Als ich Anfang vergangener Woche einen Spätverkauf in der Schönhauser Allee betreten wollte, wich ich erschrocken einige Schritte zurück und duckte mich instinktiv. Aus dem hinteren Teil des Geschäfts waren laute und wütende Stimmen zu hören. Wenn man wie ich zu viele Folgen der Serie „Criminal Minds“ gesehen hat, erwartet man in solchen Situationen ja schon irgendwie, dass jetzt gleich mit einem Kapitalverbrechen zu rechnen ist. Ich hatte mein Handy bereits in der Hand, um die Polizei anzurufen, aber dann sah ich, dass ich mich getäuscht hatte. Es waren nicht die Stimmen verschiedener Menschen, es war nur eine Stimme. Und zwar die des Besitzers, der hinter dem Tresen auf und ab lief, während er wild gestikulierend telefonierte. Es war offensichtlich ein Streit, und der Mann wirkte sehr verzweifelt. Als er mich sah, warf er mir einen dankbaren Blick zu und sagte seinem Gesprächspartner, er müsse jetzt auflegen, weil er sich um einen Kunden kümmern müsse. Er trennte die Verbindung und sah mich verzweifelt an.

„Meine Freundin“, sagte er bitter. Dann hielt er das Display seines Smartphones in meine Richtung, das vollkommen zersplittert war. „Sieben Mal musste ich die Glasplatte schon erneuern lassen.“ Er erklärte mir, dass die Streitigkeiten mit seiner Freundin seit Monaten so emotional waren, dass er ihre telefonischen Auseinandersetzungen häufig beendete, indem er sein Handy wutentbrannt zu Boden schleuderte.

„Worum ging’s denn gerade?“, fragte ich, weil ich spürte, dass der Mann einen Gesprächspartner brauchte.

„Keine Ahnung“, rief er hilflos. „Irgendwas Sinnloses. Die Frau macht mich wahnsinnig.“

Ich nickte, denn das war ein Gefühl, das ich kannte.

Das Konzept ihrer Streitigkeiten ähnelte der Streitkultur, die mir nicht unbekannt ist, weil ich sie ebenfalls oft kultiviert habe. Es sind Streitigkeiten, bei denen sich der Sinn verschoben hat, den ein Streit eigentlich haben sollte. Es geht nicht mehr um die Lösung eines Konfliktes, sondern darum, einander die Fehler des anderen vorzuwerfen. Wir gerieten aufgrund unbedeutendster Anlässe in eine Vorwurfsspirale gegenseitiger Schuldzuweisungen. Die Art sich zu streiten ist ein Symptom, an dem man ziemlich gut den Zustand einer Beziehung erkennen kann. Wenn Streitigkeiten auf einer solchen Ebene stattfinden, ist das das Ende eines Prozesses. Wer sich so streitet, ist gar nicht mehr bereit, an der Beziehung zu arbeiten. Es geht nur noch um einen selbst. Ohne es uns einzugestehen, arbeiteten wir bereits an der Trennung. Wir bereiteten sie praktisch mit jeder Verletzung, die wir uns zufügten, vor.

Dabei kann ein Streit sehr wertvoll sein. Wenn man ihn richtig führt. Wenn es ein konstruktiver Streit ist und man seinen Emotionen und vor allem seinem Ego nicht die Kontrolle überlässt. Manchmal braucht man nun mal ein Ventil. Wenn sich zwei Menschen füreinander entschieden haben, sind Reibungen vollkommen natürlich. Wenn man so will, ist ein Streit ja nichts anderes als eine Diskussion, die die Geduld verloren hat. Und so sollte man ihn auch sehen. Als Debatte. Als eine andere Form einer Diskussion, in der es eigentlich darum geht, wie man besser miteinander leben kann.

Bei einem Streit lernt man seinen Partner am besten kennen

„In Partnerschaften muss man sich manchmal streiten, denn dadurch erfährt man mehr voneinander.“ Das hat Goethe einmal gesagt, und wenn es nach meinen Erfahrungen geht, hat er recht. Ich würde sogar noch einen Schritt weiter gehen als Goethe. Ich würde sagen, bei einem Streit lernt man seinen Partner am besten kennen. Erst in hochemotionalen Momenten können sich Seiten einer Person offenbaren, die sie normalerweise sorgfältig verbirgt, vielleicht auch vor sich selbst. Eine meiner Ex-Freundinnen wurde beispielsweise in Streitigkeiten zu einer Person, die mir klar machte, wie wenig ich von ihr wusste. Sie wurde zu einer Fremden, die ich nicht einschätzen konnte. Aber auch ich bin da ein sehr gutes Beispiel. Es gibt nur wenige Umstände, die mir mehr über mich selbst erzählen als ein Streit. So gesehen ist er eine gute Möglichkeit, die eigenen Fehler zu sehen, und damit ein Ausgangspunkt, sich zu ändern und als Mensch zu entwickeln. Vorausgesetzt, dass man sich überhaupt weiterentwickeln will.

Wie man sich in einem Streit gibt, ist einem ja während der Emotionalität der Auseinandersetzung nur selten bewusst. Eine meiner Ex-Freundinnen gab mir allerdings einmal die Chance, mich bei einer unserer Streitigkeiten aus der Perspektive eines unbeteiligten Dritten zu betrachten. Sie nahm mit der Diktiergerät-App ihres Smartphones Teile unserer lautstarken Diskussion auf. Das gab mir die Möglichkeit, mich mal ein wenig besser kennen zu lernen.

Einige Tage darauf spielte sie mir die Aufnahme vor. Es war erschreckend und unangenehm, die mir unbekannte Person, die da mit meiner Stimme sprach, reden zu hören. Der Fremde mit meiner Stimme war nicht cholerisch, er sprach sehr deutlich, sehr akzentuiert und voller Wut. Man hörte ihm an, dass es bei diesem Streit nicht um die Lösung eines Konflikts ging, darüber war der Mann auf der Aufnahme bereits hinaus. Es ging nur darum, seine eigene Wahrheit durchzusetzen.

Wenn wir stritten, dachte jeder von uns nur ans gewinnen

Es gibt ja verschiedene Arten, einen Streit zu führen, und auch verschiedene Mittel, die man einsetzen kann. Es kommt natürlich auch auf die Wahl der Argumente an, um den anderen von seiner Meinung zu überzeugen. Der Schauspieler Charly Sheen hat seine Ex-Frau mal während eines Streits angeschossen. Er begründete diesen ja schon sehr ungewöhnlichen Versuch, sich in ihrem Streit durchzusetzen, damit, er habe angenommen, die Waffe wäre nicht geladen. Ich will mich hier nicht mit Charly Sheen vergleichen, aber wenn ich auf meine bisherigen Beziehungen zurückblicke, begreife ich etwas, was ich in ihnen nie begriffen habe. Wir konnten nicht streiten. Wir hatten keine Streitkultur. Es ging nie darum, einen Konflikt zu lösen. Wenn wir stritten, dachten wir immer in Gewinner und Verlierer. Es ging immer ums gewinnen, nicht darum, unsere Beziehung und uns durch das Lösen eines Konflikts weiterzuentwickeln.

Es ist eine Mechanik, die man sehr gut in politischen Talk-Shows sehen kann, in denen es ja auch keine gesunde Streitkultur gibt. Vielleicht haben sie uns sozialisiert. Offen gestanden sehe ich mir solche Talk-Shows inzwischen nur noch an, um mich fremdzuschämen, und nicht um einen Gewinn aus ihnen zu ziehen. Andere sehen sich das Dschungel-Camp oder „Bauer sucht Frau“ an, diese Funktion haben für mich politische Talk-Shows. Gregor Gysi hat einmal gesagt, dass es in Talk-Shows nicht um die Frage geht, die einem gestellt wird, es gehe ausschließlich darum, seine Meinung rüberzubringen. Man hört nicht zu, weil man in Gedanken bereits damit beschäftigt ist, was man sagt. Man sieht die Debatte nicht als Möglichkeit, seine Meinung durch ein Gespräch weiterzuentwickeln oder vielleicht sogar aufgrund schlüssiger Argumente des anderen zu ändern. Es geht darum, zu gewinnen oder zu verlieren – wenn man seine Meinung aufgibt, sieht man das nicht als eventuelle Bereicherung oder gar Wachsen, nein, es würde einen Verlust darstellen. Genau genommen ist es eine mentale Form des Onanierens. Leute, die nur reden, um sich selbst reden zu hören. Politische Talkshows sind die besten Beispiele, wie man sich nicht streiten sollte.

Die meisten Streitigkeiten werden über die Egos ausgetragen

Wenn ich jetzt so darüber nachdenke, fällt mir auf, dass sich in unserer Art des Streitens auch sehr gut abbildet, wie wir gesellschaftlich konditioniert sind. Auch in Auseinandersetzungen denken wir in Maßstäben, die uns die Gesellschaft vorgibt: Wir teilen uns in Gewinner und Verlierer. Wir stecken in einem Konkurrenzdenken. Vielleicht liegt es ja auch daran, dass viele nicht gelernt haben, eine gesunde Streitkultur zu entwickeln. Die meisten Streitigkeiten werden über die Egos ausgetragen. Wie man sich seinem Partner gegenüber in einem Streit verhält, erzählt auch auf einer zweiten Ebene, wie man seine Beziehung zu ihm sieht. Man sollte sich die Frage stellen, ob man einen Menschen, der einem etwas bedeutet, so behandeln sollte. Ein Streit sollte immer mit Wertschätzung ausgetragen werden. Es geht schließlich darum, einen Konflikt so zu lösen, dass es für das Zusammenleben ein Gewinn ist. Und zwar mit jemanden, der einem etwas bedeutet.

Aber vielleicht hilft ja nur ein kleiner Trick, der konkret anwendbar ist, der einen emotionalen Streit nicht zu einer Aneinanderreihung gegenseitiger Verletzungen werden lässt. Es ist gewissermaßen eine Art verhaltenstherapeutischer Trick. Es reicht ja eigentlich schon, eine Regel zu befolgen: Das simple Verhalten, einen Vorwurf nicht mit einem Gegenvorwurf zu beantworten. Denn das ist der größte Fehler. (Abgesehen natürlich von den Argumenten, die Charly Sheen so einsetzt, wenn er in einem Streit nicht weiter weiß.) Wenn man diese Kleinigkeit beachtet, kann das einem Streit wieder den Sinn geben, den er eigentlich hat: Einen Konflikt zu lösen, und nicht einem Menschen, der einem wichtig ist, Verletzungen zuzufügen, weil man nur sich selbst sieht.

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