Wie das allgegenwärtige Effizienzdenken unserer Zeit Liebesbeziehungen und Freundschaften dramatisch verändert – und was wir dagegen tun können

Als ich am vergangenen Wochenende meine Freundin Lina Marie traf, die schon seit längerer Zeit Single ist, stellte sie etwas fest, das nicht wenige Gedanken in mir in Gang setzte.

Sie sagte: „Ich bin nicht beziehungsunfähig ­­– ich hab doch stabile Beziehungen, die schon seit Jahren halten.“ Sie machte eine kurze Pause, um die Wirkung des folgenden Satzes zu erhöhen, dann sagte sie: „Die Beziehungen zu meinen Freunden.“

Ich sah sie an und nickte. Der Ansatz, Beziehungsfähigkeit auch auf Freundschaften anzuwenden, klang tatsächlich schlüssig. Eine Beziehungsunfähigkeitsstörung bezieht sich ja nicht nur auf Liebesbeziehungen, sondern generell auf Beziehungen zu anderen Menschen. Man muss natürlich klar sagen, dass die wenigsten von uns beziehungsunfähig ist. In den meisten Fällen ist es eine Ausrede. Es ist eine psychische Störung, und wer unter ihr leidet, erkennt sie auch nicht erst, wenn eine Liebesbeziehung gescheitert ist. Und wenn man tiefgehende, dauerhafte Freundschaften pflegen kann, beweist damit ja auch, dass man für langanhaltende Liebesbeziehungen doch nicht so ungeeignet ist, wie man angenommen hat. Auch, wenn die bisherigen gescheitert sind.

Ich besitze einen Abreißkalender des Diogenes Verlags. Es ist der erste Abreißkalender meines Lebens, und ich mag ihn sehr. Er ist ein fester Bestandteil meines Morgenrituals geworden. Jeder Tag beginnt mit einem literarischen Zitat. Am 16. Februar war es ein Gedanke, den ich mir sogar aufgehoben habe. Ein Zitat von Friedrich Nietzsche, das in die heutige Zeit übersetzt lautet: „Nicht der Mangel der Liebe, sondern der Mangel an Freundschaft macht unglückliche Beziehungen.“

Als ich den Satz zum ersten Mal las, bewegte er mich mehr als ich erwartet hatte. Er traf mich ziemlich. Ich glaube, dass meine Beziehungen tatsächlich daran gescheitert sind, dass in ihnen keine Freundschaft entstanden ist. Wir hatten nur unsere Verliebtheitsphase; als die Verliebtheit weniger wurde, verschwand auch der Inhalt unserer Beziehung. Bertolt Brecht hat einmal gesagt, dass sich der Wert einer Liebe daran misst, wie viel Freundschaft sie enthält. Dann fügt er hinzu: „Mit der Liebe der üblichen Art wird man nur abgespeist, wenn es zur Freundschaft nicht reicht.“ Ein gnadenloser Satz, der offensichtlich auch meine Beziehungen gut beschreibt. Und auch erklärt, dass ich zu keiner meiner Ex-Freundinnen mehr Kontakt habe.

Aber auch die Feststellung von Lina Marie war ein Auslöser. Ich spürte unvermittelt, wie es begann, in mir zu arbeiten. Ich sah praktisch vor meinem inneren Auge, wie sich Erfahrungen, Erlebnisse und Gespräche der letzten Jahre zu der Antwort auf eine Frage zusammenfügten. Und zwar auf die Frage, wie beziehungsfähig man heutzutage eigentlich in Freundschaften ist.

Wenn man einen Zusammenhang zwischen Freundschaften und Beziehungen herstellt, drängt sich allerdings ein beunruhigender Gedanke auf: Wenn man Liebesbeziehungen so behandelt wie viele mit Freundschaften heutzutage umgehen, ist mir schon klar, dass es zu keinen tiefgehenden Bindungen kommen kann. Das Verständnis von Freundschaft ist offensichtlich gerade dabei, sich zu verändern – und ihre Pflege auch.

Ich kenne eine Frau namens Isabel, deren volles rotes Haar mich bei jeder unserer Begegnungen erneut überrascht. Ihr Haar ist ihr wichtig. Als ich ihr einmal ein Kompliment dafür machte, sah sie mich einen Moment lang nachdenklich an, während ihre Finger eine Strähne dieses vollen, lockigen Haares umspielten. Dann sagte sie: „Ich pflege meine Haare mehr, als ich meine sozialen Kontakte pflege.“

Puh, dachte ich. Das klang schon ziemlich hart, und auf eine brutale Art ehrlich. Ich sah sie an, und verstand unwillkürlich, dass Isabel gerade ungewollt eine passende Metapher unserer Gegenwart formuliert hatte. In Bezug auf Freundschaften und auf Liebesbeziehungen. Man ist zu sehr mit sich selbst beschäftigt, um Beziehungen zu anderen so zu pflegen, wie es eigentlich sein müsste.

Ich habe einen ziemlich großen Bekanntenkreis, aber nur wenige Menschen, die ich als Freunde bezeichne würde. Mir geht es weniger um Quantität als um Qualität. Und daran liegt es wohl, dass es mich irritiert, wenn ich Menschen begegne, die den Begriff Freundschaft so inflationär nutzen, dass er schon durch die hemmungslose Verwendung seine Bedeutung verliert.

Nehmen wir meine Bekannte Milena, die da ein sehr gutes Beispiel ist. Ich kenne niemanden persönlich, der einen größeren Freundeskreis hat. Ihr soziales Leben besteht ausschließlich aus Freunden, sehr guten und besten Freunden. Ich weiß nicht, in welche Kategorie ich falle, aber ich sehe Milena nur selten. Und als wir uns vor einigen Monaten verabredeten, hatte ich auch nicht unbedingt das Gefühl einer Begegnung, denn Milena war in Begleitung eines Gesprächskillers, der nie von ihrer Seite weicht. Dieser Gesprächskiller war ihr Handy, auf dem sie pausenlos tippte. Ich frage mich, ob sie ihm einen Namen gegeben hat, immerhin scheint es ja der wichtigste Teil ihres Lebens zu sein.

„Mit wem schreibt du denn da?“, fragte ich, schon ein wenig ungeduldig, nachdem wir endlose zehn Minuten geschwiegen hatten.

„Mit meiner drittbesten Berlin-Freundin, auf WhatsApp“, sagte sie, ohne ihren konzentrierten Blick von ihrem Smartphone zu lösen. „Und mit drei sehr guten Freunden auf Insta.“

Man muss dazu sagen, dass Milena einen besten Kölner Freund, zwei beste Hamburger Freunde und acht beste Berlin-Freundinnen hat. Acht! Wenn ich darüber nachdenke, wen ich als Freund bezeichnen würde, komme ich auf drei – und das auch noch städteübergreifend. Ich weiß nicht, inwieweit Milena ihre Freundeslisten kategorisiert, aber die oberste Hierarchie könnte lauten: 500 meiner besten Freunde.

Ich kenne eine Frau, die ihre Freunde in Hierarchien aufgeteilt hat. Als zwei Kolleginnen, die sie mochten, sich häufiger bei ihr meldeten, um etwas mit ihr zu unternehmen, wusste sie, dass es Zeit für ein Gespräch war, auch um den beiden etwas Grundsätzliches klarzumachen.

„Ich kann einfach nicht so viel Zeit mit euch verbringen, wie ihr es euch wünscht“, sagte sie. „Ich habe ja schon für meine guten Freunde kaum Zeit habe, um die muss ich mich zuerst kümmern. Ihr seid nicht Prio A.“

Die beiden sahen sie erschüttert an. Nicht Prio A zu sein, hieß dann wohl Prio B. Oder schlimmeres. Abgesehen von der verletzenden Härte ihrer Argumente, ist das wohl ein Konzept, dem Milena vermutlich eher verständnislos gegenübersteht.

Milena scheint keine Unterschiede zu kennen, sie sammelt soziale Kontakte und definiert sie als Freunde. Sie pflegt ein Netzwerk. Sie erinnert mich an einen Bekannten, der jede Frau in die Liste seiner Beziehungen aufnimmt, auch wenn es nur dreiwöchige Liebschaften waren. Es ist ein Missverständnis, ein Variieren der Wirklichkeit, um besser damit leben zu können. Bei Milena habe ich allerdings die Vermutung, dass sie die Größe ihres Freundeskreises als Statussymbol sieht. Und so wie es aussieht, ist sie damit nicht allein.

In Studien wurde festgestellt, dass gerade bei Teenagern Freundschaft quantifiziert wird. Man ist mehr wert, je mehr Kontakte man auf Facebook oder Instagram hat. Freunde sind zu Bestandteilen einer Liste geworden. Der Freundeskreis wird zu einer Statistik. Da wäre es schon ein Ansatz, seine Freundschaften zu pflegen und nicht seine Followerzahlen. Aber das Verständnis, was eine Freundschaft überhaupt ausmacht, scheint sich verändert zu haben.

Manchmal frage ich mich, wie Milena das hinkriegt. Offen gestanden wüsste ich gar nicht, ob ich es überhaupt bewältigen könnte, einen so großen Freundeskreis zu pflegen. Es ist ja eine interessante Frage, mit wie vielen Personen man befreundet sein kann, ohne jemanden zu vernachlässigen.

Als ich Milena in einem der seltenen Momente, in denen sie nicht auf das Display ihres Handys sah, darauf ansprach, wie sie ihre Freundschaften pflegt, sagte sie: „Na online.“

Online, dachte ich skeptisch, und wollte schon etwas Abweisendes erwidern, dann fiel mir jedoch ein, dass wir uns gar nicht so sehr unterschieden. In Abstufungen zwar, aber der Ansatz war ähnlich. Wenn ich darüber nachdenke, wie ich meine sozialen Kontakte pflege, findet das ebenfalls oft online statt. Ich organisiere meine Freundes- und Bekanntenkreise in WhatsApp-Gruppen, und wir schreiben auch viel zu oft, anstatt uns zu sehen oder miteinander zu reden. Ich bemühe mich, nicht zu vergessen, dass WhatsApp-Chats, die viele einem Gespräch vorziehen, eine Kommunikation aus der Distanz sind. Man kann eigentlich nicht deutlicher als mit einer WhatsApp-Nachricht sagen, dass man die Stimme des anderen gerade nicht hören will. Ich habe mir ein iPad gekauft, das ich ausschließlich für FaceTime nutze. Ich nutze es oft und denke: zumindest sehen wir uns, wenn wir miteinander sprechen.

Aber es ist schon wahr, wie ich verlegen viele die Pflege ihrer Freundschaften ins Virtuelle, weil wir einfach keine Zeit mehr haben. Es geht schneller, es ist effizienter, und wenn man das Gespräch beendet, hat man sich den Heimweg gespart.

Die Auswirkungen der Distanz, mit der man heute kommunizieren kann, sehe ich zum Beispiel auch daran, wie spontan ich Verabredungen inzwischen absage. Es kommt nicht selten vor, dass ich länger geplante Treffen nur einige Stunde zuvor absage. Es ist ganz einfach, man muss nur eine Nachricht schreiben, und kann so einem Konflikt aus dem Weg gehen. Ich kenne Leute, die ziemlich sauer reagieren, wenn so etwas passiert. Ich bin da weiter als sie. Erst gestern sagte mir eine Freundin eine Stunde vor unserer Verabredung ab. Ich las ihre Nachricht ohne Anflug von Ärger. Inzwischen erwarte ich das irgendwie. Ich rechnet damit, oder berechne die Möglichkeit einer Absage ein. Offensichtlich habe ich mich bereits an die allgegenwärtige Unverbindlichkeit gewöhnt. Manchmal denke ich, wir haben Funktionalität einer Facebook-Veranstaltungsseite in die Wirklichkeit übertragen. Man ist „interessiert“ oder sagt „vielleicht“ zu. Man hält sich im Vagen.

Bedauerlicher wird es allerdings, wenn der virtuelle Kontakt die Begegnungen ersetzt. Es ist ja heutzutage nicht ungewöhnlich, dass viele Freundschaften vor allem Online stattfinden. Ich glaube, dass sich damit auch das Verständnis von Freundschaft verändert hat. Das liegt auch an der Distanz, mit der wir durch die heutigen Technologien an ihrem Leben teilnehmen können. Sie sind der effiziente Weg, die Beziehung zu einem Menschen zu pflegen. Jedes Foto in sozialen Netzwerken gibt uns das Gefühl, über ihr Leben informiert zu sein, und jedes Like, das wir geben, gibt uns das Gefühl, an ihrem Leben teilzunehmen. Das ist natürlich ein Missverständnis.

Obwohl es gar nicht so einfach ist, weil ich mich daran gewöhnt habe, versuche ich nicht zu vergessen, dass es eine distanzierte Freundschaft ist, die man online pflegt. So wie man in einer Fernbeziehung mehr Single bleibt. Es gibt nicht wenige Leute, die am Leben anderer nur noch in Form von Likes oder Kommentaren teilnehmen. Man kommuniziert praktisch nur noch über Likes miteinander. Vielleicht ist das ja der neue Freundschaftsbegriff. Wir sind immer vernetzter, aber haben immer weniger tiefgehende Beziehungen.

Im Zwischenmenschlichen zeigen sich die Grenzen, an die Technologien stoßen, die nach dem Effizienzprinzip entwickelt wurden. Denn in der Liebe oder in Freundschaften geht es nicht darum, mit dem geringsten Investitionsaufwand den größtmöglichen Nutzen zu erzielen. In der Liebe ist sogar das Gegenteil der Fall. In der Kennenlernphase nimmt man einen geliebten Menschen als viel wertvoller war, je mehr man investieren muss, um ihn für sich zu gewinnen. Große Gefühle beweisen sich in der Zeit. Effizienz ist ein Wert, der hier keine Bedeutung haben darf.

Effizienz ist ein betriebswirtschaftliches Prinzip, das unsere Gesellschaft bestimmt. Wir sind darauf konditioniert. Darum wenden das inzwischen auch viele auf das Zwischenmenschliche an. Leider, muss man wohl sagen. Denn Effizienz und Freundschaft gehören nicht in einen Satz – und Effizienz und Liebe schon gar nicht. Effizienz fördert die Unverbindlichkeit. Sie fördert Quantität – und keine Qualität.

Es geht nicht um die Menge, sondern um die Tiefe der Bindungen. Denn ohne tiefe Bindung zu Menschen wird man einsam. Auch wenn man 600 Facebook-Kontakte als Freunde bezeichnet – oder 1.400 Instagram-Follower. Es gibt Gemeinsamkeiten zwischen Liebe und Freundschaften, beides muss gepflegt werden, und beides zerbricht, wenn man nicht darauf Acht gibt, indem man sie als selbstverständlich empfindet und deswegen nachlässig mit ihnen umgeht.

Auch ich stelle immer wieder fest, dass ich die Dinge justieren muss. Der Mensch erkennt sich in seinen Mitmenschen, in seinen Beziehungen zu ihnen. In Liebesbeziehungen genauso wie in Freundschaften. Das ist eine Wahrheit, die einem viel über sich selbst sagen kann. Wenn man sie zulässt, kann sie ein Ausgangspunkt sein, um Veränderungen vorzunehmen, die unser Leben bereichern. Und auch das Leben derer, mit denen es verknüpft ist. Wenn wir darauf achten, macht es uns beziehungsfähiger – in verwandtschaftlichen Beziehungen, in Freundschaften und in Liebesbeziehungen. Das ist für alle Beteiligten ein Gewinn.

Ihr werdet sehen.

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