Vor einigen Wochen verstand ich, was ich in meinen vergangenen Beziehungen falsch gemacht hatte, und was verhindert hatte, dass mit Frauen, von denen ich anfangs begeistert war, überhaupt Beziehungen entstanden. Man könnte es auch anders ausdrücken: Vor einigen Wochen habe ich mich selbst besser kennen gelernt, indem mir ein Geheimnis langjähriger Beziehungen offenbart wurde.

An einem der letzten heißen Nachmittage dieses Sommers saß ich auf dem Grundstück meiner Eltern unter einem alten Pflaumenbaum, den ich schon seit meiner Kindheit kenne. Ich saß an einem langen Tisch, der für einen Grillabend aufgestellt worden war. Wir saßen zu fünft an dem Tisch und ich war der einzige Mann. Ich war auch der einzige Single, ein Umstand, dessen Bedeutung ich natürlich noch nicht ahnte. Aber das sollte sich ja bald ändern.

Während sich meine Tischnachbarinnen angeregt unterhielten, blickte ich zu ihren Männern hinüber, die sich im hinteren Teil des Grundstücks um den Grill versammelt hatten. Ich schwieg, und dieses Schweigen hatte gute Gründe. Wenn meine Eltern Gäste ihres Alters haben, geht es selten um Dinge, bei denen ich mitreden kann. Ihre Themen betreffen mich einfach nicht. Es geht um Probleme, die die Welt von Einfamilienhausbesitzern im Umland von Berlin kreiert. Meine Probleme entstehen in der Innenstadt und werden in Altbauwohnungen oder Bars diskutiert. Es sind zwei Welten, die ziemlich weit auseinanderliegen. Trotzdem – oder vielleicht gerade deswegen – können aus der anderen Welt Impulse kommen, die einen die Dinge in der eigenen klarer sehen lassen. Auch wenn es weh tut.

Aber davon war noch nichts zu spüren. Das Gespräch der Frauen umspülte mich sanft, der Sinn ihrer Worte erreichte mich kaum, es hatte etwas angenehm Einschläferndes. Aber plötzlich geschah etwas Unerwartetes. Ich wurde wach. Das lag an dem Thema, zu dem meine Tischnachbarinnen gerade gewechselt waren. Ein Thema, das mit dem Satz: „Wir haben eigentlich niemanden in unserem Freundeskreis, der sich getrennt hat“ eingeleitet wurde. Einen kurzen Moment spürte ich, dass ich gerade ganz nah dran war. An dem Geheimnis, das Beziehungen langen Bestand gibt. Allerdings registrierte ich erst jetzt, dass dieser Satz in einem Tonfall ausgesprochen wurde, als würde sie diese Erkenntnis selbst überraschen.

Ich setzte mich auf.

Störende Details entscheiden über mein Interesse an einer Frau

Sie begannen über die Männer zu sprechen, die nur knapp außer Hörweite im Rauch des Feuers standen. Über ihre Ehemänner und deren viele, kleine, störende Fehler, mit denen ihr gemeinsamer Alltag durchsetzt war. Und wie schwer es ihnen auch nach Jahrzehnten gemeinsamer Ehe fiel, mit diesen Fehlern umzugehen. Ein Thema, dass man eigentlich nicht vor einem anderen Mann bespricht, der ihre Ehepartner sein Leben lang kennt, aber vielleicht hatten sie einfach vergessen, dass ich noch am Tisch saß.

Es ist ein seltsames Gefühl, Menschen, die ich seit Kindheitstagen als Paar kenne, über Eheprobleme reden zu hören. Vielleicht weil man sie verklärt, ihre Ehen empfindet man als unantastbar. Aber ihr Gespräch erinnerte mich an die Unterhaltungen, die ich mit Freunden führe, wenn wir unsere letzten Dates, Liebschaften oder zerbrochenen Beziehungen auswerten. Mit dem Unterschied, dass sie dreißig oder vierzig Jahre zusammen waren, während ich mich schon nach dem ersten Date, wenigen Wochen oder Monaten gegen eine Frau entschieden habe.

Die Frauen stimmten überein, dass man Menschen einfach nicht ändern kann. Es ging darum, was die Ehe aus ihnen gemacht hatte. Wie sie sich in den Jahrzehnten ihrer Ehe verändert haben, weil sie ihre Männer nicht ändern konnten. Eine der Frauen sagte: „Bevor ich ihn kennen lernte, war ich eher eine Dame“, was schon eine frustrierende Erkenntnis ist, wie ich fand. Und dann passierte es. Dann fielen die Sätze, die meine Perspektive auf mich selbst ändern sollten.

„Ich habe mir angewöhnt, das Gute zu sehen“, sagte eine von ihnen. „Man muss immer den ganzen Menschen berücksichtigen. Das viele Gute überwiegt ja.“

Ich sah sie an. Das klang plausibel. Wenn das Gute überwiegt, nimmt das den vielen, störenden Details ihre Bedeutung, dachte ich. Das war der Augenblick, in dem ich verstand, warum meine Beziehungen nicht lange hielten. Ich verstand, dass ich mich immer auf die Details konzentriert, und das ausgeblendet hatte, was einem ein Mensch insgesamt gibt. Wenn ich bei Frauen Details entdeckte, die mich störten, ging ich davon aus, sie nähmen die Beziehung bereits vorweg. Und jetzt verstand ich, dass das ein großer Denkfehler war.

Das wohl bekannteste Buch von Erich Fromm trägt den Titel „Die Kunst des Liebens“, eine schöne Formulierung, die man natürlich auf Beziehungen anwenden kann. Die Kunst einer langjährigen Beziehung beinhaltet auch, den Menschen als Ganzes zu sehen, die 100 Prozent, die einen Menschen ausmachen, wahrzunehmen.

Ich richtete meine Aufmerksamkeit auf die störenden fünf Prozent. Sie hatten mehr Gewicht als die restlichen 95 Prozent. Es waren immer nur störende Details, die entschieden, dass ich das Interesse an einer Frau verlor. Meistens schon nach dem ersten Date, oder dem ersten Sex. Die Frage war nur: warum?

Wer seine Aufmerksamkeit auf Details richtet, verliert das Gefühl für das Ganze

Ich könnte das jetzt mit meinem Wunsch nach Perfektion erklären, der jeden Makel zu einem Ausschlusskriterium macht. Das ist sicherlich nicht falsch, aber es ist nicht der wirkliche Grund. In einer Beziehung geht es ja darum, sein Leben mit jemandem zu teilen, und wer das nur mit Einschränkungen verbindet, sieht nur sich selbst. Der Partner ist zweitrangig. Es ist vor allem eine Haltung, die von Angst bestimmt wird. Man fürchtet sich. Davor, sich einengen oder einschränken zu lassen, davor, sich zu öffnen, um nicht verletzt zu werden.

Man sieht nur sich selbst. Egal, was man sich auch einredet, man findet nur Gründe, die gegen die Person sprechen, um zu dem Schluss zu kommen, dass man nicht mit der Person zusammen sein kann. Aber „Ich kann nicht mit jemandem zusammen sein“ bedeutet meistens „Ich will nicht mit ihm zusammen sein.“

Wer seine Aufmerksamkeit auf ein unschönes Detail richtet, verliert das Gefühl für das Ganze. Als würde man zu nah vor einem Gemälde stehen, das einen berührt hat, aber man sieht nur noch ein unwesentliches Detail, von dem man auf das Ganze schließt. Man müsste nur ein paar Schritte zurücktreten und das ganze Bild sehen, und man würde wieder sehen und fühlen, wie sehr es einen berührt. Aber das scheinen viele gar nicht zu wollen. Man konzentriert sich auf die Hindernisse, um sich sagen zu können, dass es nicht an einem selbst liegt. Dass die Fehler vor allem bei der oder dem anderen liegen.

„Hindernisse sind die furchterregenden Dinge, die du dann siehst, wenn du dein Ziel aus den Augen verlierst.“ Das hat Henry Ford gesagt, und da kann ich ihm nur zustimmen. Es ist ein Satz, der anwendbar ist, auf das Leben, die Karriere, auf Beziehungen und natürlich auch auf die Liebe.

Am Tisch im Garten meiner Eltern lehnte ich mich zurück, mit einem Gefühl, dass sich aus Aufbruchstimmung und einer gewissen Melancholie zusammensetzte, weil ich meine Fehler der letzten Jahre sah, die nicht rückgängig zu machen waren. Aber die Aufbruchstimmung überwog. Ich hatte es verstanden, jetzt musste ich es verinnerlichen – und vor allem anwenden. Und das ist die wirkliche Herausforderung. Es ist eine Chance, sich als Mensch zu verbessern, als Mensch zu reifen. Eine Chance, sich auf einer anderen Ebene zu bewegen. Weiter zu gehen. All die Befürchtungen und Ausreden in sich zusammenfallen zu lassen. Das sollten wir uns Wert sein.

Es ist schon wahr: Sowohl unsere Probleme als auch deren Lösungen liegen vor allem in uns selbst. Die meisten Dinge ändern sich nicht, wenn man sich selbst nicht verändert. Aber sobald das geschieht, verändert sich alles.

Die nächste Kolumne erscheint am kommenden Mittwoch.

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