Wer meine Texte kennt, weiß, dass ich ein Film-Fan bin. Ich habe viel Zeit meines Lebens mit Filmen verbracht, und seit Netflix und Amazon Prime die Buchhandlungen abzulösen scheinen, und mit ihnen die Epoche der Worte gewissermaßen vom Zeitalter der Bilder abgelöst wird, auch mit Serien, vor allem mit Mini-Serien. So gesehen passe ich mit dieser Vorliebe gut in die Zeit.

Allerdings muss ich dazu sagen, dass ich kein Film-Fan im intellektuell cineastischen Sinn bin, dessen Anspruch es ist, auf der Berlinale stundenlang anzustehen, um einen fünfstündigen mongolischen Independent-Film im Original zu sehen, damit dessen Atmosphäre für mich auch wirklich greifbar ist. Ich bin eher jemand, der Edward Norton in „Fight Club“, George Clooney in „From Dusk till Dawn“ oder Matthew McConaughey in der Serie „True Detective“ zitieren kann, als wären sie Teil meines Bekanntenkreises. Freunde weisen mich immer mal wieder darauf hin, dass Charaktere aus Filmen und Serien Figuren sind, die sich Drehbuchautoren ausgedacht haben.

Vielleicht liegt es an diesen Anlagen, dass mir Details im Verhalten von Filmfiguren, die der menschlichen Psyche eigentlich widersprechen, eher auffallen. Vor allem ein Widerspruch begleitet mich schon seit Jahren. Er fällt mir immer wieder auf. Ich meine diese Szenen, in denen Personen nach einem tragischen Ereignis die Schuldfrage stellen. Interessanterweise geben sie sich grundsätzlich selbst die Schuld. Amerikanische Kinofilme und Serien sind von Figuren bevölkern, die die menschliche Größe besitzen, niemand anderen für ihr Scheitern verantwortlich zu machen und ausnahmslos zuerst bei sich selbst die Schuld suchen. Soweit ich das einschätzen kann, ist das eine Umkehrung der menschlichen Natur. Denn offen gestanden kenne ich niemanden, der so denkt. Die meisten Menschen machen vor allem andere Personen oder Umstände für ihre Fehler oder ihr Scheitern verantwortlich.

Wir legen uns unsere eigene Wirklichkeit zurecht

Manchmal frage ich mich, woran es liegt, dass sich die Haltung vieler Filmfiguren so sehr von unserer eigentlichen Haltung unterscheidet. Vielleicht hat es einen pädagogischen Hintergrund. Vielleicht ist das ein ungeschriebener, moralischer Vertrag amerikanischer Drehbuchautoren, der die Zuschauer zu besseren Menschen machen soll. Denn die Wirklichkeit sieht leider vollkommen anders aus.

Vielleicht nimmt man eigene Fehler nicht als solche wahr, weil man jeden Schritt nachvollziehen kann, weiß, woraus sie entstanden sind. Die Fehler sind das Ergebnis eines Prozesses, den man Schritt für Schritt miterlebt hat. Das macht sie nachvollziehbar und nimmt ihnen alle Schuld. Vermutlich empfindet man die eigenen Fehler deshalb selten als Fehler. Ich glaube allerdings, die Gründe liegen woanders.

Wir alle besitzen das Talent, alles Erlebte umzuformen, selbst schlechte Erlebnisse in eine Form zu gießen, die so sich in unser Leben einpassen, dass wir am besten damit leben können. Wir legen uns unsere eigene Wirklichkeit zurecht. Wir dehnen die Wahrheit und formen sie um. Wir kultivieren eine Lüge, bis sie zu unserer einzig erkannten Realität wird. Das ist natürlich ein Selbstschutz. Wer erkennt, dass er gescheitert ist, macht sich auf die Suche nach dem Schuldigen – aber man richtet den Blick in den seltensten Fällen auf sich selbst. Auf den Gedanken, dass die Wurzel seiner Probleme in einem selbst liegen, kommt man nicht – weil man nicht darauf kommen will. Es könnte ja mit Arbeit verbunden sein.

Nehmen wir das Liebesleben in unserer modernen Zeit – es ist ein sehr gutes Beispiel.

Wenn ich mich mit Leuten unterhalte, die schon seit längerer Zeit Single sind, erklären sie mir schlüssig, dass das genau genommen nur einen Grund hat: Sie geraten ständig an die falschen Partner. Wenn man ihre Argumente hört, scheint eine übergeordnete Intelligenz aus irgendeinem undurchsichtigem Grund beschlossen zu haben, sie nur mit Menschen zusammenzuführen, die gar nicht zu ihnen passen.

Ähnlich geht es mir in den Unterhaltungen mit Menschen, die gerade eine Trennung hinter sich haben. Ich finde es schon erstaunlich, wie viele unglückliche Beziehungen offenbar ausschließlich auf den Partner zurückzuführen sind. Ich muss gestehen, dass ich, wenn ich in den letzten Jahren gefragt wurde, warum aus meinen vergangenen Liebschaften keine Beziehungen entstanden sind, oder woran meine Beziehungen scheiterten, die Fehler der Frauen auflistete, die eine Beziehung unmöglich machten. Ich konnte das sehr gut. Am Ende unserer Unterhaltung versicherten mir meine Gesprächspartner, wie viel Glück ich hatte, durch die Trennung gerade noch die Kurve gekriegt zu haben, bevor mein Leben zu einem psychotischen Alptraum wurde.

Einigen ist vielleicht das Wort „konnte“ in dem Satz „Ich konnte das sehr gut“ aufgefallen. Es ist die Vergangenheitsform, denn inzwischen sehe ich die Dinge anders. Inzwischen sage ich: „Wir hatten beide unseren Anteil daran, dass es nicht geklappt hat.“ Es ist schließlich immer leicht, die Fehler des Partners aufzuzählen, aber es gehören immer zwei dazu. Es ist ein Geben und Nehmen, auch wenn es darum geht, einander Verletzungen zuzufügen.

Anderen die Schuld zu geben, ist immer ein Argument, selbst nichts tun zu müssen

Es ist die Überzeugung, dass es nicht an einem selbst liegt, es sind immer die anderen, die dem persönlichen Glück im Weg stehen. Man befindet sich in der Opferrolle. Dort ist man immer auf der sicheren Seite. Aber die Schuld grundsätzlich bei anderen suchen, ist immer mit einem eingeschränkten Blick verbunden, mit dem man sich selbst im Weg steht. Wie jemand, der die Symptome einer Krankheit erkennt, aber trotzdem nicht zum Arzt geht, weil er sich vor der – vielleicht schmerzhaften – Diagnose fürchtet, die ja Voraussetzung für die Heilung ist. Und der Heilungsprozess ist ja auch aufwendiger. Es ist der einfache Weg, anderen die Schuld zu geben, als sich mit den Ursachen auseinanderzusetzen, die der Grund für die Symptome sind. Der Mensch begibt sich gern in die Opferrolle. Aber wer die Schuld bei anderen sucht, sagt damit eigentlich nur: „Hauptsache, ich muss mein Verhalten nicht ändern.“

Anderen die Schuld zu geben, ist immer ein Argument, selbst nichts tun zu müssen. Es ist der einfache Weg.

Es ist ja generell ein Fehler, sein persönliches Glück von äußeren Faktoren abhängig zu machen. Sein persönliches Glück von der Liebe abhängig zu machen, oder einem potentiellen Geliebten, ist ebenfalls eine Schuldzuweisung, ein Wegschieben der eigenen Verantwortung – persönliches Glück ist nicht abhängig von einer anderen Person. Wenn man von Erich Fromms Satz ausgeht, dass man erst jemand anderen lieben kann, wenn man sich selbst liebt, stellt sich schon die Frage, in wie vielen Liebesbeziehungen überhaupt geliebt wird. In einer Zeit, in der der Selbstwert vieler nicht all zu groß ist.

Um sich als Mensch weiterzuentwickeln, ist es der falsche Ansatz, ständig anderen die Schuld zu geben. Er ist eine Ausrede, selbst nichts tun zu müssen. Es ist der leichte Weg, aber die langfristigen Folgen dieser Haltung können verheerend sein.

Wie sich die Dinge entwickeln können, wenn man sich in der Opferrolle einrichtet, mit der man sein Scheitern begründen kann, ohne etwas dagegen zu unternehmen, zeigt das Beispiel einer Bekannten. Ihr Name ist Sarah. Sarah ist alleinerziehend und hat eine Tochter. Sie ist eine Frau, die jeden Fehler, den sie in ihrem Leben gemacht hat, mit ihrer unglücklichen Kindheit begründet. Einer Kindheit, die allerdings nie professionell aufgearbeitet wurde. Weil Sarah viele Ratgeber liest, ist sie der Auffassung, sich selbst therapieren zu können. Es scheint nicht wirklich zu funktionen, allein wenn man das Prinzip betrachtet, nach dem sie ihre Tochter erzogen hat. Sarah schreit sie unvermittelt an, um sie ansatzlos liebevoll zu umarmen. So ging das jahrelang. Es muss ganz schrecklich gewesen sein.

Sarah verweilt in der Opferrolle, sie hat sich seit Jahren darin eingerichtet. Aber jetzt prasseln die Konsequenzen auf sie ein. Ihre inzwischen fünfundzwanzigjährige Tochter hat den Kontakt zu ihr abgebrochen, indem sie dieselben Argumente benutzt wie Sarah und ihrer Mutter ihre unglückliche Kindheit vorwirft. Wie Sarah selbst begründet sie ihre eigenen Fehler mit dieser. Es ist schon beunruhigend, wie schnell sich die Muster wiederholen können.

Die Dinge ändern sich nicht, wenn man sich selbst nicht ändert

In der Abschlussszene der Serie „The Alienist“ führt einer der Hauptcharaktere, der von Daniel Brühl verkörpert wird, ein Gespräch mit seinem Vater, den er sein Leben lang für seine Fehler verantwortlich gemacht hat.

„Ich habe meine Fehler als Erwachsener immer damit entschuldigt, was du mir als Kind angetan hast“, sagt Brühl. „Aber diese Fehler waren meine eigenen.“

Das fasst es sehr gut zusammen. Wenn man nichts unternimmt, um die Ursachen zu bekämpfen, deren Symptome die eigenen Fehler sind, werden die Fehler der Eltern irgendwann zu seinen eigenen.

Und das lässt sich auf alles anwenden. Sich als Opfer der Umstände zu sehen, ist generell die Haltung von Menschen, die sich davor fürchten, ihr Leben selbst zu gestalten. Man gibt die Verantwortung ab. Aber wir sind keine passive Produkte der Umstände. Wir können etwas unternehmen. Wir müssen es nur wollen.

Denn unsere Probleme liegen vor allem in uns selbst. Die meisten Dinge ändern sich nicht, wenn man sich selbst nicht verändert. Aber sobald das geschieht, verändert sich alles.

Es geht um anwendbare Lösungen

Weil es ja heutzutage nötiger denn je zu sein scheint, schreibe ich gerade an meinem neuen Buch, das den Titel „Generation Beziehungsunfähig 2 – die Lösungen“ tragen wird, und in dem es um anwendbare Lösungen geht, um aus dem „Beziehungsunfähig“-Lifestyle auszubrechen. Und auf meiner Lesung am 9.2. gibt’s in Berlin die ersten Texte daraus zu hören:

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