Es gibt ja verschiedene Kriterien, nach denen Männer die Attraktivität einer Frau beurteilen. Es sind Kriterien, die sehr unterschiedlich sein können. Manchmal sogar beunruhigend unterschiedlich. Nehmen wir zum Beispiel mich: In meiner Hierarchie der Dinge, die eine Frau für mich attraktiv machen, stehen zwei Dinge ganz oben: Ich achte vor allem auf das Gesicht – und dann auf die Fingernägel.

„Wie bitte?“, werden jetzt einige einwenden, vielleicht sogar mit einem skeptischen Blick. „Die Fingernägel?“

Ich muss ihnen Recht geben. Wenn jemand anhand der Fingernägel die Attraktivität einer Frau beurteilt, klingt das ja schon ziemlich bizarr. Aber ich kann euch beruhigen, ich bin kein bemitleidenswerter Freak, vor dem Frauen beschützt werden müssen. Nein, Fingernägel interessieren mich eher auf einer zweiten, einer tieferen Ebene. Der Umstand, wie aufwendig die Fingernägel einer Frau lackiert sind, erzählt nämlich schon sehr viel über sie. Wenn eine Frau aufwendig verspielte Motive auf ihren Nägel hat, bewegt sie sich einer Welt, die mit meiner Welt nicht allzu viele Berührungspunkte hat. Und das trifft auch auf unsere Wertesysteme zu. Ich weiß, wovon ich rede, ich habe da gewisse Erfahrungswerte.

Aber es gibt natürlich Bewertungskriterien, die anderen Männern wichtiger erscheinen als Gesichter oder die Gestaltung von Fingernägeln. Sie unterscheiden sich von Mann zu Mann, was hin und wieder zu Missverständnissen führen kann. Missverständnisse, die Situationen entstehen lassen können, die wirken, als wären Dialogszenen, die die Drehbuchautoren der Sitcom „Two and a half Men“ verworfen haben, für unser Leben irgendwie noch einmal zweitverwertet worden.

Als ich zum Beispiel vor einigen Monaten mit einem Freund in der Bar 3 in Berlin-Mitte war, legte er plötzlich sehr nervös die Hand auf meine Schulter und sah mich eindringlich an.

„Gott!“, sagte er mit zitternder Stimme. „Hast du die Frau gerade gesehen? Die war ja wunderschön!“

„Wo?“, fragte ich und sah mich diskret um, schließlich würde ich gleich in das Gesicht einer Frau blicken, deren Aussehen eine starke Wirkung auf mich haben würde. Mein Blick zog über die Gesichter, und was soll ich sagen, da war niemand.

„Wen meinst du denn?“, fragte ich.

Ich verliebe mich in eine Persönlichkeit, und nicht in ein sekundäres Geschlechtsmerkmal

„Guck jetzt nicht so auffällig hin“, sagte er nervös und wies diskret zu einer Frau, die sich nicht einmal zwei Meter entfernt mit einem Mann unterhielt. Ich suchte in ihren Zügen nach dem Auslöser, der den Kontrollverlust meines Freundes rechtfertigen würde, aber ich fand keinen.

„Die wäre mir jetzt aber nicht aufgefallen“, sagte ich.

Er sah mich fassungslos an, bevor er begeistert zischte: „Hast du die Brüste nicht gesehen?“

Ich blickte noch einmal zu ihr. Ihre Brüste waren groß, sehr groß sogar, aber das änderte ihre Attraktivität nicht.

„Ich achte doch immer zuerst aufs Gesicht“, sagte ich. Mein Freund sah mich verständnislos an. Mit einem Blick, der auch erzählte, dass er mich schon irgendwie für einen bemitleidenswerten Freak hielt.

Während solcher Erlebnisse habe ich immer das Gefühl, zu einer Randgruppe zu gehören. Ich gehöre zu den Menschen, die sich in eine Persönlichkeit verlieben, und nicht in ein sekundäres Geschlechtsmerkmal. Schönheit ist ja ein Gesamtkonzept, das nicht ausschließlich auf das Aussehen reduziert ist. Es gibt schließlich kaum etwas Attraktiveres als eine Persönlichkeit, zu der man sich hingezogen fühlt, oder einem Menschen, mit dem man sich etwas zu sagen hat.

Es gibt ja wunderbare Zitate über wirkliche Schönheit, wie zum Beispiel diese Textstelle von F. Scott Fitzgerald. „Sie war schön“, schreibt er. „Aber nicht wie die Frauen in den Zeitschriften. Die Art, wie sie dachte, war schön. Sie war schön wegen des Glitzerns in ihren Augen, wenn sie über etwas sprach, das sie liebte. Sie war schön, weil sie fähig war, andere zum Lächeln zu bringen, selbst wenn sie traurig war. Nein sie war nicht schön aufgrund von vergänglichen Zuständen, wie die ihres Aussehens. Sie war schön bis auf den Grund ihrer Seele.“

Solche Sätze berühren einen. Aber wenn wir ehrlich sind, so schön und wahr sie auch klingen, hält sich kaum jemand daran. Sie sind eine schöne Theorie, in der Praxis handelt man meist anders. Das Aussehen ist der erste Impuls, der das Interesse an einer Frau weckt. Und bei einer Frau, die nicht mein Typ ist, fehlt auch mir einfach das Verlangen, die Schönheit ihrer Seele erkunden.

Es ist ja so eine Sache mit dem Verständnis von Attraktivität. Ich habe zum Beispiel lange Zeit angenommen, keinen bestimmten Typ zu haben, wenn es um Frauen geht. Als meine damals siebenjährige Nichte Leandra im Jahr 2005 meine Freundin Susanne kennenlernte, musste ich diese Überzeugung allerdings korrigieren. Man muss dazu wissen, dass die Frau, mit der ich vor Susanne zusammen war, Maxi hieß. Als Leandra meine neue Freundin kennen lernte, sagte sie: „Susanne, darf ich dir eine Frage stellen?“

„Natürlich“, sagte Susanne mit einem Lächeln.

Meine Nichte sah sie einen Moment lang aufmerksam an, dann sagte sie: „Warum siehst du eigentlich aus wie Maxi?“

Kinder können grausam sein. Leandras Frage produzierte eine sekundenlange atemlose Stille. Ich verstand sie auch nicht wirklich. Susanne und Maxi ähnelten sich kaum, wie ich fand. Sie waren beide brünett, das war die einzige Gemeinsamkeit. Und es ging mir auch nicht darum, mit einer jüngeren Version meiner Ex-Freundin zusammen zu sein. Viel später habe ich allerdings begriffen, dass sich das Aussehen meiner Freundinnen damals auch nicht unbewusst aufeinander bezog, sondern auf jemand anderen. Es richtete sich nach der Schauspielerin Famke Janssen, die in dem Woody-Allen-Film „Celebrity“ eine Lektorin spielt. Ich habe den Film nicht gemocht, aber das Aussehen der Lektorin hat mich offensichtlich jahrelang geprägt. Manche Dinge sitzen tiefer im Kopf als man denkt. Allerdings muss ich dazu sagen, dass diese Figur neben ihrer Schönheit auch durch ihren edlen Charakter einzigartig im Film ist. Ihre Attraktivität setzte sich also aus verschiedenen Aspekten zusammen, beunruhigend finde ich es rückblickend aber schon, dass ich meine Idee von Attraktivität an einer Kunstfigur ausgerichtet habe.

Inzwischen habe ich dieses Muster aufgebrochen und verlassen, was ja generell ein guter Weg ist, um sich als Mensch weiter zu entwickeln. Aber es ist schon wahr, es war ein Fehler, den ich lange gemacht habe: Ausschließlich das Aussehen entscheiden zu lassen, ob ich mit einer Frau zusammen sein wollte. Ihrer Attraktivität alles unterzuordnen. Vielleicht liegt es daran, dass mir meine Eltern lange vorwarfen, oberflächlich zu sein, wenn es um Frauen ging. Heute verstehe ich sie, aber damals war es ein Vorwurf, dem ich vollkommen verständnislos gegenüberstand.

Optische Schönheit kann sich schnell auflösen, wenn andere Facetten einer Person unattraktiv sind

Aber es ist ja so, dass einem das Leben immer mal wieder zur Hilfe kommen kann, um die eigene Oberflächlichkeit zu hinterfragen. Das zeigt sich auch darin, wie fragil die optische Schönheit eines Menschen eigentlich ist. Sie kann sich schnell auflösen, wenn nur eine der anderen Facetten unattraktiv ist. Ich kenne einen Mann, der mit einer der attraktivsten Frauen zusammen ist, die ich persönlich kenne. Abgesehen von ihm kenne ich allerdings niemanden, der mit ihr zusammen sein möchte – und das aus guten Gründen. Ich werde nie den Abend vergessen, an dem ich ihr zum ersten Mal begegnete. Auch weil ihre Schönheit umgehend verschwand, als sie begann zu reden. Sie redet ununterbrochen, was ja nicht unbedingt ein Makel sein muss. Was sie allerdings erzählte, war so unattraktiv, dass es ihre Schönheit überlagerte.

Wir sprachen gerade über die schwierige Jugend eines Bekannten, der als Schwuler in einem bayerischen Dorf aufgewachsen ist, und der nach seinem Coming out der Gnadenlosigkeit und Intoleranz der deutschen Provinz ausgesetzt war. Wir sprachen über seinen Leidensweg, bevor er nach Berlin gezogen war, um erst hier das Gefühl zu haben, das seine Existenz zu einem Leben geworden war. Plötzlich fiel ein Satz, der dem Gespräch eine neue und äußerst unangenehme Richtung gab. Es war der Satz, mit dem sich die neue Freundin meines Bekannten in unseren Kreis einführte.

„Er hätte das behandeln lassen sollen“, sagte sie, „dann wäre sein Leben dort doch viel einfacher gewesen.“

„Wie bitte?“, sagte ich entsetzt. „Aber dir ist schon klar, dass das eine Anlage ist, und keine Krankheit?“

Sie sah mich an, mit einem Blick, als hätte ich gar nichts verstanden. „Das ist behandelbar“, sagte sie entschieden. „Das kann therapiert werden. Hab ich gelesen.“

Ich sah sie fassungslos an. Ich wusste gar nicht, was ich sagen sollte. So etwas konnte sich eine Person allein gar nicht ausdenken. Ich war offensichtlich in eins dieser Scripted-Reality-Formate geraten, die nachmittags auf RTL 2 liefen. „Verzweifelt, pleite, jung“. Vor allem das Wort „verzweifelt“ schien hier zuzutreffen, vor allem auf den Mann, der mit ihr zusammen war, und von dem ich bisher angenommen hatte, ich würde ihn ziemlich gut kennen.

Ich fragte mich, wie man mit so einer Frau zusammen sein kann, ohne von Selbstzweifeln zerfressen zu werden. Ich fragte mich, was ihre gemeinsamen Themen waren. Ich fragte mich, was mit meinem Bekannten nicht stimmte. Sie war ja weniger eine Freundin, die Frau war ein Hilfeschrei. Irgendetwas musste passiert sein.

Eindimensionale Instagram-Attraktivität

Allein dieses Beispiel zeigt, wie groß der Fehler ist, von dem Aussehen auf den Menschen zu schließen. Aber es ist ein Fehler, den viele begehen. Wenn man so will, lebte ich in meiner oberflächlichen Phase eine analoge Version der Haltung, mit der sich heutzutage viele in den sozialen Medien bewegen. Auf Dating Apps entscheidet ein Foto über das Interesse. Auf Instagram sind wir von schönen Menschen umgeben. Das kultiviert unsere Oberflächlichkeit. Es sind Fassaden, mit denen wir dort umgeben sind. Oberflächen, an denen viele unsere Wünsche ausrichten.

Ich muss allerdings gestehen, dass ich es tragisch finde, was aus der Schönheit inzwischen geworden ist. Wenn ich abends in der Innenstadt von Berlin unterwegs bin, fällt mir auf, dass es inzwischen wesentlich mehr schöne Frauen zu geben scheint als in meiner Jugend. Was daran liegen könnte, dass sie mit ihrem Make-Up dem Anspruch gerecht werden wollen, ihre perfekt gefilterten Fotos in die Wirklichkeit zu übersetzen. Sie wollen zu den Personen werden, die auf den retuschierten Bildern ihrer Instagram-Profile zu sehen sind. Vielleicht liegt es daran, dass mich ihre Schönheit nicht berührt. Ich verbinde sie zu sehr mit der eindimensionalen Attraktivität, die auf sozialen Netzwerken kultiviert wird. Und für mich ergibt sich der Reiz einer Person ja vor allem aus seiner Vielschichtigkeit.

Vor ungefähr einem Jahr habe ich mir eine Ausgabe des Berliner Stadtmagazins TIP gekauft. Auf dem Cover war eine Frau abgebildet, die ein Selfie macht. Darüber stand in großem Buchstaben: „Das perfekte Ich“. Ich kaufte die Zeitschrift sofort. Allerdings entsprach der Inhalt des Artikels nicht unbedingt meinen Erwartungen. Er handelte davon, wie verbreitet Schönheitsoperationen inzwischen schon bei zwanzigjährigen Frauen sind. Der Text passte nicht zur Überschrift, aber er hatte ungewollt eine tiefe Wahrheit ausgesprochen: Das große Missverständnis vieler, ihr „Ich“ ausschließlich mit physischer Attraktivität gleichzusetzen. Zumindest empfanden das alle Frauen so, die in dem Artikel interviewt wurden. Ihnen ging es um das Pflegen der Fassade. Sie hielten gewissermaßen die perfekte Schönheit der Oberfläche für ihr Ich. Ein großes Missverständnis unserer Zeit.

Ihre Persönlichkeiten glichen ihrem Make-Up

Gerade fällt mir auch auf, dass ich immer an diese Schrift denken muss, die inzwischen auf den Schildern in so ziemlich jedem hippen Restaurant verwendet wird. Vor allem beim Scrollen durch die Foto-Galerien auf Instagram fällt das auf. All diese Restaurants wirken durch diese Schrift, als würden sie zur selben weltweit agierenden Kette gehören. Die Corporate Designs sind sich sehr ähnlich. Ähnlich geht es mir mit den vielen schönen Menschen, mit denen ich auf Instagram überschüttet werde. Auch sie werden sich immer ähnlicher. Ich entdecke kaum noch Unterschiede. Das ist der Nachteil unserer Zeit, in der jeder mit jedem vernetzt wird. Es wird eine konforme und austauschbare Schönheit kultiviert, die die Gesichter immer ähnlicher werden lässt. Und nicht nur die Gesichter.

Vor einigen Wochen habe ich eine Reportage gesehen, in der verschiedene YouTube- und Instagram-Influencer porträtiert wurden. Ausnahmslos wunderschöne Frauen, die kaum zu unterscheiden waren. Erstaunlich war auch, dass sie sich nicht nur äußerlich ähnelten, auch die Dinge, die sie so erzählten, glichen sich auf erschreckende Art. Alle Influencer erzählten, dass es ihnen vor allem darum ginge, authentisch und individuell zu sein. Es erinnerte an das Mantra einer Sekte. Seltsam war aber, dass trotz dieser Werte jeder Satz und jede Geste gekünstelt und affektiert waren. Tragisch war, dass es ihnen selbst gar nicht auffiel. Ihre Persönlichkeiten glichen ihrem Make-Up. Sie waren eine Maske, hinter der sie etwas verbergen wollten, wahrscheinlich sogar vor sich selbst.

Das waren keine Persönlichkeiten, das waren nur noch Masken. Die wirklich interessante Frage ist jedoch, was sich hinter der glatten, perfekt polierten Fassade verbirgt. Vor allem wenn man berücksichtigt, dass wir in einer Gesellschaft leben, die so viele psychische Krankheiten produziert wie keine zuvor. Der richtige Weg wäre es, an einem gesunden Wesen zu arbeiten, und nicht an der perfekten Fassade, die eine unsichere, und durch endlose Vergleiche mit anderen von Selbstzweifeln geplagte Persönlichkeit verbirgt.

So wirkten also Personen, die in sozialen Netzwerken entworfen werden, im wirklichen Leben, dachte ich bitter. Es ist nicht wirklich erstrebenswert. Aber es sind Menschen, an denen sich viele orientieren. Vorbilder, die ihre Follower zu perfekt angepassten Konsumenten machen.

Die vielen schönen Menschen auf den Fotos scheinen die Werbeagenturen ihrer selbst zu sein. Wie Werbern ist ihnen die Wirkung wichtiger als die Wahrheit, weil das der einfache Weg ist. Ich bin mir nur nicht sicher, ob ihnen das so klar ist. Sie kultivieren ihre Marke, die sie für ihr Ich halten, obwohl sie dieser Weg immer weiter von sich selbst entfernt.

Aber vielleicht hilft einem da dieses Zitat aus dem Roman „39,90“ von Frédéric Beigbeder, der aus der Sicht eines Werbers geschrieben wurde. „Ich bin Werbefachmann“ steht da, „einer von denen, der Sie von Dingen träumen lässt, die es für Sie niemals geben wird, ständig blauer Himmel, makellose Mädchen, perfektes Glück, retuschiert mit Photoshop.“

Es sind glänzende Hüllen. Mehr ist da nicht. Wer perfekt aussieht, hat nichts anderes zu bieten. Vielleicht reicht schon dieser Satz, um vielen die Augen zu öffnen. Denn dafür scheint es höchste Zeit zu sein.

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