Manchmal frage ich mich, warum die Liebespaare in Büchern und Filmen eigentlich eine so starke Faszination auf uns ausüben. Natürlich liegt es daran, dass wir alle so etwas schon einmal erlebt haben, erfüllt oder unerfüllt. Wir können es nachempfinden, mitfühlen, uns hineinversetzen. Aber es gibt noch einen anderen, viel entscheidenderen Aspekt, der mich an den Liebespaaren in den großen Geschichten so begeistert. Was uns an ihnen fasziniert, ist die Möglichkeit, die sie aus ihrer Liebe ziehen. Romeo und Julia sind da ein sehr gutes Beispiel, auch weil die meisten Liebespaare in Büchern und Filmen eine Variante ihrer Geschichte sind. Als Kinder zweier auf den Tod verfeindeter Familien stellen sie sich gegen alle Konventionen. Wenn es nach den Konventionen geht, dürfen sie eigentlich gar nicht zusammen sein. Sie stellen sich gegen die Umstände, sie treten aus ihnen heraus, und erheben sich über sie. Vielleicht entstand ja daraus der schöne Satz: Zu zweit gegen den Rest der Welt.

Wenn ich darüber nachdenke, was die großen Liebespaare vereint, verstehe ich, warum es vielen so schwerfällt, sich zu verlieben. Ihre Herangehensweise ist die vollkommen falsche. Den meisten geht es nicht darum, sich über Konventionen zu erheben, es geht ihnen um das Gegenteil, sie wünschen sich große Gefühle, ohne ihre Komfortzone verlassen zu müssen. Es geht darum, wie sich die Liebe möglichst unkompliziert in den eigenen Lebensentwurf einpasst.

Die Versicherungsvertreter der Liebe

Es gibt eine ziemlich bekannte Werbekampagne des Partner-Portals Parship, deren Werbeagentur etwas Erstaunliches ausgerechnet hat. Und zwar dass sich alle elf Minuten jemand über Parship verliebt. Alle elf Minuten! Ich frage mich, wie man so etwas ausrechnet, aber Parship scheint es ja irgendwie geschafft zu haben. Und es klingt gut. Es vermittelt Sicherheit. Als gäbe es eine Formel für die Liebe, die von dem Portal angewandt wird. Eine Formel, die so gut ist, dass sie alle elf Minuten greift.

Daran musste ich denken, als mir kürzlich eine Freundin, die seit einiger Zeit Single ist, erzählte, dass sie sich auf einem Dating-Portal angemeldet hat. Sie hatte einen dieser endlosen Fragebögen ausgefüllt, anhand dessen potenzielle Partner ausgewählt wurden, die am besten zu ihr passen sollten. Sie wirkte sehr zuversichtlich, als sie es mir erzählte.

„Die Erfolgsquote liegt bei 47 Prozent“, sagte sie.

„Aha“, sagte ich, und das offensichtlich in einem Tonfall, durch den sich die Zuversicht in ihrem Blick mit Unsicherheit mischte. Sie wollte Bestätigung. Leider war ich dafür der falsche Ansprechpartner.

47 Prozent. Das ist natürlich eine Information, die Sicherheit ausstrahlt, aber irgendwie finde ich es seltsam, wenn nach einem Ausleseverfahren durch Parameter oder Algorithmen ausgewählt wird, wer am besten zu einem passt. Man sagt ja, dass die Algorithmen uns besser kennen als wir uns selbst, aber auf mich wirkte es wie der Versuch, Liebe mit Ingenieurslogik entstehen zu lassen.

Liebe ist zu einer Kalkulation geworden

Vor einiger Zeit habe ich ein Interview mit dem französischen Philosophen Alain Badiou gelesen, der das ähnlich sieht. Er nennt Dating-Portale ein wenig verächtlich aber auch sehr passend „die Versicherungsvertreter der Liebe“. Sie bieten praktisch eine Vollkaskoversicherung der Liebe an.

„Die Liebe wird zu einer Kalkulation“, sagt er. „Durch Filter wird der vermeintlich passendste Partner gefunden, man nimmt an, man könne eine Art vorbereitete Partnerschaft führen.“

Natürlich habe ich auch schon solche Fragebögen ausgefüllt, und anhand der Fragen festgestellt, dass es dem Algorithmus vor allem darum geht, jemanden zu finden, mit dem ich möglichst viele Gemeinsamkeiten habe. Vielleicht liegt da schon der Fehler. Offen gestanden weiß ich gar nicht, ob ich es so gut finden würde, wenn meine Freundin genauso wäre wie ich. Eine Frau, die so viele Gemeinsamkeiten mit mir hat, dass sie praktisch eine weibliche Version von mir ist. Die Über-Komfortzone, wenn man so will. Sicherer geht es nicht. Und da offenbart sich schon der Denkfehler dieser Methode. Wenn ich mir vorstelle, in einer Beziehung tagtäglich einem Menschen wie mir selbst ausgesetzt zu sein, würde ich wahrscheinlich wahnsinnig werden. Es wäre ganz schrecklich, eine selbstgebaute Hölle gewissermaßen.

Eine ähnliche Assoziation einer Beziehung hat vor einigen Monaten ein Mann ausgelöst, mit dem meine Freundin Marie ein Date hatte. Der Mann hatte nämlich sehr konkrete Vorstellungen von der Frau, mit der er zusammenkommen wollte.

Jeder kennt ja diese Liste der Eigenschaften, die man als Single zusammenstellt, wenn man sich den Menschen vorstellt, mit dem man sein Leben teilen will. Für einen Single ist es ja einfach, eine ideale Person zu entwerfen, die gut zu einem selbst und der Vorstellung eines gemeinsamen zukünftigen Lebens passt. Nicht wenige haben sich eine Liste zusammengestellt, die ihren zukünftigen Partner zeichnen. Anfangs ist es eine grobe Liste, in denen die Eigenschaften, die auf die Person zutreffen sollen, gesammelt werden – und natürlich vor allem die Eigenschaften, die Ausschlusskriterien sind. Je länger man Single ist, desto mehr wird diese Liste verfeinert. Sie wird zu der Skizze einer Person, die niemand ausfüllen kann. Bei Menschen, die Erfahrungen mit langjährigen Beziehung haben, reduziert sich diese Liste wieder, und zwar auf genau einen Punkt. Auf den einen Punkt, auf den es wirklich ankommt.

In dem wunderbar melancholischen Film „Up in the Air“ wird die Eigenschaft, auf die es eigentlich in einer Beziehung ankommt, von einer Frau benannt.

„Er muss mich zum Lachen bringen“, sagt sie. „Am Ende geht es nur darum.“

Ich kann das bestätigen. Es gibt kaum etwas schwierigeres als jemanden zu finden, der den gleichen Humor hat. Ich habe natürlich auch eine Liste, aber sie ist nicht konkret, sie gibt mir Spielraum. Der wichtigste Punkt ist tatsächlich, miteinander lachen zu können. Weitere wichtige
Punkte sind, gute Gespräche führen zu können, ob man weitestgehend mit sich selbst im Reinen ist, und wie man beim Sex harmoniert. Es ist eine Liste menschlicher Eigenschaften, weil es letzten Endes nur darauf ankommt.

Ich weiß nicht, wie lange Maries Date schon an seiner Liste gefeilt hatte, aber in seinem Fall ging es weniger um menschliche Eigenschaften, es war eine Anforderungsliste wirtschaftlicher Rahmenbedingungen.

„3.000 € muss die Frau schon verdienen“, sagte er, bevor er nach einer kurzen Pause präzisierte. „Netto natürlich.“

„Wie sympathisch“, lachte ich, als mir Marie diese romantische Erfahrung schilderte. „Und? Seht ihr euch wieder?“

„Natürlich nicht“, sagte sie entschieden, musste dann aber ebenfalls lachen. „Ich bin ja durch sein soziales Raster gefallen. Glücklicherweise.“

Ob es ihm aufgefallen war oder nicht; Maries Date sehnte sich nicht nach einer Liebesbeziehung, der Mann sehnte sich nach einem Arrangement. Wer die Liebe als Teil einer Lebenskonstruktion versteht, der wird nie wirklich lieben. Liebe kann nicht Teil eines Plans sein. Man plant etwas, und dann kommt das Leben dazwischen. Gefühle sind nun mal irrational, man kann sie nicht planen.

Viele verstehen Liebe als eine Kosten-Nutzen-Rechnung

Ich habe immer dann begriffen, dass ich tiefe Gefühle für eine Frau empfand, wenn meine Liste plötzlich keine Bedeutung mehr hatte. Gefühle hebeln die Planungen aus. Denn niemand ist perfekt, bis man sich in ihn verliebt.

Leider gewinnen die Planungen immer mehr. Vielen scheint es tatsächlich eher darum zu gehen, einen Plan umzusetzen, als tiefe Gefühle zuzulassen. Jemanden zu finden, der zum eigenen Selbstbild passt. Jemand, den man hinzufügt, anstatt gemeinsam etwas Neues zu gestalten. Diese Idee von Liebe haben Menschen, die nur sich selbst sehen. Ein Entwurf, den die Ichbezogenen für Liebe halten.

Obwohl wir in Zeiten leben, in denen uns alle Möglichkeiten offenstehen, sind wir zu Pragmatikern im Zwischenschlichen geworden. Es ist ein Pragmatismus, der alles durchdringt.

Es ist ja nun mal so, dass wir Geschöpfe der Konsumgesellschaft sind, in die wir hineingewachsen sind. Sie hat uns so gut erzogen, dass sich keine Generation zuvor so gut an sie angepasst hat wie wir. Das macht natürlich etwas mit uns. Wir haben ein Konsumproblem, was inzwischen auch unser Verständnis von Liebe verzerrt hat. Es ist ja ein Prinzip unseres Wirtschaftssystems, die Dinge danach zu beurteilen, inwieweit man sie zu seinem eigenen Vorteil ausnutzen kann. So geht es vielen in ihrem Verständnis von Liebe. Es ist eine „Liebe“, die nach Gegenleistung verlangt. Wenn man Gefühle investiert hat, dann will man auch etwas Adäquates dafür bekommen. Man versteht die Liebe als eine Art Handel. Viele sehnen sich nicht nach Liebe, sondern nach etwas, das sie nur als Liebe bezeichnen. Es ist die „Liebe“ der Konsumenten. Die sicherheitsbesessene „Liebe“ des Konsumenten, in der man selbst im Mittelpunkt steht. Eine „Liebe“, in der es ums nehmen geht. Eine Kosten-Nutzen-Rechnung. Das nimmt der Liebe die Poesie.

Die Liebe ist bedroht

Liebe Leser, die Liebe muss neu erfunden werden, denn sie ist bedroht. Und die größte Gefahr für die Liebe ist ihre Bedrohung durch unser Sicherheitsdenken.

Viele pflegen eine neurotische, eine sicherheitsbesessene „Liebe“, in der man nur sich selbst sieht. Viele wollen kein Risiko eingehen und in der Sicherheit ihrer Komfortzone bleiben. Man will sein Leben nicht verkomplizieren und wird den anderen los, wenn der eigene Komfort gestört wird.

Man sagt ja, dass es heutzutage vielen schwer fällt, sich zu entscheiden. Aber sie entscheiden sich ja, nämlich dazu, sich nur von der Furcht leiten zu lassen, verletzt oder verunsichert zu werden. Der Fehler ist es, Entscheidungen aus Angst zu treffen. Entscheidungen sollten getroffen werden, um etwas zu ermöglichen, und nicht, um etwas zu verhindern. Und in dieser Haltung sind Gefühle nicht vorgesehen, auch wenn das eine Wahrheit ist, die sich viele nicht eingestehen. Man verschließt sich, um nicht verletzbar zu sein. Man fürchtet sich vor den eigenen Gefühlen. Sie verunsichern einen, und in der sicherheitsbesessenen Liebe geht es ja vor allem darum, Unsicherheiten auszumerzen.

Unsere Vorstellung von Liebe ist verzerrt. Die Liebe ist zu einer Kalkulation geworden. Aber Verliebtheit ist nicht kalkulierbar, sie entsteht aus dem Unerwarteten. Die Liebe ist kein Vertrag, man kann sich nicht absichern. Liebe ist Risiko, denn sie ist eine Grenzüberschreitung. Und Grenzüberschreitungen sind immer mit Risiko verbunden. Zu Lieben ist das, was dem Leben Intensität und Bedeutung verleiht. Liebe ist eine Chance, seine Haltungen, sein Denken und Fühlen durch die Haltungen, Gedanken und Gefühle eines anderen Menschen zu erweitern, als Mensch zu reifen. Aber das funktioniert nur, wenn man den anderen wirklich an sich heranlässt, wenn man sich öffnet. Darum trifft es die englische Formulierung „falling in love“ so gut. Man muss sich fallen lassen, um sich verlieben zu können. Die Voraussetzung ist einfach, dass man sich öffnet. Man muss loslassen, die Gefühle zulassen und sich verletzlich machen. Wer fällt, ist wehrlos, angreifbar und davor fürchten wir uns. Aber genau das ist der Schlüssel zu wirklich tiefen Gefühlen.

Die Liebe muss neu erfunden werden. Wir müssen sie neu erfinden.

Es geht um anwendbare Lösungen

Natürlich haben die wenigsten in der Generation Beziehungsunfähig eine Beziehungsunfähigkeitsstörung. Es ist eher so, dass die unerfüllte Sehnsucht nach Liebe inzwischen zu einem Lifestyle geworden ist, der die Liebe ersetzt hat. Die Umsetzung ist nicht eingeplant, sie könnte ja mit Einschränkungen verbunden sein. Und genau dieses Muster muss man aufbrechen.

Und weil es ja heutzutage nötiger denn je zu sein scheint, schreibe ich gerade an meinem neuen Buch, das den Titel „Generation Beziehungsunfähig 2 – die Lösungen“ tragen wird, und in dem es um anwendbare Lösungen geht, um aus dem „Beziehungsunfähig“-Lifestyle auszubrechen. Und auf meiner Lesung am 9.2. gibt’s in Berlin die ersten Texte daraus zu hören:

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