Einige kennen vielleicht diese Momente, in denen sich – oft ganz unerwartet – die Perspektive ändert, aus der man sein Leben betrachtet. Sie verschieben den Blickwinkel, und lassen einen Dinge sehen, die man bisher nicht wahrgenommen hatte. Wie eine Geschichte, die sich vollständig verändert, wenn man ihr nur ein Detail hinzufügt. Wenn man so will, wurde Ende August meiner Geschichte ein solches Detail hinzugefügt. Durch eine Begegnung, durch die ich mein Liebesleben der vergangenen Jahre mit vollkommen neuen Augen sah. Ich verstand nicht nur, warum ich mich so oft in Frauen verliebte, die mir nicht gut taten und denen ich nicht gut tat – mir wurde auch klar, dass sich das endlos fortführen würde, wenn ich bestimmte Dinge nicht endlich änderte.

Es war kurz vor elf, in einer dieser viel zu warmen Nächte des letzten Sommers, die die Hitze des Tages nicht abkühlten. Ich hatte mich gerade von einer Frau verabschiedet, mit der ich ein Date hatte, und machte einen nächtlichen Spaziergang die Kastanienallee hinunter. Als ich den Prater passierte, blickte ich zur Buchhandlung auf der gegenüberliegenden Straßenseite und ich hatte plötzlich das unwirkliche Gefühl, neben der Zeit zu sein. Das menschenleere Geschäft war hell erleuchtet, die hohen Glastüren waren weit geöffnet, obwohl es schon seit Stunden geschlossen sein musste. Ich überquerte die Straße und betrat das Geschäft, in dem mein Bekannter Hannes, der dort arbeitet, ein Regal neu einrichtete. Wir begrüßten uns und er erklärte mir, dass er nur außerhalb der Öffnungszeiten die Ruhe dazu fand. Neben ihm stand ein Mann mittleren Alters, den ich nicht kannte. Er hieß David, war nicht unsympathisch und erzählte, dass er ein Freund und ebenfalls gerade zufällig vorbeigekommen war. Hannes holte uns drei Bier aus dem hinteren Teil des Ladens. Wir stießen an und unterhielten uns, während wir hin und wieder zu den Passanten sahen, die neugierig in das Geschäft blickten, und mein nicht unangenehmes Gefühl verstärkten, irgendwie außerhalb der Zeit zu sein. Ein Gefühl, das die kommende Stunde vorwegnehmen sollte, in der ich das Gefühl hatte, neben mein Leben zu treten, und es mit einem unvoreingenommenen Blick zu betrachten.

Als Hannes mich fragte, woher ich gerade kam, sagte ich: „Von einem Date.“ Bevor er etwas erwidern konnte, fügte ich mit einem besonderem Ton hinzu: „Von einem Tinder-Date.“

Mein Date war gut in Photoshop

„Verstehe“, lachte David. „Und, wie war’s?“

„Na ja“, sagte ich und erzählte, dass sie eine dieser Frauen war, die den Fotos auf ihrem Profilbild kaum ähnelten. „Wär‘ sie nicht von selbst auf mich zugekommen, hätte ich sie gar nicht erkannt.“

„Sie ist also gut in Photoshop“, sagte Hannes.

„Politisch korrekter kann man es wohl nicht ausdrücken“, lachte David, wandte sich zu mir und fragte: „Und? Seht ihr euch wieder?“

„Ich glaub nicht“, sagte ich. „Ich hab auch gerade eine Trennung hinter mir. Ich bin eigentlich noch gar nicht bereit für eine Beziehung. Ich will einfach nur ein wenig den Kopf frei kriegen.“

„Verstehe“, sagte David. „Und wie lange wart ihr zusammen?“

„Na ja, zusammen“, erwiderte ich. „Ich würde das auch gar nicht als Beziehung bezeichnen. Das war eher … “, ich suchte einen Moment lang nach den passenden Worten, bevor ich aufgab und sagte: „Es war kompliziert.“

„Michael mag es ja kompliziert“, sagte Hannes. „Aber das war nicht kompliziert, das war zu kompliziert.“ Er warf mir einen gereizten Blick zu. „Ist dir das schon mal aufgefallen? Du verliebst dich ausschließlich in Frauen, bei denen es kompliziert ist. Wenn es zu einfach ist, verlierst du das Interesse. Es ist fast so, als würden dich nicht die Frauen anziehen, sondern die komplizierten Umstände, in denen sie sich gerade befinden. Ganz ehrlich: Ich wünsch dir wirklich, dass du dich in eine Frau verliebst, auch wenn es einfach ist.“

Als ich hilfesuchend zu David blickte, fiel mir auf, dass er mich interessiert ansah. Dann fragte er lächelnd: „Was mochten denn die Frauen so an dir, in die du dich verliebt hast?“

„Mir haben Frauen oft gesagt, an mir gefällt ihnen, dass ich sie mitreiße, meine Euphorie“, sagte ich, „Ich verliebe mich ja wirklich selten, aber wenn, dann ist das wie ein Rausch.“

„Verstehe“, sagte David, und zögerte kurz, bevor er fortfuhr, und unsere zufällige Begegnung zu einem Erkenntnisgewinn machte, durch den ich mich auch selbst besser kennen lernte. David stellte viele Fragen, er ließ mich meine Liebesbeziehungen der letzten Jahre vor ihm ausbreiten, bis er irgendwann sagte: „Du bist also ein ängstlicher Bindungsstyp.“

„Wie bitte?“, fragte ich.

Er sah mich an. „Es gibt vor allem drei Bindungstypen: Den sicheren, den ängstlichen und den vermeidenden – und du bist offensichtlich ein ängstlicher.“

„Was ist denn ein ängstlicher Beziehungstyp?“, fragte ich. Ängstlich klang ja eher beunruhigend.

„Das sind Menschen, die in ihrer Kindheit oder vergangenen Beziehungen so geprägt wurden, dass ihr Jagdinstinkt nur aktiviert wird, wenn sie sich Mühe geben können“, entgegnete er. „Bei Menschen, bei denen es zu einfach ist, verlieren sie schnell das Interesse. Die Prägung ihres Bindungsverhalten ist, dass man sich Liebe verdienen muss. “

Ich sah ihn einige Sekunden lang ein wenig überfordert an. Dann fragte ich: „Was machst du eigentlich beruflich?“

David war – wer hätte das auch anders vermutet – Psychologe. Ich hing an seinen Lippen, während er mein Liebesleben aus einem anderen, ungewohnten Blickwinkel beschrieb.

„Wer so geprägt ist, dass er sich Liebe verdienen muss, nimmt an, er muss beweisen, wie liebenswürdig er ist“, sagte er. „Er wird viel investieren, viel Energie aufwenden, um jemanden für sich zu gewinnen – und er wird es genießen, dass er sich beweisen kann.“

Ich verstand, was ich bisher für Verliebtheit gehalten hatte

Was soll ich sagen, ich kannte das. Es ist schon wahr, wenn ich mich verliebt habe, war es wie ein Rausch. Ich filterte und überhöhte die Eigenschaften der Frauen, die uns zu einem perfekten Liebespaar machten. Während wir uns unterhielten, spürte ich, wie sich auch mein Blick verschob. Verschiedene Szenen der vergangenen Jahre schoben sich zu einem plausiblen Ganzen zusammen, und was sich da zusammenschob, hatte nicht all zu viel mit der großen Bedeutung zu tun, die ich meinen damaligen Gefühlen gegeben hatte. Ich verstand plötzlich, warum ich mich verliebe. Das Verhalten der Frau musste ein Auslöser für meinen Jagdinstinkt sein. Sie musste zweifeln, um mein Interesse zu wecken. Das war es, was ich für Verliebtheit gehalten hatte. Ich war so begeistert von meiner Begeisterung, so verliebt in meine eigene Verliebtheit, dass ich sie mitriss. Wenn ich sie nicht mehr davon überzeugen musste, dass ich der Richtige war, nahm das unserem Verhältnis die Energie und Dynamik. Es wurde langweilig.

„Das Problem ist, dass das Verhalten derer, die gut zu dir passen würden, nicht in dein Beuteschema passt“, sagte David. „Die Frauen, in die du dich verliebt hast, waren offensichtlich vermeidende Bindungstypen. Darum war es so kompliziert, ihre Zweifel haben es kompliziert gemacht.“

„Inwiefern?“, fragte ich gespannt.

David erklärte, dass der vermeidende Beziehungstyp Nähe mit dem Verlust von Unabhängigkeit gleichsetzt, und darum immer wieder eine Distanz sucht. Er sehnt sich nach Nähe, benötigt aber Abstand, um nicht das Gefühl zu haben, sich in einer Beziehung selbst aufzugeben.

„Darum stellen Menschen mit dieser Prägung häufig die Beziehung infrage“, sagte er. „Sie sind voller Zweifel – und Zweifel aktivieren wiederum den Jagdtrieb des ängstlichen Beziehungstyps, der ja jetzt beweisen kann, dass die beiden füreinander bestimmt sind.“

„Der vermeidende Bindungstyp wird das Begehren anfangs genießen, weil er nach Anerkennung sucht“, sagte David. „Wenn sich jemand um ihn bemüht, erhöht das seinen geringen Selbstwert. Wenn er dann allerdings zu viel Nähe empfindet, zieht er sich zweifelnd zurück, was wiederum wieder den Jagdtrieb des ängstlichen Bindungstyps aktiviert, der sich jetzt mehr Mühe geben muss. Das schaukelt sich immer weiter nach oben, bis einer aufgibt.“

Ich hörte ihm fassungslos zu: ohne mich oder eine der Frauen zu kennen, beschrieb er die letzten zehn Jahre meines Liebeslebens. Wir waren offensichtlich Fallbeispiele, die man gut einsetzen konnte – schon im ersten Semester Psychologie.

Warum der Single-Markt voller Menschen ist, die sich in die Falschen verlieben

Wem die bisherigen Beschreibungen dieses Textes irgendwie bekannt vorkommen sollten – aus welcher der beiden Perspektiven auch immer – der ahnt sicherlich schon vage, dass ich damit nicht allein bin. Und jetzt, liebe Leser, wird es wirklich interessant.

Es ist ja schon ein seltsamer Zufall, dass viele Single-Frauen, die ich kenne, offenbar ausschließlich gestörte Männer daten, während die meisten Single-Männer meines Bekanntenkreises ausnahmslos Dates mit psychisch äußerst instabilen Frauen haben. Wenn man so will, daten beide Geschlechter ununterbrochen abschreckende Beispiele. Seit dem Gespräch mit David weiß ich allerdings, dass das kein Zufall ist, es gibt einen Zusammenhang. Es gibt Gründe, warum der Single-Markt voller Menschen ist, die sich in die Falschen verlieben.

Wie gesagt, es gibt vor allem drei Bindungstypen. Der sichere Beziehungstyp hat einen starken Selbstwert, kann Konflikte konstruktiv lösen und ist meistens in Beziehungen. Der ängstliche Beziehungstyp – also ich – glaubt, dass er sich Liebe verdienen muss, und sich sorgt, ob sein Partner ihn genug liebt. Und der vermeidende Beziehungstyp hält den Partner emotional und körperlich auf Abstand. Er ist voller Zweifel und fühlt sich in der Distanz sicherer, weil er dort weniger verletzt werden kann.

Der Single-Markt setzt sich vor allem aus Menschen zusammen, die sich nicht gut tun

Der heutige Single-Markt setzt sich vor allem aus dem ängstlichen und dem vermeidenden Typ zusammen. Beide sind von Angst geprägt: Der Verlustangst des ängstlichen, und der Angst des vermeidenden Typs, verletzt zu werden. Beide Beziehungstypen haben also einen geringen Selbstwert. Sie bräuchten eigentlich einen sicheren Beziehungstyp, der auf dem Single-Markt aber kaum zu finden ist, weil er schnell dauerhafte Beziehungen eingeht.

Erschwerend kommt noch hinzu, dass sich ängstliche und vermeidende Typen durch ihre Bedürfnisse extrem anziehen. Der Single-Markt setzt sich zu einem Großteil aus Menschen zusammen, die sich nicht gut tun. Der Single-Markt besteht aus Menschen mit geringem Selbstwert. Wenn man so will, ist er voller beschädigter Ware.

Mist, denken jetzt sicherlich nicht wenige, das klingt jetzt aber alles ziemlich hoffnungslos. Ich weiß. Die Frage lautet also: Wie, um Gottes Willen, kommen wir da wieder raus?

„Wer wäre denn der beste Bindungstyp für mich?“, fragte ich und sah David an.

„Natürlich ein sicherer Beziehungstyp“, erwiderte er. „Aber die sind ja meistens in einer Beziehung.“

Ich dachte einen Moment lang nach. Dann sagte ich: „Da wäre es doch der beste Weg, eine Frau zu finden, die in einer langjährigen Beziehung ist. Ich habe also nur eine Chance auf eine funktionierende Beziehung, indem ich eine andere zerstöre?“

„Theoretisch, ja“, sagte David mit einem Lächeln. „Aber da greift ja schon wieder dein Muster: Aussichtsloses Begehren, das deinen Jagdtrieb aktiviert. Komplizierter geht es nicht.“ Er machte eine Pause, bevor er hinzufügte: „Und ein sicherer Beziehungstyp als Single würde dich ja auch nicht interessieren. Er wäre dir zu langweilig.“

Warum uns gerade die Menschen interessieren, die uns nicht gut tun?

Und genau das war der Augenblick, in dem ich verstand, dass in genau diesem Satz die Antwort liegt. Ich musste einen Schritt zurückgehen und mein Muster erkennen. Ich musste mein Beuteschema als Beuteschema erkennen, und meinen Jagdimpuls nicht mit Verliebtheit verwechseln. Das war der erste Schritt, aus der Schleife auszubrechen, in der ich denselben Fehler immer und immer wieder machte, ohne daraus zu lernen. Der erste Schritt, um mein Muster zu durchbrechen.

Wie so viele habe ich lange Zeit den Fehler gemacht, davon auszugehen, dass ich komplizierte Frauen anziehe. Aber das ist ein Denkfehler. Ich war nie Opfer der Umstände, ich habe die Frauen, die mich interessierten, ganz allein ausgesucht. Wir entscheiden selbst, ob wir an jemandem interessiert sind – bewusst oder unbewusst. Die Frage muss also korrigiert werden. Sie lautet nicht: Warum ziehe ich Menschen an, die mir nicht gut tun? Sie muss eigentlich lauten: „Warum interessiere ich mich nur für Menschen, die mir so offensichtlich nicht gut tun?“

Es geht oft nur darum, die richtigen Fragen zu stellen, dachte ich.

Ein Tag, der alle folgenden Tage beeinflussen konnte

Ich verabschiedete mich von Hannes und David und ging die Straße Richtung Rosenthaler Platz hinunter. Die Kastanienallee leuchtete. Die Straßenlaternen warfen ein warmes Licht auf den Asphalt, Straßenbahnen fuhren vorbei, die Terrassen der Restaurants waren voller Menschen, die ihre Gespräche in den unterschiedlichsten Sprachen führten.

Es war die perfekte Großstadtszene. So wie ich mir die Stadt, in der ich lebe, immer vorgestellt habe. Und jetzt spürte ich es. Ich war genau jetzt zur richtigen Zeit am richtigen Ort. Einen kurzen Moment lang hatte ich sogar den Eindruck, als wäre diese Kulisse für mich aufgebaut worden. Es erinnerte an eine Filmszene. Perfekt inszeniert. Als wäre sie um die Vorstellung meiner Idee von Berlin herumgebaut worden. Alles passte. Es waren genau solche Momente, auf die es eigentlich ankam, dachte ich.

Es war ein Gedanke, der zu dem Gefühl passte, das die Unterhaltung der letzten Stunde in mir ausgelöst hatte. Eine Unterhaltung, die diesen Freitag zu einem Tag machte, der alle darauffolgenden Tage beeinflussen konnte. Dass ich die Chance erhielt, eine andere Version meines Lebens leben zu können. Eine bessere Version.

Ich werde sie nutzen.

Es geht um anwendbare Lösungen

Weil es ja heutzutage nötiger denn je zu sein scheint, schreibe ich gerade an meinem neuen Buch, das den Titel „Generation Beziehungsunfähig 2 – die Lösungen“ tragen wird, und in dem es um anwendbare Lösungen geht, um aus dem „Beziehungsunfähig“-Lifestyle auszubrechen. Und auf meiner Lesung am 9.2. gibt’s in Berlin die ersten Texte daraus zu hören:

>> Tickets gibt’s hier!