Am vergangenen Wochenende machte mein Freund Sebastian eine Fahrradtour nach Chorin, einem brandenburgischen Ort, der für sein Kloster bekannt ist, und sich ungefähr 60 Kilometer nordöstlich von Berlin befindet. Weil die verschiedenen WhatsApp-Gruppen, in denen Sebastian seine Freundeskreise organisiert hat, inzwischen einen beträchtlichen Teil seinen Lebens einnehmen, war der erste Impuls, dem er nach seiner Ankunft praktisch nachgeben musste, ein Selfie zu machen, um es in verschiedenen WhatsApp-Gruppen zu teilen. Als er konzentriert auf dem Display seines Handy überprüfte, wie er sich positionieren konnte, um zum einen möglichst sportlich auszusehen, während zum anderen natürlich auch das Kloster Chorin auf dem Bild gut erkennbar sein musste, wurde er von einer schrillen Stimme unterbrochen.

„Fotografieren Sie mich?“ rief die entrüstete Stimme, die zu einer Frau mittleren Alters gehörte.

„Ich mach ein Selfie, die Kamera ist doch vorn“, rief Sebastian irritiert, um dann nach einer kurzen Pause hinzuzufügen: „Weshalb sollte ich Sie denn fotografieren?“

Die Frau sah ihn an, rückblickend erschien es ihm, als würde sie Anlauf nehmen, dann rief sie entschieden: „Um sich darauf einen runterzuholen.“

Wie bitte?, dachte er. Eigentlich dachte er nicht einmal „Wie bitte?“. Der Satz der Frau überforderte ihn vollkommen, er brauchte einige Sekunden, um die Information überhaupt zu verarbeiten. Die beiden sahen sich einige Sekunden lang schweigend an. Es erinnerte an ein Duell. Dann rief Sebastian atemlos: „Überschätzen Sie sich mal nicht.“

„Die Frau war mindestens sechzig“, rief er verzweifelt, als er mir am Abend davon erzählte.

Vielleicht hielt sie Sebastian für einen aus der geschlossenen Psychiatrie geflüchteten Sexualstraftäter, dachte ich. Ich kann das insofern nachvollziehen, weil ich die Kleidung kenne, die die Radfahrer meines Bekanntenkreises tragen, und leider kenne ich auch die Farben, in denen diese Kleidung gehalten ist. Wer solche Kleidung trägt, erzählt ja auch, dass er schon lange keinen Sex gehabt hat, und dass es auch nicht so aussieht, als würde in nächster Zeit mit positiven Wendungen zu rechnen sein. Die Kleidung scheint ihnen keine andere Wahl zu lassen, als auf Fotos, die sie heimlich von Frauen machen, zu onanieren.

Ich vermute allerdings, die Gründe liegen woanders.

Ich kenne das kulturelle Angebot von Chorin nicht wirklich. Bei Wikipedia steht, dass der Ort 2339 Einwohner hat, eine Zahl, die darauf schließen lässt, dass das kulturelle Leben in der Gegend vor allem daraus besteht, den Fernseher einzuschalten oder im Internet zu surfen. Ich kann mir gut vorstellen, dass die Frau einfach zu viel Fernsehen gesehen hat. Ich besitze ja schon seit Jahren keinen Fernseher mehr, aber manchmal, wenn ich meine Eltern besuche, sehe ich dort auch ein bisschen fern. Und wenn ich Nachrichten oder Reportagen sehe, die so gesendet werden, gewinne ich den Eindruck, dass sich die Bevölkerung unseres Landes inzwischen vor allem aus kriminellen Flüchtlingen, die Attentate vorbereiten, Sexualstraftätern und Nazis zusammensetzt. Ich kann die Frau aus Chorin verstehen. Wenn man tagtäglich mit solchen Reportagen und Artikeln überschüttet wird, kann es schnell passieren, dass man plötzlich in jedem fremden Mann einen geflüchteten Sexualstraftäter sieht.

Als ich im Sommer mit einem Freund durch den Volkspark Friedrichshain lief, blieben wir zufällig am Eingang zu einem Spielplatz stehen, weil ich ihm etwas auf meinem Handy zeigen wollte. Als wir die Köpfe hoben und die feindseligen Blicke der Mütter sahen, begriffen wir mit einem unangenehmen Gefühl, dass wir einen Fehler gemacht hatten, und gingen schnell weiter. Wenn zwei Männer ohne Kinder in der unmittelbaren Nähe eines Spielplatzes stehen, geht man inzwischen ja schon instinktiv davon aus, dass sie nichts gutes im Schilde führen. Die Frage ist natürlich, warum das so ist.

Wer sich jetzt auch noch fragt, wie das denn nun alles mit den Frauen zusammenhängt, mit denen ich geschlafen habe, den muss ich bitten, sich noch ein wenig zu gedulden. Aber ich kann versprechen, dass sich diese Geduld lohnen wird. Und weil alles mit allem zusammenhängt, sind alle Teile des Textes wichtig, um den anderen zu verstehen.

Natürlich macht die Art, wie wir Medien konsumieren, etwas mit uns

Wir leben in einer Aufmerksamkeitsökonomie. Nur wer am lautesten brüllt, wird wahrgenommen. Schlechte Nachrichten gelten als verwertbarste Nachrichten. Weil wir am ehesten auf Artikel klicken, die unsere Ängste ansprechen. Oder unseren Voyeurismus.

Natürlich macht die Art, wie wir Medien konsumieren, etwas mit uns. Manchmal frage ich mich, inwieweit diese hysterische Berichterstattung Einfluss darauf hat, wie hysterisch unsere Gesellschaft inzwischen geworden ist. Ich fürchte, nicht wenig. Wir leben in einer Epoche der Erregung. Wir springen von einer Hysterie in die nächste. Und wer permanent mit Hysterien bombardiert, wird irgendwann selbst hysterisch.

Ein befreundeter Musikproduzent hat mir erzählt, dass sich die Struktur von Songs vollkommen verändert hat, seitdem es Spotify gibt. „In den ersten zwanzig Sekunden muss alles passieren, damit nicht weitergeskippt wird“, sagte er.

Derselbe Mechanismus greift auch bei den Nachrichten, die wir konsumieren. Es geht um schnelle Reize, die, sobald sie weniger werden, durch einen neuen Reiz ersetzt werden. Willkommen in der Erlebniswelt der Konsumenten. Es geht darum aufzufallen. Nur wenn man polarisiert, wird man wahrgenommen. In dem ewigen Krieg um Aufmerksamkeit reiht sich ein Skandal an den nächsten. Eine Breaking News ersetzt die andere. Was gestern die Titelbilder der Zeitungen und Magazine bestimmte, ist nur einige Tage darauf vergessen.

Unser Denken wird mit Nachrichtenmeldungen geflutet, die uns einen kurzen Moment erschüttern, bevor uns die nächste Meldung für einen kurzen Moment erschüttert. Wir konsumieren Nachrichten in von Redakteuren vorgefertigten Häppchen, es ist nichts Nachhaltiges, kein tiefer Eindruck, der bleibt. Der Teil einer Show, die immer unwirklicher wird, weil sich die Hiobsmeldungen überschlagen. Weil wir abstumpfen. Wir konsumieren Leid als würden wir uns einen Action-Film ansehen, in dem ja auch viel gestorben wird. Es unterhält uns.

Als am Montag vergangener Woche klar wurde, dass die Bundesregierung die Maßnahmen ihres Klimapakets so aufgeweicht hat, dass sie es eigentlich gar nicht hätte verabschieden müssen, war dieser Skandal einen Tag lang auf den Titelseiten. Am nächsten Tag wurde er durch die nächsten Breaking News ersetzt. Gerade bei diesem Beispiel habe ich den Eindruck, dass der Mechanismus, wie Nachrichten inzwischen aufgearbeitet werden, den Leuten, die für so etwas verantwortlich sind, gar nicht so unrecht ist.

Erinnert sich eigentlich noch jemand an dieses arme Berliner Mädchen, dass im Februar verschwand, und so viele auch in meinem Freundeskreis beschäftigte. An Rebecca.

Huch, denken jetzt sicherlich einige, an die hab ich ja seit Monaten nicht mehr gedacht.

Mir ging es ähnlich, was seltsam ist, wenn man sich an die Hysterie erinnert, die ihr Verschwinden Anfang des Jahres ausgelöst hat. Jeden Tag gab es neue Erkenntnisse, die eigentlich gar keine neuen Erkenntnisse waren. Es erinnerte an eine Soap. Jeder, den ich kenne, entwarf eigene Theorien über die wahren Hintergründe des Verbrechens. Ich kam mir vor, als hätte ich mich wochenlang in einem „Aktenzeichen XY“-Spiegeluniversum begeben. Jeder wurde zu einem Experten. Wir haben mitgefiebert, mitgelitten, Theorien entwickelt, als wäre Rebecca ein Familienmitglied. Es schien jeden zu betreffen.

Manchmal denke ich, dass dieser Fall das Land nur aus einem Grund so beschäftigt hat: Das Fahndungsfoto hat einfach gestimmt. Wenn man so will, hatte das Foto Instagramibility. Rebbecca sah auf dem Foto wie eine Influencerin aus. Dass die Person mit den vollen Lippen und der Lolita-Post unter den vielen Filtern als Fahndungsfoto vollkommen ungeeignet war, weil es dem Mädchen gar nicht ähnelte, schien irgendwie niemandem aufzufallen. Auch nicht der Polizei, die das Bild ja an die Presse gegeben hatte. In einer Aufmerksamkeitsökonomie ist Prominenz eine Kunstform. Offensichtlich war das auch bei Rebecca der Fall.

Nichts zeigt so deutlich wie Rebeccas Fall, dass Nachrichten eine Form von Showbusiness geworden. Und bei der Berichterstattung über den Anschlag in Halle war das ähnlich. Ich hatte teilweise das Gefühl, in einen Ego-Shooter versetzt worden zu sein. Ich hoffe nur, dass sich die Sensibilität für rechte Gewalt in diesem Land nicht in den Breaking News der nächsten Zeit auflöst.

Manchmal frage ich mich, wie viele wirklich gute Texte nicht gelesen werden, weil die Überschrift niemanden animiert hat, ihn zu lesen. Die Fassade muss stimmen, damit der Inhalt wahrgenommen wird. Wie bei Rebecca.

Weil ja am kommenden Wochenende Buchmesse ist, wird in den ernstzunehmenden Magazinen und Zeitschriften viel über Literatur geschrieben. Der Journalist Harald Martenstein hat im Zeit Magazin erklärt, dass es vor allem am Titel eines Buches liegt, damit es ein Bestseller wird. Ich bin mir nicht sicher, ob das zutrifft, aber ein wahrer Kern liegt schon in dieser These. Der erfolgreichste Roman des Schriftstellers Milan Kundera heißt „Die unerträgliche Leichtigkeit des Seins.“ Ein genialer Titel, der so ziemlich jeden anspricht. Ein Titel, der elegant klingt, mit so viel Bedeutung und Interpretationsspielraum aufgeladen ist, dass man unbedingt lesen möchte, was in dem Buch steht.

Eine Herausforderung, vor der auch viele Online-Redakteure stehen. Weil es darum geht, wahrgenommen zu werden, entscheidet die Überschrift eines Online-Artikels alles. Sie ist wichtiger als der Inhalt. Denn es geht ja nur darum, dass man auf der Seite landet, damit die Werbung abgerechnet werden kann. Es geht um Klickzahlen. Es geht darum, Geld zu verdienen, und das in einer Branche, die mit dem Rücken zur Wand steht, weil sie immer noch nicht so richtig weiß, wie sie sich an die neuen Gegebenheiten anpassen soll.

Und das bringt uns endlich dazu, worauf sicherlich viele gewartet haben. Auf die Frage, was die Überschrift dieser Kolumne mit dem Inhalt zu tun hat. Was hat das denn nun alles mit den Frauen zu tun, mit denen ich Sex hatte. Die Antwort ist einfach. Auf der ersten Ebene nichts – auf der zweiten Ebene alles. Denn diese Überschrift löst den aktivierenden Reiz aus, der das Prinzip deutlich macht. Ihr seid gewissermaßen die Beta-Tester. Um sich selbst zu hinterfragen, ob man überhaupt auf den Link geklickt hätte, würde die Überschrift nicht genau diesen Reiz bedienen. Es ist derselbe Mechanismus, aus dem Formate wie „Bauer sucht Frau“ oder das Dschungelcamp so erfolgreich sind. Sie bedienen unseren Voyeurismus. Ich hoffe, ihr seid jetzt nicht allzu enttäuscht, und die Frauen, mit denen ich schlief, mögen mir den kleinen Schockmoment verzeihen, sollten sie die Überschrift gelesen haben. Aber unter uns, mir wäre es nicht anders gegangen. Ich hätte auch geklickt.

Und natürlich gibt es sie noch, die guten Reportagen, in denen Themen ausgeleuchtet werden und Zusammenhänge erklärt werden. Die tragische Frage ist allerdings, wie viele so etwas überhaupt noch lesen wollen. Natürlich sind Nachrichten immer auch Unterhaltung, sonst würden wir sie gar nicht lesen, aber wir können entscheiden, auf welchen Niveau wir unterhalten werden wollen. Es muss ja nicht unbedingt das RTL 2-Reality-TV-Niveau der Bild-Zeitung sein.

Oder?

Die nächste Kolumne erscheint am Mittwoch – und ab Januar gehe ich auf Lesetour. Tickets gibt’s hier!

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