich die vergangenen Jahre blind gewesen.

„Es ist sogar noch komplizierter“, sagte Lukas.

Oh, dachte ich hilflos. Wie beruhigend.

„Obwohl du dir natürlich sagst, dass du dich nach einer Beziehung sehnst, gehst du voreingenommen in jedes Date. Etwas in dir geht davon aus, dass die Beziehung nach einem bestimmten Zeitraum sowieso wieder vorbei sein wird. Du erwartest das, denn das entspricht schließlich deinen Erfahrungswerten. Also schützt du dich instinktiv, indem du nach Gründen suchst, die dir an der Frau nicht gefallen. Und je mehr Dates und Affären man hatte, aus denen keine Beziehung entstanden ist, desto weniger optimistisch ist man bei der Partnersuche, man geht aufgrund vieler schlechter Erfahrungen und Enttäuschungen immer skeptischer in eine Kennenlernphase. Und das, lieber Michael, ist oft eine selbsterfüllende Prophezeiung.“

Lieber Michael?, dachte ich hilflos, die Anrede passte, denn soweit ich das richtig einschätzte, sprach Lukas ja offensichtlich gerade mit einem Beweis für diese Thesen.

„Wie kommt man denn da raus?“, fragte ich.

Wer sich nicht öffnet und damit verletzbar macht, fühlt auch nichts

„Man muss diese Fehlersuche als Schutzstrategie erkennen, durch die man sich nur selbst im Weg steht. Es sind Vermeidungsstrategien, die die Kontrolle übernommen haben. Sie entstehen aus der unbewussten Angst vor Bindung. Solche Menschen sabotieren ihre Partnerwahl schon, bevor sie überhaupt jemanden kennen lernen. Indem zum Beispiel die Liste ihrer Ansprüche so lang ist, dass kein sie Mensch erfüllen kann. Man muss sich einfach klar machen, dass diese Schutzstrategien wahre Bindung verhindern, weil sie von der Angst geprägt sind, verletzt zu werden. Aber wer sich nicht öffnet und damit verletzbar macht, fühlt nun mal auch nichts.“

Es kommt ja nicht so oft vor, dass man nach einem Gespräch spürt, wie erhellend es war, und weiß, ab sofort Änderungen vornehmen zu können, die man vorher nicht vornehmen konnte, weil man bestimmte Dinge nicht gesehen hat. Das war eine dieser wichtigen Unterhaltungen.

Wenn man etwas über sich selbst erfährt, wird nicht sofort alles anders. Veränderung ist ein Prozess. Ich befand mich am Anfang eines wichtigen Weges, das verstand ich. Und jetzt war es Zeit, die ersten Schritte zu gehen. Denn mit ihnen beginnt die Veränderung, dachte ich. Die wirkliche Veränderung.

Es geht um anwendbare Lösungen

Weil es ja heutzutage nötiger denn je zu sein scheint, schreibe ich gerade an meinem neuen Buch, das den Titel „Generation Beziehungsunfähig 2 – die Lösungen“ tragen wird, und in dem es um anwendbare Lösungen geht, um aus dem „Beziehungsunfähig“-Lifestyle auszubrechen. Und auf meiner Lesung am 9.2. gibt’s in Berlin die ersten Texte daraus zu hören:

>> Tickets gibt’s hier!