Als ich vor ziemlich genau zwei Monaten mit meinem guten Freund Stephan durch Berlin-Mitte lief, erlebte ich einen perfekten Moment. Es war eine warme Sommernacht Ende August, wir kamen aus einem Restaurant in der Torstraße, und bogen gerade in die Brunnenstraße, in der Stephan seinen Wagen geparkt hatte. Ungefähr fünfzig Meter, bevor wir den Wagen erreichten, passierten wir die Sharlie Cheen Bar, vor der sich eine fünfköpfige Gruppe befand, vier Männer und eine Frau, die einen Hund an der Leine hielt. Die Frau mit dem Hund war attraktiv, und unsere Blicke trafen sich kurz, bevor wir die Gruppe erreichten. Als wir sie passiert hatten, blickte ich zu Stephan und sagte: „Das war übrigens gerade eine sehr attraktive Frau.“

Ich glaube, sie hat den Satz gehört, denn als wir in den Wagen gestiegen waren und noch einmal an der Gruppe vorbeifuhren, sah sie mich lächelnd an. Dann hoben wir beide zeitgleich die Hand und winkten uns zu, bevor sie aus meinem Blickfeld verschwand. Als wir am Rosenthaler Platz in die Torstraße bogen, spürte ich, dass ich gerade zwei perfekte Minuten erlebt hatte.

Weil ich nicht daran gedacht hatte, dass wir noch in Hörweite waren, als wir an ihr vorbeigingen , hatte ich der Frau ein Kompliment gemacht, ohne dass es mir aufgefallen war. Ich hatte ihre Attraktivität registriert, ohne irgendwelche Hintergedanken. Es war eine Feststellung, und keine Taktik, um mit ihr ins Gespräch zu kommen, oder ihr Interesse zu wecken.

Es war eine Szene, die nachwirkte, vielleicht weil man nur selten in Situationen wie diese gerät. Obwohl sich unsere Leben nur beinahe berührt hatten, hatte es bei uns beiden ein gutes Gefühl hinterlassen. Seitdem denke ich oft daran, wie einfach es doch sein kann, jemandem ein gutes Gefühl zu vermitteln.

Aus irgendeinem Grund erinnerte mich das an ein Erlebnis vor einigen Jahren. Als ich einmal mit Freunden essen war, lief ein vielleicht dreijähriger Junge an unserem Tisch vorbei und winkte mir lachend zu. Das traf mich mitten ins Herz. Ich kannte ihn nicht, und auch die Gesichter seiner Eltern, die ihm folgten, waren mir kein Begriff. Ich musste unwillkürlich ebenfalls lachen und winkte zurück. Vielleicht hatte der Junge gerade herausgefunden, dass er die konzentrierten, angespannten oder ausdruckslosen Gesichter von Menschen zum Lachen brachte, wenn er ihnen zuwinkte. Er war sich seiner Wirkung bewusst, der wundervollen Gabe eines Kindes, in den Menschen ein warmes Gefühl auszulösen.

Die meisten Menschen benötigen mehr Liebe als sie verdienen

Es sind diese kleinen Momente, die kleinen Gesten, die in einen ganzen Tag strahlen können. Und es ist schade, dass man diese einfache Wahrheit, die jedem klar sein müsste, überhaupt noch einmal erwähnen muss. Aber es gibt Dinge, an die wir immer wieder erinnert werden müssen. Einem Fremden einen freundlichen Blick oder ein Lächeln zu schenken, die kleine Zuvorkommenheit, einem älteren Menschen die Tür aufzuhalten, oder einen anderen Autofahrer vorzulassen, obwohl man das gar nicht müsste. All das kann jemandem den Tag retten.

Gerade jetzt im Herbst muss ich oft daran denken. Vielleicht weil die Straßen der Berliner Innenstadt in dieser Jahreszeit vor allem von Menschen bevölkert sind, die wirken, als würden sie eine kleine, freundliche Geste ziemlich nötig haben. Allerdings verhalten sich viele von ihnen nicht so, als hätten sie sie verdient. Teilnahmslose oder aggressive Gesichter, denen man ansieht, dass ihnen die anderen im Weg sind. Jeder scheint zu sehr mit sich selbst beschäftigt zu sein, um auf andere Rücksicht zu nehmen. Man sagt ja, dass die meisten Menschen mehr Liebe benötigen als sie verdienen. Die Menschen, die in den dunklen Monaten des Jahres in Berlin unterwegs sind, wirken, als wären sie dafür gecastet worden, um diese These zu beweisen.

Aber einmal war das anders, vollkommen anders sogar. Und zwar in der Vorweihnachtszeit vor drei Jahren. Mir fällt es ja immer schwer, in die richtige Weihnachtsstimmung zu kommen, aber als ich an einem Abend kurz vor den Feiertagen die letzten Weihnachtseinkäufe erledigte, stellte ich fest, dass sich etwas in Berlin geändert hatte: die Menschen gingen anders miteinander um. Jeder, dem ich begegnete, war freundlich und zuvorkommend. Fremde nickten sich zu, hielten einander die Tür auf, und lächelten einander an. Die Menschen gingen behutsamer miteinander um. Sie achteten aufeinander. Ich spürte ein ungewohntes, herzliches Gefühl, das vollkommen Fremde in mir auslösten, und das an einem der hektischsten Tage des Jahres. Und ich fühlte, dass ich mich genau jetzt in dieser Weihnachtsstimmung befand, nach der ich mich in den Feiertagen so oft sehne. Ich begriff wieder einmal die einfache Wahrheit: Wenn die Menschen mehr aufeinander achten würden, wäre die Welt eine andere. Berlin war in diesen Tagen das beste Beispiel.

Tragisch wird es allerdings, wenn man den Grund erfährt, der aus dem allgegenwärtigen Gegeneinander für ein paar Tage ein Miteinander gemacht hat: Es lag daran, dass nur wenige Tage zuvor der Anschlag auf dem Weihnachtsmarkt am Berliner Breitscheidplatz verübt wurde. Wir waren alle noch unter dem Eindruck des Ereignisses, und das löste etwas in uns aus, das uns anders miteinander umgehen ließ.

Es ist schade, dass erst solche Dinge passieren müssen, damit die Menschen mehr aufeinander achten. Aber wenn wir ehrlich sind, muss das ja nicht so sein. Ich habe das ausprobiert, am vergangenen Freitag.

Umzingelt von Idioten

Mir fällt ja immer am deutlichsten auf, wie rücksichtslos die Menschen im Alltag miteinander umgehen, wenn ich ihrem Verhalten im Straßenverkehr ausgesetzt bin. Weil ich mir im September ein Rennrad gekauft habe, und seitdem viel damit fahre, werde ich gezwungen, diesen Umstand häufig zu überprüfen. Es ist mir unbegreiflich, wie manche Leute Auto fahren. Vor allem wenn man ein Fahrradfahrer ist. Man gewinnt schnell den Eindruck, dass Berlin von Idioten bevölkert ist. Dass man gesetzlich festlegen sollte, dass Autofahrer auch psychologisch abgeklärt werden, bevor sie sich hinter das Steuer eines Wagens setzen dürfen. Bei Fahrradfahrern gibt es natürlich auch nicht wenige Idioten. Manchmal stelle ich mir vor, man würde sie einfach austauschen. Vermutlich würde man es nicht einmal bemerken. Es ist die Haltung, die sie einander ähnlich macht, nicht das Fortbewegungsmittel, das sie nutzen.

Am Freitag bin ich die 20 Kilometer zu meinen Eltern gefahren. Ich konnte die Nahtoderlebnisse zählen. Man kann es schon so sagen, dass mir während jeder Fahrt ein bis drei Mal die Chance gegeben wird, einen aufsehenerregenden Tod zu sterben. Ich war – wie immer – aufs Neue überrascht, wie viele Autofahrer mich schnitten oder die Vorfahrt nahmen, oder wie selbstverständlich sie auf Radwegen parken. Oder wie sie aus Seitenstraßen kommen, und auf dem Fahrradweg darauf warten, dass sie abbiegen können. Wenn sie einen Fahrradfahrer kommen sehen, setzen sie auch nicht zurück, selbst wenn niemand hinter ihnen steht. Sie glotzen einen nur dumpf an. In solchen Situationen werde ich zu einem nonverbalen Choleriker. Ich versuche mein Unverständnis mit Blicken auszudrücken. Ich bin mir allerdings nicht sicher, ob sie diese Botschaft erreicht.

Am Freitag änderte ich allerdings unbewusst meine Taktik. Als ich auf der Rückfahrt war, stand ein Wagen auf dem Fahrradweg, der aus einer Seitenstraße in den um diese Uhrzeit stark befahrenen Hultschiner Damm einbiegen wollte. Als die Fahrerin mich sah, setzte sie zurück, um mich vorbeizulassen. Ich war so dankbar für ihre Höflichkeit, dass ich meine Hand hob und ihr dankbar zunickte, als würden wir uns kennen. Und dann passierte es. Im Gesicht der Fahrerin leuchtete Erstaunen, das ansatzlos in ein Lächeln überging. Mir fiel auf, dass ich jetzt ebenfalls lächelte. Es gab eine kurze Verbindung. Ein kurzes Aufleuchten, das bei uns beiden ein gutes Gefühl hinterließ. Auf der Karl-Marx-Allee geschah zwanzig Minuten später noch einmal das gleiche. Im Wagen saß diesmal ein junges Paar, ich winkte den beiden kurz zu, und wieder gab es dieses Aufblitzen, eine Verbindung, die bei uns allen ein gutes Gefühl hinterließ.

Dinge für selbstverständlich zu halten, ist der beste Weg, sie zu verlieren

Bei beiden hatte ich ihre Umsicht wahrgenommen, und sie nicht als selbstverständlich angesehen. Vielleicht ist es ja das, worum es eigentlich geht: Die Dinge nicht als selbstverständlich wahrzunehmen, und das auch zu zeigen. Es gibt eine große Gemeinsamkeit zwischen Freundschaften, Beziehungen, Liebe, dem Umgang miteinander, aber auch der Demokratie: Der beste Weg, um sie zu verlieren, ist es, sie als zu selbstverständlich zu sehen. Man muss immer etwas dafür tun, sie pflegen, sich ihres Wertes bewusst sein. Die Dinge zerbrechen schließlich, wenn man nicht auf sie Acht gibt.

In einem Film, den ich einmal gesehen habe, wird ein Mann gefragt: „Würdest du etwas in deinem Leben ändern, wenn du zurückblickst?“ Der Mann denkt einige Sekunden nach, bevor er antwortet. Dann sagt er: „Vielleicht würde ich öfter mal sagen, was ich fühle.“ Ein Dialog, der sich mir eingeprägt hat.

Während ich diesen Text schreibe, fällt mir auf, wie selten ich Menschen, die mir etwas bedeuten, auch mal sage, wie viel sie mir bedeuten. Vielleicht lag es an diesen Überlegungen, dass ich am vorletzten Sonntag auf Facebook und Instagram ein Bild postete, auf dem der Satz: „Falls es dir heute noch niemand gesagt haben sollte: Es ist schön, dass es dich gibt“ zu lesen war.

Als ich einige Stunden darauf Facebook und Instagram öffnete, sah ich überrascht die vielen Kommentare unter dem Bild, in denen Leser die Menschen, die ihnen wichtig waren, verlinkt hatten – und die herzlichen Antworten ihrer Freunde. Eine Frau schrieb mir, dass sie den Satz in ihren WhatsApp-Status geschrieben hatte, und sich seitdem andauernd Freunde bei ihr melden würden. Ich musste unwillkürlich lächeln, als ich das las.

Anleitung, aus dem Alltäglichen das Besondere zu machen

Liebe Leser, jetzt werde ich etwas machen, was ich noch nie gemacht habe: Ich gebe euch eine Aufgabe mit. Macht es doch einfach mal: Schenkt einem Fremden ein Lächeln, sagt jemandem, der euch etwas bedeutet, dass er euch etwas bedeutet. Wie sie reagiert haben, könnt ihr gern in die Kommentare unter dem Kolumnen-Post auf Facebook oder Instagram schreiben. Das würde mich wirklich interessieren. Es ist nur eine kleine Geste, und ihr werdet sehen, dass sie auch in euren Tag strahlen wird. Es sind diese Kleinigkeiten, die aus dem Alltäglichen das Besondere machen können. Die vielen kleinen perfekten Momente, die das Leben eigentlich ausmachen. Und die zusammengenommen so viel ändern können. Vielleicht sogar alles.

Ach ja, und falls es dir heute noch niemand gesagt hat: Es ist schön, dass es dich gibt!

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