Es gibt einen Impuls, der immer an mir zerrt, nachdem eine meiner Beziehungen in die Brüche gegangen ist. Ein Impuls, dem ich nachgebe, obwohl ich durch umfangreiche Erfahrungswerte weiß, dass es vollkommen sinnlos ist. Ich gebe ihm trotzdem nach – und melde mich bei einer Dating-App an.

Tja.

Um es gleich vorwegzunehmen: Ich bin nicht der Typ für Dating-Apps. Daran liegt es wohl, dass ich mich in den Phasen, in denen ich Dating-Apps nutze, mit genau einer Frau treffe. Danach ist der Schwung weg. Und das hat gute Gründe.

Der Abend mit der einen Frau, mit der ich mich in dieser Dating-App-Phase traf, war angenehm. Er hatte allerdings einen Fehler, denn die Frau, die mir gegenübersaß, ähnelte dem Menschen auf ihrem Profilbildfoto in keiner Weise. Auch wenn wir uns gut unterhielten, hatte ich einen Abend lang das seltsame Gefühl, ich hätte ich mich mit jemand anderem verabredet. Es gab dann aber gegen Ende des Treffens einen kurzen Moment, einen Sekundenbruchteil nur, in dem sie wie die Frau aussah, die ich erwartet hatte. Sie sah nur aus einer sehr eingegrenzten Perspektive aus wie auf ihrem Profilbild. Eine Perspektive, in die ich zufällig geriet, als wir aufstanden, um zu gehen.

Vielleicht lag es aber auch an den beiden Hefeweizen, die ich während unseres Treffens geleert hatte. Ich weiß, dass das sehr oberflächlich ist, aber irgendwie missfällt mir der Gedanke, bei einem Date so viel Alkohol zu trinken, bis meine Gesprächspartnerin zu der Frau wird, die ich erwartet hatte. Aber man lernt ja durch Erfahrungswerte, und heute hatte ich sogar zwei neue Regeln gelernt: Man darf sich nicht auf Schwarz-Weiß-Fotos verlassen, und nur mit Frauen Kontakt aufnehmen, die mehrere Fotos auf ihrem Profil gepostet haben.

Meine kurzen Dating-App-Episoden machen mir immer wieder deutlich, dass ich Menschen lieber in der Wirklichkeit kennen lerne. Es ist mir einfach zu aufwendig: Dieses endlose Chatten, bevor man sich trifft, und der Fehler, von einem Foto auf den ganzen Menschen zu schließen. Solche Dates beginnen meistens mit einer Enttäuschung, was in der Natur der Sache liegt. Denn die Art, wie man sich gibt, die Art zu reden, das Lachen und – wie ich ja gerade gelernt habe – die falsche Kameraperspektive, können jemanden zu einem vollkommen anderen Menschen machen. Mir sind Situationen lieber, in denen ich sofort dem ganzen Menschen begegnen kann, auf der unverfänglichen einer Privatparty zum Beispiel.

Allerdings habe ich festgestellt, dass es trotz aller Unterschiede eine Ähnlichkeit gibt, die mich bei Dating-Apps und in der Wirklichkeit vor dieselben Probleme stellen. Diese Ähnlichkeit ist die erste Kontaktaufnahme. Ich bin einfach kein Anmachtyp. Ich mag es, natürlich mit einer Frau ins Gespräch zu kommen, wenn es sich ganz selbstverständlich ergibt. Die kurze Unnatürlichkeit einer Anmache ist bei mir mit dem Gefühl verbunden, mich der Frau aufzudrängen. Genauso geht es mir mit der ersten Kontaktaufnahme auf Dating-Apps. Der erste Satz nach einem Match stellt mich vor ernstzunehmende, gewissermaßen unüberwindliche Probleme.

Man sagt ja, dass der Inhalt des ersten Satzes gar nicht so wichtig ist, wenn beide einander gefallen, aber online fallen Nuancen wie die Art sich zu geben, zu reden oder zu lachen ja weg, was den ersten Satz mit einer Bedeutung auflädt, den er eigentlich gar nicht haben sollte. Es sind diese Momente, in denen ich begreife, dass ich wohl noch verkopfter bin, als ich annehme. Und damit bin ich nicht allein.

Die erste Kontaktaufnahme

Es scheint nicht wenige Männer wie mich zu geben, denn offensichtlich gibt es einen großen Bedarf an Sätzen, mit denen man eine erste Kontaktaufnahme beginnen kann, denn wenn man danach googelt, reihen sich die Tipps der Flirt-Profis aneinander.

Ich klickte auf eine Seite namens Dating Psychologie, weil sie am seriösesten wirkte. Das traf zumindest auf das Design zu, beim Inhalt sah das schon ein wenig anders aus. Nachdem ich die ersten Vorschläge gelesen hatte, musste ich mich erst einmal versichern, dass die Website ernstgemeint und keine Satire war. Aber weil ich ja weiß, wie sehr es einen behindern kann, die Blase, in der man sich bewegt, nicht zu verlassen, beschloss ich, mich darauf einzulassen. Ich benötigte zwar einige Zeit, um einen inneren Widerstand zu überwinden, aber dann war es soweit: ich ließ es zu. Jetzt war ich offen. Ich weiß bis heute nicht, ob das ein Fehler war.

Wer auf Dating-Apps Erfolg beim Flirten haben will, braucht einen guten Einstieg für die erste Kontaktaufnahme. Auf Dating Psychologie waren diese Opener in verschiedene Gruppen unterteilt. Man konnte also schon entscheiden, welche Rubrik dem eigenen Selbstbild am ehesten entsprach.

In der ersten Rubrik befanden sich Vorschläge für die Menschen, zu deren Selbstverständnis „die besten aggressiven Opener“ passten. Also ich weiß nicht, irgendetwas in mir hindert mich daran, eine erste Kontaktaufnahme mit der Frage: „Was ist dein Lieblingsessen, wenn du betrunken und geil nach Hause kommst?“ zu beginnen. Oder mit der Frage: „Hast du Lust rüberzukommen und Pornos auf meinem 32” Flatscreen zu gucken?“ Obwohl ich feststellte, dass gerade die letzte Frage den übergeordneten Sinn aller Tipps dieser Rubrik zusammenzufasst. Denn irgendwie klangen alle, als wären sie aus einem schlecht synchronisierten bulgarischen Pornofilm entnommen worden. Diese Rubrik entsprach meinem Selbstbild also nur sehr begrenzt, aber schon die nächste versprach mir Opener „mit einem gewissen Wortwitz“.

Weil ich ja weiß, dass kaum etwas eine stärkere Wirkung auf eine Frau hat als die Gabe, mit geistreichem Humor ein Lächeln auf ihre Lippen zu zaubern, schien diese Rubrik meinem Selbstbild am nächsten zu sein. Allerdings gab es auch hier gewisse Schwierigkeiten, denn offen gestanden erschloss sich mir der subtile Wortwitz des Satzes: „Ist dir irgendetwas zugestoßen oder bist du von Natur aus hässlich?“ irgendwie nicht. Und auch mit dem etwas bodenständigerem Humor in: „Hast du gerade gepupst? Denn du hast mich weggeblasen“ ging es mir ähnlich. Also sprang ich ansatzlos zur nächsten Rubrik, die mir „die besten Flirtsprüche auf Tinder“ versprach.

Eher Nötigung als intelligentes Flirten

Liebe Leser, jetzt ist es Zeit für einen Rechtshinweis, auch um mich selbst juristisch abzusichern. Ich muss jetzt jeden von euch warnen, der sich romantischen Idealen nicht entziehen kann. Die folgenden Sätze werden Menschen mit solchen Anlagen überrollen, mehr noch, sie werden ihrer Wirkung vollkommen ausgeliefert sein. Wenn euch romantische Momente berühren, überspringt die nächsten Absätze bitte schon aus reinem Selbstschutz. Solltet ihr sie lesen, kann ich für nichts garantieren. Ich habe euch gewarnt.

Der letzte Absatz war natürlich nur ein Scherz, denn wer annimmt, eine Frau mit dem Satz: „Ich dachte, Engel hätten Flügel!“ zu gewinnen, macht einen Denkfehler. Und auch den sich selbst widersprechenden Flirt-Spruch: „Was würdest du lieber von mir haben? A: Ein großartiges Date, B: Tiefgründige, intelligente Gespräche mit anschließendem Kuscheldate oder C: Mehrfache intensive Orgasmen“ hat nicht allzu viel mit intelligentem Flirten zu tun. Eher mit Nötigung.

Es kann auch ein Fehler sein, nahe Verwandte der Frau in den Flirt zu integrieren, vor allem wenn sie mit eindeutigen sexuellen Bezügen verbunden werden. Darum ist die Feststellung „Wie lautet die Nummer deines Vaters? Ich muss ihn anrufen und mich bedanken, dass er diesen perfekten Arsch produziert hat“ auch nicht unbedingt zu empfehlen.

In der Liste gab es auch zwei Komplimente, die mir aufgefallen sind, weil sie irgendwie sehr deutsch sind: „Deine Schönheit hat mich geblendet“, stand da. „Ich werde deine Nummer aus versicherungstechnischen Gründen brauchen.“ Oder als etwas direktere Variante: „Hast du eine gute Haftpflichtversicherung? Du hast mir gerade eine Beule in die Hose gemacht!“

Wer sich als Mann selbst einen Gefallen tun möchte, sollte keinen dieser Flirtsprüche anwenden, denn alle diese Vorschläge zur Kontaktaufnahme lassen sich mit dem ungewollt ehrlichsten Flirt-Tipp in der Liste zusammenfassen – dem verzweifelten Satz: „Sei anders als die anderen: Sag bitte ‚Ja‘!“

Das Leben ist kein Pornofilm

Ich muss gestehen, dass ich bei all diesen geistreichen Tipps den generellen Eindruck hatte, dass jemand, der annimmt, solche Sätze würden bei Frauen Erfolge erzielen, die Welt irgendwie verzerrt wahrnimmt. Aber auch die Wahrnehmung vieler Männer auf Dating-Apps, die eine erste Kontaktaufnahme vor keine ernstzunehmenden Probleme stellt, scheint teilweise äußerst verzerrt zu sein.

Als Mann kriegt man natürlich nicht mit, wie die Zustände bei Tinder von einer Frau erlebt werden, aber kürzlich gab mir meine Freundin Marie die Möglichkeit, das herauszufinden. Sie schlug mir vor, die Seite zu wechseln, indem ich ihr Tinder-Profil übernahm. Eine Möglichkeit, die ich natürlich gern nutzte, aus Interesse und aus Recherchezwecken. Mein Ansatz sollte sich bewahrheiten, denn dieses Erlebnis war der Auslöser, diesen Text zu schreiben.

Ich wurde für eine knappe Stunde zu Marie, aber das reichte schon. Es war ein sehr aufschlussreicher Identitätswechsel, was gut passte, denn den Männern, mit denen ich schrieb, schien es ähnlich zu gehen, bei ihnen schienen es sich allerdings eher um Identitätsunfälle zu handeln. Identitätsunfälle, denen man anmerkte, dass sie keine Tipps von diversen Flirt-Tipps-Websites brauchten – sie brauchten keine Hilfe, es kam alles aus ihnen selbst.

Weil ich ja auch an Maries persönlichen Glück interessiert bin, verschickte ich nur an Männer Likes, die so attraktiv waren, dass ich sie mir ästhetisch gut an ihrer Seite vorstellen konnte. Was soll ich sagen, die folgende Stunde bewies wieder einmal, wie groß der Fehler sein kann, ausschließlich von Fotos auf einen Menschen zu schließen.

“Wo wohnst du? Ich komm vorbei.”

Die ersten Antworten ließen nicht lange auf sich warten. Es war unglaublich, Frauen sind auf Dating-Apps offensichtlich einer Direktheit ausgesetzt, die schon mich massiv verunsicherte und verschreckte, obwohl ich ja gar nicht gemeint war.

Einer der Männer wollte sich am liebsten sofort mit ihr treffen. „Wo wohnst du?“, schrieb er. „Ich komm vorbei.“

Wie bitte, dachte ich und wich instinktiv einige Zentimeter zurück, als ich das las. Der Mann baute sofort einen unangenehmen, von Verzweiflung durchtränkten Druck auf. Ich hatte das Gefühl, in eine Serientäterbiografie geraten zu sein. In solchen Biografien ist schnell mit Toten zu rechnen, darum löste ich schnell auf, dass ich gar nicht Marie wäre, sondern ein Freund.

„Kein Problem“, schrieb er umgehend zurück. „Wir können auch einen Dreier machen. Ich bin da aufgeschlossen.“

Gott, dachte ich und blockierte ihn schnell. Manche Menschen lässt man nicht gern zu nah an sich heran, und ich hatte ja schon aus der virtuellen Distanz das Gefühl, dass er diese Grenze bereits überschritten hatte. Und im Posteingang warteten ja noch ungelesene Nachrichten anderer Männer auf mich.

Einer von ihnen versuchte es mit einem Kompliment. Ein Ansatz, der grundsätzlich nicht schlecht ist. Komplimente kommen ja häufig gut an, vor allem wenn es sich um originelle Komplimente handelt. Tja. Ich möchte es mal folgendermaßen formulieren: Originell war es, aber ich bin mir nicht unbedingt sicher, ob es trotz seiner Originalität gut ankam.

„Bei dir brauch ich keinen Alkohol“, schrieb er. „Dich muss ich mir nicht schön trinken.“

Das war peinlich! Ich wand mich unangenehm berührt und voller Fremdscham, als ich Marie das Kompliment vorlas. Es war ja für sie. Im selben Moment fiel mir jedoch etwas Beunruhigendes auf: Der Gedankengang des Mannes erinnerte mich an meine eigenen Gedanken, bei dem Date mit der Frau, die ihren Profilbildern nicht ähnelte. Ich hoffte, dass ich ihnen nicht ähnlicher war, als ich annahm.

Von den übrigen Nachrichten hat es nur eine in diesen Text geschafft, auch aus pädagogischen Gründen. Denn ganz im Vertrauen: das subtile Kompliment, einer Frau zu sagen, dass sie einen an seine Lieblingspornodarstellerin erinnert, muss von ihr nicht unbedingt als Kompliment wahrgenommen werden.

Nachdem ich alle Männer, die Marie geschrieben hatten, blockiert hatte, gab ich ihr das Smartphone zurück, und wurde wieder zu Michael. Langsam verstand ich, warum mir Frauen immer häufiger sagen, dass sie ausschließlich an gestörte Männer geraten.

Die Voraussetzung ist Wertschätzung

Ich frage mich ja oft, was mit den Leuten nicht stimmt, aber in der vergangenen Stunde an Maries Handy hatte sich diese Frage gewissermaßen potenziert, und das auf mehreren Ebenen. Ich fragte mich, wie man solchen Leuten verständlich machen kann, dass das Leben kein Pornofilm ist. Oder dass sich hinter den Profilen auf Tinder auch reale Menschen verbergen, die verschreckt und verstört werden könnten, wenn man ihnen solche Nachrichten schreibt.

Offensichtlich müssen viele ihre verzerrte Wahrnehmung korrigieren, und vielleicht können die folgenden Gedankengänge hilfreich sein: Man muss sich nur fragen, was es für eine Welt wäre, in der man sich im realen Alltag so verhalten würde wie man sich online gibt. Ich habe die große Vermutung, sie wäre keine bessere.

Im Virtuellen überschreitet man gern Grenzen, die man im normalen Alltag oder Gespräch nie überschreiten würde. Das trifft auf Nachrichten auf Dating-Apps zu, und auch auf WhatsApp-Chats. Derselbe Mechanismus greift aber auch bei diesen Hasskommentaren, die so oft zu lesen sind, und deren Urheber im wirklichen Leben ja häufig bemitleidenswerte Verlierer sind, die ein Ventil brauchen, um ihr trostloses Leben zumindest irgendwie auszuhalten.

Vielleicht hilft da wirklich ein Gedankenspiel: Die Vorstellung, wie es wirken würde, wenn man sich in der Wirklichkeit einem Menschen gegenüber so verhalten würde, wie man sich online gibt. Wenn jemand bei einem Date in der realen Welt als einleitende Worte einen Satz wie: „Wie geil bist du gerade auf einer Skala von 1 bis 10“ anwendet, ist das nicht nur peinlich und unangenehm für alle Beteiligten. Es wirkt auch auf eine Frau, als würde der Abend mit einer Straftat enden. Sie sieht praktisch schon vor ihrem inneren Auge das polizeiliche Absperrband. Es sind einfach Sätze, die anderen Angst machen können, man führt sich praktisch als Soziopath ein. Dass Menschen, die solche Sätze benutzen, das nicht mehr registrieren, ist das eigentlich tragische an diesem Umstand. Die Voraussetzung ist immer Wertschätzung, und das sollten ersten Kontaktaufnahme auch ausdrücken. Und Komplimente auch.

Einige Tage nach meinem Erlebnis, für eine Stunde in Maries Identität zu gewechselt zu sein, habe ich alle Dating-Apps von meinem iPhone entfernt. Meine Profile existieren noch, aber sie liegen brach. Manche Erfahrungen muss ich offenbar immer mal wieder machen, um mir zu zeigen, was ich ohnehin schon weiß. Ich bewege mich lieber in der Wirklichkeit, um eine Frau kennenzulernen. Sie ist mir näher. Viel näher sogar.

Für alle Berliner: Morgen (Donnerstag, 7. November) mache ich um 20 Uhr eine Geheimlesung in der Kastanienallee in Prenzlauer Berg. Der Eintritt ist frei. Schickt einfach eine E-Mail mit Vor- und Zunamen an diese E-Mail-Adresse: berlin@michaelnast.com. Unter allen Einsendungen verlosen wir dann die Plätze. Wenn ihr bis Donnerstag um 15 Uhr eine Bestätigungsmail mit den Details bekommt, steht ihr +1 auf der Liste.

Die nächste Kolumne erscheint am Mittwoch – und ab Januar gehe ich auf Lesetour. Tickets gibt’s hier!

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