Als mein Freund Stephan Anfang zwanzig war, verliebte er sich in eine Frau. Ihr Name war Sarah sie kamen zusammen und hätten sehr glücklich sein können. Eigentlich. Denn Stephan hatte nicht mit Sarahs Mutter gerechnet.

Man muss dazu sagen, dass diese Frau sehr ehrgeizig war, was die Zukunft ihrer Tochter betraf. Sie hatte große Pläne für Sarah. Pläne, in denen Stephan allerdings nicht vorkam, wie er während ihrer Beziehung immer mal wieder in sehr unerwarteten Momenten feststellen durfte. Bei ihren gelegentlichen Besuchen bei Sarahs Eltern zum Beispiel. Während sich Stephan mit ihrem Vater im Wohnzimmer unterhielt, nahm Sarahs Mutter ihre Tochter zur Seite, um ihr Kontaktanzeigen zu zeigen, die sie aus der Frankfurter Allgemeinen Zeitung ausgeschnitten hatte. Kontaktanzeigen von Männern, die in ihren Augen wesentlich besser zu Sarah passten als ihr aktueller Freund. Dass sie mit Stephan zusammen war, schien ihre Mutter irgendwie auszublenden, auch wenn er sich gerade im Nebenraum aufhielt. Sie verstand ihn offenbar als etwas Vorübergehendes. Eine Fußnote in der Biographie ihrer Tochter, mit der man irgendwie umgehen musste, bis dann endlich ein Mann in ihr Leben trat, der ihren Vorstellungen entsprach.

Sarah wies sie entrüstet darauf hin, dass ihr Verhalten eine Frechheit war. Aber ihre Mutter gab nicht auf. Sie änderte nur ihre Taktik. Wenn sie ihre Tochter besuchte, ließ sie heimlich die Kontaktanzeigen aus der FAZ auf Sarahs Schreibtisch liegen, die Sarah dann zufällig fand. Ihre Mutter rief ihr mit jedem dieser Zufälle aus der Ferne zu, dass es noch besser ging. Sarah erzählte Stephan nichts davon, aber es kam hin und wieder vor, dass er eine der Anzeigen fand, die in Sarahs Wohnung herumlagen.

„War für mich immer schön, so als Freund“, fasste er diese ja schon ziemlich demütigende Erfahrung zusammen, als er mir davon erzählte.

Vor allem weil er ja anfangs annahm, Sarah hätte sie selbst ausgeschnitten. Für alle Fälle sozusagen. Als er dann erfuhr, dass es ihre Mutter war, die sich einen angemesseneren Freund für ihre Tochter wünschte, machte es das natürlich auch nicht unbedingt besser.

Erst einige Tage darauf, als ich mit einigem Abstand an Stephans Schilderungen über die Entgleisungen von Sarahs Mutter nachdachte, fiel mir etwas auf. Etwas ziemlich Beunruhigendes sogar: Ich kenne nicht wenige Leute, die der Frau sehr ähnlich sind.

Mit dem Unterschied, dass man heutzutage nicht mehr auf in Zeitungen gedruckte Kontaktanzeigen zurückgreifen muss, weil uns die Technik inzwischen vielfältige Möglichkeiten bietet, die wir nutzen können. Und dem viel wesentlicheren Unterschied, dass sie diese Haltung nicht auf andere anwenden, sondern auf sich selbst.

Nehmen wir zum Beispiel meine Bekannte Sophia, die ihre Suche nach dem privaten Glück kürzlich mit zwei ziemlich aufschlussreichen Sätzen zusammengefasst hat. Zwei Sätze, die ein großes Dilemma unserer Gegenwart gut beschreiben.

Sophia ist Single und trifft sich seit einigen Wochen mit Jan.

„Ich find ihn ja eigentlich gut“, sagte sie, als wir uns Anfang des Monats im Gargarin in Prenzlauer Berg trafen. „Aber ich date mich vorsichtshalber noch mit anderen, um rauszufinden, ob’s nicht noch besser geht.“

„Verstehe“, sagte ich, ein Wort, das ich immer benutze, wenn mich eine Information einen Moment lang überfordert.

Sophia griff nach ihrem Handy, öffnete die vier Dating Apps, die sie nutzt, und zeigte mir ihre Matches. Es waren sechs. Die engere Auswahl. Während ich mir die Fotos ansah, überlegte ich, inwieweit Sophias Strategie dem Konzept der Sendung „Die Bachelorette“ ähnelte. Es gab kaum Unterschiede, abgesehen davon, dass die Männer in dem Format zumindest wussten, dass sie Konkurrenten hatten. Insofern war die Bachelorette in einem Vergleich die menschlichere Version – ein Satz, von dem ich nie gedacht hätte, dass ich ihn aufschreiben könnte, ohne mich übergeben zu müssen.

Ohne ihn zu kennen, tat Jan mir leid, aber dann fiel mir etwas ein. Wenn man das jetzt weiterspann und davon ausging, dass auch Jan eine ähnliche Taktik anwandte, um einen Partner zu finden, genauso wie die anderen sechs Männer aus Sophias engerer Wahl, verstehe ich auch, dass es noch nie so leicht war wie heute, ein Date zu finden, und noch nie so schwer, mit jemandem zusammen zu kommen.

Also ich weiß nicht. Vielleicht liegt es ja an mir, aber wenn ich an einer Frau interessiert bin, interessieren mich andere Frauen einfach nicht mehr. Offenbar passe ich damit nicht mehr in die Zeit, in der wir uns im Zustand des Vergleichens eingerichtet haben. Wir sind so überfordert mit den unzähligen Auswahlmöglichkeiten, dass viele verlernt haben, sich für eine Person zu entscheiden.

Obwohl es eigentlich ganz einfach ist: Die Entscheidung fällt leicht, wenn man sich verliebt. Aber soweit scheint es selten zu kommen. Die meisten halten sich im Unverbindlichen. Aber Verbindlichkeit entsteht erst, wenn man Gefühle zulässt. Da stellt sich natürlich die Frage, wie viele tatsächlich Gefühle zulassen. In einer Gefühlsarmut, die man als vermeintliche Sicherheit empfindet.

Wenn man es genau betrachtet, ist da etwas Beunruhigendes passiert: Wir haben die Funktionsweise einer Dating-App in die Wirklichkeit übersetzt. Wir haben uns an sie angepasst, obwohl man sie ja eigentlich so entwickelt haben sollte, dass sie sich an den Menschen anpasst.

Das erklärt auch die aktuelle Plakatkampagne von Tinder, deren Kernaussage unter dem Hashtag #singlenotsorry zusammengefasst und die deren Regional Director Europe sehr aufschlussreich in einem Interview kommentiert hat.

„Junge Singles verwenden Tinder heute als Teil ihres individuellen Lebensstils“, sagt er. „Unsere Motive sind ganz darauf ausgerichtet, das Singleleben junger Menschen von heute zu feiern.“

Das kann man natürlich so interpretieren, dass man es nicht als Makel empfinde, Single zu sein. Aber darum geht es nicht. Im Kern geht es darum, dass es gar nicht das Ziel ist, überhaupt in eine Beziehung zu kommen. Das klingt schlüssig, denn die betriebswirtschaftliche Idee einer Dating App ist es ja, Geld zu verdienen. Die Zielgruppe sind Singles, und eine Beziehung würde den Kunden entfernen. Also ist das eigentliche Ziel, den Kunden zu halten.

Vorletzte Woche traf ich meine Bekannte Judith zufällig auf der Kastanienallee. Weil wir uns nur selten sehen, beschlossen wir, zusammen einen Kaffee trinken zu gehen. Die letzte Neuigkeit, die ich aus ihrem Leben gehört hatte, hat mir im März ein gemeinsamer Bekannter erzählt: Sie war nach einer längeren Single-Phase seit Anfang des Jahres in einer Beziehung. Ich freute mich aufrichtig, als ich davon erfuhr. Bevor ich sie darauf ansprechen konnte, erzählte Judith jedoch, dass sie auf OkCupid einen Kollegen entdeckt hatte, der verheiratet und erst vor einem knappen Jahr Vater geworden ist.

„Und er hat mich auch noch gelikt“, sagte sie verzweifelt. „Ich weiß jetzt gar nicht, wie ich mich verhalten soll. Ich seh ihn ja praktisch jeden Tag.“

„Scheiße“, sagte ich, und dann nach kurzem Zögern, „Aber er weiß ja nicht, dass du weißt, dass er dich gelikt hat.“

„Stimmt“, sagte sie erleichtert. „Daran hatte ich gar nicht gedacht.“

Ich trank einen Schluck von meinem Milchkaffee. Als ich die Tasse absetzte, dachte ich allerdings: Moment! Judith war doch ebenfalls in einer Beziehung. Und wenn sie sehen konnte, dass ihr der Mann ein Like geschickt hatte, nutzte sie ja offenbar die Bezahlt-Version der App. Judith war offensichtlich eine OkCupid-Power-Userin. Vermutlich war ich nicht auf dem neuesten Stand.

„Du bist also wieder Single?“, fragte ich, naiv, wie ich war.

„Nö“, sagte sie. „Ich bin nur noch auf OkCupid.“

„Verstehe“, sagte ich und musste unwillkürlich an Sophia denken. Es gab eine Gemeinsamkeit, Judith beewegte sich nur allerdings schon auf der nächsten Stufe.

Es gibt ja die schöne Frage: „Sind Ihnen Menschen, die Sie an sich selbst erinnern, eher sympathisch oder eher unsympathisch?“ In gewisser Weise spiegelte Judith ja ihren Kollegen, aber aus irgendeinem Grund fiel es ihr nicht auf.

Und die beiden sind keine Ausnahmen. Ich kenne nicht wenige Paare, die ihre Tinder- und Lovoo- oder OKCupid-Profile nicht deaktivieren, obwohl sie in einer Beziehung sind. In solchen Momenten beginne ich mir Grundsatzfragen zu stellen. Ich frage mich, warum man noch Dating-Portale nutzt, wenn man mit jemandem zusammen ist.

Es kann natürlich das angenehme Gefühl von Selbstbestätigung sein, das man mit jedem Match empfindet. Vielleicht ist es auch eine Gewohnheit, die aus der Zeit als Single überlebt hat. Oder es geht darum, seinen Partner vorsätzlich zu betrügen. Oder das Gefühl, dass andere einem etwas geben, was einem der Partner nicht gibt – ein Umstand, aus dem übrigens auch die meisten Affären entstehen. In allen Fällen ist es ein Spiel mit den Optionen. Aber es ist ja nun mal so: Wenn man sich Optionen offen hält, versteht man seinen Partner ja ebenfalls als Option.

Mit anderen Worten: Es gibt gerade keinen Besseren. Man ist mit einer Zwischenlösung zusammen, etwas Vorübergehenden, auf dem Weg zum perfekten Partner. Man fühlt sich noch nicht in einer Beziehung angekommen. Ob man es sich eingesteht oder nicht: ein Teil in einem ist noch Single, und man genießt es, diesen Teil auszuleben. Trotz der Beziehung ist man immer noch auf der Suche. Es ist die uneingestandene Überzeugung, dass es noch besser geht. Obwohl man sich doch so danach gesehnt hat, ist man in der Beziehung Single geblieben. Und sich so etwas einzugestehen, fällt nicht unbedingt leicht.

Offensichtlich haben sich viele in der ewigen Suche nach dem perfekten Partner verfangen. Es ist allerdings ein falsches Verständnis von Perfektion, nach dem wir uns sehnen. Das große Missverständnis ist ja, Perfektion mit einer Person zu assoziieren. Mit Äußerlichkeiten, Oberflächen wie Attraktivität, Arbeit, Status. Wie ja auch auf Dating-Apps, auf denen man anhand eines Fotos daraus schließt, ob die Person gut zu einem passt oder nicht. Das Foto wird zur Projektionsfläche unserer Sehnsüchte, die natürlich viel mehr mit uns zu tun haben als mit der Person, die auf dem Bild zu sehen ist. In unserer Sehnsuchtswelt gibt es nur perfekte Personen. Weil sie eine idealisierte Welt ist.

Wir wissen natürlich, dass es den perfekten Partner nicht gibt. Aber viele scheinen das nicht verinnerlicht zu haben. Es ist eine passive Haltung von Menschen, in der man davon ausgeht, dass einem die Liebe einfach zufällt. Dass man nichts dafür tun muss. Aber die Perfektion, um die es eigentlich geht, entsteht aus dem Verhalten zueinander. Es geht darum, was man daraus macht. Perfektion ist ein Prozess. Sie beweist sich in der Zeit. Wie man sich gemeinsam entwickelt. Was man einander gibt.

Das ist der Schlüssel, der alles ändern kann. Er liegt in uns. Wir müssen ihn nur anwenden.

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