“Wenn man auf ewig in seiner Komfortzone bleibt, ist sie nichts anderes als ein selbstgebautes Gefängnis.”
Michael Nast

Es gibt Momente, die etwas in einem lösen. Momente, die ein Hindernis entfernen, das einen lange davon abhielt, einen Gedankengang zu beenden, der er einen oft beschäftigt hat. Am letzten Donnerstag gab es einen dieser Momente, als ich auf der Terrasse des Berliner Soho House spürte, wie sich eine Hand auf meine Schulter legte, während ich mich mit zwei Freunden unterhielt. Ich wandte mich um und blickte in das lächelnde Gesicht einer Frau, die mir allerdings vollkommen unbekannt war.

„Du bist doch der Mann, der sich mit der Liebe so gut auskennt?“, sagte sie, und jetzt wusste ich auch, woher wir uns kannten. Sie hatte meine Bücher gelesen.

„Nicht wirklich“, sagte ich und erwiderte ihr Lächeln. „Ich bin eher der Mann, der sich mit der unerfüllten Liebe so gut auskennt.“

Wir mussten unvermittelt lachen, und plötzlich spürte ich, dass dieser kurze belanglose Dialog Gedanken in Gang setzte, die zwei Fragen beantworten sollten, die mich schon lange beschäftigten. Die Fragen, warum es mir so schwerfällt, mich auf eine Frau einzulassen, und warum meine Beziehungen nie lange halten. Und jetzt verstand ich auch, was mich so lange daran gehindert hatte, den begonnenen Gedankengang zu Ende zu führen: er führte zu einer unbequemen Wahrheit.

Ich hatte vier Beziehungen in meinem Leben, meine längste hat knappe drei Jahre gehalten. Alle endeten, bevor Liebe überhaupt entstehen konnte. Trotzdem gelte ich als Experte für die Liebe. Wenn ich mich frage, warum das so ist, liegt es vielleicht daran, dass man am besten über Dinge schreiben kann, nach denen man sich sehnt. Die Sehnsucht idealisiert die Dinge. Idealisierungen haben jedoch einen großen Nachteil: sie vernachlässigen oft, dass Menschen nicht perfekt sind.

In Berlin sind doch alle Männer gestört“

Vor einigen Monaten hat mir eine Frau namens Sophia von einem Date mit einem Mann erzählt, der sich mit dem Satz verabschiedete, der die zwei wirklich angenehmen Stunden in Sekundenbruchteilen in sich zusammenfallen ließ. Er sagte: „Bevor wir uns wiedersehen, muss ich das erstmal mit meinem Psychiater sprechen.“

Wie bitte?, dachte Sophia. Sie spürte praktisch, wie die Zeit langsamer abzulaufen schien. Es waren Sekundenbruchteile, die ihr natürliches Lächeln zu einem auswendig gelernten Lächeln machte. Und sie wusste, dass es auf keinen Fall zu einem zweiten Date kommen würde.

Sophias Date ist mit seiner Äußerung natürlich ein drastisches Beispiel, aber wenn ich jetzt darüber nachdenke, was mir Single-Frauen generell so über ihre Dating-Erfahrungen erzählen, scheint Sophia kein Einzelfall zu sein.

„In Berlin sind doch alle Männer gestört“ ist ein Satz, der in meinem weiblichen Umfeld seit Jahren inflationär benutzt wird. Wenn es nach ihren Erfahrungen geht, scheint der Berliner Single-Markt eine Art Modell-Projekt zu sein, das sich ausschließlich mit Freigängern aus der geschlossenen Psychiatrie zusammensetzt. Und umgekehrt ist das ähnlich, denn auch wenn ich Freunden von meinen Dates erzähle, raten sie mir mit fassungslosen Gesichtern, mich von diesen mental äußerst instabilen Frauen unbedingt fern zu halten. Es ist offensichtlich ein universelles Problem.

„Ich mache keine Fehler, ich date sie.“ Mit desen Worten hat ein Bekannter die Haltung beim Dating in unserer Gegenwart schon ziemlich gut zusammenfasst. Man begegnet nur Gestörten, und hat praktisch keine Chance, endlich das schöne Ziel zu erreichen, eine erfüllende Liebe in einer gesunden Beziehung zu finden.

Was soll ich sagen, ich befürchte, das eigentliche Problem liegt woanders.

Wir sind ja in der privilegierten Lage, die Liebe zu einem Luxusproblem erheben zu können. Es ist ein Privileg, an dem viele scheitern. Auch ich. Es ist ja so: Ich möchte eine Beziehung nicht ertragen. Ich möchte, dass sich beide Partner Halt geben, und auch Kraft. Es geht mir darum, die Frau zu finden, die das Beste in mir zum Vorschein bringt – und nicht das Schlechteste. Aber Liebe und Beziehungen sind neben all dem Schönen natürlich auch Arbeit, Ausdauer und Leid. „Nur der verdient die Liebe, der täglich sie erobern muss.“ Das hat Goethe einmal gesagt. Ich frage allerdings, ob wir bereit sind, sie täglich aufs Neue zu erobern.

Die erfolglose Sehnsucht nach Liebe als Lifestyle

Ich kenne eine Frau, die seit zwölf Jahren in Therapie ist. Sie hat inzwischen mehrere Therapeuten verschlissen. Ihr Ziel scheint es nicht zu sein, irgendwann austherapiert zu sein, sie versteht die Therapie als Teil ihres Lebensstils. Ähnlich geht es offenbar vielen mit der Liebe. Sie haben sich auf dem Weg verfangen. Die erfolglose Suche nach Liebe ist zu einem Teil ihres Lebensentwurfs geworden. Es ist eine große uneingestandene Wahrheit unserer Zeit: Wir reden uns ein, dass es uns um Liebe geht, aber das ist ein großer Selbstbetrug – die unerfüllte Sehnsucht nach der Liebe ist offenbar wichtiger geworden als die Liebe selbst. Der Wunsch nach ihr ist zu einem Lifestyle geworden, der die Liebe ersetzt hat. Man kultiviert die Illusion einer perfekten Liebe, die Umsetzung ist aber nicht eingeplant.

Der Weg ist vielen lieber als das Ziel, denn das Ziel ist mit Einschränkungen verbunden. Kompromisse und Reibungen gehören in der Liebe und Beziehungen einfach dazu. Aber das wollen viele nicht. Sie gefallen sich im Theoretischen, flüchten aber, wenn bei der Umsetzung die ersten Hindernisse auftauchen.

Das liegt natürlich daran, dass in unserer ichbezogenen Gesellschaft jeder nur seine eigenen Interessen verfolgt. Wenn man in eine Beziehung geht, denkt man nicht in einem „Wir“, man denkt in einem „Ich.“ Man wird den anderen los, wenn er den eigenen Komfort stört. Jeder Kompromiss wird als Einschränkung empfunden, sich entfalten zu können. Als Gefahr, unser Wesen verleugnen zu müssen. Man findet immer wieder neue Ausreden, damit man selbst im Vordergrund stehen und der wichtigste für sich selbst sein kann.

Wir fürchten uns davor, verletzbar zu sein. Unsere Gefühle verunsichern uns, und uns geht es vor allem darum, Unsicherheiten auszumerzen. Wir wünschen uns absolute Sicherheit, auch in der Liebe. Darum bleiben wir in unserer Komfort-Zone. Aber bleibt man auf ewig in seiner Komfortzone, ist sie nichts anderes als ein selbstgebautes Gefängnis.

Wenn man sich nach Liebe sehnt, empfindet man dieses schöne und tiefe Gefühl als die Lösung. Es gibt ja den wundervoll ironischen Satz: „Wenn das die Lösung ist, will ich mein Problem zurück.“ Besser lässt sich die Haltung nicht zusammenfassen. Offensichtlich haben sich viele entschieden, das Problem zu pflegen, und nicht an einer Lösung zu arbeiten. Auch ich nicht. Es fällt nur schwer, sich das einzugestehen. Aber genau dieses Eingestehen ist der erste Schritt.

Viele haben sich in die Idee einer perfekten Liebe verliebt. Sie haben uns für die Illusion eines idealen Traumpartners entschieden, den es einfach nicht gibt. Es geht darum, sich für einen Menschen zu entscheiden. Nur darum.

Das Problem verkopfter Menschen

„Lieben heißt, seinen Lebenssinn außerhalb von sich selbst zu finden.“ Das hat der französische Essayist Alain gesagt. Der perfekte Ausbruch, der alles ändern kann. Wenn ich die letzten Sätze noch einmal lese, klingt das natürlich sehr schön und richtig. Ja, denke ich. Genau so ist es, genau so könnte es sein.

Ich frage mich allerdings, warum ich mich trotz dieser Einsichten nicht danach richte. Die Antwort ist einfach: Weil sie ebenfalls Idealisierungen sind. Sätze, die man auf diesen Zitatbildern bei Instagram oder Facebook lesen könnte, die ja auch ich so gern poste. Es sind Bilder, die viele Likes erhalten. Jedes Like, das man gibt, ist eine Zustimmung, eine Beruhigung, dass man verstanden hat. Man erkennt das Problem, und weiß, wie es zu lösen ist. Die Herausforderung ist es allerdings, die Worte anzuwenden. Aber man wendet sie nicht an, weil sie natürlich mehr mit Gedanken als mit Gefühlen und dem Leben zu tun haben. Wenn man wirklich etwas ändern will, geht es darum, diese Gedanken ins Leben zu übersetzen. Das ist ein große Problem verkopfter Menschen, und die meisten von uns sind nun mal äußerst verkopft.

Vergangene Woche sah mich eine Frau beeindruckt an, als ich erwähnte, dass meine längste Beziehung knappe drei Jahre gehalten hat. „Drei Jahre“, sagte sie. „Das ist ja schon sehr lange.“

Ich dachte an das nachsichtige Lächeln, mit dem dieser Umstand noch vor einigen Jahren beantwortet wurde. Heute bin ich mit solchen Zahlen offensichtlich ganz vorne mit dabei. Das war der Moment, in dem ich spürte, dass etwas gekippt ist. Es ist offensichtlich nicht besser geworden. Eher schlimmer.

Es geht um Lösungen, dachte ich. Um Lösungen, die nicht abstrakt oder idealisiert und unerreichbar sind. Es geht um Lösungen, die anwendbar sind, ganz nah am Leben.

Und in diesem Augenblick verstand ich: Es gibt noch viel zu beschreiben.

Die nächste Kolumne erscheint am kommenden Mittwoch.

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