Anfang August traf ich mich mit meinen Freunden Lukas und Sebastian im Café Schoenbrunn, einem Biergarten im Volkspark Friedrichshain, den ich sehr mag, weil man hier das Gefühl hat, nicht in Berlin zu sein, obwohl der Park mitten in der Innenstadt liegt. Wir tranken Bier und sprachen darüber, was es Neues in unseren Leben gab, bevor das Gespräch ein Thema berührte, das immer besprochen wird, wenn ich mich mit Menschen treffe, denen ich etwas bedeute. Die Frage, woran es denn nun liegt, dass ich immer noch Single bin. Oder wieder. Offen gestanden sind meine Freunde inzwischen ziemlich ratlos, denn mein Liebesleben scheint sich ausschließlich aus schlüssigen Anekdoten zusammenzusetzen, die begründen, warum es ein Fehler gewesen wäre, mit der jeweiligen Frau zusammenzukommen.

Sagen wir es so: Seit dem letzten Treffen mit meinen Freunden war ich zwei Fehlern begegnet. Zwei Fehler, die Johanna und Laura hießen.

Mit Johanna hatte ich mich vor einigen Monaten getroffen. Sie ist Journalistin und hat auch zwei Bücher geschrieben. Ich mochte sie wirklich, bis zu diesem Abend, der aus der Frau, mit der ich mir vielleicht eine Zukunft vorstellte, eine zweimonatige Liaison machen sollte. Wir saßen auf meinem Balkon und tranken Wein. Man sagt ja, im Wein liegt die Wahrheit. Ich bin mir nicht sicher, ob das immer zutrifft, aber in dem ausgezeichneten 2008er Rioja, den wir tranken, schienen sehr viele Wahrheiten zu liegen. Vor allem unbequeme. Denn als ich Johannas Glas zum dritten Mal füllte, wechselte sie sehr unvermittelt das Thema.

„Machen wir uns doch nichts vor“, rief sie aggressiv. „Ich schreibe einfach viel besser als du.“

Ich wich erschrocken einige Zentimeter zurück, auch weil mich dieser Themenwechsel so unerwartet traf. Ich ahnte allerdings nicht, dass das erst der Anfang war. Dass der Wein gerade erst begann, seine Wirkung zu entfalten. Johanna hatte mit diesen Sätzen gewissermaßen nur durchgeladen. Aber jetzt rief alles in ihr: „Feuer frei.“

Unser Date nahm praktisch eine Beziehung vorweg

Sie erzählte, dass sie tagelang durch die Berliner Buchhandlungen streifte, um ihre Bücher auf meine zu legen. Sie wollte mich praktisch verschwinden lassen. Ich war offensichtlich zu ihrem Hobby geworden. Ein Geständnis, das auch eine Verabschiedung war, denn in diesem Moment begriff ich, dass eine Beziehung mit dieser Frau ein ewiger Konkurrenzkampf sein würde. Unser Gespräch nahm praktisch eine Beziehung vorweg.

Wir schliefen dann doch noch miteinander, was daran liegen konnte, dass der Alkohol jetzt auch begann, mir die Entscheidungen abzunehmen. Nachdem wir die Nacht miteinander verbracht hatten, stand Johanna im Treppenhaus und rief: „Du meldest dich sowieso nicht bei mir.“

„Natürlich meld ich mich“, sagte ich mit einem beruhigenden Blick, und war in diesem Moment sogar davon überzeugt. Was soll ich sagen, es war eine dieser selbsterfüllenden Prophezeiungen. Wir sind uns dann einige Zeit darauf zufällig auf dem U-Bahnhof Alexanderplatz begegnet. Als sie mich erkannte, verspannte sie sich, wandte den Blick ab und ging resolut an mir vorbei. Sie legte praktisch ihren ganz Hass in ihre Körpersprache, und ich hatte ihn wohl auch verdient.

Bei Laura, dem zweiten Fehler, war es eher ein Detail. Formulieren wir es mal so: Ihr Paarungsritual hatte einige verstörende Bestandteile. Die bestanden darin, dass sie mich, während wir miteinander schliefen, mit eindringlicher Stimme permanent psychologisch bewertete. Ich habe ja schon Probleme mit Frauen, die aus Gründen, die ich nicht nachvollziehen kann, jede Stellung kommentieren müssen, aber das hier war schlimmer.

Als ich beispielsweise oben war, analysierte Laura mit einem lauten Stöhnen: „Ja! Und jetzt lebst du dein Machtgefühl aus.“ Es war wirklich verstörend. Ich versuchte, ihre Analysen irgendwie auszublenden, aber es funktionierte nicht. Alkohol hätte eine Lösung sein können. Aber aus irgendeinem Grund missfällt mir der Gedanke, mein zentrales Nervensystem vollkommen lahm zu legen, um den Sex mit der Frau irgendwie erträglich zu machen. Offensichtlich hatte nur ein schwerer Alkoholiker eine Zukunft mit ihr, eine Grenze, die ich nicht bereit war, zu überschreiten.

Am nächsten Morgen sagte Laura entschieden: „Also: Am Montag komm ich zu dir, dann kochst du für mich, wir trinken Wein und wir haben einen schönen Abend.“ Es klang wie ein Befehl, oder eine Gebrauchsanweisung. Lauras Anleitung zum Glücklichsein sozusagen.

Für das Unterbewusstsein sind die falschen Partner die richtigen

Die beiden Frauen waren jetzt natürlich drastische Beispiele. Johanna und Laura prügelten die Argumente, die gegen sie sprachen, ja praktisch auf mich ein. Aber wenn meine Eltern meine Beziehungen der letzten Jahre überblicken, fassen sie sie mit der Erkenntnis zusammen: „Du warst ja immer mit psychisch äußerst labilen Frauen zusammen.“

Ähnlich sehen es meine Freunde, deren Augen sich im Schoenbrunn während meiner Schilderungen immer fassungsloser geweitet hatten. „Du gerätst auch immer an die falschen Frauen“, riefen sie.

„Aber letztlich haben wir doch alle einen Schuss“, sagte Sebastian nach kurzem Schweigen. „Vielleicht geht ja gar nicht darum, jemanden zu finden, der keine Störungen hat, sondern darum, wie gut die Störungen der Frau zu den eigenen passen. Wie gut sie harmonieren und sich ergänzen.“

„Verstehe“, sagte ich und suchte den Blick von Lukas, der mich allerdings ansah, als würde er die Überlegungen von Sebastian für eine bedenkenswerte These halten.

„Und du magst es ja kompliziert“, sagte Lukas mit beruhigender Stimme, und fasste also ebenfalls meine Liaisons der vergangenen Jahre zusammen.

„Ich meine, ich will mich ja nicht in eine Opferrolle begeben“, erwiderte ich. „Aber ich frag mich schon, warum ich so oft an solche Frauen gerate. Ich meine, ich wähle sie ja nicht bewusst aus.“

„Aber du wählst sie aus“, sagte Lukas.

Wir sehnen uns nach der Vertrautheit unaufgearbeiteter Konflikte unserer Kindheit

Er machte eine kurze Pause, bevor er weitersprach. „Unbewusst auf jeden Fall. Im Grunde genommen suchen wir uns immer den falschen Partner aus. Das passiert natürlich alles unbewusst. Für dein Unterbewusstsein sind falsche Partner nämlich die richtigen.“

„Wie bitte?“ Ich sah ihn verständnislos an.

„Das liegt an den Prägungen unserer Kindheit“, fuhr er fort. „Wir interessieren uns unbewusst für Menschen, mit denen wir die unaufgearbeiteten Konflikte unserer Kindheit noch einmal durchleben können. Wenn die nicht aufgearbeitet wurden, sucht man sich auch als Erwachsener Partner, mit denen man den Konflikt noch einmal durchleben kann, um ihn zu aufzulösen. Wenn man das Trauma nicht auflöst, zerbricht die Beziehung und man begibt sich mit einem neuen Partner aufs Neue in die Situation. Eine endlose Schleife.“

„Wie ermutigend“, lachte ich bitter.

Einige Tage darauf las ich ein Interview mit dem Philosophen Jörg Bernardy, der bestätigte, was Lukas beschrieben hatte. „Aber was wir als Schwächen des anderen wahrnehmen, sind nur Verhaltensmuster“, sagt Bernardy. „Diese Muster stammen fast immer aus der Kindheit. Wir suchen in der Liebe die Vertrautheit von früher. Auch wenn es die Vertrautheit unaufgearbeiteter Konflikte ist. In diesem Sinn wählen wir immer den falschen Partner, er soll die Muster bedienen, die wir zu finden hoffen. Er soll uns das Leid zufügen, das wir erwarten.“

Es wurde immer schlimmer. Danke, Jörg, dachte ich hilflos. Vielen, vielen Dank.

„Das Problem ist ja auch, dass du so schnell das Interesse verlierst, wenn es mal nicht kompliziert ist“, sagte Sebastian. „Dann wird die Frau langweilig.“

„Stimmt“, sagte Lukas und nickte.

Ich nickte ebenfalls. Offenbar entkam ich diesem Muster nicht. Die Frage war also, wie man es aufbrach. Vielleicht war es ein Anfang, herauszufinden, was überhaupt das Trauma war. Welches Leid meine Seele so beschädigt hatte, dass mein Unterbewusstsein immer wieder aufs Neue danach suchte, um es zu durchleben und aufzulösen. Offen gestanden finde ich keinen Punkt, an dem ich ansetzen kann.

Es geht darum, die eigenen Muster aufzubrechen

Vorletzte Woche habe ich mich mit einer alten Freundin darüber unterhalten, die mir erzählte, dass sie zum ersten Mal in ihrem Leben in einer glücklichen Beziehung ist.

„Dabei war er überhaupt nicht mein Typ“, sagte sie. „Aber ich habe mich auf ihn eingelassen. Und das war das Beste, was mir passieren konnte.“

Mir fiel Lukas ein, der als Psychologe eigentlich alles aus dem Verhältnis zu unseren Eltern ableitet. Ich kenne den Vater meiner Freundin, den ich sehr mag. Ein witziger, schlagfertiger Mann, mit dem ich viel lachen kann, mit dem ich aber noch nie ein ernsthaftes, persönliches Gespräch geführt habe. Da ist ein Abstand, der einem gar nicht auffällt. Er lässt niemanden an sich heran. Private Probleme behandelt er genauso wie Probleme, die im Beruf zu lösen hat. Auch seine Tochter hat er nie an sich herangelassen. Ein Umstand, unter dem seine Tochter lange Zeit gelitten hat.

„Mein Ex-Freunde waren alle nicht greifbar“, sagte sie. „Emotional bin ich nie zu ihnen durchgedrungen. Aber bei Sascha war das anders.“

Ich sah sie an. Erst jetzt fiel mir auf, dass die Erzählungen über ihre Ex-Freunde klangen, als würde sie die Beziehung zu ihrem Vater beschreiben. Ihre Geschichte klang wie ein klassisches Fallbeispiel, das Lukas’ und Jörgs Thesen bestätigte. Aber mit Sascha ist sie ausgebrochen. Meine Freundin hat die Muster aufgebrochen und sie verlassen. Sie hat sich auf etwas Neues eingelassen. Vielleicht ist das der Schlüssel, der den ganzen Unterschied macht.

Als wir uns mit einer Umarmung verabschiedeten, spürte ich, dass ich bereit war. Ich war bereit, die Muster aufzubrechen, offen zu sein, mich einzulassen. Etwas Neues auszuprobieren. Denn das ist es, was dem Leben einen Wert gibt. Und das gilt nicht nur für die Liebe.

Für alle Berliner: Am 6. November lese ich um 19:30 Uhr in der wunderschönen Pablo-Neruda-Bibliothek in Friedrichshain. Der Eintritt ist frei, ihr müsst euch nur anmelden. Einfach eine E-Mail mit Vor- und Zunamen aller Personen, die kommen wollen, an diese E-Mail-Adresse schicken: info-stadtbibliothek@ba-fk.berlin.de

Und im Januar gehe ich dann richtig auf Lesetour: Tickets gibt’s hier:

“Vom Sinn unseres Lebens” – das neue Buch von Michael Nast. Ab sofort überall erhältlich!