Manchmal frage ich mich, was bei der digitalen Ich-Werdung einiger Leute so schiefgelaufen ist. Ich finde es immer wieder erstaunlich, wie sehr sich das virtuelle Wesen einer Person von dem Menschen unterscheiden kann, dem man in der Wirklichkeit begegnet. Das fängt schon beim WhatsApp-Schreibverhalten an.

Ich muss vorwegnehmen, dass ich die App für ein wertvolles Tool halte. Ich empfinde sie als eine Verbesserung meines Lebens. Allerdings kreiert ja auch jede Verbesserung seine eigenen Probleme. Und die Probleme, die mich betreffen, entstehen vor allem durch die für mich teilweise vollkommen undurchsichtigen Gesetzmäßigkeiten, denen man im WhatsApp-Universum folgt. Dort bin ich meinen Unzulänglichkeiten gnadenlos ausgeliefert. Und gerade unter so sensiblen Umständen wie zum Beispiel in der Kennenlernphase mit einer Frau, die mich wirklich interessiert, treten sie am deutlichsten hervor.

Vergangenen Sommer ist es wieder passiert, als ich eine Frau kennen lernte, die Lea hieß. Wir hatten drei Dates. Es waren wirklich schöne Abende, die mit dem Gefühl verbunden waren, man wäre aus der üblichen Dating-Routine herausgehoben. Alles stimmte. Nach jedem unserer Treffen machte ich mich mit einem euphorischen Gefühl auf den Heimweg. Ich war offensichtlich gerade in den perfekten Anfang einer Liebesgeschichte geraten. Alles würde anders werden, das spürte ich – ich war bereit.

Nun ja.

Es war grotesk: Die Person, mit der ich mich traf, hatte nichts mit dem Menschen zu tun, der mir von ihrem WhatsApp-Account Nachrichten schrieb. Es waren zwei vollkommen verschiedene Persönlichkeiten. Jemand, den ich zu kennen glaubte, wurde plötzlich zu einer Fremden. Es hatte schon etwas Schizophrenes. Die Person, die ich nicht kannte, las meine Nachrichten sofort, benötigte aber mehrere Tage, um sie zu beantworten. Und auch ihre kurzen, lakonischen Sätze haben nichts mit der leidenschaftlichen, witzigen Frau zu tun, mit der ich wundervolle Abende verbracht habe, die so schnell vergingen, dass wir uns immer mal wieder nach einem Blick auf die Uhr wunderten, dass schon wieder eine Stunde vergangen war.

Offenbar war diese wunderbare Frau ausgetauscht worden. Oder sie hatte tatsächlich eine dissoziative Persönlichkeitsstörung. Es gab zwei Persönlichkeiten. Die eine mochte mich, sie war präsent, wenn wir uns trafen. Die andere übernahm die Kontrolle, wenn wir uns schrieben, und die schien mich zu hassen. Ich hatte das Gefühl, eine Nebenfigur in dem Film „Split“ zu sein, einem Psychothriller, in dem viel gelitten wird. Einem Zustand, in den auch ich begann abzugleiten.

Ihr Schreibverhalten erinnerte mich an jemanden – an mich

Es ist schon erstaunlich, wie viele Gedanken es in Gang setzt, wenn sich andere Menschen nicht so verhalten, wie man es erwartet. Davon auszugehen, andere würden sich genauso verhalten wie man selbst, ist ja einer dieser Fehler, die man immer wieder begeht. Ich bin da ein sehr gutes Beispiel. Auch weil ich ein Meister darin bin, fantasievolle Hypothesen zu entwickeln, aus welchen Gründen sich die andere Person so verhält, wie sie sich gerade verhält.

Wenn man beginnt, mit Freunden zu besprechen, was man denn genau zurückschreiben soll, um nichts falsch zu machen, läuft es schon in eine falsche Richtung. Und inzwischen war Leas Schreibverhalten zu einem wesentlichen Bestandteil der Gespräche meines Freundeskreises geworden. Wir begannen, ihre Nachrichten zu analysieren und zu interpretieren. Jedes Wort, jedes Emoji und jeder Zeitraum, den sie brauchte, um mir zu antworten, wurden mit einer Bedeutung aufgeladen, die alles zu entscheiden schien.

Inzwischen schrieb ich Lea ebenfalls erst einen Tag darauf zurück. Ich achtete darauf, so kurz und unverbindlich wie möglich zu schreiben. Ich hatte immer häufiger das Gefühl, dass ich mich ebenfalls in eine Schizophrenie begab. Es gab keine Natürlichkeit mehr. Der Mensch, der da schrieb, hatte nicht mehr allzu viel mit mir zu tun.

In solchen Situationen frage ich mich, inwieweit mir meine WhatsApp-Version ähnelt. Ob die beiden Persönlichkeiten deckungsgleich sind, oder wie weit sie auseinanderliegen. Mein erster Impuls ist natürlich, dass es keine Unterschiede gibt. Aber ich fürchte, es ist komplizierter.

Wenn man beginnt, darüber nachzudenken, was man schreibt, wie man formuliert, entfernt man sich ja schon von sich selbst. Das muss nicht unbedingt schlecht sein. In der Kennenlernphase will man natürlich cooler wirken, souveräner, positiver und begeisterter. Ob man es sich eingesteht oder nicht, man spielt eine Rolle. Man will sich verkaufen, als eine Bereicherung des Lebens des anderen. Wenn du mich in dein Leben lässt, wird es schöner werden. Man kultiviert eine verbesserte Version von sich selbst, auf gesunde Art gewissermaßen, denn man ist ja selbst davon überzeugt. Ungesund wird es dann allerdings mit dem Maß an Unsicherheit, die ich dem anderen Gegenüber empfinde. Und ich spürte, dass ich bei Lea immer unsicherer wurde.

Rückblickend kann ich sagen, dass mir Leas Schreibverhalten eigentlich hätte bekannt vorkommen müssen. Um das zu erkennen, hätte ich die Situation allerdings mit Abstand betrachten müssen. Dieser Abstand fehlte natürlich, aber heute kann ich sagen, dass mich Leas Verhalten an einen Menschen erinnerte, der mir sogar sehr vertraut ist. Ich kannte ihr Verhalten von mir.

Wenn ich mehrere Tage benötige, um mich zurückzumelden, brauche ich diese Zeit, um einen inneren Widerstand zu überwinden, überhaupt zurückzuschreiben. Wenn ich Tage brauche, um eine Nachricht zu beantworten, fehlt mir einfach das Interesse. Ich bin nicht zu beschäftigt mit anderen Dingen, denn auch an stressigen Tagen gibt es ja ruhige Momente, in denen man antworten könnte. Es ist eher so, dass ich alles andere als wichtiger empfinde, als die Frau, die mir da geschrieben hat.

Wenn ich Tage brauche, um mich zurückzumelden, ist das der Code dafür, nicht interessiert zu sein. Mich nicht zu melden, ist eine Art des Aussitzens. Ich warte ab, bis der andere es auch begreift. Keine Antwort ist schließlich auch eine Antwort.

Ich begriff, wie verletzend ich mich Frauen gegenüber verhalten habe, seitdem sich meine Kommunikation so sehr auf WhatsApp verlagert hat

Das empfindet man natürlich vollkommen anders, wenn man auf der anderen Seite ist. Man sieht die Wahrheit einfach nicht, weil man sie nicht sehen will. So gesehen habe ich mich damals selbst nicht erkannt.

Natürlich war Lea nicht interessiert an mir, aber wenn ich den letzten Sommer noch einmal überblicke, erscheint mir das alles so lächerlich. Die Überlegungen erwachsener Menschen, wer wann schreiben darf, und was genau, oder wie dieses Emoji denn genau gemeint ist, zeigen mir, wie weit wir inzwischen schon sind. Das ist die Gefahr, wenn sie die Beziehung zweier Menschen ausschließlich auf das Virtuelle verlagert.

Aber zu verstehen, dass die große Gemeinsamkeit zwischen Lea und mir unser Schreibverhalten war, gab mir zumindest die Möglichkeit, auch zu erkennen, wie verletzend ich mich Frauen gegenüber verhalten habe, seitdem sich ein Großteil meiner Kommunikation auf das Schreiben von WhatsApp-Nachrichten verlagert hat. Es gab mir die Möglichkeit, mein eigenes Verhalten in Frage zu stellen.

Veränderte Kommunikationsformen machen natürlich etwas mit uns. Aber auch nur, weil wir sie nutzen, wie wir sie nutzen. Wie gesagt, WhatsApp ist ein wertvolles Tool, wir sind nur offensichtlich nicht fähig, es richtig zu benutzen. Wir sind es, die aus neuen Technologien Verbesserungen machen können. Wir entscheiden, wie sie unser Leben sinnvoll ergänzen. Ob sie eine Bereicherung sind, oder ein Hindernis, durch dessen Nutzung wir uns immer weiter voneinander entfernen.

WhatsApp ist ja eigentlich eine Ergänzung unserer Kommunikation. Im Mittelpunkt stehen Begegnungen und Gespräche, in denen ja tiefe Bindungen entstehen können, anders als in der Distanz unserer Chatverläufe. Man erinnert sich in zwanzig Jahren an den Abend, der einem etwas gegeben hat, nicht an den Chatverlauf, den man an dem Tag hatte. Begegnungen und gemeinsame Erlebnisse sind es, die die Jahre überdauern. Sie sind es, die in ein Leben strahlen können.

Wenn man noch bedenkt, wieviel inzwischen über Chats miteinander kommuniziert wird. Wieviel Raum wir Chats in unseren Beziehungen zu anderen geben, dann scheinen sich Begegnungen und Gespräche zu Ergänzungen zu entwickeln. Der Chat sollte nicht zum Zentrum werden, dem sich alles andere unterordnet. Es geht um eine gesunde Verwendung, das richtige Maß finden, einen kontrollierten Umgang. Wir scheinen Apps eher nach einem Kontrollverlust-Prinzip zu benutzen. Inzwischen sind diese Werkzeuge, die unser Leben bestimmen. Wir müssen dringend die Gewichtungen neu bewerten.

WhatsApp ist die Kommunikationsform der Konfliktscheuen

Es geht immer nur darum, was wir daraus machen. Wie wir die Tools benutzen, sagt viel über uns selbst aus. Leider nutzen sie offenbar viele so, dass es eher das Schlechte in einem zum Vorschein bringt. Ein gutes Beispiel dafür ist es, wenn man Streitigkeiten in einem Chat austrägt. Wenn ich etwas in meiner WhatsApp-Karriere gelernt habe, ist es der Fakt, dass Streitereien über WhatsApp vollkommen sinnlos sind. Sie haben noch nie einen Konflikt gelöst. Ein Krieg mit Worten, bei dem es keine Gewinner gibt. Man hat Zeit darüber nachzudenken, was man schreibt, um vor sich selbst am besten dazustehen. Oder den anderen am besten zu verletzen. Es geht in solchen Streitigkeiten vor allem nur um sich selbst. Der andere ist in der abstrakten Ferne der virtuellen Distanz. Es ist wie ein Spiel, dessen Ziel es ist, das eigene Ego zu schmeicheln. Sie sind nur ein Mittel, die eigene Eitelkeit zu pflegen. Der andere ist zweitrangig. Durch die virtuelle Distanz verlieren wir das Gefühl für die Verletzungen, die wir dem anderen zufügen.

Dasselbe trifft auch auf eine Art der Trennung zu, die ich auch oft genug angewandt habe: sich einfach nicht mehr zu melden, nicht mehr erreichbar zu sein und den anderen seinen Hypothesen und Theorien, was sie denn nun falsch gemacht haben, ausgeliefert zu lassen.

Wenn ich mich frage, warum ich nicht klar sage, dass ich nicht interessiert bin, ist die Antwort so einfach wie ernüchternd: Ich will einer unangenehmen Situation aus dem Weg gehen. Ich bin konfliktscheu, und WhatsApp ist die perfekte Kommunikationsform der Konfliktscheuen.

Es ist die Haltung von Menschen, die zu sehr auf sich selbst bezogen sind, um auf andere Rücksicht zu nehmen. Vielleicht traf mich das, was man Karma nennt. Vielleicht war Lea die ausgleichende Gerechtigkeit für die Verletzungen, die ich Frauen mit genau diesem Verhalten zugefügt habe. So gesehen hatte ich Lea und ihr Verhalten verdient.

Es ist eine Frage der Wertschätzung – uns fehlt eine Kultur der Kommunikation

Aber meine Lea-Erfahrung hatte auch einen großen Vorteil. Sie hat mir die Augen geöffnet. Offensichtlich ist es eine schlechtere Version meiner selbst, die ich Online kultiviere. Die Version, die an sich selbst denkt, sich immer für den einfachsten Weg entscheidet und die Konsequenzen seines Handelns verdrängt. Ich begreife, dass auch bei meiner digitalen Ich-Werdung so einiges schiefgelaufen ist. Es ist eine Frage der Wertschätzung, auch wenn man das aus der Ferne der virtuellen Distanz schnell ausblendet. Vielleicht hilft es ja schon, sich vorzustellen, wie es einem selbst gehen würde, wenn wir an der Stelle des anderen wären. Er oder sie hat uns schließlich das große Kompliment gemacht, an uns interessiert zu sein. Da kann man schon ehrlich sein.

Es ist schon erstaunlich: In sozialen Netzwerken und Dating-Portalen gibt man sich so viel Mühe, so perfekt wie möglich zu erscheinen, aber in der Kommunikation werden die Mängel dafür um so deutlicher. Das liegt nicht an den Apps, sondern an denen, die sie benutzen. An uns. Uns fehlt eine Kultur der Kommunikation. Also liegt es auch in uns, das zu ändern. Wenn wir wieder darauf achten, sie zu kultivieren, ist es für uns alle ein Gewinn. Es wäre ein Sieg der Empathie. Und den haben viele von uns dringend nötig.

Amen.

Die nächste Kolumne erscheint am kommenden Mittwoch.

Und hier geht findet ihr die bisherigen Texte.

“Vom Sinn unseres Lebens” – das neue Buch von Michael Nast. Ab sofort überall erhältlich!