Vom unreflektierten Zwang, unseren Leben zu dokumentieren

Dieser Text ist eine Leseprobe aus “Vom Sinn unseres Lebens” – dem neuen Buch von Michael Nast. Ab sofort überall erhältlich!

Ich genieße es sehr, hin und wieder in meine Vergangenheit einzutauchen. Ich besitze einen Karton, in dem ich die Fotos aufbewahre, die sich über die Jahre meines Lebens angesammelt haben. Die Bilder sind nicht sortiert, die Zeiten liegen ungeordnet und vermischen sich. Darum ist das Betrachten der Bilder immer von Zufällen bestimmt. Manchmal fällt mir ein Bild in die Hand, das eine schon lange verblasste Erinnerung heraufholt. Ich betrachte es und frage mich dann, ob ich überhaupt noch einmal daran gedacht hätte, wäre mir nicht genau dieses Foto in die Hände gefallen. Die Fotos sind Verbindungen zu meiner Vergangenheit, ein Auslöser, sich die damaligen Momente noch einmal zu vergegenwärtigen. Sie sind Anhaltspunkte, um meine Erinnerungen zu bewahren.

Aber mit Erinnerungen ist es ja so eine Sache. In dem Film Lost Highway verneint Bill Pullman die Frage, ob er eine Videokamera besitzt, mit einem wunderbaren, fast schon poetischen Argument. Er sagt: „Ich erinnere mich an die Dinge lieber auf meine Art.“ Das ist ein schöner Satz, der mich auf eine seltsame Weise berührt. Ich glaube, ich verstehe, was er meint.

Als die Mauer fiel, war eine der ersten Anschaffungen meiner Eltern eine Videokamera. Seit 1990 wurde jedes Weihnachtsfest, jeder Geburtstag, jede Reise aufgenommen. Wenn sich ein Unbeteiligter diese Filme ansehen würde, müsste er wohl annehmen, meine Mutter wäre alleinerziehend gewesen. Mein Vater ist kaum zu sehen, weil er immer hinter der Kamera war.

Ich schaue lieber die Fotos als die Filme an. Ein Foto, dieser Sekundenbruchteil eines Lebens, gibt einem noch Spielraum für die damit verbundenen Erinnerungen, die diesen kurzen Ausschnitt umgeben. Aber ein Film nimmt einem die Erinnerungen ab. Er tötet gewissermaßen die Fantasie.

Inzwischen sind die technischen Möglichkeiten so enorm, dass ich den Eindruck habe, die Dinge hätten sich verselbständigt. Der Zwang vieler, alles zu dokumentieren, was ihnen so passiert, um es dann einer Öffentlichkeit zugänglich zu machen, hat ein irres Ausmaß angenommen. Als wären immer mehr Menschen danach süchtig, zu zeigen, wie aufregend das eigene Leben ist. Als würden wir uns in einem anhaltenden Wettbewerb der Darstellung unseres Glücks befinden. Man könnte sich jetzt natürlich fragen, warum man ständig anderen und vor allem sich selbst beweisen will, wie gut es einem geht. Wenn man wirklich glücklich ist, muss man es ja eigentlich nicht beweisen.

Ich finde auch, dass es Momente gibt, die lieber in der Unschärfe bleiben sollten, um sich selbst die Chance zu geben, sie zu verklären. Aber die Technik hat offenbar die Kontrolle übernommen. Die Überlegungen der meisten kreisen eher darum, mit welchen technischen Mitteln man den Moment am besten aufnimmt. Sie schieben sich gnadenlos über die Erwägungen, ob er generell für die Nachwelt festgehalten werden sollte.

So ein unreflektierter Dokumentationszwang kann schnell mal in die unfreiwillige Komik von Realsatire abdriften. Meistens fällt mir das natürlich in Situationen auf, die ich mit einem gewissen Abstand betrachten kann, weil sie mich nicht direkt betreffen. Wie zum Beispiel die Unterhaltung, an der ich vor einigen Wochen teilgenommen habe, mit lauter Vätern und einem werdenden Vater. Ich hatte also als kinderloser Single einen Logenplatz mit Blick auf die Befindlichkeiten innerhalb einer Gedankenwelt, die ich so noch nicht kannte.

Hannes war der werdende Vater, der von den anderen beraten wurde. Es ging unter anderem darum, wie man seinen Hund an das Neugeborene gewöhnt, und zwar indem man eine vollgekackte Windel aus dem Krankenhaus mit nach Hause bringt, um das neue Familienmitglied sozusagen schon mal olfaktorisch einzuführen.

„Aber“, rief Jakob plötzlich und warf Hannes einen bedeutungsschwangeren Blick zu, bevor er eindringlich hinzufügte: „Der größte Fehler, den wir gemacht haben, war es, bei der Geburt nicht genug gefilmt zu haben.“

Wie bitte?, dachte ich, zögerte aber, bevor ich lachte, weil alle wissend nickten. Jakob hatte offenbar eine Wahrheit angesprochen, von der nicht wenig abhing.

„Aber dann nur ganz ästhetisch von oben?“, fragte ich. Meine Freunde sahen mich an, mit Blicken, die mich spüren ließen, dass ich der Außenseiter war, der hier keinesfalls mitreden konnte.

Dann fiel mir ein, dass es ja als erwiesen gilt, dass Männer die Strapazen einer Geburt nicht einmal überleben würden. Es ist gewissermaßen eine Nahtoderfahrung, die da dokumentiert wird. Man will aber doch auch attraktiv aussehen, wenn man gefilmt wird. Ich kenne nicht wenige Frauen, die mir, wenn ich ihnen ein Kompliment machte, in bedeutungsvollem Ton gesagt haben: „Du hast mich noch nie ungeschminkt gesehen.“

„Man bräuchte jemanden, der das Make-up macht“, sagte ich also mit einem Lächeln, „und es auch überprüft.“ Es sollte scherzhaft klingen, aber darüber waren meine Freunde offenbar hinaus.

„Eine Stylistin hatten wir nicht“, sagte Jakob mit einem Unterton, der erzählte, dass das der zweitgrößte Fehler war. „Aber zwei Kameraeinstellungen.“

„Verstehe“, sagte ich betroffen.

„Die Wahl der Kameraeinstellungen ist ganz wichtig“, erläuterte er entschieden. „Und noch wichtiger ist: Wie weit will man gehen, wenn es um die Nahaufnahmen geht?“

Scheiße, dachte ich.

Ich meine, es ist natürlich schön, Erinnerungen zu haben. Aber warum um Gottes Willen sollte man Geburten dokumentieren? Und das auch noch in HD.

Mir fällt auch nicht ein, zu welchen Anlässen man sich solche Filme ansehen würde. Beim Kaffee mit Freunden sicherlich nicht. Ich kann mir gut vorstellen, dass es appetitmindernd wäre. Ich frage mich auch, ob man das als Kind sehen möchte – seine eigene Geburt – oder ob es einen eher verstört.

Meine Geburt wurde nicht gefilmt. Ich frage mich allerdings, was es mit meiner Psyche angerichtet hätte, wenn ich bei jedem Besuch, den wir bekamen, das spektakuläre Video meiner Geburt hätte ertragen müssen. Ich hätte es vermutlich nicht besonders gut verkraftet. Für ein Trauma wäre das ausreichend gewesen.

Bedauerlich wird es allerdings auch, wenn das Dokumentieren die schönen Momente ersetzt. Mein Silvester vor einigen Jahren ist dafür ein sehr gutes Beispiel. Wenn man auf dem Dach meines Hauses steht, hat man eine großartige Aussicht. Man blickt in die Allee wie in eine Schlucht. In dieser Silvesternacht war auch mein Freund David zu Gast, der hier oben zum ersten Mal mit seiner damaligen Freundin feierte. Als das neue Jahr begann, umarmten sie sich allerdings nicht, wie man das ja eigentlich so macht – weil sie bei einem großen deutschen Nachrichtenmagazin arbeitet. Der Ausblick über das nächtliche Berlin mit dem Feuerwerk, das unter uns stattfand, war so überwältigend, dass sie es für den Instagram-Kanal des Magazins aufzeichnete. Sie verbrachte die ersten Minuten des Jahres praktisch mit ihrem Handy, dem wichtigsten Bestandteil ihres Lebens. Ihr Smartphone beherrscht alles, vielleicht liegt es ja daran, dass die beiden nicht mehr zusammen sind. Als sie es dann gepostet hatte, war David endlich dran. Er war ein bisschen enttäuscht, weil er sich eigentlich gewünscht hatte, sie um Mitternacht zu umarmen, als Symbol ihrer gerade erblühenden Beziehung, sozusagen, und das sagte er ihr auch.

Was soll ich sagen, die Aufrufe des Videos waren enorm, Davids Ex-Freundin überprüfte die Zugriffszahlen in Minutenabständen auf ihrem Smartphone, mit einem Blick, der auch erzählte, dass sie alles richtig gemacht hatte. Zumindest hatte sie den Lesern ihres Magazins das Gefühl vermittelt, an einem idealen Moment teilgenommen zu haben.

„Du musst aufhören in Idealzuständen zu denken“, rief sie und umarmte ihn, bevor sie sich küssten.

Vielleicht geht es ja nur noch darum. Inzwischen.

Dieser Text ist eine Leseprobe aus “Vom Sinn unseres Lebens” – dem neuen Buch von Michael Nast. Ab sofort überall erhältlich!