Über das ideale Alter zum Kinderkriegen in zwei Gesellschaftsordnungen
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Es gibt Sätze, die den Zustand einer Gesellschaft besser beschreiben als jede großangelegte Gesellschaftsanalyse, obwohl es in ihnen scheinbar um etwas vollkommen anderes geht. Einen dieser Sätze hat kürzlich meine Mutter fallen lassen, als ich sie besuchte.

„In der DDR war es so“, sagte sie: „Mit 20 hat man geheiratet und mit 30 hat man sich verliebt.“

Ein Satz, der härter klingt, als meine Mutter ihn meinte. Man muss dazu die Hintergründe kennen. Meine Mutter sprach eigentlich gar nicht über die Liebe, sie sprach über den Wohnungsmarkt der DDR. Oder besser gesagt über den Wohnungsmangel. In der DDR gab es keinen freien Wohnungsmarkt. Wohnungen bekam man ausschließlich auf Zuteilung. Und man ahnt schon, was das in einem Land, in dem man 17 Jahre auf ein Auto warten musste, bedeutete.

Aber es gab Möglichkeiten, seine Chancen zu erhöhen. Man konnte zur Staatssicherheit gehen. Oder eine Karriere in der SED machen. Damit rutschte man auf der Liste ganz nach oben. Oder man studierte die Todesanzeigen der Tageszeitungen, um dann im Telefonbuch nach der Adresse zu suchen und so rauszufinden, welche Wohnungen gerade frei geworden waren. Aber es gab auch andere, sagen wir mal, pietätvollere Wege. Wenn man die Regeln kannte, konnte man das System der Zuteilung nutzen. In einer Mangelwirtschaft ist Zweckentfremdung oft das Mittel. In gewisser Weise griff dieser Mechanismus auch hier.

In der DDR war es ja so: Erst wenn man verheiratet war, hatte man Anrecht auf eine Wohnung. Wenn man ein Kind hatte, stand einem eine größere zu und bei einem zweiten Kind eine noch größere. Die Geburt eines dritten Kindes brachte keinen weiteren Vorteil, die Wohnsituation zu optimieren, darum hatten die meisten Paare damals auch nur zwei Kinder.

Also heiratete man damals sehr früh. Man wollte bei den Eltern raus. Man gründete gewissermaßen eine Bedarfsgemeinschaft, in der auch Kinder vorkamen. Es ging darum, sich erst einmal ein wirtschaftliches Fundament im Leben zu schaffen, bevor man sich mit dem Ideellen beschäftigte. Wenn man sich trennte, besaß man zumindest schon mal eine größere Wohnung, die man über einen Ringtausch privat gegen zwei kleinere tauschen konnte. Man hatte das Wohnungsmangelproblem umgangen. Somit erklärt auch der Wohnungsmarkt der DDR die hohe Scheidungsrate damals. Neben der wirtschaftlichen Unabhängigkeit der Frauen natürlich.

Dieser Pragmatismus klingt gerade heutzutage seltsam, wo die Erwartungen an die Liebe oder zumindest an Beziehungen zu einem grundsätzlichen Problem geworden sind. Die Ansprüche gerade vieler jüngerer Menschen sind so hoch und die Angst, sich jemandem zu öffnen, ist so groß, dass viele lieber gar keine Beziehung eingehen, um Verletzungen zu vermeiden. Ein Zustand, der so viele Singles produziert wie nie zuvor – und der dafür sorgt, dass Eltern trotz des aktuellen Babybooms immer älter werden.

Als mein Neffe im April 1989 im Krankenhaus „Maria Heimsuchung“ in Berlin Pankow geboren wurde, war meine Schwägerin 23. Ein Alter offenbar, auf das man sich als Krankenschwester in einem DDR-Krankenhaus erst einmal einstellen musste. Meine Schwägerin konnte sich vor irritierten Blicken nicht retten. Auf der Station war sie eine Exotin, mit 23 galt man damals als Spätgebärende.

Aber diese Auffassung sollte bald abgelöst werden. Schon im Jahr nach der Wende wurden in der ehemaligen DDR um zwei Drittel weniger Kinder geboren als im Jahr zuvor. So kann man einen Systemwechsel auch beschreiben.

Wenn man so will, geht es mir heutzutage wie den Krankenschwestern 1989 in Pankow – nur umgekehrt. Wenn eine Frau mit Anfang 20 Mutter wird, lege ich sie schon rein intuitiv sozial fest und stecke sie in die „bildungsfernes Milieu“-Schublade. Das spricht nicht für mich, ich weiß. Ich sollte nicht in Klischees denken, sie sind Pauschalisierungen und Pauschalisierungen sind meistens Lügen. Aber irgendwoher müssen die Klischees ja nun mal kommen.

Als meine Eltern 1990 zum ersten Mal Freiburg besuchten, waren sie begeistert davon, wie stark der Familienzusammenhalt in dieser Gegend des Landes offensichtlich war. Die Spielplätze waren mit Kindern bevölkert, die ausschließlich in Begleitung ihrer Großeltern waren. Meine Eltern waren beeindruckt – naiv wie sie waren. Irgendwann begriffen sie jedoch, dass das nicht die Großeltern waren, die sich so liebevoll um die Kinder kümmerten – es waren die Eltern.

Meine Mutter ist mit 43 Oma geworden, ich bin im gleichen Alter und habe noch nicht einmal ein Kind – soweit ich weiß zumindest.

Es gibt Erhebungen, in denen festgestellt wurde, dass sich der Deutsche heutzutage durchschnittlich 8,3 Jahre jünger fühlt, als er ist. 30 ist das neue 20. Das ist einer dieser Sätze, die den Zustand unserer Gesellschaft sehr gut beschreiben. Er gibt einem das Gefühl, noch Zeit zu haben. Man kann sich der Karriere widmen. Wenn Firmen wie Apple oder Google ihren weiblichen Mitarbeitern anbieten, ihre Eizellen einzufrieren, damit sie mit ihren Mittzwanziger-Eizellen eine spätere Risikoschwangerschaft umgehen können, läuft irgendetwas falsch. Es skizziert eine Gesellschaft, die praktisch gegen die Natur arbeitet. Kaum etwas zeigt so deutlich, wie sehr heute die Wirtschaft im Mittelpunkt steht – und nicht der Mensch.

Wenn ich darüber nachdenke, ist es schon grotesk. Man wurde früher in der DDR aus ähnlichen Gründen jung Eltern, aus denen man heute spät Kinder bekommt. Nämlich aus ökonomischen Erwägungen. In der DDR war eine Familie die Voraussetzung, sich ein Leben aufzubauen, heute ist sie das Ergebnis. Die Dinge haben sich eigentlich nur umgekehrt.

Die Immobilien-Ermöglichungs-Strategien der DDR-Mangelwirtschaft klingen heute natürlich wie Realsatire, und das waren sie ja auch. Aber wenn ich es genau betrachte, geht es mir mit den gegenwärtigen Zuständen ähnlich, die meisten von uns stellen sie nur nicht infrage, weil sie sich daran gewöhnt haben. Aber wenn man sich an etwas gewöhnt hat, muss es noch lange nicht richtig sein.

Die Idee junger Eltern scheint mir nämlich einfach richtig. Sowohl biologisch als auch menschlich. Als meine Schwester 1986 zwanzig Jahre alt war, bekam sie ihre Tochter Sophie. Die beiden haben das beste Mutter-Tochter-Verhältnis, das ich kenne. Wenn ich sehe, wie sie miteinander umgehen, wirken sie nicht wie Mutter und Tochter, sie wirken wie beste Freundinnen, was sicherlich auch an ihrem verhältnismäßig geringen Altersunterschied liegt. Ihre Generationen liegen so nah beieinander, dass sie sich noch überlappen. Sie haben noch Zugang und Verständnis zu den Problemen des anderen. Wenn meine Kinder 20 sind, wäre ich über 60. Aber vielleicht gilt dann ja auch schon die Redewendung: „60 ist das neue 30.“ Auch weil man irgendwie keine Wahl hat.

Es gibt eine ziemlich bekannte Redewendung, die nicht wenige Ostdeutsche über die DDR im Munde führen: „War ja nich allet schlecht“, zieht sich durch die letzten 30 Jahre. Sie ist inzwischen so häufig verwendet worden, dass sie wie eine trotzige Floskel klingt. Oft wird sie auf die sozialen Errungenschaften damals angewandt, zum Beispiel wenn man über die familienverträgliche Politik der DDR spricht, wo sich im Unterschied zu den Zuständen in unserer Gegenwart Kinder und Karriere gut vereinbaren ließen. Das ist schon richtig. Mütter bekamen nach der Geburt bis zu ein Jahr lang Geld vom Staat. Ab dem ersten Lebensjahr stand jedem Kind ein Betreuungsplatz zu. War das Kind krank, wurde eine Mutter umgehend von der Arbeit freigestellt. Und Alleinstehende standen unter besonderem Kündigungsschutz. Zustände, nach denen sich heute viele sehnen.

„Natürlich war nicht alles schlecht“, sagte meine Mutter, als ich sie darauf ansprach. „Aber viele verdrängen irgendwie, dass eben auch nicht alles gut war.“

Auch hier sollte man die Hintergründe kennen. Der tiefere Sinn hinter der Familienpolitik der DDR ist nämlich interessant. Zum einen war man auf die Arbeitskraft der Frauen angewiesen, zum anderen wollte man die Kinder auch ihren Eltern entziehen. Der Staat wollte die Erziehung übernehmen, die Kinder so früh wie möglich auf Parteilinie bringen und zu sozialistischen Bürgern erziehen. Es ging um Kontrolle und Manipulation, die auch heute noch meine Ansichten färben, wie ich hin und wieder feststellen muss. Letztlich kann man es wohl so formulieren: Die Ansätze in der DDR waren richtig, nur der Zweck war der Falsche. Ein guter Ausgangspunkt sind die Ideen trotzdem.

Wir leben in einem der reichsten Länder der Erde, das mittelfristig ein akutes Überalterungsproblem haben wird. Unter solchen Voraussetzungen wäre es ja schon klug, die Dinge neu zu justieren. Umstände zu schaffen, in der eine Geburt nicht mit dem Ende der Karriere einer Frau gleichzusetzen ist. Und wenn ich so beobachte, wie viele Beziehungen nicht halten, wäre es sicherlich auch eine nützliche Idee, alleinerziehenden Müttern, von denen es ja immer mehr gibt, einen finanziellen Rahmen zu schaffen, der ihr Leben erleichtert. Vor allem Frauen erfahren eine gesellschaftliche Abstufung, wenn sie Mütter werden. Die meisten arbeiten nach der Geburt in Teilzeit und Arbeit in Teilzeit ist in unserem Land ein Karrierekiller.

In der Politik wird viel darüber geredet, dass in unserem Land mehr Kinder geboren werden müssen. Die Zahl der Geburten gilt als wichtiger Spiegel des gesellschaftlichen Zustandes. Ich glaube, dass wir ein Bevölkerungsbewusstsein brauchen, in dem Sinne, wie wir zum Beispiel auch ein Bewusstsein für die Umwelt haben sollten. Wir müssen uns des Wertes bewusst werden, den jedes Neugeborene für die Allgemeinheit haben kann – genauso wie wir uns bewusst werden müssen, wie wichtig es ist, dass Eltern ein gesundes Verhältnis zu ihren Kindern aufbauen können. Wer Kinder hat, bestimmt sozusagen die Zukunft unseres Landes. Das ist ein Prinzip, nach dem die Politik handeln sollte, um zu zeigen, dass sie für die Menschen arbeitet und nicht für die Wirtschaft.

Politik sollte eine Infrastruktur schaffen, in der die Persönlichkeiten von Kindern gut gedeihen können, wie verschieden sie auch sind. Durch Betreuung, Bildung, Talentförderung und gleiche Chancen für alle. Das klingt jetzt alles wie das Voiceover eines Werbespots der DDR-Familienpolitik. Aber wie gesagt, der generelle Ansatz war schon richtig, nur der Zweck war der falsche. Diesmal könnten Mittel und Zweck miteinander vereinbar sein. In einem guten Sinne. Es geht schließlich um etwas sehr Wichtiges. Daran muss man wohl gerade diejenigen, die in den Vierjahreszyklen oder in Begriffen wie „Wählermarkt“ denken (was übrigens den Zustand der politischen Kultur unseres Landes ebenfalls besser beschreibt als jede großangelegte Analyse), in regelmäßigen Abständen erinnern: Es geht um unsere gesellschaftliche Zukunft.

Dieser Text ist eine Leseprobe aus “Vom Sinn unseres Lebens” – dem neuen Buch von Michael Nast. Ab sofort überall erhältlich!